I.

_Berlin_, d. 6ten August 1823.

Es würde eitler seyn, als erlaubt ist, wenn ich mir schmeicheln

wollte, der Name am Ende des Blattes hätte jemals so viel Interreße

für Sie gehabt, um Ihrer Erinnerung einmal wieder vorzuschweben, und

Vermeßenheit darauf einen Empfehlungsbrief zu bauen. Mein Name indeß

gehört zu Ihrer Jugend und wer möchte sich deßen erinnern wollen,

wenn Sie der Morgenröthe nicht gern gedächten, die solch einem Tage

voranging? Die Liebe einer Mutter zu dem Sohne ließ mich die Furcht

überwinden, daß Sie Blatt und Überbringer unwillig bey Seite werfen

möchten, und so steht denn, wenn Sie diese Zeilen lesen, ein junger

Mensch vor Ihnen, dem das Glück Sie von Angesicht zu sehen, wie der

Stern geleuchtet hat, der einst die Hirten führte.

Er hatte sich zum Juristen bestimmt und zwey Jahre studirt; aber der

poetische Anklang in seiner Seele, ließ dem Kopfe keinen Raum für die

trockene Wißenschaft, und er hat eine Künstlerlaufbahn eingeschlagen,

auf der ich ihn nicht ganz ohne Sorgen wandeln sehe.

Er kömmt nach Dresden, um sich von den Italienern ein Urtheil über

seine Stimme zu holen, so will es seine Lehrerin, Mad. Fischer. Mit

Freuden habe ich diese Reise veranstaltet, sie wird ihm in jedem Falle

von großem Nutzen seyn. Erlauben Sie ihm, Sie zuweilen zu sehen;

schicken Sie ihn fort, wenn er Sie stört, aber vergönnen Sie ihm das

Glück, wornach er strebt. Er wird Ihnen sagen, mit welcher Freude wir

Ihre belehrenden Kritiken studirt haben; wie uns die Kunst neu belebt

erscheint, wenn solche Männer uns mit ihrem Urtheil zur Wahrheit

führen. Mein Wirkungskreis ist beschränkt, nicht dankbar, aber ich

wollte ums Brod stricken, wenn der warme Eifer für die gute Sache in

mir erkalten könnte. Ich höre auf, um Sie nicht zu ermüden. Grüße von

unserm Freunde L. Robert bringt Ihnen Karl, und ich lasse mir es nicht

nehmen, die freundlichsten von seiner schönen Frau zu schreiben.

Frau von Varnhagen wollte selbst schreiben und das wäre ein ganz

andrer Schutzbrief für meinen Sohn gewesen. -- Sie sollten nur sehen

und hören, wie oft, mit welcher Verehrung Ihr theurer Name in diesem

achtbaren Kreise tönt, gewiß Sie würden schon um deßenwillen, den

armen kleinen Brief nicht unfreundlich ansehen, den ich so gern selbst

gebracht hätte.

Ist mirs doch als könnte ich nicht enden! Der Himmel erhalte Ihre, der

Welt so theure, unschätzbare Gesundheit, damit sie nicht den hellen

Geist trübe, der sie erleuchtet durch seinen Genius verklärt.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 237 / 358 题