_Düsseldorf_, d. 7. Nov. 1834.
Vor etwa zehn Tagen ließ ich die ersten vier Bände meiner Schriften
an Sie, theurer Meister, abgehn, und dachte mit dem nächsten Posttage
an Sie zu schreiben. Das Gedränge, worin ich jetzt stecke, hat aber
diese Zeilen bis heute verzögert. Unterdessen sind jene Bände bei
Ihnen angelangt, und werden hoffentlich von Ihnen mit gewohnter
Freundlichkeit empfangen worden seyn. Es ist viel Neues darin, noch
Mehreres, was früher schon vorhanden, jetzt eine neue Form gewonnen
hat. So ist namentlich Tulifäntchen in der jetzigen Gestalt knapper und
präciser gehalten.
Ich betrachtete es als ein wahres Unglück, daß wir uns im Sommer
verfehlten. Welchen angenehmen Tag hätten wir zusammen haben können!
Wir sind wenige Meilen an einander durchgefahren, Sie über Heidelberg,
ich über Mannheim; leicht wäre es mir gewesen, jene Tour zu nehmen, und
mit Ihnen einen Tag in Heidelberg zu seyn. Vielleicht, daß das künftige
Jahr mir in dieser Hinsicht mehr Glück bescheert.
Hoffentlich steht es in Ihrem Hause jetzt wieder wohl, oder besser
doch, als damals, wo Sie mir schrieben. -- Ihrer heitern Laune in
der Vogelscheuche habe ich mich sehr erfreut; in diesem Mährchen
ist eine unendliche Fülle des graziösesten Scherzes (trotz des
verhängnißvollen Hans -- im Himmel und auf Erden) und der lieblichsten
Naturanschauungen. Nur fürchte ich, werden es Ihnen unterschiedliche
distinguirte Charaktere in Literatur und Kunst, beim Militair und
Civil übel gedenken, daß Sie ihren Stammbaum von gebranntem Leder so
schonungslos enthüllt haben. Hegel und seine ganze Schule war, wie ich
glaube, ähnlicherweise aus den Erbsenfeldern gelaufen.
Meine Tage werden jetzt ganz von dem Geschäfte für die Bühne absorbirt;
ich kann weder etwas schreiben, noch lesen. Hätte ich auf eine
augenblickliche Vergeltung der sauersten Mühen gerechnet, so müßte mir
meine Lage sehr peinlich vorkommen, da ich aber dieses Geschäft mit
völliger Resignation anfing, so tröstet mich nur der stille Gedanke,
daß, wie übel der Anschein der Dinge auch immer seyn möge, Fleiß und
Liebe nie ganz umsonst aufgewendet wird. Ich eröffnete die Bühne vor
etwa 14 Tagen mit einem Vorspiele von mir, und dem Prinzen von Homburg,
der vortrefflich gegeben wurde. Namentlich wird man, das darf ich kühn
sagen, die Paroleszene, die Schlacht und den 5ten Act nicht leicht
beßer sehn können. Hätte ich Sie doch unter meine Zuschauer zaubern
können!
Von bedeutenden Aufgaben, die seit der Zeit gelöst worden sind, kann
ich Ihnen ferner Macbeth nennen. Ich wollte ihn erst nach Ihrer
Übersetzung geben, aber als ich erwog, daß für diesen Vers unsren
Schauspielern zur Zeit noch die Zunge, und unsrem Publico das Ohr
gebricht, so entschied ich mich doch für Schiller, legte aber die
Hexenszenen aus Ihrer Übersetzung ein. Die Hexen wurden nicht als
Furien, sondern als häßliche ekelhafte alte Weiber gespielt, wo mir
denn wenigstens die Genugthuung wurde, daß während jene Gestalten in
der Regel Lachen erregen, dießmal ein rohes Sonntagspublicum dem alten
Weiber-Gekreische so still zuhörte, als säße es in der Kirche.
Den ersten Act schloß ich, zum Theil durch die Beschränkung meiner
kleinen Bühne gezwungen, mit der 4ten Szene, so daß nun der ganze
Aufzug ein kurzes stürmisches Schlacht-, Zauber- und Gewitterbild war.
Der zweite Act begann mit der Brieflesenden Lady, und in diesem hatte
ich von Shakespeares, mir durch Sie erst klar gemachten Intentionen
soviel gerettet, als möglich war. Die Szene blieb unverändert, und
stellte einen engen gothischen Hof des Schlosses Inverneß mit einem
Balcon und verschiednen Ein- und Ausgängen vor. Der Act begann gegen
Abend, dauerte die Nacht hindurch und schloß am Morgen. Freier Himmel,
der Mond hinter schwarzen Wolken, Sturm und Regen spielten mit.
Das Arrangement war so:
[Illustration]
~a. a. a.~ Hauptgebäude des Schlosses mit einem seitwärts
hervorspringenden Vorbau.
~b.~ Pforte, durch welche die Lady Brief lesend, und am Morgen
nach dem Morde auftritt.
~c.~ Eine Treppe mit einem Balcon an dem Seiten-Vorsprunge des
Hauptgebäudes. In diesem Seitenvorsprunge wurde der Speisesaal, das
Schlafzimmer Duncans und der Prinzen angenommen. Duncan führte die Lady
über diese Treppe durch die Thür ~d~ ab. Die Lords gingen durch
die untre Thür ~b~ und kamen aus derselben.
~e.~ Seitenpforte zu äußern Schloßgebäuden, worin die Schlafzimmer
der Lords angenommen wurden. Sie gingen also am Abend von ~b~ nach
~e~ und stürzten am Morgen aus ~e~.
~f.~ Seitenpforte zu der Pförtner-Wohnung und
Wirthschaftsgebäuden, woher am Abend die Speisen getragen wurden.
~g. g.~ Hintergebäude, Zugbrücken, Thürme, Gebüsch.
Durch diese Anordnung bekamen nun die Szenen, welche sonst trotz
des in ihnen waltenden Übermaaßes von Poesie kalt vorübergehn, ein
außerordentliches Leben. Die winklichte Mondbeschienene Architectur
hatte schon etwas Geheimes, Grauenvolles, und nun das Gehn und Kommen
von verschiednen Seiten, aus 4 Thüren, das Hinauf- und Hinuntersteigen!
Wahrhaft sublim machte sich der Moment, wo die Lady unten an der
Balcontreppe lauschend gekauert, flüstert, und Macbeth eben auf den
Balcon mit den Paar entsetzten Worten hinaus- und gleich wieder
zurückstürzt. Sehr schön baute sich auch bei dieser Einrichtung das
Tableau des Morgens. Von allen Seiten kamen Gruppen zu Stande, und den
Gipfel bildeten die beiden Prinzen, die oben auf dem Balcon blieben.
Reußler, den Sie in Baden kennen gelernt haben, spielte den Macbeth.
Roh, verworren, halbverrückt von Stolz und Zaubersprüchen, nach meinem
Gefühle nicht unwürdig des großen Werks, freilich nicht in dem Sinne
unsres Publicums, welches hier, wie aller Orten verlangt, daß der Held,
wenn er auch seinem König die Kehle abschneidet, von Liebenswürdigkeit
glänzen soll. Herrlich wurde Macduff gegeben, nie habe ich die Reden
des 2ten Acts mit so grandiosem Pathos vortragen hören; ich wurde
an Aeschylus erinnert. Schenck heißt der Schauspieler, der ihn gab.
-- Die Nachtwandelszene ließ ich ohne allen Accent, und scharfes
Einschneiden der Rede, was sonst üblich ist, sondern nur so leise
tonlos hinflüsternd sprechen.
Zunächst habe ich von großen Sachen: Hamlet, Stella, Minna v. Barnhelm,
Schule der Alten, vor mir. Von ganz ungangbaren Werken, deren
Darstellung ich in diesem Winter versuchen will, nenne ich Ihnen den
Blaubart, König Johann, Richter von Zalamea, Coriolan, Alexis. Mein
Repertoir ist wunderbar componirt, ich suche mir durch Auftischung des
Gewöhnlichen Raum und Vergunst für meine Lieblinge zu gewinnen.
Die Gesellschaft ist gut zusammengesetzt. Mehrere hübsche, frische
Talente, kein einziges exorbitantes Genie, kein einziger Dummkopf. Noch
zeigen sie Lust an dem Neuen, was ich mit ihnen, und durch sie versuche.
Aber alles dieses kann, wie man die Hand umdreht, sich ändern. Ich bin
daher auch jetzt bei gutem Fahrwasser und Winde schon auf Schiffbruch
gefaßt.
Mögen diese Zeilen Sie gesund und heiter treffen! Ihrem ganzen Hause
mich bestens empfehlend, bin ich unverändert