_Bonn_, den 29ten December 1836.
Sie haben das Wort, welches Sie mir in Darmstadt gegeben, nicht
gelös’t, theuerster Freund, den schleunigen Gruß, den ich Ihnen gleich
nach meiner Rückkehr gesandt, mit keiner Sylbe erwiedert. Nun werden
Sie doch hoffentlich durch mein Buch (von dem Sie durch den Verleger in
meinem Namen zwei Exemplare, das zweite für Fr. v. Lüttichau, erhalten
haben werden) zu einem Briefe gebracht, und zwar zu einem recht
ausführlichen, denn ich brauche Ihnen doch wol nicht erst zu sagen,
daß mir diese Töne in die Welt wie in eine Wüste geschickt erscheinen
würden, wenn ich nicht erführe, wie sie bei Ihnen anschlagen. Vergessen
Sie auch nicht, mir ein Wort über die Sprache zu sagen, denn das
verstehen doch ja nur Sie allein, und ich möchte so gern wissen, ob
ich mich täusche, wenn ich eine Sprache zu reden glaube, d. h. eine,
die nicht wie Übersetzung aus einem fremden Idiom klingt. Denken Sie
auch, ob Sie nicht vielleicht Lust haben, die Bitte, die ich Ihnen in
Heidelberg in Betreff dieser Schrift vorgetragen, zu erfüllen.
Zürnen möchte ich Ihnen, daß Sie mir dort nicht ein Mal mitgetheilt
haben, daß Sie in diesem Herbst zwei Arbeiten in die Welt geschickt,
daher mir Ihre Gespenstergeschichte nur durch einen Zufall in die
Hände gekommen ist. Sind Sie zufrieden, wenn sich Ihren Lesern die
Haare empor sträuben, so kann ich Ihnen das von mir sagen. Es ist so
gar nichts Willkürliches, nichts Gemachtes, es ist ein Stück jenes
wunderbaren, räthselhaften Grauens selbst, welches aus der Tiefe der
Natur in unsere Seele hineinspielt. Und dann wieder dieser milde,
versöhnende Schluß, da sind Sie so ganz und gar. Fragen möchte ich nur,
warum dieser äußerste Trumpf des Materiellen, daß das Gespenst dem
Unglücklichen die Brustknochen mechanisch zerdrückt? Offenbar soll es
völlig aus dem Gebiete des Innerlichen herausgespielt werden. Aber ich
kann den Grund nicht finden, warum es hier nicht an dieser Gränze stehn
bleibt, da doch die letzte Lösung des Fluches an der Natur und Art des
Stoffes keinen Zweifel übrig läßt.
Die Wunderlichkeiten haben mich ungemein ergötzt, und wenn Sie ein
Mann wären, von dem man eine ordentliche Antwort erwarten könnte, so
würde ich Sie fragen, ob ich etwas Fremdes und allzu Künstliches in Sie
hineininterpretire, wenn ich annehme, daß das ~punctum saliens~ in
der ironischen Betrachtung steckt: diese vornehmen, fein gebildeten,
hoch verständigen Leute laßen sich doch von einer schlauen Betrügerin
nicht anders täuschen, als die Sammlerin durch ihre erträumte
Kennerschaft, und der arglose Theologe durch den Abenteurer.
Ich freute mich außerordentlich zu hören, daß es mit Ihrer Gesundheit
gut geht, und hoffentlich ist sie so geblieben. Meine gewöhnlichen
Leiden sind in diesem Winter bis jetzt noch milder als sonst geblieben,
dagegen hat mich ein heftiger mit Fieber verbundener Katarrh 3 Wochen
fast zu aller Arbeit unfähig gemacht, was mir in meinem litterarischen
Arbeitsdrange doppelt schlimm bekam. Auch fehlt es nicht an andrer
häuslicher Trübsal. Ein junges Mädchen, von meiner Frau erzogen, als
unsre Pflegetochter zu betrachten, leidet seit 4 Monaten an einem
bedenklichen Husten; meine Frau lebt nur für ihre Pflege, und es ist
dadurch in meinem Hause Alles auf den Kopf gestellt. -- Wie geht es
denn Ihrer Frau? Fr. v. Lüttichau hat ihrer mit keiner Sylbe erwähnt.
Herzliche Grüße an alle Ihrigen und an die verehrte Gräfin! Der Himmel
geleite Sie alle glücklich in das Neue Jahr. -- Von ganzem Herzen