III.

_Karlsruhe_, 4. Oktober 1845.

_Hochverehrter Herr_,

Ich wollte, ich könnte Ihnen das Gefühl meines Dankes für den Gruß

gütiger Erinnerung, welchen mir Fräulein von Böckh bei ihrer Rückkehr

nach Karlsruhe von Ihnen gebracht hat, inniger als durch kalte

Briefzeilen, und bedeutender, als durch die beigelegte (materiell

allerdings ziemlich „gewichtige“) Weihgabe ausdrücken. Jener Gruß

und was mir die Überbringerin von dem wohlwollenden Andenken sagte,

das Sie mir, der Ihnen durch so gar kein Verdienst als das der

herzlichsten Verehrung für Sie empfohlen sein kann, bewahren, -- hat

mir den Anlaß und den Muth gegeben, Ihnen einmal wieder mit einer

Zuschrift beschwerlich zu fallen und den soeben herausgekommenen

ersten Band einer Arbeit anzubieten, für welche ich wenigstens das an

der großen Mehrzahl unserer modernen Übersetzer (schmählicherweise)

seltene Verdienst großer Sorgfalt ansprechen darf. Es ist -- seit

meiner „Englischen Bibliothek“ und außer einem von mir mitbearbeiteten

unlängst und endlich (in der G. Braunschen Hofbuchhandlung hier

erschienenen) „großen Deutsch-Englischen Wörterbuche“ -- wieder das

erste von mir erschienene _Buch_, indem meine literarische

Thätigkeit in der Zwischenzeit, und nach der Niederlegung der von

mir versuchten, aber vorzüglich dem Verleger gegenüber für unmöglich

befundenen, selbstständigen und anständigen Redaktion der „Karlsruher

Zeitung,“ auf Beiträge in’s Cotta’sche „Ausland“ und einige

englische Artikel in londoner Zeitschriften sich beschränkte oder --

zersplitterte.

Kann Ihnen das (leider mit Druckfehlern stark durchsetzte) Harris’sche

Reisewerk in seiner Erzählung von mannigfaltigen und eigenthümlichen

Erlebnissen in einer, gewissermaßen erst seit einem Jahrfünft

wieder -- nach jahrhundertelanger Abgeschiedenheit -- den Europäern

erschlossenen Erdgegend ein kleines Interesse abgewinnen, und

erlauben Sie mir daraufhin, Ihnen den (wahrscheinlich um Neujahr

herauskommenden) zweiten Band zu übersenden, so würde ich mich ebenso

beglückt wie geehrt finden. Die Beschäftigung mit dieser -- wie

des Übersetzers natürliche Vorliebe meint -- ebenso unterhaltenden

als belehrungsreichen Arbeit hat mir inmitten des wirren und

unerquicklichen politischen und religiösen (!) Treibens im deutschen

Vaterlande eine wohlthuende Ableitung und Wehr wider das mit Übermacht

sich aufdrängende und anschwellende lügenreiche (und geistarme)

Zeitungengewäsch und kannegießernde dünkelvolle Rednerwesen gewährt;

denn ich mag wohl sagen „~I am sick of politics~“ -- und Gott

verzeih mir’s, fast hätt’ ich geschrieben „~religion too~“

-- „~and all that sort of thing~,“ satt und ekel _der_

Politik, wie sie jetzt unter dem Aushängschild und Deckmantel der

Staatsverbesserung und Volkserhebung von verdorbenen Literaten und

vorlauten Judenbuben in den meisten s. g. Organen der öffentlichen

Meinung getrieben wird, ohne Herz, ohne Wahrheit, um’s Geld im

hochfahrenden Übermuthe der Unwissenheit, in Liederlichkeit und im

Straßenjungengelüst an Unfug und Durcheinander, jener Politik, die

den Parteien zum Tummelplatz und zum Blendwerk des nichtsdenkenden

Volkstheils dient, der nicht begreift, daß -- wie der politisch so

erfahrene, so gediegene, und so besonnen freie Engländer weiß und sagt

-- ~party „is the madness of many for the gain of a few.“~

Empfinde schon _ich_, ein Mensch, der zwar tief und lebhaft

für Poesie fühlt, aber doch ihren Drang und ihre Herrlichkeit aus

eigenem Schaffen nie gelernt hat, das Prosaische und Entnüchterte

unsrer Tage und Literaturrichtung, wie im Dampf der Eisenbahnen

der vom Aktienfieber bethörte Sinn für die Stralen und Genüsse der

Dichtung sich trübt und unlustig wird, wie in den von unbedachten

Schwärmern oder schlauberechnenden Böswilligen aus dem üppigen

aber trüglichen Boden der Theorien und Lehren vom „Musterstaate“

und von der „Glücksgleichheit Aller“ aufgetriebenen Dünsten die

Köpfe sich verwirren und wie selbst Viele der s. g. gebildeten

Klassen den gesunden, klaren, keuschen Born ächter Poesie zu

verkennen und zu verschmähen beginnen, um begierig aus dem nur zu

häufig mit französischem politischem und moralischem Schmutz noch

mehr verunreinigten, unlauteren Quell politischer Dichtung oder

liedermachender Politik zu trinken, -- vergegenwärtige ich mir dann

_Sie_, hochverehrter Mann, der als der letzt- (und hoffentlich

noch _recht lange lange_) lebende Vertreter einer Poesie-reichen

und -freudigen Zeit wie die Abendsonne über die Sturmwolkenmasse

eines vom Parteihader verdüsterten und von der maßlosesten und

grobstoffigsten Geld- und Genuß-Sucht und -Jagd bewegten Deutschland

herleuchtet, so möchte ich fast bedauern, daß Ihre jetzige Stellung

so mildgeborgen, so heiterumglänzt ist, daß Sie sich wohl nicht

versucht oder gedrungen fühlen werden, den alten mächtigen Blitz der

Ironie wieder im Dichterzorn und in einer neuen Dichterschöpfung in

all’ das konfuse und prosaische Wesen hineinzuschleudern. Während

ich aber, mit dem Reichthum und Reiz der Hervorbringungen, die wir

-- Ihre Verehrer -- von Ihnen _haben_ und _genießen_, noch

nicht begnügt -- den „Gewaltigen der Ironie“ zu einer frischen, uns

Allen hochwillkommenen, Lebensäußerung aufrufen möchte, erbitte

ich _mir_ ganz stille von Ihnen eine gnädige Verschonung mit

eben jenem mächtig wirksamen Element für diese etwas wunderlichen

Herzensergießungen.

Meine Frau, welche die Ehre und Freude eines wiederholten Besuchs

Tieck’s in unserem Hause unwandelbar lebhaft in dankbarem und

beglücktem Herzen trägt, empfiehlt sich durch mich Ihrer wohlwollenden

Erinnerung, wie der Fortdauer Ihrer Freundschaft.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 204 / 358 题