III.

_Braunschweig_, den 7ten Februar 1834.

_Verehrter Herr Hofrath_,

Mit der gestrigen Post habe ich an die Intendantur der Dresdner

Hofbühne ein dramatisches Gedicht „Rochester“ eingesandt, welches

nun bald auch in Ihre Hände kommen wird. Nehmen Sie es so freundlich

auf, wie einst mich selbst und frühere poetische Versuche von mir;

was Sie für mich thun mögen, ist an keinen Undankbaren verschwendet,

und wird, wenn es anders möglich ist, die Liebe und Verehrung, die

ich seit Jahren für Sie als meinen Meister und Gönner empfinde, noch

erhöhen. Damit es Sie nicht befremde, neben meinem Namen einen zweiten

auf dem Titelblatt zu finden, muß ich bemerken, daß ich mich mit einem

Freunde verbunden habe, um dem deutschen Theater rasch genug eine

Reihe von ernsten und heiteren Stücken zu liefern, wie das englische

sie einst durch Beaumont und Fletscher erhielt. Dürfen unsere Arbeiten

auch nicht sich mit dem Besten in einen Rang stellen, so behaupten

sie doch gewiß Vorzüge vor den alltäglichen Theatererscheinungen, ja

ihr eigentlicher nächster Zweck ist, diese und besonders die Masse

von Übersetzungen, die uns jetzt überdrängen, aus der vaterländischen

Scene zu entfernen. Die heroische und politische Tragödie ist leider

durch widrige Zeitumstände, durch das Mistrauen der Regierungen dem

Theaterdichter jetzt völlig verschlossen, aber vielleicht läßt das

bürgerliche Trauerspiel sich dadurch, daß eine Seite der ganzen

Menschheit in ihm zur Darstellung gebracht wird, durch die Kraft der

Charactere und Leidenschaften und durch eine hinzugegebene Ironie an

jene höhere Dichtart näher heranführen, so wie auch Sie das gewöhnliche

Leben in der Novelle erst zur Poesie erhoben haben. Von diesem Glauben

bin ich bei unserem ersten Versuche ausgegangen; mir gehört die

Idee und der ganze Plan des Stücks, meinem Freunde diesmal nur die

Ausführung einzelner Scenen an. Wenn Sie unserem Unternehmen Beifall

und Ermunterung geben, so werden wir bald ein paar Lustspiele folgen

lassen; das eine behandelt die Anecdote von Beaumont und Fletscher, wo

beide, ein Trauerspiel im Wirthshause erfindend, als Staatsverräther

und Mordanstifter ergriffen werden, das andere stellt die Situation

aus Ariosts Leben dar, da er unter die Räuber geräth. Es wird uns auch

ein leichter Entschluß sein, einmal nach Dresden hinüberzukommen,

um unter Ihrer besonderen Leitung einige fertig liegende Entwürfe

auszuarbeiten. Später, wenn das Glück gut ist, und unser Muth sich

gestärkt hat, können wir uns vielleicht ganz niederlassen in Dresden,

wo uns mit allen Vortheilen Ihrer Nähe zugleich ein vortreffliches

Theater zur Hand ist. Der Winter, die günstigste Zeit für neue

Theaterproductionen, neigt sich schon zu Ende, mit Ihrer Hilfe aber

kann Rochester noch immer zur Aufführung kommen; wir hoffen darauf,

und sehen mit Ungeduld einem Urtheil von Ihnen entgegen. Mein Freund

läßt sich Ihnen unbekannterweise empfehlen, und ich nenne mich, mein

theuerster Meister und Lehrer, mit der aufrichtigsten Verehrung Ihren

ergebensten

_Köchy_.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 223 / 358 题