_Düßeldorff_, den 28. Novbr. 1831.
Halten Sie es nicht für Undank für genoßne Güte, wenn ich Ihnen, mein
Hochverehrter, erst jetzt schreibe. Theils zögerte sich meine Rückreise
hin, theils habe ich hier erst eine totale Unlust zu aller Äußrung und
Mittheilung überwinden müssen. Ein Zustand, in den man wohl versinkt,
wenn der Wechsel der Eindrücke mit einem stillren Lebensgange wieder zu
vertauschen ist.
Leider habe ich Weimar nicht berühren dürfen, wollte ich mich nicht
drei Wochen lang für die Sicherheit des westlichen Deutschlands
auf der Heßischen Bergveste Arnstein zum Gesundheitspolizeilichen
Opfer darbringen. Ich hätte Göthe sehr gern gesehn, mich dünkt, daß
sein Wesen grade in diesem sonderbaren Momente eine eigenthümliche
Anschauung gewähren mußte. Auf der andern Seite tröstet mich wieder die
Betrachtung, daß ein persönliches Zusammentreffen mir wahrscheinlich
denn doch die Figur meines Klingsor verrückt haben würde. Ich bestärke
mich in der Stille immer mehr in meiner Ansicht über ihn, die Sie eine
ketzerische nennen müßen. Indeßen würde ich, wäre mir ein längeres
Zusammenseyn mit Ihnen gegönnt gewesen, meine Irrthümer wenigstens
haben darlegen können. Mir ist der ganze Göthe, mit Einschluß seiner
Fehler, auch in seinen größten und frühesten Werken schon vorhanden,
und die nachherigen Schwächen und Verkehrtheiten ergreifen vielmehr
das homogene italiänische und malerische Element, als daß sie durch
dasselbe hervorgerufen würden. Überhaupt, was sind Einflüsse? Man
könnte, wenn man mit Worten spielen wollte, sagen, es seyen eher
Ausflüße unsrer selbst. Es mag wie Anmaaßung klingen, aber ich kann
mir nicht helfen; mir scheint es zuweilen, als ob das Gebiet der
eigentlichen Poesie im höchsten Sinne erst da beginne, wo Göthe -- mit
wenigen Ausnahmen -- aufhört. Gewiß ist es wenigstens, daß von einer so
eignen, aparten Behandlungsweise, wo das Individuum sich immer seine
Rechte gegen den Stoff, und gegen die Gesetze der Gattung reservirt,
bei Homer, Sophokles, Cervantes, Shakespeare keine Spur ist.
Meine nächste Zeit nach dem Dresdener Aufenthalte stand zu diesem in
einem herben Kontraste. In Magdeburg, wo die Krankheit so gewaltsam
auftrat, verlebte ich ängstliche Tage; das halb physische, halb
imaginaire Übel, welches den Dunstkreis um die eigentliche Seuche
bildet, ergriff auch mich, und zwang mich zu einer Art von Flucht.
Ich hatte ein förmliches Prinz-Homburgs-Fieber zu überstehn, und
ich will nur wünschen, daß ich für fernere Fälle der Noth mich nun
zurechtgefunden haben mag, wie der zitternde Held.
Hier fand ich Uechtritz fleißig an einer neuen Arbeit, um welche er den
Spartacus wieder zurückgelegt hat. Sie soll: Die Chaldäer in Jerusalem,
heißen, und die Katastrophe des Volks unter Zedekia behandeln. Was
ihr in meinen Augen den eigentlich poetischen Kern giebt, sind die
Messias-Ideen, die verhängnißvoll unter dem Volke umhergehn, sich
besonders im Könige und einer falschen Prophetin, die den König
liebt, und dieses Gefühl für religiöse Begeisterung nimmt, ausprägen
und die Katastrophe herbeiführen helfen. Ich kenne noch nichts von dem
Gedichte, was mir aber U. vom Plane mittheilte, läßt mich etwas sehr
Gutes und Eigenthümliches hoffen. Vielleicht sind diese orientalischen
Stoffe, in ihrer mehr symbolischen und typischen Natur seinem Talente
am angemessensten. -- Noch von etwas Andrem kann ich Ihnen erzählen,
was aus unsrem Örtchen hier hervorgehn, und Sie, wie ich meine,
erfreuen wird. Ich sprach zu Ihnen dort, wie ich denke, schon von einem
philosophischen Freunde, den wir hier besitzen. Er arbeitet gegenwärtig
an einem Werke über Architektur und bildende Kunst, dessen Keim in
Reise-Erinnerungen aus Holland und Belgien lag, welches sich aber
über das ganze Gebiet jener Künste in metaphysischer und historischer
Hinsicht verbreiten wird. Er hat mir jetzt einige Fragmente der Arbeit
mitgetheilt, die auf mich den schönsten Eindruck gemacht haben. Hier
ist einmal wieder etwas Andres, als das leere Geschwätz, oder die
todte Abstraction, die uns seit Jahren auf diesem Felde ermüdet hat.
Alles wird aus der Natur der Sache deducirt, und der Weg, den er geht,
die einzelnen Kunsterscheinungen in ihrer historischen Nothwendigkeit
nachzuweisen, scheint mir der einzig richtige und fruchtbare zu seyn.
Sein Name ist Schnaase, er steht auch an unsrem Justiz-Hofe, an dem
sich durch einen sonderbaren Zufall drei Leute zusammen gefunden haben,
die so wenig, als ihnen nur möglich ist, an Recht und Gerechtigkeit
denken.
Möchten doch meine Worte etwas über Sie vermögen, daß Sie zweierlei
vollendeten, den jungen Tischlermeister und den Aufsatz über die
Alt-Englische Bühne! -- Je mehr ich in der Stille nachher über den
Tischlermeister gedacht habe, desto eindringlicher ist mir das Feine
und Schöne dieser Composition geworden. Es wird, ohne Frage, eins Ihrer
besten Werke. Die milde abendsonnenhelle Beleuchtung des Sternbald
ist auch darin, an Originalität und Gehalt steht es aber, nach meinem
Gefühle, weit über diesem. Ich bin überaus gespannt auf den Punkt, der
durch das ganze Werk indicirt ist, den ich aber hier nicht nennen will,
weil Ihnen mein Wort gegen die Fülle der poetischen Anschauung, nur
mager und ungenügend vorkommen könnte.
Wenn Sie uns nun durch Ihren liebenswürdigen Handwerker einen Gefallen
thun, so ist dagegen der theoretische Aufsatz eine Art Gewißenspflicht.
Es sind viele Indizien vorhanden, daß das theatralische Unwesen sich
einmal wieder auf einige Zeit legen wird. Raupach stellt wirklich
ein Pessimum dar, nach menschlichem Begriff läßt sich nicht tiefer
kommen, das Korn ist in der Mühle vollkommen durchgeschroten, und
dieser jüngste Meister verkauft, um aufzuräumen, noch die Kleyen in
den Säcken. Selbst die Berliner Comödianten fangen an, sich in seinen
Rollen zu langweilen, was doch viel sagen will. Nun aber kommt in
unsrem Deutschland die Praxis immer nach der Theorie, und nur erst,
wenn den Leuten einmal demonstrirt worden ist, wie schon unser Gerüst
dazu führt, das Elende und Schwache zur Evidenz zu bringen, wird man
anfangen, sich zu besinnen.
Von mir selbst kann ich Ihnen noch nichts berichten. Ich habe mir jeden
Tag vorgenommen an den Merlin die Hand zu legen, und sie immer in einer
Art von Verzweiflung sinken lassen. Ich leide nicht an dem Zweifel, an
der Dunkelheit, was ich noch zu machen habe; im Gegentheil steht mir
dieß zu deutlich vor der Seele, und dieß eben entmuthigt mich. Ich habe
ein Gefühl, wie der Gemsenjäger, der sich zwischen Klippen verstiegen
hat; er sieht den Pfad ganz bestimmt vor sich, aber die Füße eines
Menschen sind nicht gemacht, ihn zu wandeln. Nie habe ich eine solche
Kluft zwischen dem Gegenstande und meinen Organen empfunden. Ob unter
diesen Auspicien noch irgend etwas Poetisches zu Stande kommen kann,
oder ob ich nicht im glücklichsten Falle nur ein transcendentales
Ungeheuer erzeugen werde, muß die Zeit lehren. Es wäre ein Unglück für
mich, wenn ich daran scheiterte, denn ich habe bei diesem Wagniß einen
bedeutenden Theil meiner Lebenskraft eingesetzt.
Von Ihren Verwandten habe ich nur die Schwägerin zu sehn bekommen. Herr
Möller war nicht zu Hause. Wie ich aus den mir gethanen Äußerungen
abnehmen konnte, scheint es doch mit dem jungen Institute so ziemlich
zu gehn. Nur hindert auch hier die Cholerafurcht manche Eltern, ihre
Kinder aus dem Hause zu geben. Aufrichtig gesagt, ich bin wegen der
Zukunft bange. Diese Pestscheu wird mit ihrem heimlichen, nagenden
Einfluße noch den letzten Rest der Regsamkeit und des Muthes, der in
den Menschen geblieben war, aufzehren. Ein sonderbarer Zufall ist es,
daß in jeder Epidemie zu Berlin der Philosoph sterben muß; Fichte am
Typhus, Hegel an der Cholera. Ist es wahr, was man sagt, daß eine
Indigestion die Sache veranlaßt hat, so liegt in dem Ereigniße eine
Ironie, die kein gemachter Ernst hinwegtilgen kann. Da dem Preußischen
Staate nunmehr der Begriff fehlt, so möchte man ihm rathen, es einmal
zur Abwechslung mit der schlichten Natur zu versuchen.
Die Tage in Dresden sind mir eine sehr theure Erinnerung. Ich habe
Ihr Bild ganz rein und gut mit mir genommen, und bedaure nur, daß ich
Sie für mein Bedürfniß viel zu wenig gesehn und gesprochen habe. So
manches, was sich nur in einer gewißen Folge verhandeln läßt, klang
bloß an; Andres, worüber ich Ihre Meinung so gern vernommen hätte, ist
kaum berührt worden. Zuweilen gehn doch auch vernünftige Wünsche in
Erfüllung, und so hoffe ich, daß ich mich dießmal früher, als in andern
zehn Jahren, Ihnen wieder nahen werde.
Ihr Tadel, der gegen den Schluß des zweiten Theils des Alexis geht, ist
ganz richtig, der Fehler steckt aber, wie ich glaube, im fünften Acte
überhaupt. Dieser muß nach einem nothwendigen Gesetze (was Shakespeare
überall befolgt hat) kürzer seyn, als die früheren; er soll nur die
schlagenden Resultate deßen enthalten, was bis dahin mit einer gewißen
Ausführlichkeit vorzubereiten, wohl erlaubt ist. -- Mein 5. Act ist
grade der längste, es ist viel zu viel hineingepackt worden, und so
kommt es, daß die Sachen sich gegen das Ende stopfen und einander
hemmen. Leider ist dieß ein Fehler, der durch die ganze Öconomie des
Stücks herbeigeführt wird, den ich also nicht mehr abzuändern vermag.
Ich würde, wenn es irgend zu machen wäre (was freilich sehr schwer
ist, da zu der Gerichtsszene die ganze Tiefe des Theaters genommen
werden muß) für eine Aufführung vorschlagen, den vierten Act erst
mit dem letzten Monologe der Katharina zu schließen. Poetischer und
dramatischer wäre diese Abtheilung auf jeden Fall.
Möchten Sie diese Zeilen recht frisch und froh treffen! Wegen der
Altspanischen Sachen habe ich in Cöln und Belgien Verbindungen
angeknüpft, ich wünsche, daß meine Commißionaire etwas Ihnen
Erfreuliches finden mögen. Alte Romanzeros und Schauspiele würden
Ihnen, denke ich, am angenehmsten seyn.
Ich bitte, den Damen mich angelegentlichst zu empfehlen, und ihnen
meinen Dank für die mir erwiesene Huld und Güte zu bringen. Sehr
glücklich würde es mich machen, wenn ich von Zeit zu Zeit etwas
von Ihnen vernähme, doch darf ich wohl nicht darauf hoffen, da
Briefschreiben Ihnen unangenehm ist.