II.

_Dresden_, den 15. Mai 1835.

=Ludw. Tieck an Friederike Krickeberg.=

Wenn ich Sie, geehrte theure Freundin, so spät mit diesen Zeilen

begrüße, so müssen Sie aus Ihrem guten liebevollen Herzen nur nicht

glauben, daß Vernachläßigung oder Vergessenheit die Ursache daran sind,

-- sondern ein unglückliches Aufschieben, ein verwöhntes Gefühl, als

wenn man wie viele hundert Jahre zu leben hätte, und zu allen guten

und nothwendigen Dingen noch die gehörige Zeit finden würde. Es gehört

zu den schönen Erinnerungen meines Lebens und meiner Jugend, daß ich

Sie, Theure, in den Jahren 1794 und 1795 so oft gesehn habe, so manches

mit Ihnen besprochen, daß Sie mir so freundlich waren. Späterhin

trennten uns Schicksale und der Wechsel des menschlichen Lebens. Mich

hat es bis jetzt sehr erfreut, daß Sie meiner so wohlwollend gedenken,

daß mein Bild nicht ganz in Ihrer Phantasie erloschen ist. Wie viel

Begebenheiten, Zeiten, Weltgeschichte liegt zwischen jetzt und jenem

Abende, als Sie mir auf Ihrem Zimmer die Briefe von Gentz und Ihre

Gefühle so vertrauend mittheilten.

Wie es gekommen, daß ich Sie im Jahre 1819 in Berlin nicht aufgesucht

habe, begreife ich jetzt selbst nicht. Meine Zeit verrann mir unter den

Fingern bei den tausend Bekanntschaften meiner Vaterstadt. Oder waren

Sie damals noch nicht in Berlin? Doch glaube ich, ja! --

Was Sie mir vor einiger Zeit von Ihrer Tochter schrieben, fiel grade

in eine Zeit, in der unser Theater überfüllt war, und es in dem Fach,

in welchem Ihre Tochter auftreten konnte, keine Lücke gab. Wo befindet

sich diese jetzt?

Hochtragische ältere Frauen, ältere Anstandsdamen, ältere Coquetten,

dies Fach ist es, welches vielleicht in einiger Zeit hier zu besetzen

sein dürfte.

Wie gern sähe, spräche ich Sie einmal wieder. Mir sind fast alle

Freunde schon dahin gegangen, mit welchen wir damals lebten, die in

jenen Tagen noch jung und rüstig waren. Dann ist es mir eine wehmüthige

Erquickung, mit jemand, der diese auch noch gekannt hat, über alle

Dahingegangenen und über die Stimmungen jener Tage so recht aus vollem

Herzen sprechen zu können. -- Kommen Sie denn nicht einmal zu uns

herüber? Vielleicht daß ich bald einmal nach Berlin gehe, wo ich dann

nicht unterlassen werde, eine alte Freundin wieder aufzusuchen. Viel

möchte ich auch von Ihnen, von Ihren ehemaligen Freunden und Bekannten

hören, die mir ganz aus dem Gesicht gekommen sind: ich denke, Sie

wissen doch noch von vielen. Gedenken Sie immer meiner mit demselben

Wohlwollen und sein Sie versichert, daß ich immer, wenn ich auch ein

sehr nachläßiger Briefsteller bin, immer bin und bleibe

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 240 / 358 题