_Chemnitz_, d. 12. April 1832.
_Hochgeehrtester Herr Hofrath!_
Das große Interesse, welches ich stets an den classischen Erzeugnissen
Ihrer Muse, andern Theils aber auch an den Werken der Autoren, durch
deren erneuerte Herausgabe Sie Sich ein bleibendes Verdienst erwarben,
insbesondere an denen Heinrich’s von Kleist, genommen habe, so wie
vornämlich die Hoffnung, daß Ihnen ein kleiner Beitrag zur Biographie
des ebengenannten Dichters nicht unwillkommen sein wird, mögen mich und
meine Dreistigkeit, Ew. Wohlgeboren mit einer Zuschrift zu behelligen,
entschuldigen.
Im Anfuge finden Sie die Copie zweier Originalbriefe von Kleist, welche
ich behufs der Einsendung an Ew. Wohlgeboren habe nehmen lassen und die
ich Ihnen sonach zuständig mache.
Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Ihnen Reliquien eines
Schriftstellers, wie Kleist, und besonders eines Mannes, der in so
naher literarischer Beziehung zu Ihnen stand, nicht ganz unangenehm,
vielleicht sogar interessant sein dürften, zumal da die angefügten
brieflichen Mittheilungen in eine Periode fallen, welche, indem der
Dichter seinen Stand änderte und die Gelehrten-Laufbahn betrat,
vielleicht die Folie zu Kleist’s späterem lit. Ruhme war, --
Mittheilungen, welche einen tiefen Blick in die Fühl- und Denkweise des
Dichters gewähren und die Ihnen wenigstens als eine Privat-Ergänzung
zu den biographischen Umrissen, welche Sie den Schriften Kleist’s
vorangeschickt haben, dienen können.
Die Mittheilung dieser Briefe, (deren Originalia mir vor Kurzem,
beim Durchsehen unterschiedlicher Manuscripte, wieder aufstießen
und bei welcher Gelegenheit mir der Gedanke einkam, Ihnen Abschrift
davon einzusenden) verdanke ich einem Preußischen Geistlichen
(jetzt Consistorial-Rath), der drei Jahre lang auch mein Erzieher
war. Derselbe hatte in der letzten Hälfte der 80er Jahre vorigen
Jahrhunderts in Frankfurt a. O. studirt, war der Familie Kleist’s
befreundet und wurde, nach beendeten Studien (er erhielt eine
interimistische Anstellung alldort), von derselben zum Hauslehrer
Heinrich’s und eines Vetters desselben, eines von P., bestimmt.
Der Lehrer genoß der Liebe und des Vertrauens seiner Zöglinge in hohem
Grade, die ihm auch von Seiten Kleist’s, wie aus beifolgenden Briefen
erhellet, für spätere Zeit verblieben.
Da Sie Kleist nahe befreundet waren und mit den früheren Verhältnissen
desselben eben so wohl, wie mit den späteren, gewißlich genau bekannt
sind und genauer, als ich nach den -- obgleich sehr ausführlichen --
mündlichen Mittheilungen des vorgedachten Geistlichen: so enthalte
ich mich zwar des Weitern, bitte Sie jedoch bescheidentlichst,
nachfolgender Notiz -- welche ich einfließen lasse, da Ihnen deren
Inhalt vielleicht nicht bekannt sein dürfte -- einige Aufmerksamkeit zu
schenken.
Jener Geistliche versicherte mich, daß ihm nichts interessanter gewesen
wäre, als seinen Scholaren, Kleist und P. Unterricht zu ertheilen
und sie zu beaufsichten, indem sie einander ganz entgegengesetzte
Charactere waren: K. ein nicht zu dämpfender Feuergeist, der Exaltation
selbst bei Geringfügigkeiten anheimfallend, unstät, aber nur dann, wenn
es auf Bereicherung seines Schatzes von Kenntnissen ankam, mit einer
bewundernswerthen Auffassung-Gabe ausgerüstet, von Liebe und warmem
Eifer für das Lernen beseelt; kurz der offenste und fleißigste Kopf
von der Welt, dabei aber auch anspruchslos. -- P. war ein stiller,
gemüthlicher Mensch, sehr zum Tiefsinn geneigt. Er stand zwar dem
genialen Vetter Heinrich an Lust und Liebe zum Lernen, an ausdauerndem
Fleiße nicht im Geringsten nach; aber ihn hatte die Natur in geistiger
Hinsicht stiefmütterlich behandelt; er vermochte, so sehr er sich auch
Mühe gab, nur schwer zu fassen, während K. spielend lernte und zur
Fortstellung der Gegenstände beim Unterrichte eifrigst trieb.
Daß der Stand des Lehrers, bei der großen Verschiedenheit der geistigen
Anlagen seiner Zöglinge, deren verschiedenen Temperamenten, ein fast
mißlicher war, läßt sich denken. -- Was K. in einer Lection loskriegte
(um mich eines acad., aber passenden Ausdrucks zu bedienen), dazu
bedurfte P. deren mehre, weshalb sich auch der Lehrer des letztern um
so mehr annehmen und den Eifer des erstern zu zügeln suchen mußte.
Er enthielt sich daher auch jeder Austheilung von noch so verdienten
Lobsprüchen zu K.’s. Gunsten und zwar auf eine Weise, welche der
Eitelkeit desselben nicht zu nahe trat und dessen Lernbegierde nicht
schwächte, und ließ dem wackern Streben P.’s (wenn gleich nicht mit dem
von beiden Seiten gewünschten Erfolge nur einigermaßen gekrönt) stets
gerechte Anerkennung widerfahren und lobte P. in K.’s Gegenwart, statt
daß es eigentlich der umgekehrte Fall hätte sein sollen. -- Doch gaben
die ungewöhnlichen Fortschritte, welche K. machte, die tagtäglichen
Beweise seiner ausgezeichneten Geistesfähigkeiten, der Schwermuth des
sich überaus unglücklich fühlenden und mit sich schon fast zerfallenden
P.’s Nahrung. -- Nach beendeter Lection und auch außerdem warf sich P.
oft, bitterlich weinend, an die Brust des Lehrers und schluchzte: Ach,
warum hat mich gerade, der ich es mir so angelegen sein lasse, etwas zu
lernen, die Natur so stiefmütterlich behandelt? Warum wird mir Alles so
schwer, während dem Vetter Heinrich das Schwierigste so leicht? -- und
so klagte er fortwährend. -- Der Lehrer that alles Mögliche, den Unmuth
des geliebten Zöglings zu scheuchen und ließ es an Zuspruch, Rath und
Anerkennung der äußerst-möglichen Anstrengungen P.’s nicht fehlen.
Die Schwermuth hat P. indeß nie verlassen, sondern schlug noch fester
Wurzel und durch sie fand er auch später einen freiwilligen Tod. Das
Glück ist ihm auch späterhin, als Zögling der Milit. Acad. und als
Officier, nie hold gewesen.
Irre ich nicht, so hörte ich auch, daß K. und P. in der Folge
auch einmal schriftlich (persönlich sind Beide nie wieder
zusammengetroffen) die Verabredung getroffen hatten, beide eines
freiwilligen Todes zu sterben. Verbürgen läßt sich dieß freilich nicht.
In dem ersten der beiliegenden Briefe wendet sich K. (er that es
späterhin, schriftlich und mündlich wiederholentlich und führte einen
langen Briefwechsel darüber) an seinen ehemaligen Lehrer, um dessen
Meinung über eine Standesänderung, unter obwaltenden Umständen,
einzuholen. -- Der Geistliche, an den sich K. dabei inniger schloß,
als an seine Verwandten und Freunde, that natürlich sein Möglichstes
(gleich diesen), um den exaltirten Jüngling von seinem Vorhaben
abzubringen.
K. hatte weiterhin, unter des Conrector’s Bauer in Potsdam Leitung,
die Maturität zur Univ. erlangt und war, nach mannichfachem Mühsal, so
glücklich gewesen, den so ersehnten Abschied zu erhalten. --
Das Concert in Frankfurt a|O. war zu Ende, der mehrberegte Geistliche,
der es auch besucht hatte, schickte sich an, zu gehen, als er plötzlich
hinterrücks einen traulichen Schlag auf die Schulter erhielt. Er
erschrickt, sieht sich um und gewahrt Kleist, der in einen großen
Reitermantel gehüllt ist. Dieser ist in großer Aufregung und theilt ihm
(dem Geistl.) Holter di polter mit, daß er nun endlich seinen Abschied
erhalten habe und in Frankf. studiren wolle.
K. war, seinen Abschied in der Tasche, wie im Fluge von Berlin
geritten, hatte den ehemal. Lehrer in dessen Behausung aufgesucht, aber
gehört, daß derselbe im Concert sei, und war nun ~stante pede~,
wie er war, in dasselbe geeilt, um den Freund sofort von dem Gelingen
des Plans in Kenntniß zu setzen. Der Referent verschwand eben so
hastig, wie er gekommen. --
So weit meine Mittheilungen. Ob die Schwester und bekannte
Reisegefährtin Kleist’s, Ulrike, die früherhin Directrice eines
Erziehung-Instituts für adelige Fräulein in Frankf. a.|O. war, noch
lebt, ist mir nicht bewußt.
* * * * *
Wenn ich mir nun schmeicheln darf, Ew. Wohlgeboren eben so wenig durch
die Einsendung der Beilagen, als durch vorstehende Mittheilungen,
lästig gefallen zu sein: so glaube ich mich wol zugleich nicht der
Bemerkung enthalten zu dürfen, daß es mir höchst schmeichelhaft sein
würde, wenn Ew. Wohlgeboren Veranlassung nähmen, mich durch einige
gelegentliche Antwortzeilen zu erfreuen.