_Bonn_, den 10ten September 1838.
Wie sehr habe ich Sie um Verzeihung zu bitten, mein theuerster Freund,
daß ich einen Brief von Ihnen im April geschrieben erst im September
beantworte. Wirklich aber erinnere ich mich keiner Zeit in meinem
Leben, in der ich wie im Verlaufe dieses Sommers so bedrängt war,
daß mir auch zum Briefschreiben nicht ein Stündchen Muße blieb, daß
ich einem Freunde wie Sie ein Lebenszeichen zu geben, den Anfang der
Ferien erwarten mußte. Prinzenprivatissima über Gegenstände, die ich
wenig bearbeitet hatte, und die daher viele Vorbereitung erforderten,
und quälende, Fähigkeit und Stimmung raubende Körperleiden, hatten
über alle meine Zeit so disponirt, daß mir auch zu litterarischen
Arbeiten nichts übrig blieb. Es ist indeß diesmal noch eine dritte
Störung hinzugekommen, deren Grund Sie gewiß nicht errathen würden --
ein Hausbau. Sie sehen aus diesem für mich in mehr als einer Hinsicht
kühn zu nennenden Unternehmen wenigstens, daß es mir bei aller meiner
wahrlich nicht selbst verschuldeter Verstimmung doch noch nicht an
allem Lebensmuth gebricht. Was mich zu dem Ihnen ohne Zweifel seltsam
erscheinenden Entschluß, dessen Bedenklichkeiten und Schattenseiten
ich mir nicht verhehlt habe, hauptsächlich gebracht hat, ist das aus
der großen geistigen Einsamkeit, in der ich hier lebe, entspringende
Gefühl der Nothwendigkeit, es mir innerhalb der Gränzen, auf die ich
angewiesen bin, so bequem und ansprechend zu machen, wie möglich. Bonn
behält indeß auch für den Freundlosen etwas sehr Anziehendes, seine
Natur, und es ist Jedem, der hier leben soll, dringend zu rathen, sich
so viel als möglich in die Mitte derselben zu versetzen. Das sehen
Leute sehr verschiedner Art seit Jahren auch so gut ein, daß wenn es
so fortgeht, nach einiger Zeit die Stadt selbst fast ganz dem Gewerbe
überlassen seyn wird. Vor dem Coblenzer Thore sind die Bauplätze
außerordentlich hoch im Preise und fast gar nicht mehr zu haben, auch
ist es dort schon zu geräuschvoll geworden. Ich habe mir daher ein
Plätzchen an der Poppelsdorfer Allee ganz nah am Thore mit der Aussicht
auf das Siebengebirge ausgesucht, dicht neben einem Hause, welches
Walter vor einem Jahre gekauft hat und bewohnt, und bin mit meinem Bau
so weit vorgeschritten, daß ich vor der Mitte des nächsten Monats unter
Dach zu seyn hoffe.
Dieses, Erschöpfung der Kasse und die Nothwendigkeit, die Ferien
nach einem unthätigen Sommer einigermaßen für die Production zu
benutzen, haben mich gezwungen, alle Pläne zu Herbstreisen für diesmal
aufzugeben. Auch Sie werde ich daher nicht sehen, obschon es mich keine
geringe Überwindung gekostet hat, Ihrer freundlichen Einladung nicht zu
folgen.
Die fehlenden 7 Bände Weltgeschichte werden Sie nächstens erhalten, ich
warte nur noch auf den letzten, der noch nicht eingegangen ist. Meinen
besten Dank für den Moncada (ich weiß nicht, wie mir Mendoza in die
Feder gekommen ist) sowie für die 3 göthischen Bände. Den 3ten, der
dazwischen fehlte, habe ich seitdem auf einer Auction als einzelnen
Band erhalten, und somit nun diese Himburgschen Bände vollständig,
die man so lange nicht wird entbehren können, bis endlich ein mal
Göthen das Recht wird wiederfahren seyn, welches man so manchem
gegen ihn ganz unbedeutenden Autor schon gewährt hat, Arbeiten, die
in mehrfacher Gestalt schon vorhanden sind, zugleich auch in der
frühern wieder abzudrucken. Wie merkwürdig sind doch diese früheren
Gestalten, besonders Erwin und Elmire! Vergleicht man beide, wird man
so recht inne, wie die Vornehmheit, das falsche Ideal, Göthe in seiner
zweiten Periode zuweilen ganz von seinem wahren und natürlichen Boden
verdrängt hat. Welche einfache Kraft, welche Naturstärke ist in der
freilich gar zu leicht und fast roh skizzirten Scene zwischen Elmire
und der Mutter! Das durfte nicht bleiben, es mußte das Ganze zu einer
iphigenisirenden Idylle werden. Aber wer bekümmert sich in unsern Tagen
um die Geschichte eines Dichters und um die Stufen seiner Entwickelung,
selbst wenn sie als ein Spiegel der Nationalentwicklung überaus
lehrreich sind! Diejenigen, die sich für die Feinen halten, construiren
ihn philosophisch, und sind dann in ihrer Dummheit überglücklich, wenn
sie statt der Juno die trübe Wolke ihrer eignen dunstigen und wässrigen
Abstractionen umarmen. Ach unsre Litteratur, unsre Litteratur! Ich
sehe mich vergebens nach einem ähnlichen Zustande um. Da ist mir, der
ich sonst dergleichen weder sehe noch lese, zufällig ein Buch in die
Hände gefallen -- -- -- -- Unser Freund Raumer pflegt zu sagen: solches
Zeug vergeht schnell, das Gute bleibt. Aber das ist es ja nicht, daß
unverständige und schlechte Bücher geschrieben werden. Allerdings ist
das überall geschehen, wo die Litteratur einige Ausbreitung gewonnen
hatte. Aber daß solche Urtheile, die eben so viele Gemeinheit der
Gesinnung oder gradezu Niederträchtigkeit verrathen, als Plattheit und
Unwissenheit, höchstens für etwas excentrisch, aber doch zugleich für
geistreich, angenehm und witzig gelten; daß alle diese Buben selbst von
Leuten, denen ihr religiöser und politischer Aberwitz sonst zuwider
ist, als eine Art von Salz unserer Litteratur angesehen werden -- daß
die Meisten sie ansehen, wie etwa die Altgesinnten die Schlegelsche
Schule vor vierzig Jahren, ein bischen quer und wild, aber doch
ausbündig genial -- das ist das Heillose, woran ich ohne Zorn nicht
denken kann. Ihr Balzac -- ich habe die empfohlnen Romane nun gelesen,
aber -- verzeihen Sie mir, und verzeihe mir besonders Agnes -- er ist
auch Einer von denen, die ein hübsches Talent von Grund aus verderben,
weil ihnen das Schöne und das über Natur und Wahrheit hinausgehende
leider identisch sind. -- Wann erquicke ich mich dagegen -- um all das
Zeug zu vergessen -- wieder einmal an einem neuen Werke von Ihnen?
Sind die beiden Novellen, die Sie mir vor einem Jahre vorlasen, jetzt
abgedruckt? ich habe die diesmaligen Taschenbücher noch nicht gelesen.
Leben Sie wohl, grüßen Sie die Gräfin und Ihre Töchter herzlichst,
lassen Sie bald von sich hören, und behalten Sie lieb Ihren treuesten
_Loebell_.