_Karlsruhe_, 30. November 1846.
Beghuinenstraße Nr. 14.
_Hochverehrter Herr und Freund_,
Ich habe ordentlich mit Ungeduld dem (durch überhäufte Arbeiten der
Druckerei bedeutend verzögerten) Fertigwerden des zweiten Bandes
meiner Übersetzung der Harris’schen Reise entgegensehen, weil ich
dadurch eine hochwillkommene Gelegenheit, ja gewissermaßen ein Recht
erhalten, mich Ihnen, wenn auch leider nur mit einigen kalten Zeilen,
anstatt des warmen Wortes, und mit einer an eigenem Geistesverdienst
trotz ihrem stofflichen Gewicht gar leichten Gabe nähern zu können;
denn da Sie ~A~ gesagt, d. h. den ersten Band nicht ausdrücklich
zurückgewiesen (also der Regel ~qui tacit consentit~ sich
unterworfen) haben, so _müssen_ Sie auch ~B~ sagen, d. h.
den zweiten ebenfalls, wohl oder übel, annehmen -- übrigens ohne
Verbindlichkeit ihn zu lesen oder gar gegen bessern Geschmack und
Überzeugung ihn zu loben. -- Die zahllosen Fallgruben der Druckfehler,
die ich noch mit einem geschriebenen und beigelegten Verzeichniß weiter
ins Licht gestellt habe, bitte ich _mir_ auf keinen Fall zur Last
zu legen. --
Es hat mich schon lange gedrängt, wieder einmal aus wahrem aufrichtigem
Herzen Ihnen zu versichern, wie Sie in meiner Erinnerung ohne Wandel
und ohne Nachlaß geliebt und verehrt fortleben, und in letzter
Zeit mehr als je, anzufragen und -- wenn auch nur in kürzesten
Worten -- Beruhigung von Ihnen selbst zu erhalten, inwiefern an der
Zeitungen Nachricht von Ihrer bedenklichen Erkrankung, „infolge
einer übelgebrauchten Traubenkur,“ _etwas_ Gegründetes (oder,
_hoffentlich_, Nichtgegründetes) _gewesen_ sei? und ob Sie
fortwährend, oder wieder, sich des Wohlseyns erfreuen, welches die
innigen Wünsche Ihrer zahlreichen Freude Ihnen „anewigen“ möchten. Und
so hätte ich denn, in meinen Zweifeln und Besorgnissen, auch ohne die
nun eben noch zu rechter Zeit gekommene, dieses mitgehende Schreiben
gewissermaßen deckende, „nothwendige“ Buch-Sendung noch vor dem
Schlusse des alten Jahres durch ein leises briefliches Anklopfen bei
Ihnen den Versuch gemacht, ob Sie durch eine freundlich bereite Antwort
mich über Sie beruhigt und froh in das neue Jahr hätten eintreten
lassen wollen. --
Da ich nichts, auch gar nichts, mitzutheilen _habe_, was Sie
von _hier_ interessiren könnte, so muß ich, um nicht ganz
neuigkeitenleer vor Ihnen zu erscheinen, ächt-deutsch mit interessantem
Fremdem mir helfen: Die Lind ist hier, singt hier, hat schon zweimal
gesungen, und wird noch zweimal singen. Da Sie den Lind-Taumel in
Berlin und eines Berliner Theaterpublikums in seinen ungeheuerlichen
Ausbrüchen ohne Zweifel erlebt und überlebt haben, so brauche ich Ihnen
keine Beschreibung vom hiesigen zu machen, den Sie sich gefälligst,
nur natürlich im Verhältniß von 24,000 (s. g. Seelen) zu 400,000, in
seiner Gewaltigkeit und Überschwänglichkeit selbst vorstellen wollen.
Ich habe sie noch nicht gehört, da ich meinen theuer bewahrten 1
Sperrsitz und den ersten und zweiten Kunstgenuß oder die Befriedigung
der Neugierde beim ersten und zweiten Auftreten der Sängerin wie billig
meiner Frau überließ, und erst in ihrer dritten Rolle der Vestalin
sie, wo möglich in Ekstase, zu bewundern vorhabe: denn ich will
die „schwedische Nachtigall“ doch lieber im Granaten-, Lorbeeren-,
Pinien- und Eichen-Haine dieser Spontinischen Musik schlagen hören,
als in den trübseligen und saftlosen Cypressen einer Bellini’schen
Nachtwandlerin oder in den ganz marklosen und unsinnig ausgeschnitzten
Kinderspiel-Gehölzen und Kirchhofsbäumchen einer Donizetti’schen Lucia
di Lammermoor -- ihren bisherigen Gesangsproduktionen, die übrigens
in der That, wie mir selbst strenge Kenner und Freunde der Tonkunst
versichert haben, der Bewunderung würdig gewesen seien.
Vom „Auslande“ komme ich auf etwas, das mir „am Nächsten ist,“ nämlich
auf mich „Selbst.“ Meine Carlsruher Mitbürger haben mich nämlich zum
Bürgermeister der Residenz wählen wollen, was ich zwar als einen
Beweis ihres Vertrauens, daß ein Bücherwurm und „Übersetzer aus dem
Englischen“ auch für praktische Zwecke und strenge Geschäftsthätigkeit
noch brauchbar sei, recht erfreuend gefunden, aber natürlich abgelehnt
habe, da ich aus dem Staatsdienst ausgetreten bin, weil ich nicht
der unbedingt gehorsame Diener des Staats d. h. der Regierung sein
wollte, also noch viel weniger Lust haben konnte, meine Unabhängigkeit
aufzugeben, um der Diener einer Stadt oder der Sündenbock zu werden,
auf den ihre Bürger gar zu leicht den Verdruß, den ihnen häusliche
oder gewerbliche Bedrängniß vielleicht verursacht, abzuladen geneigt
sein dürften. Darauf wollten sie mich zum Deputirten machen. Da
ich aber keine Geduld und kein Spezifikum wider die ungeheure
Langeweile und den unendlichen Ärger besitze, welche das Anhörenmüssen
zwei-drei-vierstündiger Vorträge und Abhandlungen selbstliebiger und
ehrsüchtiger radikaler Kammer-Redner jedem wohlorganisirten Menschen
bereiten muß da ich ferner, weder unbedingt mit der Regierung hätte
stimmen können oder stumm sein mögen, noch den oft unmöglichen und
unsinnigen oder hinterlistigen Forderungen der Ultraliberalen resp.
Radikalen mich anzuschließen vermocht hätte, zur Behauptung einer
Stellung _in der Mitte_ aber, (wo nach _meinem_ Gefühl und nach
_meiner_ Denkart oder Anschauungsweise die Wahrheit, die Möglichkeit
einer Ausgleichung und Verwirklichung der widerstreitenden, von oben
herunter und von unten hinauf gehenden, s. g. Rechtsforderungen und die
schön menschliche, jede _treugemeinte_ Gesinnung achtende, jedes neue
Gute fördernde und jedes vielleicht einst Gutgewesene aber mit der Zeit
zum _Un_guten gewordene schonlich entfernende Billigkeit liegt), --
weder in _mir_ die zur _tüchtigen_ Wirkung nach Außen erforderlichen
Anlagen und Gaben fand, noch in der _Kammer_ zur Unterstützung eine
hinlänglich große Anzahl Unbefangener und Ungezwungener hätte erwarten
dürfen, so lehnte ich auch diese „Auszeichnung“ ab.
Daß ich nun so viel von der Lind _und_ von mir geredet habe,
haben eigentlich Sie selbst verschuldet: denn thäten _Sie_ Ihre
Schuldigkeit und schrieben _mehr_ Bücher oder auch nur wieder eine
kleine liebenswürdige und geistvolle Erzählung, zur Erbauung und zur
Freude ihrer _vielen_ Freunde und Verehrer und zur Beschämung und
zum Ärger Ihrer _wenigen_ Feinde und Neider, so hätte ich einen
unendlich weit anziehenderen und bedeutenderen Stoff der Besprechung
Ihnen gegenüber gehabt, als selbst schwedische Nachtigallen oder gar
projektirte Oberbürgermeister und Volksvertreter!
Indem ich die Bitte meiner Frau, sie Ihrem gütigen Andenken zu
empfehlen, hiemit erfülle, bin ich stets mit den _herzlichsten_
Wünschen für Ihr Wohlergehen,