_Berlin_, den 22ten März 1829.
Wenn ich Ihnen, theuerster Freund, jetzt, nach einer so langen
Unterbrechung unseres Briefwechsels, über Alles, was ich sonst wol
zu berühren pflegte, schreiben wollte, könnte ein kleines Buch
zusammenkommen, und dazu würde, wenn dergleichen überhaupt thunlich
wäre, jetzt, wo ich in wenigen Tagen Berlin zu verlassen denke,
mir mehr als je alle Muße gebrechen. Daß diese Unterbrechung des
Briefwechsels nicht meine Schuld ist, darf ich Ihnen nicht sagen.
Abrechnen zwar wollte ich gewiß nicht mit Ihnen, ich fühle zu gut, was
Sie mir bedeuten, und was ich Ihnen bedeuten kann. Und Ihr gedruckter
Brief, der mich höchlich gefreut, aber auch tief beschämt hat, wäre
schon eine ganze Reihe geschriebener werth. Aber mir ist so zu
Muthe, als könnte man wol ohne Antwort zu erwarten, an das Publicum
schreiben, oder auch an die Freunde insgesammt, die mit uns fühlen,
und uns verstehen, nicht aber an eine bestimmte Person, weil durch
dieses Bewußtseyn der Brief viel von dem Charakter der vertraulichen
Unterredung verliehrt, und in das Allgemeine hinüberschweift, zumal
in unserem Verhältniß, da ich weit mehr Sie zu fragen habe, als Ihnen
zu sagen. Wenigstens ist es sehr schwer, die rechte Stimmung und Form
zu finden, wenn man sich niedersetzt, um zu monologisiren, ohne es
doch wieder recht und ganz thun zu dürfen. Dieß wird mich bey Ihnen,
wo nicht rechtfertigen, doch entschuldigen, wenn ich mich von Ihrem
Beispiel habe anstecken lassen. Eben darum habe ich sehnlich, ja
wahrhaft sehnlich, in der vollen Bedeutung des oft gemißbrauchten
Worts, gewünscht, Sie vor meiner Reise nach Bonn noch zu besuchen, und
jene Freude und jenen Genuß, welche mir der Aufenthalt bei Ihnen immer
gewährt hat, ein Mal wieder recht zu empfinden. Es war aber unmöglich,
die Abwickelung so mancher Verhältnisse und die sehr schwierige
Fortschaffung vieler Sachen zu Stande zu bringen und doch noch Zeit zu
einer solchen Excursion zu behalten. Aber was mich im vorigen Jahre
betrübt hat, erfreut und tröstet mich jetzt, die Hoffnung, Sie recht
bald an den schönen Ufern des Rheins zu sehen. Und ich bitte jetzt
schon, wenn Sie wieder nach Baden gehen, und nicht so weit hinunter
kommen, wie das letzte Mal, mich doch ja nicht zu vergessen, und mich
zu benachrichtigen, wo wir uns, wenn ich Ihnen nach dem Oberrhein zu
ein Stück entgegen komme, sehen und sprechen können.
Über die Veränderung meiner Lage brauche ich Ihnen nichts zu sagen,
da Sie ja den außerordentlichen Unterschied der Stellung, des
Wirkungskreises, der Muße, so gut wie ich beurtheilen können. Wol ist
dieß bei so weit vorgeschrittenem Alter ein unverhofftes Glück zu
nennen, eine von jenen Begebenheiten im Leben, wo man recht stumpf
und gefühllos seyn muß, um den Finger Gottes nicht zu erkennen und
anzubeten. Wenn ich mich dieses Glücks und Berufs nur auch recht würdig
werde zeigen können!
Obschon ich Ihnen aus großem Zeitmangel von Litteratur und Kunst gar
nichts habe schreiben wollen, kann ich doch nicht übergehen, was in
diesem Augenblicke meine Seele besonders erfüllt, eine Passionsmusik
von Sebastian Bach, von der wir hier bei einer ganz außerordentlichen
und unerwarteten Theilnahme des Publicums in kurzer Zeit zwei
Aufführungen erlebt haben. Ich halte es für ein wahres Ereigniß, daß
mir dieses Werk im Scheiden von Berlin zu hören noch gegönnt war,
denn ich rechne sein Anhören zu jenen Genüssen, von denen Sie ein Mal
bei Gelegenheit des Lear sagen: daß uns als Menschen gegönnt ist, ein
solches Kunstwerk zu genießen, ist schon etwas Großes. Eine neue,
mir bisher unbekannte Kunstwelt ist mir hier aufgegangen. Wenn Sie,
bester Freund, doch dieß mit uns hätten erleben können! Ich dachte
Ihrer dabei so oft. Es ist mit der übermäßigen Strenge Sebastians,
wie mit der Atrocität Shakspeares. Der große Haufe der sogenannten
Kenner, die mit ihrem Urtheile immer höher stehen wollen als solche
Meister, vor denen sie nur in Demuth sich beugen sollten, spricht von
solcher Herbigkeit, und weiß doch nicht, wovon er spricht. Streng ist
Sebastian allerdings und ernst, aber so, daß selbst bei allem dem
ungeheuren Ernste dieses Stoffes, bei dem tiefen Schmerze, den Klagen,
Jammer, Reue, Buße, die Heiterkeit und Freude des Daseyns auf das
wunderbarste durchbrechen, ja unmittelbar daraus hervorblühen. Ich muß
es Ihnen sagen, ich glaube hier den Tonsetzer gefunden zu haben, nach
dem ich lange suchte, den nämlich, der mit Shakespeare zu vergleichen
ist. Ja, er scheint mir gradezu der dramatischste aller Componisten
zu seyn. Er, der große Meister in der vollkommensten Durchbildung und
Ausführung musikalischer Gedanken, hat sich überall, wo die Personen
redend eingeführt werden, alles solches Schmuckes enthalten, um nur
Alles in seiner Eigenthümlichkeit in der kraftvollsten und körnigsten
Kürze hinzustellen. Einige Mal erscheint der unwillkührliche Schrei
der innersten Empfindung, der unaufhaltsame Durchbruch des gepreßten
Herzens mit allem Eindrucke der Natur selbst in den Tönen, und doch ist
auch dieses Kunst und Besonnenheit. Neben dem dramatischen Elemente
tritt nicht nur das lyrische, sondern auch das epische hervor. Das
26te und 27te Capitel des Matthäus werden vorgetragen; der Evangelist
erzählt, was aber die Personen zu sagen haben, tragen sie selbst vor.
Und dazwischen Choräle und Chöre religiöser Empfindungen und Gefühle
einer gläubigen Gemeine, welche den Begebenheiten zuschaut, und bald
Schmerz, bald Zorn, bald Bewußtseyn der Sündenschuld, durch welche
alles dieses hervorgebracht wird, mit der größten Mannigfaltigkeit
darlegt. Und dieß gleichsam prophetische Element einer Christengemeine
und Kirche ist mit der realen Begebenheit auf eine so wunderbare Weise
verschmolzen, und in dieser Einheit des Kunstwerks zeigt sich eine
solche Großheit und Tiefe, daß es mit Worten nicht zu beschreiben ist.
1729 ist diese Musik in Leipzig, wol zum ersten Mal, aufgeführt worden,
ob seitdem je wieder, ist sehr die Frage. So jagt der Mensch nach
dem Neuen und Bunten, und läßt das Große und Herrliche verachtet und
vergessen liegen.
Wenn Sie mir einige Zeilen an Schlegel in Bonn senden wollten, was
mir aus mehreren Gründen _sehr lieb_ wäre, so würde Ihr Brief
mich bis zum _2ten April_ in Potsdam treffen, unter der Adr. der
Postdirectorin Faber, Burgstraße No. 32.
Graf York trägt mir viele Grüße an Sie auf. Ich bitte Sie, mich Ihrer
werthen Familie so wie der Gräfin Finkenstein angelegentlichst zu
empfehlen. Leben Sie wohl und behalten Sie auch in größerer Ferne wie
bisher lieb