Dienstag.
Ich schreibe, mein theurer Freund, diese Zeilen unbequem und also noch
schiefer, als gewöhnlich, in meinem Bette, an das ich seit einigen
Tagen durch rheumatisches Unwohlsein gefesselt bin. Ihr Brief hat
mich tief geschmerzt, es ist der erste Kummer den ich empfunden,
seitdem ich in das Vaterland zurückgekehrt bin. Woher auf einmal ein
solcher Argwohn gegen mich, der, seitdem wir das Glück haben, Sie
den unsrigen zu nennen, nie abgelassen hat dieses Glück zu feiern,
den nie etwas getrübt hat, auch nicht der alte Tragiker (?), der
mir, mit einem Unrecht, das ich Ihnen und dem König zugleich anthat,
wie eine verfinsternde Wolke erschien. Ich soll Ihnen aus den schon
gedruckten Bogen freundlicheres vorgelesen haben, als der Kosmos
bringt. Mein Gedächtniß giebt mir auch auf das Entfernste nichts
wieder, die Correcturbogen (es waren nicht Aushängebogen; denn ich
lasse immer 8-10 Bogen, wie es Cotta erlaubt, zugleich abziehen und
ändere durch das, was auf dem Rand daneben geschrieben wird, bis zum
lezten Augenblick) sind zerstöhrt und Professor Buschmann erinnert
sich ebenfalls keiner Veränderung, er wird sehen ob er im ältern
Manuscripte, ~variantes lectiones~, auffinden kann. Ich rühme mich
Ihrer „edlen Freundschaft,“ ich rühme mich dessen was ich dem „tiefsten
Forscher alter dramatischen Litteratur“ verdanke. Habe ich vielleicht
durch an den Rand zugeschriebene Worte, die in der lezten Correctur
vergessen worden sind, die Worte „tiefster“ und „edel“ verstärkt, das
weiß nicht ich, der ich mein Leben mit Correctur zubringe und das
Gefühl habe, daß man die drei Heroen unseres Vaterlandes, Göthe, Tieck
und Schiller nicht zu rühmen, durch Epitheta zu rühmen unternehmen
darf. Die zwei Bände des Cosmos sind deutsch stereotypirt, und es waren
in der 6ten Woche vom 2ten Bande allein 10,000 Exemplare abgezogen,
aber auch in dem schon Stereotypirten kann ich ändern lassen. Es
kommt dazu mit dem dritten Bande eine 2te Auflage der ersten 2 Bände
heraus. Wenn theuerster Freund Ihr Gedächtniß treuer, wie das meinige
ist, so beschwöre ich Sie mir die fehlenden Worte recht einfach
niederzuschreiben. Wir werden sie wieder aufglimmen sehen, aber bei
Gott! Betrug oder Lieblosigkeit kann nicht im Spiele gewesen sein. Mir
erscheint es beängstigend, wie ein verhängnißvoller Spuck, wie ein
böses Traumgesicht, das sich zwischen Freunde drängt.
Ich will eine Wunde ganz anderer Art nicht berühren, den
schmerzlichsten Verlust, den Sie erleiden konnten. Ich war in Paris
ernsthaft um Sie, mein theurer Freund, besorgt. Wie vielen Dank bin ich
Waagen schuldig, daß er mich so liebevoll beruhigt hat. Es war eine
Frau von einem großen Sinn und Gemüthe.
Ich bitte innigst, daß Sie mir in die Wohnung von Fr. Lenz schreiben,
damit ich Sie einladen kann, sobald ich das Bett verlasse. Mit alter
Verehrung und Freundschaft