X.

=Ludwig Tieck an Immermann.=

_Dresden_, d. 10ten Mai 1835.

_Mein theurer, geehrter Freund!_

Wie unendlich tief bin ich nun schon in Ihre Schuld gerathen und wie

viel glühende Kohlen haben Sie auf mein Haupt gesammelt. Statt zu

klagen und Ihre Verzeihung zu erbitten, will ich, so gut ich kann,

nach der Ordnung die Punkte berühren, auf welche ich Ihnen Antwort

schuldig geblieben bin. Sie erhalten dieses Blatt durch einen wackern,

von mir sehr hochgeschätzten Schauspieler, Herrn P., der sich auch

Ihrer Bekanntschaft erfreut. Ich glaube, dieser Mann hat, seitdem Sie

ihn gesehn haben, noch bedeutende Fortschritte gemacht; er hat hier

mit vielem Glück die beiden Cromwells von Raupach und dessen Friedrich

II. und seinen Sohn (er Friedrich) gegeben. Das Publikum hier

bezeigt ihm so, wie ich, die Hochachtung, die er verdient.

Wie habe ich auf Sie vorigen Sommer in Baaden gewartet! da Sie mir

Ihre Ankunft eigentlich mit Gewißheit versprochen hatten! Ich weiß

nicht einmal mit Gewißheit, ob Sie bis Frankfurt gekommen sind, und den

Brief erhalten haben, den ich Ihnen dorthin schrieb. Es wäre so schön

gewesen, wenn wir uns dort im grünen Lande in dieser so aufthauenden

Sonnenhitze gesprochen hätten. Es lebt sich anders dort, als in einer

Stadt, und Spatziergänge, Natur, alles hätte uns wohl noch näher

gebracht. Nachher ängstete ich mich, Sie möchten doch noch nach meiner

Abreise hingekommen sein, denn die Krankheit meiner Frau zwang mich,

viel früher abzureisen, als ich sonst wohl gethan hätte. Diese fand

ich hier sehr bedenklich und im Winter fast sterbend. Die Wassersucht

macht stets wiederkehrende Operationen nöthig, und die zweite, die

noch im Herbst erfolgte, brachte sie dem Tode ganz nahe. Seitdem hat

sie sich, obgleich diese Operationen wiederholt werden, auf eine fast

wunderbare Art gebessert: ihre Kräfte, die schon ganz geschwunden

waren, stellen sich wieder her, und sie ist jetzt eine bessere

Fußgängerin als ich, so daß sie wenigstens, wenn auch immer leidend,

noch auf einige Lebensjahre rechnen kann.

Den Dank für die 4 Bände Ihrer gesammelten Werke bin ich Ihnen auch

noch schuldig, herzlich gebe ich ihn, wenn auch spät. Mein Freund,

immer wieder habe ich Ihren Alexis gelesen, und oft auch Hoch und

Niedrig, Vornehm und Gering, Dumm und Klug vorgelesen, und er hat immer

allen Menschen und allen Temperamenten auf wunderbare Weise gefallen,

die meisten hingerissen und erschüttert. Das Werk bleibt mir immer neu

und wird mir mit jeder wiederholten Lesung lieber. Mir däucht, das ist

die beste Kritik, sowie der ächte Prüfstein. Diese politische Weisheit

in Anlage und Durchführung, diese feine, edle Ironie, die von diesem

Standpunkte aus so wehmüthige Blicke mit Recht auf alles menschliche

Treiben wirft, diese Doppelheit der Charaktere, alles begeistert mich,

und ich gestehe Ihnen wieder, daß diese beiden Stücke mir unter Ihren

dramatischen Arbeiten die liebsten sind. Mit großer Freude habe ich

es nun erlebt, daß diese großartigen Gemälde unter Ihren Augen und

nach Ihrer Anordnung sind dargestellt worden. Herr Weymar, der hier

mit ganz ungewöhnlichem Glück Gastrollen gespielt hat, hat mir alles

recht weitläufig erzählen müssen. Ich hoffe, von Ihrer Bühne aus

betreten diese kräftigen Tableaux auch die übrigen Theater. Hier und

auch vielleicht anderswo ist eine zu gereizte Zartheit für Rußland eine

Hemmung und peinliche Rücksicht: ich hoffe, aber kein Hinderniß.

Wie oft habe ich Ihr bezauberndes Tulifäntchen wieder in größern und

kleinern Gesellschaften vorlesen müssen! Diese neckische Schalkheit

und bunt beflügelte, leichte Poesie scheint sonst außer Ihrem weit

verbreiteten Reiche zu liegen. Von Russen zu Elfen ist ein weiter

Sprung! Nur das Tüpfchen auf dem I. wünschte ich fort und etwas anderes

an die Stelle; sonst dünken mich alle die Änderungen Verbesserungen;

hier haben Sie verschmäht, etwas anderes einzuführen. Ich kann Ihnen

nicht ausdrücken, welchen Widerwillen es mir erregte, daß der Heine Sie

so lobt und preiset! Die Schriften dieses Zigeuners kenne ich erst, d.

h. seine späteren, seit vorigem Sommer. So bin ich immer hinter meinem

Jahrhundert zurück.

Was Sie mir über Macbeth schreiben, hat mich interessirt und

gefreut. Wie viel hat Ihre Energie und Einsicht schon in kurzer Zeit

geleistet. Im Wesentlichen bin ich gewiß mit Ihrer Einrichtung der

Bühne einverstanden. Was könnte geschehen, wenn man allenthalben

den guten Willen hätte, und die Herrn Comödianten trotz des ewigen

Kunstgeschwätzes ihre eigne kleine Person nicht weit höher als

Shakespear und Göthe schätzten; von Garrick und Schröder kann bei

diesen verwöhnten Eitelkeiten schon gar keine Rede sein. Nur daß Sie

bei dem schwachen Text von Schiller haben Hülfe suchen müssen, thut

mir leid. Wenn Sie einmal Zeit haben und vergleichen, werden Sie

finden, daß dort (ganz nach Eschenburg gearbeitet) der Sinn in den

größten Momenten und bedeutendsten Stellen ein ganz anderer ist; Sie

werden finden, daß ich auch von den Engländern in der Erklärung großer

Poesie-Worte abweiche. Auch haben wir uns bemüht, die Verse selbst

sprachfähig zu machen: sie klingen, wo es sein muß, rund und voll.

* * * * *

Nach so manchen Anmahnungen und Geschenken von Ihrer Seite erhalte

ich nun auch noch zu meiner Beschämung die Nachricht von dem

glücklich durchgebrachten _Blaubart_. (Nicht durchgebracht im

sprichwörtlichen: durch die Gurgel gejagt.) Mich rührt es, daß Sie

Ihren Fleiß auch dieser meiner Jugend-Produktion zugewendet haben. Nur

Ihrem Enthusiasmus, welcher wohl die Spielenden auch entzündet hat,

konnte es gelingen.

Vor vielen Jahren wollten Wolff und Devrient in Berlin auch schon den

Versuch mit diesem Mährchen machen: Wolff, glaube ich, hatte sich den

Simon zugedacht und Devrient sich den Narren und den Arzt, Lemm sollte

den _Blaubart_ spielen. Die Rollen waren schon ausgetheilt und

die Leseprobe gehalten, als irgend etwas die Sache hemmte und die Lust

zum Wagstück wieder dämpfte. Um so mehr Ehre mir, und Dank Ihnen, daß

Sie es nach so vielen Jahren möglich gemacht haben. Ich bin ganz mit

Ihnen einverstanden, daß man so vieldeutige poetische Produkte, die,

wie die Forellen, nur im stets erschütterten Wasser am Leben bleiben,

mit so wenigen Unterbrechungen als möglich geben muß. Aus dieser

Ursach habe ich auch hier den Kaufmann von Venedig nur in _drei_

Acten geben lassen. Ich kann Ihre Änderungen mit dem Mährchen und alle

Einrichtungen nur billigen. Der Kater hat meinen ganzen Beifall. Er

ist klug, daß er die Stiefel nicht anzog, und sich doch, da er diese

bereitwillige Gutmüthigkeit von Direktion, Schauspielern und Publikum

sah, so früh meldete, um anzudeuten, wie er wünsche, daß man auch ihm

sein Recht widerfahren lassen möge: denn auf einer solchen Bühne mag

auch wohl diese parodirende lustige Katze scherzend hinüber laufen;

ich glaube nicht, daß ihre Späße schon veraltet sind, und als ich sie

damals niederschrieb, hatte ich recht eigentlich das wirkliche Theater

im Sinn. Nur muß die Anordnung, das Praktikable, das spielende Publikum

&c. auch spashaft und parodirend genommen und eingerichtet werden. Wie

denn dies wahrscheinlich auch bei Aristofanes geschah, und nicht mit

steifem Ernst.

Und so sage ich auch allen den Damen und Herren, die Ihren Wunsch und

meine Phantasieen mit so großer Anstrengung verwirklicht haben, meinen

herzlichen Dank. Denn daß es eine große Anstrengung ist, sich einmal

so ganz vom Hergebrachten entfernen zu müssen, weiß ich. Hier reicht

beim Phantastischen und Seltsam-Humoristischen, bei dieser Mischung

von Ernst und Scherz das Angelernte und der gute Wille nicht aus; der

Schauspieler muß die Linien und Zirkel überspringen können, in welchen

er sich sonst mit Beifall bewegte, und diesen selbst mit Großmuth und

Aufopferung auf’s Spiel setzen, um ein Ungewisses, Zweifelhaftes zu

gewinnen. Sehr vergegenwärtigen konnte ich mir die Art und Weise, so

ziemlich das ganze Spiel der Dlle. Lauber (jetzt Madam W.), da ich

hier in Dresden ihr schönes Talent, ihre persönliche Liebenswürdigkeit

und ihren gebildeten Verstand habe kennen lernen. Ich hoffe, sie

erinnert sich meiner ebenfalls noch und auch, wie sehr ich damals ihre

Vorzüge anerkannt und auch laut ausgesprochen habe. Auch den Blaubart

(Herrn Reußner) kann ich mir ziemlich deutlich vorstellen, da ich

das Vergnügen hatte ihn im vorigen Jahr oft in Baaden zu sehn. Das

Tückisch-Freundliche, Auffahrende und Seltsam-Burleske der Hauptperson

wird ihm gewiß in vorzüglichem Grade gelungen sein. Ich kann mich

nicht erinnern, ob ich schon sonst einer der Damen oder einem Ihrer

Schauspieler auf meinen Wanderungen durch die Theater begegnet bin.

Sehr wäre ich begierig gewesen, zu sehn, wie der alte Hans und sein

Caspar ihre sonderbaren Scenen durchgeführt haben: daß es dem Publikum

nicht zu lang geworden ist, beweiset, daß sie gut gespielt haben.

Sie sagen mir, mein Freund, daß Mechthilde ihr Mährchen vortrefflich

erzählt habe; das hat mich sehr gefreut, denn diese fremde Erzählung,

während welcher die Handlung eine bedeutende Weile stille steht, habe

ich immer gerade für die allergrößte Schwierigkeit in der Aufführung

gehalten. Sehr begierig wäre ich auch, eine Anschauung zu erhalten,

wie der Narr und der Rathgeber ihre sonderbare und sehr schwierige

Aufgabe gelöst haben. Auch Heymon und Conrad Wallenrod, obgleich nur

Introduction, wollen, sowie der Arzt, mit Kunst und eigenthümlichem

Humor gespielt sein. Bei einem so kapriciösen Gedicht kommt auch

das Tempo sehr in Betracht, was hervorgehoben und gleichsam in den

Vordergrund des Gemäldes tritt, stark gefärbt, accentuirt, oder was

in den Mittel- oder gar den Hintergrund gestellt und abgeschwächt,

verblasen, fast verschwiegen wird. Ist dies ebenfalls gelungen, wie ich

glauben muß, so hat diese Gesellschaft bei Ihnen in Düsseldorf wohl

Ursache, das Haupt einigermaßen empor zu heben, denn ich weiß nicht, ob

dies eben allenthalben gelingt. Das war eben einer der größten Fehler

des ehemaligen Theaters in Weimar, daß im Wallenstein, Maria Stuart u.

s. w., _alles_ auf _einer_ Linie stand: ohne jene dramatische

Perspective, die errathen läßt, beruhigt, zerstreut, um die größten

nothwendigsten Effecte unendlich kräftiger und greller herauszustoßen.

Etwas, worauf schon manche neue Dichter zu wenig achten, wo der

Vorhang, welcher fällt, die Pause des Zwischenactes eine zu große Rolle

spielt, und die Gedichte selbst jene zerstreuenden Ruhepunkte zu wenig

haben, die ich hier und da im Blaubart habe anbringen wollen.

* * * * *

Geliebter Freund! theilen Sie einiges aus diesem Blatt oder das ganze

Blatt ihren Schauspielern, die sich so redlich bemüht haben, mit,

und vielleicht habe ich dadurch zum Theil Ihrem Wunsch genügt. Aber

glauben Sie mir, die allgemein Anerkannten dieser Profession, die

Bewunderten sind heut zu Tage die unerträglichsten, an welchen Hopfen

und Malz verloren ist. Sagen Sie einem dieser: er sei mehr als Garrick,

Schröder, Talma, Baron, Fleck &c. -- er dankt mit Kopfnicken und meint,

das verstehe sich von selbst; ersuchen Sie denselben, er möge das Knie

weniger krümmen, oder den Federhut in die linke, statt in die rechte

Hand nehmen, so ist er Ihr unversöhnlicher Feind. Die minder großen

nehmen noch Lehre an.

* * * * *

Nun noch eine Bitte.

Unser hiesiger sehr braver Schauspieler und Regisseur Dittmarsch

wünscht, daß seine junge Tochter etwas lerne, was sie kann, wenn sie

unter verständiger Aufsicht und ächter Kritik viel spielt. Da hat er

sein Auge auf Sie, theuerster Freund, geworfen, und ersucht mich,

Ihnen dies muntre, gutgeartete Kind zu empfehlen. Sie hat hier, nicht

ohne Beifall, naive Bauernmädchen z. B. _Rosine_ in _Jurist

und Bauer_ gespielt und noch mehr muntre Rollen. Das Neckische,

Possierliche, Gutmüthige, Heitre und ganz Natürliche des Lustspieles

scheint ihr Talent; aber sie kommt hier zu nichts, weil die Concurrenz

bei unsrer Bühne zu groß ist. Viele Rollen dieser Art hat die Devrient

hier, und will sie nicht abgeben, weil sie darin noch immer gefällt;

nun ist die Bauer engagirt, eine Virtuosin in diesem Genre: die Berg,

die Herold sind noch hier, noch einige aufkeimende, alles will spielen,

viele haben ältere Ansprüche und da ist das arme liebe Kind fast ohne

Beschäftigung. Ich, und der Vater mit mir, glaubten, daß unter Ihrer

Leitung das Mädchen wohl etwas Vorzügliches leisten könnte, wenn sie

nur recht viel beschäftigt würde. Können Sie sie irgend brauchen, so

schlagen Sie meine Bitte und Empfehlung nicht ab: die Geldforderung

würde auf keinen Fall bedeutend sein. Herr P. wird Ihnen das Nähere

sagen.

Herr Dittmarsch, der Vater, hat nicht das Talent, die Tugend und das

Laster der meisten Regisseure, daß er seiner Tochter, wie er oft beim

Intendanten könnte, Rollen erschliche oder erbäte; er ist zu ehrlich

und verlangt, man soll ihm entgegenkommen. Da er so schweigsam ist,

geschieht dies zu wenig, und wir nehmen Sie also in Anspruch, geehrter

Freund!

Wie viel hätte ich noch zu sagen; ich muß endigen. Kommen Sie, setzen

Sie die Ausgabe Ihrer Werke fort, bewahren Sie mir Ihre Liebe, so wie

ich bin und bleibe

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 152 / 358 题