_Copenhagen_, d. 10t. Septbr. 1822.
_Theuerster Freund!_
Das Jahr hat jetzt seinen dreifaltigen Vergessenheitsschleier zwischen
uns ausgespant, ihr liebes freundliches Antlitz sehe ich doch immer
noch durchleuchten, und, irre ich mich nicht, lächelt es mir noch
herzlich und väterlich entgegen. Wie oft träume ich mich noch in
ihre Mitte zurück: zwischen der lebhaften Dorothea und der stillen
Agnes sitze ich da, im Kreise der freundlichen Hausfrau und der guten
Gräfin; wir hören Ihnen zu, und der große herrliche Shakespeare lebet
und dichtet uns aus Ihren Munde. Der Falstaf steht uns wieder vom
Wahlplatze auf, und der gestiefelte Kater macht dazwischen seinen
genialischen Meistersprung. Ihr schönes Familienleben ist mir ein
wahres Vorbild geworden. Jetzt bilde ich selbst eine kleine angehende
Familie, bin auch Hausvater und Gatte, ich möchte plötzlich alt werden,
um gleich zwei erwachsene liebenswürdige Töchter zu haben, und ein
Leben voll Dichtung und ein Alter voll Jugend und heiterer Ruhe.
Erinnern Sie oder die Töchter noch mein Versprechen, Ihnen voraus
meinen Hochzeitstag anzukündigen, daß Sie meiner und der Braut zur
rechten, astronomisch berechneten Stunde gedenken möchten? ich habe den
freundlichen Scherz nicht vergessen, und würde pünklich Wort gehalten,
wäre der Tag nicht zu spät bestimmt, um so weit voraus mitgetheilt
werden zu können. Es war der 30. July d. J. und im gesegneten Stande
des ächten Lebens bin ich nun fast anderthalb Monat alt.
In diesen Tagen gedenke ich Copenhagen zu verlassen um meinen neuen
Wohnsitz in Soröe einzunehmen, wo ich bey der Academie als Lector in
dänischer Sprache und Litteratur eben angestellt bin.
Der Überbringer dieses Briefes Hr. ~Studiosus~ Hoyer ist
ein junger Liebhaber der Kunst, und eifriger Beflissener der
Kunstgeschichte und der Philosophie des Schönen, doch Gottlob noch mehr
Enthusiast als Kenner. Er theilt meine Verehrung für Sie als Dichter,
und sehnt sich recht inniglich nach Ihrer persönlichen Bekanntschaft.
Er wird einige Zeit in Dresden die Meisterwerke der Kunst genießen und
studieren: möchte ihr Geist bisweilen mit ihm und über ihn seyn und das
Göttliche der Kunst sich ihm recht klar und herlich entschleiern!
Das mitfolgende Gedicht ist schon voriges Jahr erschienen. Seitdem
habe ich Nichts ausgegeben und nur Weniges gedichtet. Die glückliche
Unbefangenheit, womit ich mich vorher dem Reize der Dichtung ganz
rücksichtslos hingegeben ist mir in den letzten Jahren theils von
unsern überlauten Realisten gestört, theils auch für eine ernstere
Selbstkritik gewichen; doch daraus komt Nichts als unfruchtbare
Reflexionen.
Über Vieles möchte ich mich mit Ihnen recht vertraulich aussprechen;
mit dem Schreiben aber, wie Sie sehn, will es nicht recht gehn, und
Dresden ist mir leider zu fern, um jetzt eine Zusammenkunft hoffen zu
können. Doch ist Ihnen mein vorüberfahrendes Bild, wie ich hoffe, nicht
auch aus dem Gemüthe entfallen -- so theilen Sie mir recht bald Etwas
mit von Ihrem Überflusse des Geistes, und von Ihrem heiteren Muthe zum
Leben und Würken im göttlichen Reiche des Schönen!
Ich bedaure das frühzeitige Ableben ihres genialischen Hoffmann;
doch ein innerlich zerrissenes Gemüth scheint sich fast immer in
seiner tiefen Ironie des ganzen Erdenlebens, selbst mitten in seinem
glücklichsten Humor, zu verrathen, und Ruhe zum Leben hat diese
sonderbare phantastische Seele wohl nie genossen; seine Originalität
hat mich mannigfaltig angezogen, und wäre er nicht in Manier verfallen
und in seinen barokken Caprizien von den Ideen verwildert, er würde
gewiß unter ihren größten Geistern, wie jetzt unter ihren sonderbarsten
erkannt gewesen.
Der Walter Scott ist hier, wie bey Ihnen der Lieblingsschriftsteller
der ganzen Lesewelt. Zwar vermisse ist oft bey ihm eine durchgehende
große Totalidee, wie er überhaupt mir größer in Colorit als in
Composition erscheint, und das historische Leben uns mehr in Stücken
darstellt, als es im Ganzen mit Bedeutung und Zusammenhang vorspiegelt,
doch meisterlich weiß er Situationen und Charakteren zu schildern, und
er ist mir ein großes Phänomen in der poetischen Welt. Gern möcht ich
Ihre Ansicht von diesem merkwürdigen Geiste kennen.
Ihre neue angekündigte Samlung von Novellen seh ich mit freudiger
Sehnsucht entgegen: fahren Sie noch lange fort uns mit Ihren
geistreichen Gaben zu ergötzen! Die herliche Malernovelle im letzen
Musenalmanach hat mir einen schönen genußvollen Abend geschenkt.
Und nun tausend Lebewohl und Grüße an die ganze Familie, die ich oft
mit Freundschaft und Sehnsucht erinnere.