_Düsseldorf_, den 2t. Sept. 1841.
Indem ich Ihnen, mein innig verehrter Freund, beifolgend ein Exemplar
des Tristan übersende, lasse ich mir das Vergnügen nicht nehmen, es mit
einigen Worten zu begleiten, die Sie nöthigen, sich einen Augenblick
mit mir zu beschäftigen. Das Glück, mich Ihnen nahen zu dürfen, ist mir
zu lieb und bedeutsam, als daß ich eine Gelegenheit dazu unbenutzt
vorüber gehen lassen könnte, und es ist keine Redensart von mir,
wenn ich sage, daß ich es recht eigentlich unter die unschätzbaren
Hinterlassenschaften meines geliebten Mannes rechne. Die Tage, die
wir in Ihrem Hause zubrachten, sind mir unvergeßlich, und so frohe
Stunden, wie ich durchlebte, wenn Sie und Immermann in ewig lebendigem
Gespräch überall das Feinste und Höchste der Dinge berührten, kommen
wohl für mich auf dieser Erde nicht wieder. Darum such ich mein Glück
in der Erinnerung, und bin bedacht, alle ihre Bilder mir frisch vor
der Seele zu erhalten; und wenn ich, wie im Gespräch mit Ihnen, mich
der Segnungen bewußt werde, die nicht mit den flüchtigen Minuten
verschwinden, so sind das meine besten Stunden.
Den Tristan erhalten Sie in der Gestalt, die ihm nach Ihrem letzten
Bescheide allein zu geben war. Als uns Loebell in Ihrem Namen
mittheilte, was ich längst erwartet und natürlich gefunden hatte, war
Schnaase so gut, die wenigen einleitenden und beschließenden Worte zu
schreiben, und rieth dringend, das was ich im Herbst an Notizen für Sie
gesammelt, ohne Weiteres drucken zu lassen, wie es nun auch geschehen.
Es war mir anfänglich ängstlich, indessen tritt das Geschriebene so
anspruchslos auf, daß es dem Buche nicht viel schaden kann, wenn es
ihm auch nicht viel nützt, und es war mir daher immer noch weniger
bedenklich als eine sorgsamere Ausführung, die dem Geiste des Dichters
vielleicht nicht ganz entsprochen hätte. Das Gedicht selbst wieder zu
lesen, habe ich noch nicht vermocht, besonders in diesen Tagen und
Wochen, wo ich die Schreckensstunden des verwichenen Jahres wieder mit
neuer Lebendigkeit vor mir sehe, und mich vor Aufregung zu hüten habe.
Andere Stimmen aus dem Publikum sind mir auch noch nicht zugekommen
über den Eindruck des Ganzen, weil man hier in Düsseldorf nie seine
Theilnahme allzu lebhaft zeigt.
Während Sie in Baden waren, haben wir uns mit der leisen Hoffnung
getragen, Sie möchten einmal den Rhein bis zu uns herab befahren, und
haben sie nicht eher ganz aufgegeben, bis uns die Zeitungen meldeten,
Sie seien in Berlin angekommen. Seitdem suche ich nun immer zuerst
nach den Artikeln aus Berlin und nach Ihrem theuern Namen, und freue
mich herzlich, wenn ich auf’s Neue höre, wie man Sie dort liebt
und ehrt, und wie Ihnen das Leben in so mancher geistiger Anregung
und Aufmunterung gut thun muß. Ich wollte, Sie blieben recht lange
dort, vielleicht immer; es müßte sich Ihnen nur so recht allmählig
machen, daß Sie den Übergang nicht viel empfänden, den Entschluß alte
langjährige Gewohnheiten und Umgebungen gegen neue zu vertauschen,
der freilich immer schwer ist. -- Vor einiger Zeit sah ich bei
Uechtritz dessen Cousine Frau v. Buttlar aus Dresden, die ich auch die
Möglichkeit nach Ihnen und den Ihrigen ausgefragt habe, die aber leider
besonders aus der letzten Zeit nicht viel wußte. Sie unterhielt uns
hübsch mit ihren anmuthigen kleinen Bildchen, die aber freilich alle
weichen mußten, sobald wir Dorotheens wohlgelungnes Portrait sahen,
das ein gar schöner Spiegel Ihres Wesens ist. -- Außer diesem Besuch
haben wir den ganzen Sommer nichts von Fremden gesehen. Düsseldorf
liegt schon gar zu sehr am Ende von Deutschland und kriegt wenig ab
von den gewöhnlichen Rheinreisenden. Die Sommermonate sind daher für
das gesellige Leben sehr unangenehm, denn da ein großer Theil der
Einheimischen abwesend ist, so giebt es überall Lücken, und da keine
Veranlassung von außen hinzutritt, sehen sich die Zurückgebliebenen
denn eben auch nicht. -- In diesem Augenblick sind von meinen Freunden
eigentlich nur Uechtritzens hier, mit denen der Verkehr bei seiner
Kränklichkeit und Beider Ängstlichkeit für ihre Gesundheit auch
nicht ganz leicht ist. -- Solche absolute Einsamkeit hat freilich
ihre Schattenseiten, und man durchlebt manche Stunde trüber als
sonst, indeß hat sie auch ihre Vortheile und ich suche durch fleißige
Beschäftigung sie möglichst daraus zu ziehen. -- Für die Bände
zurückgelaßner Schriften Immermann’s giebt es mancherlei zu ordnen und
abzuschreiben, woran ich fleißig bin, und außerdem habe ich in allen
Gebieten der Literatur noch so wenig Kenntnisse, und bin ich auch
in andern Dingen so schlecht unterrichtet, daß ich viel nachzuholen
habe, wenn ich meiner Tochter künftig einmal in irgend einer Sache
nützlich seyn will. Mein Vater sagte immer, ein Mädchen brauche nichts
zu lernen, man gab mir also wenig Unterrichtsstunden, und ich lernte
eigentlich nur, wozu mich bisweilen eigner Eifer und Lust trieben. Daß
das aber bei einem jungen unruhigen Mädchen nicht viel, am wenigsten
etwas Geordnetes war, können Sie wohl denken. So lange Immermann lebte,
habe ich diesen Mangel oft drückend empfunden, weil ihm das ewige
Fragen und Antworten mitunter lästig seyn mußte, jetzt sehe ich auf die
unbekannten Gebiete mit mehr Ruhe und freue mich sogar der Schätze, die
mir über manches Schwere forthelfen werden durch die Bereicherungen,
die sie mir geben müssen. -- Besondere Erquickung geben mir häufig gute
Geschichtswerke, und in dieser letzten Zeit hat mir keine Unterhaltung
die Stunden angenehmer verkürzt, als die Lectüre von Rankes Päpsten. Es
war das erste Werk dieses Schriftstellers, was ich las, und ich wählte
es vorzugsweise, weil es mich in die Zeit führte, die mir durch Ihre
Vittoria so nah und anders belebt erscheint als manche sonst.
Durch weiteres Reden über mich und meine Angelegenheiten darf ich aber
Ihre kostbare Zeit gewiß nicht in Anspruch nehmen, und so will ich nur
noch im Allgemeinen zufügen, daß mir der Himmel mein süßes Kind wohl
und kräftig erhält, und mir in dem Gedeihen und geistigen Entwickeln
des kleinen Engels unzählige Freuden schenkt. Sie ist äußerlich auf
wunderbar auffallende Weise das Bild des Vaters, und wenn ich einst
sehen werde, daß er ihr seine Seele und einen Funken seines Geistes
vererbt hat, so erfüllt sich mir Alles, wonach mich noch auf Erden
verlangt. -- Der rechte Lebensmuth und Lebenslust will mir nicht
wiederkehren, und unendlich oft zieht mich die Sehnsucht gewaltig dem
geliebten Manne nach. Doch blicke ich getrost zum Himmel, der mir noch
immer geholfen, und denke er wird mir auch ferner beistehen. -- --
Uechtritz hat mir freundliche Grüße für Sie aufgetragen, im nächsten
Jahre denkt er wieder nach Berlin und Schlesien zu gehen, jetzt ist
er sehr mit dem Plan zu einem Roman beschäftigt, den er, glaube ich,
schon seit Jahren mit sich herumträgt. Schnaase ist mit seiner Frau im
Harz. Daß Ihr Freund Loebell vor einigen Tagen seine Reise nach Italien
angetreten, wissen Sie vielleicht auch noch nicht.
Der Frau Gräfin bitte ich mich zu empfehlen, und Fräulein Agnes
freundlich zu grüßen. Wenn ich sie auch nicht persönlich kenne, habe
ich doch so viel von ihr gehört, um mich ihr bekannt zu fühlen. Und nun
sage ich Ihnen Lebewohl, mein theurer verehrter Freund und Dichter,
möge es Ihnen recht recht wohl ergehen, und Sie immer eine freundliche
Erinnerung bewahren