XIII.

_Düsseldorf_, d. 22. Januar 1837.

_Theurer Freund und Gönner!_

Erlauben Sie mir, Sie nach langer Pause wieder einmal mit diesen

Zeilen zu begrüßen. Wie schmerzlich war es mir, Sie im vorigen Sommer

hier nicht sehen zu können, und wie mußte mich dieser Grund des

Entbehrens erschrecken und betrüben! Doch alle Nachrichten geben uns

die tröstliche Versicherung, daß die Folgen des bösen Falls glücklich

überstanden sind, und so habe ich denn auch die freudige Aussicht, daß,

was das vorige Jahr versagte, dieses bringen und Sie uns hieher führen

wird.

Ich bin um eine Verwendung bei Ihnen angesprochen worden, wozu ich mich

auch mit gutem Gewißen verstehen kann. Unsre Bühne geht mit dem 31ten

März d. J. aus Mangel fernerer Subsistenzmittel wenigstens vor der Hand

ein. Eines ihrer Mitglieder, der Komiker Jencke, wünscht nun auf das

lebhafteste, wenn es möglich, in Dresden placirt zu werden, wo er sich

namentlich von Ihrer Einwirkung die besten Folgen für seine fernere

Ausbildung verspricht. Er hat gehört, daß sein Fach noch immer dort

erlediget sei, und es würde ihm daher äußerst lieb seyn, wenn ihn die

Intendanz zu _Gastrollen im April_ verstatten wollte. Er glaubt,

daß Ihrer freundlichen Vermittlung dieß ein Leichtes seyn werde, zu

bewirken, und hat mich gebeten, Ihre Güte in dieser Hinsicht anzurufen.

Ich habe Herrn Jencke seinen Fehltritt vom vorigen Jahre -- oder

vielmehr seine Fehlfahrt nach Dresden -- vergeben, da er sich seit

_der_ Zeit tadellos betragen hat, und manche Umstände ihn damals

entschuldigten, obgleich ich im Intereße des von mir verwalteten

Instituts streng zu verfahren verpflichtet war. Als Komiker kann ich

ihn nun wirklich durchaus nur empfehlen. Er besitzt natürliche Laune,

charakteristische poetische Auffassungsgabe, weiß seine Rollen vor

allem Gemeinen sehr glücklich zu bewahren, und hat das regste Streben,

sich noch viel weiter zu bringen, als wo er jetzt steht. Aus der Sphäre

des ordinair Komischen, womit sich die gute Deutsche Bühne von Tag zu

Tag hinhilft, ist es ihm schon gelungen, einigemale jenes höhere Gebiet

der Heiterkeit zu erreichen, worin Sie mit Calderon und Shakespeare

walten. Er lieferte mit entschiednem Erfolge den _Junker Winfried_

im Blaubart, den _Syrus_, _Mercutio_ und noch jüngsthin den

Chinto in der Tochter der Luft, so wie den Clarin im wunderthätigen

Magus. -- Ich lege Ihnen daher sein Gesuch an das Herz und bin

überzeugt, daß wenn er zum Spiel kommt, er sich selbst am besten

empfehlen wird.

Unsre Bühne lieferte in diesem Winter von bedeutenden Werken, Othello,

den wunderthätigen Magus, die Tochter der Luft (den 2ten Theil, mit

einem aus dem 1ten Theile entnommen Vorspiele. Semiramis und Ningas

ließ ich von _einer_ Darstellerin geben).

Noch stehen bevor Kleists Schroffensteiner, Iphigenie, Richard der

Dritte, Cäsar. Auch mein Alexis wird in nächster Woche wieder an 2

Abenden gegeben werden.

Es ist Schade, daß die Anstalt untergeht. Denn ohne sie oder mich

zu überschätzen, kann ich doch sagen, daß sie eine poetische Bühne

war, und daß immer neue schwierige Aufgaben alle Kräfte in Spannung

erhielten. Was hätte noch Alles hier möglich werden können, wenn sich

ein großgesinnter Fürst der Sache angenommen hätte!

Doch das sind Dinge, die in Deutschland sich immer wiederholen. Das

Geistige pflegt doch in seinen Nachwirkungen nicht ganz verloren zu

seyn; damit muß ich mich trösten.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 157 / 358 题