IX.

_Düsseldorf_, 4. May 1835.

Ich übersende Ihnen, mein Hochverehrter, den Zettel der gestrigen

Aufführung des Blaubart, welche ein sehr erfreuliches Resultat gegeben

hat.

Das Erfreulichste war mir, daß das Stück sich wirklich, wie ich

beständig geglaubt hatte, als völlig dramatisch-theatralisch bewährt

hat. Die sonderbaren maskenartigen Figuren der ersten Scenen

beschäftigen und fesseln und bringen bei dem überhaupt für Poesie

Empfänglichen sogleich die gehörige Stimmung hervor. Nach und nach

tritt der Ernst heran, die Spannung steigert sich gelinde, und wächst

bis gegen das Ende zum tragischen Affect, auf welchem Gipfel sich das

Werk wieder durch Scherz gelinde beruhigt. Kurz, es sind in diesem

freien Gebilde der Phantasie zugleich alle Requisite des materiellen

Theaters vorhanden. Das wußte ich freilich längst von diesem, wie von

manchem andern Ihrer oder Andrer Werke, allein es ist doch erfreulich,

dieses isolirte Wissen nunmehr durch die Praxis bewahrheitet zu

sehn. Mein Glaube steht fester als je, daß unsre Bühne nicht verarmt

ist, vielmehr auf der Stelle reich dastehn würde, wenn wir nur uns

entschließen könnten, die unbenutzten Schätze, welche wir noch haben,

hinauf zu fördern.

Die Darstellung war eine gute zu nennen; ich glaube, daß Sie mit

derselben nicht unzufrieden gewesen seyn würden. Obgleich Vieles in

den Händen größerer Künstler (denn das Stück verlangt bis in die

kleinen Rollen hinein eigentlich bedeutende Talente) noch schärfer,

origineller, markiger ausgefallen wäre, so kann man doch dreist

behaupten, daß der Sinn und Humor keiner einzigen Szene verloren

gegangen ist. Selbst bis zu den Handlangern herab war es gelungen,

den Geist des Ganzen ihnen beizubringen. Und das Stück zeigte sich

so leicht behandelbar, daß ich mit geringen Vorbereitungen dessen

mächtig geworden bin. Eine Vorlesung, zwei Lese- und drei Theaterproben

genügten, den Blaubart in die Szene zu setzen. In besonders guten

Händen waren Agnes, Simon, Winfried, Rathgeber -- auch der Blaubart

und der Narr waren nicht schlecht. Mechthilden muß ich ebenfalls noch

lobend erwähnen. Sublim machte sich die Erzählung des Mährchens, die

ich tableauartig hatte arrangiren lassen. Im Ganzen ließ ich die Farben

dreist und keck auftragen, auch was Costum, Maske, Apparat u. s. w.

betrifft.

Da wir beide den schändlichen Zustand unsres heutigen Theaterpublicums

kennen, so werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich

mit stiller Resignation ins Theater ging, auf eine völlige Niederlage

gefaßt, wobei indeßen, wie jener französische König sagte, die Ehre

nicht verloren gegangen wäre. Nun war aber der Erfolg ein ganz andrer,

angenehmerer. Von vorn herein herrschte die größte Aufmerksamkeit im

ganz gefüllten Hause (~NB.~ beim schönsten Maiwetter). Alles

Lustige, Humoristische wurde belacht, die tiefsinnigen Unterhandlungen

zwischen Simon und dem Arzt, diesem und dem Blaubart erregten die

größte Lust, tiefe Stille bei den tragischen Szenen, häufiger Applaus,

endliches Hervorrufen von Agnes und dem Blaubart -- kurz, alle Zeichen

eines vollständigen Erfolgs. Ich habe nach diesem Abende die Hoffnung,

den Blaubart förmlich dem currenten Repertoir einverleiben zu können.

Das ist sehr wenig und sehr viel, wie man es nimmt.

Aus dem Zettel ersehen Sie, daß ich Abänderungen und Einrichtungen

vorgenommen habe. Sie trauen mir den lächerlichen Dünkel nicht zu, Sie

verbessern zu wollen, allein man muß durchaus, will man bei gewagten

Sachen noch einige Chancen des Gelingens für sich behalten, sich

gegenwärtig zu Manchem verstehn.

So ist es mir ein Erfahrungssatz geworden, daß bei solchen

Productionen, je weniger Zwischen-Acte sind, desto mehr noch an

einen Erfolg zu denken ist. Die poetische Stimmung verfliegt bei der

barbarischen Menge den Augenblick wieder, wenn sie nicht möglichst

condensirt zusammengehalten wird. Mit der Zusammendrängung der

Stella in 3 Acte war es mir schon gut gelungen, und nun ist dieselbe

Operation, wie ich glaube, auch dem Blaubart zu Statten gekommen.

Ich habe aus Act 1 und 2 den Ersten aus Act 3 und 4 den zweiten Act

gemacht, und der 5te Act ist der dritte geworden.

Manches habe ich gekürzt. Dann war es für das Theater durchaus

nothwendig, die secundaire Handlung (Morloff, Reinhold, Brigitte,

Leopold) völlig zum Abschluß zu bringen, bevor die tragische

Katastrophe der Haupthandlung eintrat, weil das Eintreten der zweiten

Handlung, nachdem die Haupthandlung zum Ende gediehen ist, für

unser nicht mit einem Male von dem Gelüste nach starken Effecten

abzubringendes Publikum eine ~longueur~ gewesen wäre, welche

vielleicht den ganzen Schluß umgeworfen hätte. Ich ließ also schon

im finstern Wald den alten Morloff seine Tochter wiederfinden, ihr

vergeben, und diese ganze Gruppe nur zum Schluß mit einigen auf Agnes

bezüglichen Worten wieder eintreten.

Die Szenerie Ihres Werks zum Schluß hätte eine bedeutende tragische

Handlung auf einen engen Raum zwischen Podium und Soffiten ängstlich

zusammengepreßt, welches, wenigstens auf unsrer kleinen Bühne, die

ganze Wirkung vernichtet haben würde. Ich nahm also das ganze Theater

zum Altan, ließ hinten das Podium aufnehmen, Luft und vorragende

Gebirgsspitzen hinhängen, um die Höhe zu versinnlichen, und Alles von

unten und hinten auf den Altan kommen.

Winfried schloß das Ganze mit einer gereimten ~Captatio

benevolentiae~ an die Zuschauer.

Wenn es Sie interessirt, will ich das Buch, wornach hier gespielt

worden ist, übersenden.

Das Liebste wäre mir nun, wenn _Ihnen_ diese Sache auch einige

Freude machte. Ist dieß der Fall, so würde ich Sie bitten, Ihre

Abneigung gegen das Schreiben zu überwinden, und mir einige Zeilen

zu senden, die ich meinen Schauspielern mittheilen könnte. Das Wort

des Dichters würde sie außerordentlich erfreun, und es ist wohl

gewissermaßen jetzt nöthig, wenn diese verkommenen Menschen einmal sich

zum Ungewöhnlichen aufraffen, das Edlere in ihnen auf jede Weise zu

bestärken.

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 150 / 358 题