_Bonn_, den 18ten October 1837.
Zürnen Sie mir nicht, mein bester, theuerster Freund, wenn ich Ihnen
erst heute Nachricht von mir gebe, und Ihnen nochmals meinen Dank für
alle mir erwiesene Liebe, den ich mehr zu empfinden als mit Worten
auszudrücken weiß, abstatte. Theils der Wunsch, Ihnen etwas Gewisses
über den Bestimmungsort unserer Kranken, über den wir erst seit einigen
Tagen ganz ins Klare gekommen sind, zu sagen, theils körperliche
Plagen, mit denen ich schon einige Tage nach meiner Heimkehr wieder
heimgesucht wurde, sind der Grund der mir selbst sehr unangenehmen
Verzögerung.
Meine Rückreise hat mir im Ganzen einen großen, Mühe und Aufenthalt
mehr als lohnenden, Genuß gewährt. Welch eine Stadt ist dieses
Nürnberg, welch ein Genuß, nur durch die Straßen zu gehen, und
die reizende, wunderbare Mannigfaltigkeit der zierlichen Häuser
zu betrachten! Der Eindruck ist unauslöschlich für das Leben, der
Erweiterung kunstgeschichtlicher Anschauungen ganz zu geschweigen. In
letzterer Hinsicht war mir auch Bamberg sehr merkwürdig, die Thürme
seiner Kathedrale lassen einen merkwürdigen Blick in die Bildung,
vielleicht in die Denk- und Anschauungsweise der salischen Zeit thun.
Ist nicht diese Architectur eine in sich geschlossnere, mehr bei
einem bestimmten Ziele angelangte als die gothische in ihrer vollen
Entwickelung? Und entspricht diesem nicht der ganze politische und
sociale Zustand unter den ersten Saliern, wo das ganze Mittelalter
einem freilich beschränktern Schlußpuncte, als die berauschenden
Blüthen der beiden folgenden Jahrhunderte verhießen, nahe schien,
während aus den gewaltsamen Kämpfen derselben gar keiner hervorging?
Würzburg habe ich nicht gesehen, sondern bin bloß in der Nacht
durchgeeilt, und in Pommersfelden hatte ich, dem immer besondere
Fehlschläge aufgespart sind, ein eignes Mißgeschick. Einen ganzen Tag
hatte ich für diese Fahrt auf fast halsbrechenden Wegen bestimmt,
und einen besondern Wagen dazu genommen. Da war der alte zufällig
anwesende Graf einige Tage vorher schwer erkrankt, und jeder Zutritt
zur Bildergallerie versagt.
Als ich am 1t. d. M., am elften Tage, nachdem ich Ihr gastliches Haus
verlassen, wieder zu dem meinigen gelangte, fand ich einen Gast, eine
in Wesel wohnende Jugendfreundin meiner Frau, bereit Louisen nach
Hières zu begleiten. Indeß hatten sich aber gegen die ganze Reise wegen
der sich im südlichen Frankreich ausbreitenden Cholera Zweifel erhoben,
und da der Zustand der Leidenden sich zugleich etwas gebessert hatte,
und bei weitem nicht mehr die Besorgnisse einflößte wie früher, wurde
nach langem Berathen und Schwanken beschlossen, sie zwar in jedem Falle
das hiesige für Brustleidende perfide Clima für diesen Winter mit
einem zusagendern vertauschen zu lassen, dazu aber nicht die fernen
Ufer der Provence sondern einen möglichst nahen Aufenthaltsort zu
bestimmen. Dazu wurde nach dem Rathe mehrerer Erfahrner Wiesbaden als
der passendste Ort ausersehen. Dahin wird sie morgen abgehen, und gebe
der Himmel seinen Segen!
Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich die Kataloge des von
Fürth nach Nürnberg übergesiedelten Antiquar Herdegen auch in Rücksicht
auf Ihre Bedürfnisse und Neigungen durchgesehen, aber nichts entdeckt
habe, was Sie interessiren könnte. -- Die 7 ersten Bände der neuesten
Ausgabe der sogenannt Beckerschen Weltgeschichte gehen morgen mit
Buchhändlergelegenheit an Sie ab. Es wird mir lieb seyn, von Ihnen den
richtigen Empfang zu erfahren.
Der Gräfin, Dorotheen und Agnes die besten und herzlichsten Grüße.
Leben Sie wohl, und möge der Himmel Ihnen Gesundheit und Stimmung
nicht versagen, alle die schönen besprochenen Pläne zu meiner und so
vieler Andern Freude, Genuß und Erhebung auszuführen! Vergessen Sie Ihr
Versprechen nicht, mich recht bald mit ausführlichen Nachrichten zu
bedenken.