_Berlin_, d. 31ten März 1830.
_Verehrter Freund und Gönner!_
Was müssen Sie von mir denken, daß ich all’ die Liebe und Freundschaft,
die Sie mir geschenkt, die überaus gütige Aufnahme, die ich bei Ihnen
fand, Ihre Theilnahme und Belehrung, all’ die herrlichen Stunden,
die ich Ihrer großen Güte verdanke, so sehr vergessen konnte, Sie
zwei Monate auf einen Brief warten zu lassen, und, wie ich nun durch
Becker erfahren, Sie durch die verzögerte Übersendung der versprochenen
Manuscripte förmlich in Verlegenheit zu setzen. Bei mir selbst kann
ich das durch nichts verantworten, aber in Ihren Augen hoffe ich durch
ein offenes Bekenntniß Gnade zu finden. Gleich nach meiner Rückkehr
machte ich mich mit dem erhöhten Eifer, den mir mein Aufenthalt bei
Ihnen eingeflößt, über den Macbeth her, mit dem festen Entschluß,
ihn Ihnen zur versprochenen Zeit einzusenden. Aber da häuften sich
Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten. Ich fand wieder recht, wie viel
schwerer es ist, etwas umzuarbeiten und auszufeilen, als es neu zu
übersetzen, und je strenger meine Anforderungen an mich in Bezug
auf das Einzelne des Ausdrucks und die Eigenheiten des im Macbeth
herrschenden Tones waren, desto schwerer wurde es mir, sie mit der
Abrundung und Vollendung des Ganzen, und namentlich mit den Eigenheiten
der Rhythmen zu verbinden; was ich auf der einen Seite besserte,
verschlimmerte ich auf der andern, und konnte mir’s nie zu Dank machen.
Ich verzweifelte fast, als ich die mir gesetzte Zeit verstreichen sah,
und noch mit dem ersten Act nicht in’s Reine kommen konnte; und doch
durfte ich auch wieder die Sache nicht leicht nehmen, da ich mir fest
vorgenommen hatte, nicht eher mit der Arbeit wieder vor Ihren Augen zu
erscheinen, bis daß ich das mir Möglichste daran gethan. So entstand
in mir ein doppeltes Gewissen, eins, das mich zur Eile trieb, und ein
anderes, das mich beim Zaudern hielt; mit leeren Händen wollt’ ich auch
nicht kommen, und so schwieg ich lieber ganz. Wenn aber mein Zögern
dennoch strafbar ist, so hab ichs gewiß durch das quälende Gefühl,
Ihnen zu mißfallen, genugsam gebüßt; und wenn das noch nicht genügt,
so bitte ich, ein bedeutendes Opfer, das ich durch mein Zögern meiner
Pietät gegen unsern großen Dichter gebracht, mit in die Schale zu
legen, und dann werden Sie mir gewiß verzeihen. Es war doch gewiß für
einen jungen, ungenannten Schriftsteller der stärkste Antrieb zur Eile,
wenn er dadurch hoffen konnte, in ganz kurzer Zeit unter den Auspicien
seines verehrten Meisters seine Arbeit auf die Bühne gebracht, und sich
selbst so gleichsam eingeführt zu sehen. Das alles gab ich dran, um
meine Übersetzung auch nur einiger Maßen dem Original näher zu bringen,
und die Aufschlüsse, die Sie mir gegeben, daran nach Kräften zu
realisiren; wie wenig mir das auch gelungen ist, so werden Sie doch den
guten Willen daran erkennen, und sich gewiß darüber freuen. Das andre
Stück, die Nebenbuhler, habe ich vor mehreren Jahren schon übersetzt
und hatte damals keine Absicht damit, als mich im dialogischen Ausdruck
zu üben, woher ich es denn mit der Wörtlichkeit eben nicht genau
nahm; können Sie indeß, so wie es ist, irgend Gebrauch davon machen,
so steht es gern zu Diensten. Beide Stücke übergebe ich ganz Ihrer
freien Disposition, daraus und damit zu machen, was Sie gut finden;
und ich hoffe bald die Freude zu erleben, durch Ihre gütige Mitwirkung
eines der Stücke auf der dortigen Bühne zu sehen. Hier werde ich mit
Hoffnungen und glatten Worten gefüttert, und der König Lear bleibt
unaufgeführt, während man alles mögliche Schlechte zusammensucht, um
nur was Neues zu bringen. Der F.’sche Julius Cäsar ist auch zweimal
über die Bühne gegangen, das zweite Mal bei sehr leerem Hause, und
wird, da ihm die Recensenten sehr die Zähne weisen und vor der dritten
Aufführung nicht beißen dürfen, wohl nicht wieder gegeben werden. Sie
kennen glaub ich das Machwerk schon, sonst könnt ich Ihnen viel von
der Lächerlichkeit und Frivolität dieser Bearbeitung erzählen, bei der
man nicht weiß, ob man die Leichtfertigkeit der Auslassungen oder die
freche Selbstgefälligkeit der höchsteignen Zusätze und Änderungen
mehr bewundern soll. In einem eignen Aufsatz hat dieser Herr darzuthun
gesucht: da doch Cäsar einmal der Held des Stückes sei, so höre mit
seinem Tod das Interesse auf, und die Abkürzung der letzten Acte, bei
denen es überhaupt dem Shakspeare auf ein Paar Scenen nicht angekommen,
werde nothwendig. Der sauere mürrische Casca und der politische beredte
Decius sind eine Person geworden, und um die Widersprüche zu versöhnen,
läßt der Bearbeiter an der bekannten Stelle des Brutus: „Was für ein
plumper Bursch ist dies geworden,“ den Cassius antworten: „ja, doch
wenns gilt, so weiß er auch zu reden“ u. s. w. und dann überredet Casca
den Cäsar aufs Capitol zu kommen. In der bekannten Rede läßt er den
Anton ungefähr Folgendes sagen: „Er
überwand an jenem Tag die _Parther_,
Und damals wars, als er das große Wort,
„„Ich kam, ich sah, ich siegte““ heimgesandt,“ u. s. w.
Doch genug -- Sie sehen, der Neid spricht aus mir.
Becker ist gestern Abend zum ersten Male im Opernhause, bei vollem
Hause, als Fiesco aufgetreten, und hat eine sehr gute Aufnahme
gefunden. Anfangs zwar opponirte das Publicum, (das gern gleich vorn
herein weiß, wie es mit seinen Helden dran ist, und keine Halbheit,
kein zweideutiges Betragen an ihnen leiden mag) dem Beifall Einiger,
die es wagten, die fingirte Rolle zu beklatschen; dafür entschädigte
es ihn aber auch nach Erzählung der Fabel bei den Worten: „aber es war
der Löwe“ mit desto rauschenderem Beifall, und wiederholte denselben
ungewöhnlich oft und allgemein bis zum Schluß, wo der Gast gerufen und
mit lebhaftem Beifall empfangen wurde. Sein feines Spiel und die Grazie
seiner Bewegungen, mit einem Wort das Vornehme, das er ausdrückt wird
allgemein anerkannt. Noch muß ich Ihnen melden, daß als ich nach meiner
Rückkehr nach Dresden den Herrn Grafen v. Redern besuchte, und ihm Ihre
Grüße überbrachte, er sonst noch Aufträge von Ihnen an ihn zu erwarten
schien, und mich danach fragte, überhaupt so genaue Kundschaft, als ich
sie eben geben konnte, von Ihrem Wirken bei der dortigen Bühne und den
sichtbaren Früchten desselben bei mir einzog, und darauf lebhaft den
Wunsch aussprach, Sie hier bei der Bühne angestellt zu sehen. Obgleich
er mir Stillschweigen auferlegte, so kann ichs Ihnen doch nicht
verschweigen.
Nehmen Sie schließlich nochmals meinen herzlichsten Dank für all die
Liebe und Freundschaft und all die unvergeßlichen Stunden, die ich
in Ihrem Kreise verlebt; haben Sie die Güte, mich der Frau Gemahlin
und werthen Familie, der Frau Gräfin von Finkenstein und den übrigen
Freunden, zu empfehlen, und leben Sie recht wohl.