I.

_Nieder Rudelsdorf_ bei Görliz in der Ob.-Lausitz,

22. November 1808.

Sekendorff schreibt mir heute aus Wien, daß Sie letzteres kürzlich

verlaßen, und von da nach München abgegangen sind. Wie theilnehmend ich

allen Ihren Schritten folge, wie oft nach Ihnen mich erkundige, was es

für eine Freude ist, wenn ich einmal irgend etwas aus Ihrem Leben höre

-- das wißen Sie noch nicht, dem bisher zu schreiben und meine Liebe

und Verehrung zu äußern, ein Gefühl der Bescheidenheit mich abgehalten

hat. Zwar sind die Geister der Edlen und Guten schon an und durch sich

selbst vereint; aber wie das Wort, die himmlische Liebe auch Fleisch

ward und unter uns wohnte, so sehnt sich auch die treueste Ergebenheit

nach Zeichen und Näherung, nach Genuß der Gegenliebe, und es ward jenem

Weibe so wohl, als sie die Füße des Meisters salben, als sie ihm sagen

durfte: Herr, ich liebe dich. --

Von Sekendorff erfuhr ich, daß Sie einen Almanach herauszugeben

gesonnen sind. Nehmen Sie, was inliegt, freundlich für denselben an.

Da ich von dem Näheren nicht unterrichtet bin, so trug ich Bedenken,

Ihnen etwas aus meinen mehr pindarisch. Poes., &c. zu senden, nicht

wissend, ob es in den Character des Ganzen eingreifen würde. Das war es

auch, und bescheidener Rückhalt, was mich abhält, Ihnen mehr aus meiner

Poesie zu überreichen. Im Fall Sie von ihnen keinen Gebrauch machen,

-- oder in jedem Fall bitte ich um baldige Antwort, und wollen Sie mir

Freude machen, so schreiben Sie mir auch, wo Sie künft. Sommer seyn

werden. Zwar klagen Ihre Freunde über Ihre Saumseligkeit im Antworten,

um desto inniger will ich bitten.

Durch wen Sie diesen Brief erhalten, weiß ich noch nicht. Ich schicke

ihn an den Sächs. Gesandt. in München, da er aber doch vielleicht Ihre

Addreße nicht recht erfahren kann oder auch Sie abgereißt seyn können,

so habe ich zugleich einige Zeilen an Ast beigelegt, dem ich fest

vertraue, daß er Ihnen den Brief zukommen laßen wird. -- Auch nehmen

Sie eins meiner früheren Werke darum von mir an, weil ich darin zu

Ihnen sprach. Die Form ist noch total vernachläßigt. Ihre Urtheile, wie

Ihr Rath werden mich sehr freuen.

Wenn Sie für den Alm., falls er wirklich erscheint, andere Beitr. von

mir &c. wünschen, so werde ich gern alles thun, wie Sie es gern sehen.

Ich hatte nicht Zeit, einem meiner Freunde, den Sie als Florens aus

dem Ast’schen Journal kennen, zu schreiben; vielleicht eignet sich

manche Nelke von ihm für Ihren Garten.

Gott sei mit Ihnen und die heilige Muse! Oft drängt es mich,

niederzuknien im Schein, den Albrecht Dürers und Novalis Glorie wirft,

im alten frommen Dom, dann denk’ ich Ihrer und ich lieg’ an Ihrer

Seele, ich fühle Sie in mir, wie man eine Gottheit fühlt in geweihter

Stunde. „Liebe denkt in sel’gen Tönen, denn Gedanken stehn zu fern.“ --

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 280 / 358 题