_Karlsruhe_, 14. Januar 1842.
_Verehrter Herr und Freund!_
Es drängt mich, was sich in mir seit Ihrem letzten Hiersein an
neugesteigerten Gefühlen der Dankbarkeit, Liebe und Verehrung gesammelt
hat, Ihnen in geschriebenen Worten, da mir mündliche leider unmöglich
sind, auszusprechen; ich nehme dazu das neue Jahr, zu dessen Beginn
ja selbst lästige Wünsche geduldig hingenommen zu werden pflegen,
der Ausdruck ächter Anhänglichkeit und Hochachtung aber eben durch
die Jahreswende und deren Bedeutsamkeit wie am Erlaubtesten so am
Angemessensten erscheinen dürfte.
Die stolze Freude, mit der ich Sie im Geiste und mit dem Herzen auf
Ihren Feierzügen der Heimreise durch Heidelberg, Darmstadt, u. s. f.
begleitete, wird nur durch den Gedanken getrübt und gedemüthigt, daß
nicht auch hier in Karlsruhe Ihnen eine huldigende Aufmerksamkeit
hatte dargebracht werden können; allein Ihr kurzbemessener Aufenthalt
vereitelte die kleine Festlichkeit, mit der es von einer Anzahl
„bekannter und unbekannter Freunde und Schätzer Tieck’s“ auf Sie
abgesehen war, und so sind Sie denn glücklich und unbewußt mit der
blosen Nachricht in der hiesigen Zeitung weggekommen, _daß_ Ihnen
ein Festmahl bereitet werden _sollte_, was übrigens in der, in der
Mehrzahl der Mitglieder seiner s. g. gebildeten Klassen hinsichtlich
des Genusses dichterischer Schöpfungen und der begeisterten Würdigung
der Dichter noch ziemlich böotischen oder beamtlichen „fächergebaueten
Sandstadt“ ein „Ereigniß“ gewesen sein würde, da man hier wol einen
neuen Bürgermeister oder Stadtdirektor oder Landtags-Abgeordneten
oder fürstlichen Namenstag befestmahlte, einen Dichter aber noch
nicht seit Serenissimus der höchstselige Markgraf Karl-Wilhelm von
Baden-Durlach Anno 1715 den Grundstein zu hiesiger Stadt legte.
Übrigens ist Ihnen die gedrohte Verherrlichung (kurios, daß man Poeten
-- diese Ambrosiaesser und Idealreichswohner -- so gern durch ein
Speisefest feiert und ihnen den Lorbeer, statt um die Schläfe, in einer
Wildschweinsauce reicht) nicht geschenkt, sondern nur aufgehoben;
lassen Sie sich nur wieder dieses Jahr in Baden finden! ja, hätte ich
Ihnen nicht gerade zum Beginn eben dieses Jahres nur gute Wünsche
darzubringen, so möchte ich fast, Sie hätten einen recht rheumatischen
Winter durchzumachen, um desto gewisser wieder die „balsamischen Lüfte“
und das „weiche warme Wellenspiel“ in der von einem schriftstellernden
Engländer so benannten „~City of the Fountains~“ aufsuchen
zu müssen; so aber will ich, aus der Fülle meines Herzens, Ihnen
ein geistig und körperlich recht behagliches Verbringen dieser
nordischen (aber nicht meiner) Lieblings-Jahreszeit und noch recht
vieler _Lenze_ und Badereisensommer und fruchtreicher Herbste
(stehen Sie ja doch selbst erst -- was auch der 31. Mai 1773 dawider
aufbringen möge -- im Lebensherbste und müssen, uns Lesern und
geistigen Feingenüßlingen zu lieb und zum Frommen, noch _mehr_
Früchte geben so reif und so schön und so erquicklich wie Ihre letzte,
aber hoffentlich nicht _letzte_, Ihre Südfrucht, Ihre Vittoria)
wünschen.
Aus den kümmerlichen und wol auch mitunter unrichtigen
Korrespondenznotizen der Zeitungen habe ich mir über Ihr seitheriges
Befinden und Thätigseyn doch manches Erfreuliche zusammengelesen,
besonders über Ihren Aufenthalt in Potsdam-Berlin; die Feier, die Ihnen
dort veranstaltet worden, habe ich nachbegangen, Ihre Mühwaltung um die
Aufführung der „Antigone“ getheilt, den Genuß der Anschauung dieses
erhabenen und erschütternden Spiels Ihnen beneidet, die Auszeichnung
und Freundschaft, die Ihnen ein König bewies, über den man _hier_,
wo man häufig entweder hitzig-liberal oder, infolge gewisser
Einflüsse, österreichisch-dirigirt denkt und ist, die seltsamsten und
zweifelndsten Urtheile hören muß, den _ich_ aber als einen Fürsten
voll der reinsten und hellsten An- und Absichten für die allerdings
nicht französisch-übereilte Förderung des Volksbesten und als einen
Mann von tiefem, aber eben darum dem gewöhnlichen und oberflächlich
blickenden Auge nicht breit offen gelegten Gemüthe und von reichem
feinem Geiste ansehe und hoch halte, herzlich gegönnt. Verzeihen Sie
mir diese, in einem freundschaftlicher Ergießung bestimmten Briefe,
vielleicht unangemessene Hereinbringung meiner Ansicht über den
Herrscher Preußens; allein wie überflüssig und werthlos sie an sich
auch sein mag, so hat sie doch das Verdienst, die eines Mannes zu sein,
der sich einer _ächten_ freien Gesinnung bewußt und unabhängig
genug ist, um nicht einen Bierbank-Liberalismus oder den Servilismus
der Kriecher und Hungerleider sich andenken oder anheucheln zu müssen,
und zudem drängte es mich, gerade Ihnen, dem von mir so Hochverehrten
und hier vor so vielen zum zuständigsten Urtheil Befähigten, das
meinige darzulegen.
Von _meinem_ Leben, Thun und -- Lassen (denn ich Kleiner leide
wie gewisse viel viel Größere auch an der Bequemlichkeitssünde) werden
Sie wol keinen Bericht verlangen und ich Ihnen wahrhaftig auch keinen
geben; zwischen den Freuden und Genüssen des Familienkreises und meiner
Bibliothek -- den besten, den ich kenne -- einerseits und ~the
usual routine of newspaper-writing and dictionary-making~ und just
so vieler Theilnahme an freundschaftlichem Verkehr und öffentlichen
Vergnügen, als nöthig ist, um nicht für einen Menschenfeind oder
Pedanten sich ansehen lassen zu müssen, andrerseits, ~runs the
smooth course of my life~, den selbst der Ärger über die immer
materieller werdende, in Fabrikenwuth und Fabrikennoth sich verrennende
Welt nicht zu stören vermag. Einen besondern Genuß gewährt mir
allsonntäglich Abends das Lesen (versteht sich im Original) und
Besprechen Shakespeare’s gemeinschaftlich mit dem Hofbibliothekar Gentz
hier, einem tüchtigen Sprachenkenner, und dem Ministerialrath Zell,
der Ihnen wol noch von Ihrem letzten Hierseyn in freundlichem Andenken
ist, jedenfalls sich Ihnen dazu wieder empfiehlt. Wir gedenken bei
diesem Shakespeare-Kränzchen oft Ihrer; allein lieber noch, als im
Geiste, möchten wir Sie leiblich bei uns haben zum _Vorlesen_,
was Ihnen aber auch, sobald wir Sie wieder in Karlsruhe bekommen und
festhalten können, sicherlich nicht soll erlassen werden. -- Ein Wunder
hat Hr. M. R. Zell hier gewirkt, das Sie ebenso erstaunen als freuen
wird: angeregt durch die ebenso eigenthümliche wie schöne Idee jener
Wiederauferweckung der altgriechischen Tragödie und die vielbesprochene
Aufführung der sophokleischen Antigone in Potsdam hat er über Beides
eine Reihe freier Vorträge in dem hiesigen Museum gehalten, welche
mit der lebhaftesten Theilnahme und stets, selbst von Seiten der
zahlreichst anwesenden Damenwelt, gespannter Aufmerksamkeit angehört
wurden und mich und andere Freunde _geistiger_ Anregungen und
Genüsse hoffen lassen, daß letztere wenigstens _neben_ dem Tanzen
und Geigen noch ihre Stelle in jenem gesellschaftlichen Vereine
erhalten und Wurzel fassend erfreuliche Blüten treiben und wohlthätige
Früchte tragen werden; es war etwas Unerhörtes, Niegeschautes,
Nimmererlebtes, Hunderte und Hunderte diesen Vorträgen zuziehen
zu sehen, und mag schon Manche der Umstand, daß sie (natürlich)
_umsonst_ gehalten wurden, gelockt oder die Mode hingeführt
haben, so ist doch in Viele der Same eines bessern Geschmacks und
einer reineren Genußrichtung gestreut worden und das Verdienst Hrn.
Zell’s gewiß auch in Ihren Augen nicht unbedeutend. Doch ich merke mit
Schrecken, wie ich mit unsern Herrlichkeiten kleinstädtisch groß thue
und breit werde, und nehme Ihre Nachsicht und Augen nur noch für ein
paar erklärende Worte über die Inlage in Anspruch. Sie rührt von einem
jungen hiesigen Handwerksmeister her, der -- ein ächter, kräftiger,
schlichter, kluger, allgemein geachteter hiesiger Bürgersmann -- neben
seinem Gewerbe, das er tüchtig treibt, in arbeitsfreien Stunden sein
unverkennbares Talent zur Dichtkunst als Erholung und vom inneren
Drang bewegt, walten läßt und pflegt, manches, ja vieles recht Hübsche
und Ansprechende in Versen schon geleistet und geliefert hat (ich
glaube, es würde den Mann und Naturdichter _glücklich_ machen,
wenn Sie ihm erlaubten oder ihn einladen, Ihnen das 1840 gedruckte
Bändchen seiner Dichtungen zu senden?) und gelegentlich mich über
seinen literarischen Bedarf oder dieses und jenes von ihm gelesene
gute Buch zu Rathe zieht; so kam er letzthin ganz im Feuer zu mir,
erzählend, wie er so eben mit inniger Lust Ludwig Tieck’s „jungen
Tischlermeister“ gelesen, in dem die herrlichste, einsichtsvollste
Anerkenntniß des Bürger- und Handwerker-Standes gefunden und sich an
dem Buche ordentlich aufgerichtet und aufs Tiefste erquickt habe; wie
er bedauere, daß ihm jede Gelegenheit mangele, dem Verfasser selbst
sein Entzücken und seine Verehrung auszusprechen u. s. w. Auf meine
Bemerkung, daß Sie mich mit Ihrer Bekanntschaft und Freundschaft
beehrten und ich überzeugt sei, daß jene seine Äußerungen, brieflich
an Sie gerichtet, von Ihnen freundlich würden aufgenommen werden, hat
er mir denn das Beiliegende zur Beförderung an Sie, verehrter Herr,
zugestellt. Ich bin gewiß, seine -- wenn schon manchmal überschwänglich
gesetzten -- Worte werden Ihnen wohler thun, als Dutzende zierlich
gedrehter oder gewöhnlicher Rezensionen.
Indem ich Sie bitte, Ihren Reisebegleiterinnen den Ausdruck meiner
Ehrfurcht und meiner Freude, ihrer Bekanntschaft wenn auch leider nur
kurz gewürdigt worden zu sein, darzulegen, hoffe ich, daß _Sie_
mir -- und meiner Frau, die sich Ihnen bestens empfehlen läßt -- Ihre
freundliche Zuneigung auch ohne _briefliches_ Zeichen, um das ich
Sie bei Ihrer so viel in Anspruch genommenen Zeit anzugehen kaum wagen
darf, immergleich bewahren und _vor Allem_ in diesem Jahre mich,
auf Ihrer Badefahrt, mit Ihrem Besuche wieder beehren und beglücken
werden.