_Düsseldorf_, d. 8. October 1832.
Ich sage Ihnen, mein hochverehrter Herr und Freund, den aufrichtigsten
Dank für Ihren theilnehmenden Brief, den ich zu meiner großen Freude
und Erquickung vorfand, als ich von einer Reise in die Ahr- und
Lahngegend und durch Hessen zurückkehrte. Mit meiner Gesundheit hat
es allerdings im letzten Jahre nicht besonders gestanden, ich litt an
Nervenzufällen, über die ich sonst, wenn ich davon reden hörte, nur als
über schwächliche Einbildungen lachte, und war in aller Thätigkeit und
Lebensfreude sehr gehemmt. Jetzt aber ist es besser; die Reisebewegung
hat noch das Ihrige gethan, und ich hoffe, daß der Dämon wieder von mir
gewichen ist.
Eine wahre Stärkung ist mir gewesen, was Sie über meine Sachen sagen.
Ich muß Ihnen nur gestehn, daß mich in den letzten Zeiten bei der
allgemeinen Dumpfheit und Kälte, und bei dem Hohne ungezogner Buben,
den ich bei jeder Gelegenheit zu erdulden hatte, oft ein Verzagen
überschleichen wollte, daß ich mehr als je das Bedürfniß fühlte, mich
in fremdem Urtheile wiederzufinden. -- Ihre Worte über den Merlin sind
ganz meinem Sinne und Wunsche gemäß; ich könnte Ihnen über Manches, was
dunkel erscheinen mag, auch nichts weiter sagen, als daß es mir so in
einer Anschauung vorgeschwebt hat, und ihm kein bestimmter Satz, oder
eine besondre Wahrheit zum Grunde liegt. Die allgemeine Anregung, von
welcher Sie reden, ist also grade die Stimmung, aus welcher wenigstens
bei mir die Arbeit hervorgegangen ist, und die ich gern überall bei
Andern wieder sehen möchte. Ein ins Spezielle gehendes Deuten würde
meine Absicht nicht treffen.
Ich will Ihnen nun die beiden Fragen, die Sie mir stellen, so gut ich
kann, beantworten. Der Unbekannte in der Zueignung ist mein hiesiger
Freund Schnaase, deßen ich ja wohl schon gegen Sie Erwähnung gethan
habe, und von dem Sie vermuthlich jetzt durch Uechtritzens Vermittlung
den Aufsatz „über Genremalerei“ gelesen haben werden. Das Entstehen
unsres näheren Verhältnißes fiel grade in die für mich sonderbare und
unvergeßliche Zeit, wo der Merlin in mir zu werden begann. Er war der
Erste, der von der Idee erfuhr, und nahm auf eine Weise Theil daran,
ohne welche ich sie vielleicht nicht auszuführen vermocht hätte. Ich
hoffe, dieser schöne, vielseitige und tiefe Geist wird Ihnen nicht
lange mehr unbekannt bleiben.
Bei der zweiten Frage muß ich etwas weiter ausholen. Sie fragen: ob
die letzten Worte Merlins auch die wahre eigentliche Meinung des
Autors sagen. -- Anfangs verstand ich Sie nicht, nachher habe ich mir
die Sache aber so ausgelegt, daß Sie damit auf einen Zwiespalt in dem
Gedichte haben hinweisen, und eine Erwartung, die durch das Ende nicht
erfüllt wird, haben andeuten wollen. Habe ich Sie recht gefaßt, so
trifft Ihre Einwendung allerdings den wichtigsten Punkt, und ich muß
Ihnen in gewisser Beziehung Recht geben.
Wie mir die Entfaltung der Welt durch das Christenthum vorkommt,
so hat jener einfache und eigentliche Geist desselben, der das
Menschengeschlecht aus den Fesseln des äußern Naturgesetzes befreite,
nur die ersten, apostolischen Zeiten beherrscht, sehr bald nahm dieses
Gesetz, diese Gewalt der Mannigfaltigkeit, diese Herrschaft des
Irdischen, oder wie man es sonst nennen will, wieder Besitz von den
Gemüthern der Menschen, und die folgenden Jahrhunderte stellen nur den
Kampf der beiden, wenigstens auf Erden unvereinbaren Dinge in Volk
und Individuo dar. Die Kirche sucht sie durch einen schönen Traum zu
versöhnen, die Reformation giebt dafür einen andern Traum, als könne
man zu jener Schlichtheit und Einfalt des Urchristenthums zurückkehren.
Er dauert aber nicht lange, bald tritt die Doppeltheit und der nie zu
schlichtende Zwiespalt immer größer und gewaltiger auf, treibt auf
dieser Seite zu neuen Heiden, die denn doch nichts wären ohne das
Christenthum, auf jener Seite zu Christen, welche ohne die Ausstattung
durch Natur und Alterthum auch zusammenschrumpfen würden, und erscheint
endlich in seiner Spitze da, wo nun selbst die heißeste Andacht, die
tiefste, unmittelbarste Sehnsucht nach dem Göttlichen, so von ihrer
eignen irdischen Fülle durchdrungen, verdichtet und verkörpert wird,
daß die Gnade von diesem Drange sich abwendet, und das Heilige vor dem
Gebete erschrickt. Ich kann, um mich deutlich zu machen, hier Spinoza
nennen, obgleich das Beispiel nicht ganz paßt, da seine Natur noch
einen Schritt weiter gegangen ist.
Vor jenem modernen, unbeschreiblichen, in seinem Reichthume unseligen
Geiste hatte auch ich in mir manchen Schauder verspürt, und Merlin
wurde mir der eminente Repräsentant desselben. Hier war von keiner
psychologischen Unwissenheit, von keinem Unglück durch Sünde, nicht
von Schuld und Buße die Rede, nein, das Elend an sich, die Andacht
ohne Gott, der Untergang der vollkommnen Dinge, eben weil sie die
vollkommnen sind -- dieses Alles hatte mich ergriffen. Was soll also,
kann man fragen, diese Unterwerfung unter Gott ohne Zweck, dieser
Schluß, der nichts schließt und nichts löst, und von dem Drucke der
vorangegangenen Katastrophe das Gemüth nicht zu befreien vermag?
Wirklich sollte das Ende erst ganz anders seyn. Der ganze Merlin war
in seiner ersten Anlage viel bunter, figurenvoller, psychologischer.
Im Nachspiele sollten aus dem Hades herauf die Gesänge der Schatten
der Tafelrunde erschallen, deren Inhalt eine Art wehmüthigen Glückes
war, Merlin selbst sollte als Geisterstimme das Ganze epilogisiren,
sich zum weltlichen Heiland erklären, und aussprechen, daß weil
nun einmal alle Freude und aller Schmerz der Erde in _einem_
Individuo durchgefühlt worden sei, der Fluch sich erschöpft habe, und
jeder Künstler in der Grotte des Dulders Trost finden könne. -- Ohne
darüber zu reflectiren, wurde ich aber genöthigt, das Gedicht in der
einfacheren, mehr symbolisirenden Form zu schreiben, und den Schluß so
populair und beschränkt zu fassen, wie beides nun vorliegt.
Vielleicht war etwas, was eine Darstellung des obersten und letzten
Widerspruchs seyn soll, nur durch den Widerspruch, durch die
Inconsequenz dichterisch abzuschließen, ein vollerer, metaphysischerer
Klang hätte vielleicht das Ganze in die Dogmatik und Philosophie
getrieben. Die Kräfte des Himmels und der Hölle haben sich bewegt,
das Übermenschliche hervorzubringen, eine Figur, die die beiden Pole
zusammenknüpft, und es kommt doch in letzter Instanz nur zu einem
Beschränkten, Anthropologischen. Mich dünkt, der Künstler mußte sich
auf diese Sphäre resigniren.
Ich wünschte, ich hätte Ihnen das Alles mündlich sagen können, ich
schreibe nicht gern über meine Motive, man bekommt da immer etwas
Prätiöses.
Auf Ihre Novelle freue ich mich sehr, Ihre Arbeiten, die im Herbste
zu erscheinen pflegen, sind mir immer ein schöner Segen dieser Zeit,
die mir die liebste im Jahre ist. Noch ist die Urania nicht hier.
-- Im letzterschienenen Bande des Shakespeare hat mich der Timon
mächtig gefesselt, ich kannte dieses außerordentliche Werk noch gar
nicht. Ich muß ihn noch mehrmals lesen, bevor ich sagen kann, daß ich
ihn bewältiget habe. Auf seine eigne Weise hat S. hier wieder das
Hauptmotiv: den schwärmerischen Sinn Timons für Männerfreundschaft,
leicht hingehaucht, es eigentlich nur errathen laßen. Er verfährt oft
so. Die Übersetzung paßt in ihrer schweren Art sehr für den Stoff, nur
hätte ich hier, wie in manchen Stücken der Sammlung eine veränderte
Wortstellung gewünscht. Es ist oft nicht möglich, die richtigen
Redeaccente scharf herauszuheben, wie die Worte jetzt stehn -- was bei
dem mündlichen Vortrage sich sehr merklich macht.
Uechtritzens Chaldäer haben mich ebenfalls ungemein beschäftigt. Nur
soll mich wundern, wie er mit der motivirenden psychologischen Form
den Stoff durchführen wird, der sich nach meinem Gefühle mehr zu einer
lyrisch Aeschyleischen Auffassung qualifizirt hätte. Auf die gedruckte
Rosamunde bin ich auch sehr neugierig. Ich habe vielleicht gegen diese
Dichtung Unrecht, und sehe sie nun mit andern Augen an, da sie mir
ferner und fremder geworden ist.
Die sogenannte romantische Schule der Franzosen macht freilich seltsame
Sprünge. Sobald diese Art sich auszubreiten begann, hatte ich gleich
die Ahnung, daß wir an unsern Verächtern nunmehr durch Ausbrüche ihres
kalten Wahnsinns vollständig gerächt werden würden. Da ich von dort
nie Poesie erwarte, so amüsiren mich die artigen Sachen doch, weil
immer ein gewißes Geschick, eine Art von hasenfüßiger Zierlichkeit
darin sichtbar ist. Louis XI. von ~de la Vigne~ z. B. ist
allerliebst gemacht.
Eine curiose Neuigkeit, die Sie vielleicht noch nicht kennen, las
ich vor wenigen Tagen: die mehreren Wehmüller und Hungarischen
National-Gesichter von Cl. Brentano. -- Das Burleske finde ich hübsch
darin, das Ernsthafte ist wie immer abscheulich.
Sie erkundigen sich nach meinen Arbeiten. Ich habe im Sommer eine
vollständige Revision meiner ältern und neuern kleinen Gedichte
vorgenommen, manches Neue gemacht, und eine gereinigte Sammlung
zusammengestellt. Jetzt liegt der _Hofer_ vor mir, den ich
umarbeiten will. Das Kleinliche und Sentimentale soll hinaus, und das
Ganze wird auf ein einfaches, großes, historisches Motiv gebaut werden.
Außerdem beschäftigen mich drei neue Aufgaben -- die _Epigonen_,
ein Roman, von dem ich Ihnen aber keine Andeutung geben kann, weil
diese zu weitläuftig werden würde; das mythische Gedicht: der
_Schwanenritter_, dessen Eingangsstanzen ich im vorigen Herbste
Ihnen abschrieb und dann: der _Tristan_, dessen Plan und
Eintheilung auch bereits fertig ist. -- Diese drei Stoffe sind ein
wahres Unglück für mich, denn weil sie mich auf gleiche Weise anziehn,
so fühle ich mich oft in ihrer Mitte völlig paralysirt.
Machen Sie nur Ihre Zusage wahr, im künftigen Jahre hierher zu kommen.
Ich würde mich außerordentlich freuen, wenn ich Sie hier begrüßen
dürfte. Man kann Ihnen freilich hier nichts Fertiges zeigen, aber es
regt sich doch Manches, was in gutem Wetter und Sonnenschein vielleicht
einmal fertig wird. Schadow, der Sie sehr verehrt, wollte Sie im
October auf der Heimreise von Berlin besuchen, und freute sich sehr
darauf, Sie zu mahlen.
Interessant würde es mir seyn, die Übersetzung des Alexis kennen zu
lernen. Vielleicht macht mir der Herr, der sich damit beschäftigt,
einmal wohl eine Mittheilung.