_Berlin_, den 9ten Mai 1828.
Theurer Freund, schon lange habe ich einige Zeilen an Sie gelangen
lassen wollen, um mich wenigstens des Nichtschreibens wegen bei Ihnen
zu entschuldigen, da ich aber von Tage zu Tage hoffte, mehr schreiben
zu können, so ist es unterblieben. Wenn Sie mein langes Stillschweigen
nur nicht als eine Vernachläßigung gedeutet haben, die ich mir nicht
verzeihen würde. An dem Tage nach Raumers Abreise zu Ihnen wurde ich
krank, das Übel gestaltete sich zur Gelbsucht, die mich an drei Wochen
zu einer gänzlichen Unthätigkeit zwang. Als es besser ward, sah ich mit
Schrecken, wie sich die Arbeit nun gehäuft hatte, denn die ersten drei
Bände der Weltgeschichte sollten zur Messe fertig seyn, und es war noch
so viel daran zu thun. Dazu die Stunden, die Nothwendigkeit einiger
Erholung und Bewegung; es war in der That nicht möglich zu einem Briefe
zu kommen, so ungern ich es mir auch versagte, Ihnen für den Ihrigen
und für die Vorrede zu danken. Was ich bei jener Krankheit am meisten
bedaure, ist, daß sie mich zwingen wird, meine kurzen Ferien hier zum
Gebrauche eines Mineralwassers zu verwenden, und somit die Hoffnung,
Sie in diesem Sommer auf einige Tage zu genießen, sehr schwach ist.
Übrigens höre ich, Sie wollen nach Baden gehen, und da würde die Zeit
wol nicht einmal zugetroffen haben. Schreiben Sie mir doch aber lieber
genau, wann Sie fortreisen und wann Sie zurückzukommen gedenken.
Mich über Ihre Vorrede so auszusprechen, wie ich es gern möchte und
sollte, wird mir schwer. Aber kaum kann es anders seyn bei einem Werk,
welches so manche eigne Gedanken bestätigt, aber auch erst zur Klarheit
bringt, dann so viel Neues aufschießen läßt, und so viel zu denken
giebt. Die Mitte zwischen der in unserm eignen Gemüthe liegenden
Basis zu einem solchen Gedankenwerk, und diesem uns von einem andern
Geiste dargereichten Werke selbst, ist eine unendliche, und wir müssen
tief in unser eignes Selbst schauen und steigen, um sie recht zu
erkennen und festzuhalten, und doch ist sie die nothwendige Bedingung
zu einem activen, praktischen Verständniß, welches ich im möglichst
prägnanten Sinne meine. Gegen Ihre Darstellung scheint mir Alles,
was bisher über das Verhältniß Göthes zu alter Poesie und Litteratur
gesagt ist, oberflächlich, und dieses Gefühl erstreckt sich denn bald
auf die ganze Litteratur. Mit dieser Leuchte muß man überall Schätze
graben. Man kannte bisher, meine ich, nur den Gegensatz zwischen dem
schmiegsamen Talente, sich die Form und den Gegenstand anzubilden ohne
schöpferische Originalität, und der formlos ringenden Kraft, welcher
sich dann in der Durchdringung von Stoff und Form aufhebt und lös’t,
aber dieser von Ihnen aufgestellte Gegensatz zwischen _der_ Form,
die in kunstvoller Vollendung von dem Geiste gebohren und durchweht
ist, und derjenigen, welche vaterländisch, im höchsten Sinn, sich
gestaltet und wirkt, ist neu, und hier ist ein Ton angeschlagen, der
unsere ganze Kenntniß, das ganze Studium der Poesie durchbeben muß, und
zu überraschenden Resultaten führen wird. Wie in der, soll ich sagen
dialogischen oder dramatischen Form die ganz verschiedenen Anfangs-
und Anknüpfungspuncte zu demselben Ziele oder derselben Mitte führen,
ist trefflich. Der freilich sehr schwierige Punct von dem Übergange in
das Reflectirende, Sentimentale, Weiche, wo die Poesie zugleich Sünde
und Glaube, zugleich Abfall und Ringen nach dem verlohrenen Urquell
ist, ist am wenigsten klar gemacht, und ich weiß nicht, ob ich Sie ohne
ein ehemaliges Gespräch über den Euripides recht verstanden hätte.
Dieser Punct ist aber für Ihre Theorie oder System, wenn ich es so
nennen darf, von der höchsten Wichtigkeit, und ich ahnde in ihm den
eigentlichen Schlüssel dazu. Denn aufzuschließen ist hier noch manches;
Klarheit und Verständniß haben verschiedene Grade. Nun aber kann ich
mich auf meine Weise der trüben Betrachtung nicht enthalten, daß diese
trefflichen Gespräche und Reden die gebührende Anerkennung nicht
finden werden. Nicht ohne wahren Schmerz habe ich Hegels Recension von
Solgers Nachlaß, die doch nichts als ein plumper und hämischer Angriff
auf Sie ist, gelesen. Müllner und Consorten, das ganze schlechte
Volk, wird sich eines solchen Alliirten freuen. Ich weiß wol, daß das
Wahre, Herrliche durchdringen wird und die Oberhand behalten, aber
ich möchte so gern erleben, daß das Gebührende geschieht, und wenn
ich mich nach recht vielen sympathisirenden Herzen sehne, gewährt mir
die Appellation an die Nachwelt wenig Befriedigung. Sie wundern sich
keine ordentlichen Recensionen Ihrer Werke in den Litt. Zeitungen
zu lesen. Kennen Sie denn die Tactik dieser Blätter nicht, was man
nicht aufkommen sehn möchte, gar nicht zu besprechen, auch nicht
einmal tadelnd? Zulezt finde ich in meinem Unmuthe darüber Trost und
Beruhigung in der ungetrübten Heiterkeit mit der Sie, unberührt von
aller der Leidenschaftlichkeit und Gleichgültigkeit, Ihren Gegenstand
behandeln für eine kleine Gemeinde von Verehrern und eine noch kleinere
von Verstehenden. Fahren Sie nur so fort, und beschämen Sie Ihre Gegner
recht bald durch die Erfüllung alles von Ihnen Verheißenem.
Wenn indeß diese Ihre neueste Arbeit über Göthe weniger Leser findet,
als sonst der Fall gewesen seyn würde, so sind Sie selbst nicht ganz
ohne Schuld. Wer sucht dergleichen hier, wo bloß eine Vorrede zum Lenz
angekündigt ist? Warum geben Sie nicht gleich etwas mehr, oder auch
nur dieses, als ein abgesondertes Schriftchen, vielleicht unter dem
Titel: Fragmente über Göthe? Auf jeden Fall sollten Sie es bei Reimer
bewirken, daß er die Vorrede unter was auch für einem Titel abgesondert
giebt, damit die Leute sie nur lesen. Und eben so sollte es Max mit
der Vorrede zur Felsenburg machen. Käufer würden sie genug finden, die
Bücher selbst halten die Meisten für eine ihnen uninteressante Zugabe.
An Ihrer Anzeige von der Erscheinung der sämmtlichen Werke habe
ich, Ihrem Auftrage gemäß, Einiges, nicht ohne die Scheu mit Mühe
zu überwinden, geändert. Nur finden Sie meine Redaction in der
gedruckten Anzeige nicht ganz wieder, denn Reimer hat sich einige ganz
willkührliche Änderungen erlaubt.
Meine Bitte wegen des jungen Componisten haben Sie vergessen. Ich
erlaube mir, sie Ihnen nochmals in Erinnerung zu bringen.
Die Weltgeschichte wird mir noch viele Zeit kosten. Dann soll ein
Compendium der Allg. Geschichte für den historischen Unterricht auf
Schulen kommen: erst dann kann ich an die Geschichte von Frankreich
für die von Perthes veranstaltete Sammlung geben. Alles dieß nöthigt
mich, meine Kräfte zu concentriren, nur für diese Zwecke zu leben, zu
excerpiren, zu arbeiten, und vorläufig wenigstens alle Nebenarbeiten
für Journäle bei Seite zu legen. Darum kann ich auch an keine Recension
von Wolfgang Menzel denken; ich bin noch nicht einmal dazu gekommen,
das Buch zu lesen.
Hierin ein Catalog und eine Rechnung. Ich habe für Sie nun zusammen 7
Thlr. 17 Sgr. ausgelegt. Davon gehn 1 Thlr. 11 Sgr. Ihre Auslagen ab,
bleiben 6 Thlr. 6 Sgr. Diese habe ich auf Sie angewiesen.
Nun leben Sie wohl, und schreiben Sie mir in jedem Falle noch vor Ihrer
Reise, und die Zeitbestimmung über dieselbe. Empfehlen Sie mich den
Ihrigen, und behalten Sie lieb