L., den 26. Nov. 1816.
_Ew. Wohlgeboren_
bin ich von meiner Mutter beauftragt, Alles zu senden, was ich noch aus
dem poetischen Nachlaß Heinrich von Kleist’s besize. Leider besteht
mein ganzer Reichthum in einer Abschrift seiner Penthesilea, die ich
Ihnen hierbey mit Vergnügen überschicke, da als sie geschrieben wurde,
nur einige wenige Abschriften in den Händen vertrauter Freunde davon
existirten und ich, schon seit acht Jahren aus jedem litterarischen
Kreis herausgerückt nicht weiß, ob sie schon einmal gedruckt worden
ist. Ich will sie daher lieber Ew. Wohlgeboren _umsonst_
schicken, als mir den Vorwurf machen, die Gelegenheit versäumt zu
haben, zur Verherrlichung eines der edelsten Menschen und genialsten
Dichter unsrer Zeit etwas beyzutragen, der in beiden Eigenschaften
so vielvältig verkannt worden, mir aber in beiden ein Hauptlehrer
gewesen ist, zu der Zeit, als ich in dem interessanten Kreise aufwuchs,
dessen Hauptzierde er mit war. Leider vermuthet meine Mutter auch
„die Geschichte seiner Seele“ bey mir; bey unsrer Trennung behielt
_sie_ aber dieselbe und macht mir durch ihre Nachfrage sehr
bange um die Wiederauffindung dieses unschäzbaren Werkes, welches
wahrscheinlich in dem Getümmel der letzten Zeit verloren gegangen ist,
ohne welches aber Kleists ganze Schriften nur ein Fragment bleiben
dürften, wenigstens für die, welche ihn gern _ganz_ kennen und
würdigen, vorzüglich seinen lezten Schritt gern entschuldigen möchten.
Warum sparte er doch die unglückliche Kugel nicht mindestens so lange
noch auf, um sie, wie Körner aus dem Gewehr des Feindes zu empfangen
und wie ein ächt deutscher Sänger unter den Tönen einer vaterländischen
Siegeshymne zu fallen! -- -- Sollte sich „die Geschichte seiner Seele,“
noch finden lassen, so wäre sie wohl am sichersten bey Herrn Obrist
Rühle von Lilienstern zu suchen, für den sie ursprünglich geschrieben
war. Noch hatte meine Mutter mehrere Hefte von seiner eignen Hand
„Fragmente“ überschrieben. Es waren wirklich nur solche; ausser der
Novelle Josephe und Jeronimo und der Erzählung vom Roßkamm -- (den
Namen habe ich vergessen) enthielten sie nur einzelne hingeworfene
Ideen und Bemerkungen, die aber gröstentheils voll tiefen Sinns waren
und die gleichfalls mehr zur Anschauung „seiner Seele“ dienen, als
seine eigentlichen Dichtungen. Auch von diesen weiß ich nicht, wo sie
hingekommen, noch ob sie im Druck erschienen sind, daher _nenne_
ich sie Ihnen wenigstens. Hat Ihnen meine Mutter, ein Gedicht „an die
Kamille“ und das „an den König“ geschickt, das für seinen im Frühjahr
1809 in Berlin erwarteten Einzug bestimmt war? Beides waren nur
Gelegenheitsgedichte, aber wie alles von ihm doch von Bedeutung; er
dichtete das erste für meine Mutter, die sich einst über die Dichter
beklagte, welche alle Blumen nur die Kamille nicht besängen, die doch
denen so heilsam sey die, wie sie, an Krämpfen litten. Ihr und meiner
kleinen Person zu Ehren, wurden sie denn nebst den Vergißmeinnicht und
Veilchen im Traum des Käthchen erwähnt. Das Gedicht an den König wäre
_jezt_ als erfüllte Prophezeihung doppelt interessant. Die Sünde
die er an seinem herrlichen Robert Guiscard begangen hat, möge ihm Gott
wie die an sich selbst begangene verzeihn! Wohl dem jüngern Dichter,
dem ein alter Meistersänger ein Denkmal sezt, wie Sie ihm! Möge Ihnen
Ihr eignes Bewußtsein lohnen und der inniggefühlte Dank Derer, die sich
gern an dem Schönen erfreuen, sey es auch wie hier der Fall, oft nur
ein schönes Streben und die Ihnen, da Sie selbst jezt so karg sind,
doppelt danken, daß Sie uns mit etwas Fremden die Lücke ausfüllen, die
der Verlust älterer Meister und der Mangel würdiger Schüler uns in der
Litteratur unsers Vaterlandes zu machen drohen. Wann werden sich doch
die guten frommen Jünger endlich überzeugen, daß eine Genoveva und
ein Sternbald nur _einmal_ geschrieben werden kann und daß alle
Nachahmungen davon nur Schattenbilder sein können? -- -- Haben Sie
die Güte unter die, welche Ihnen ganz vorzüglich Kleists Werke danken
werden, auch zu rechnen