_München_, den 21. Februar 1828.
Seit den letzten Dezembertagen befinde ich mich in München, in
archivarischen Forschungen, sowohl um die Vorarbeiten zu meinem
großen Werk über die vorzugsweise romantische Heldendynastie der
_Babenberger_ zu vollenden, als auch, nach dem Wunsch und nach dem
Rufe des Königs, eine _Geschichte Bayerns_ bis zum westphälischen
Frieden zu schreiben. -- Wie diese Arbeiten auch immer ausfallen
mögen, bleibt es doch gewiß ein großer Gewinn für die Historie
des ganzen südlichen und mittleren Deutschlands, daß ich, der die
österreichischen, böhmischen und ungarischen Archive reorganisirte,
und daher genau kennt, auch noch zu dem Überblick der bayerischen und
fränkischen und zum Theil der schwäbischen komme. Beynebens trachte
ich eifrig jene chinesische Mauer zwischen dem österreichischen
und deutschen Buchhandel hie und da einzureissen, in der sichern
Überzeugung, daß die Geschichte der süddeutschen Länder durchaus nicht
isolirt, sondern nur im strengen Zusammenhang mit glücklichem Erfolge
behandelt werden könne. -- Ich schmeichle mir auch, neues Leben in
die hiesigen archivarischen Forschungen gebracht zu haben, da die
historische Klasse der Akademie, ganz uneingedenk ihres alten Ruhmes,
den Aufschwung des Königreichs nicht getheilt, sondern die letzten 25
Jahre in einem förmlichen Winterschlaf zugebracht hatte.
Professor Rauch aus Berlin ist gestern wieder dahin zurückgekehrt,
nachdem er die Vorbereitungen zum künftigen Gusse seines sitzenden
Bildes des verstorbenen Königs angeordnet hatte. Ich freute mich innig,
Rauch so enge Ihrem geistreichen Bruder verbunden zu wissen. Er war
erstaunt über die hiesigen Kunstschätze, sowohl aus dem griechischen
und römischen Alterthum, als auch in der altitalienischen und
altdeutschen Malerey, nicht minder über die Kunstschule, die sich hier
bildet unter Cornelius, Julius Schnorr und Heinrich Heß. -- Wer München
vor 20 Jahren gesehen hat, kann es unmöglich wieder erkennen. Es ist
nicht allein eine ganz neue Stadt geworden, sondern auch eine Masse
von Kenntnissen, Streiflichtern und heller Tagsbeleuchtung, die nur
noch wenige Zuckungen und Nebel der altbayerischen Schlagschatten zu
überwinden haben. -- Als 1799 König Max Joseph die Regierung antrat,
wollte Niemand der Königin protestantischen Hofprediger Schmidt in
eine Wohnung aufnehmen, und man war gezwungen, ihm bey Hof Quartier
zu geben. -- Wie ganz und gar ist darin Alles umgestaltet und Alles
anders -- und in noch wie vielen andern Dingen?! -- Mit Unrecht würde
man den König einer katholischen Einseitigkeit beschuldigen. Er hat
sich vielmehr stark und entschieden gegen die Jesuiten und gegen die
Kongregation ausgesprochen, und wacht strenge über die Gleichheit
der Rechte beyder Religionspartheyen. -- Was etwa in dieser Hinsicht
früher zuviel geschehen ist, das hat die Wohldienerey dieses und jenen
Werkzeugs verschuldet, das der König, so wie er es gewahr wurde,
ernstlich gerügt und abgewiesen hat. -- In 10 Jahren hat München gewiß
ein unerwartet großes, intellectuelles und künstlerisches Übergewicht,
zumal je verblendeter und ärger Zensur und Geistesdruck ostwärts ihr
lichtscheues Wesen treiben.
Witt-Döring, den ich übrigens gar nicht gesehen oder begegnet, desto
mehr aber von ihm gehört, wollte seine (von Osten wie von Nordost
her) inspirirte Jakobiner- und Demagogen-Riecherey auch in München
fortsetzen, wo er binnen 7 Tagen Alles durcheinander hetzte und
verwirrte, ein unglückliches Duell veranlaßte, und zum Federführer
der Hoch-Torys gerufen schien. -- Der König hat ihn fortgejagt -- und
wahrlich, die Epoche der jetzigen Ständeversammlung bedurfte keines
neuen Brandlegers. -- Zugleich erschien in mehreren öffentlichen
Blättern ein, hier mit allgemeinem Beifall gelesener Aufsatz über
Witts niedrige Ausfälle und unaufhörliche Denuntiationen wider mehrere
geehrte deutsche Dichternamen. Ich schicke denselben als ein pikantes
~Novissimum~.
Schenks Belisar hat ja in Weimar sehr viel Glück gemacht? -- Ich höre
Adam Müller spitze gewaltig die Feder zu jesuitischer Polemik? -- Daß
doch die Leute geschwiegen haben, wo sie hätten reden sollen, und nun
reden, wo sie lieber schweigen sollten. -- Es ist nichts hübscher,
als die Frau seines Gastfreundes zu entführen, zu heirathen, dabey
hyperkatholisch zu seyn, und Bonald über die =Unauflösbarkeit= der
katholischen Ehen, im Geiste des Trientner Conciliums zu übersetzen. --
Wellingtons und Huskissons Erklärungen sind ein neuer Beweis, wie eitel
die Hoffnung sey, die Welt rückwärts zu drehen.
Die Familie Salm empfiehlt sich hochachtungsvoll Ihrem Andenken, und
hofft, _Sie_ doch einmal wieder in Wien oder in den böhmischen
Bädern oder bey sich auf dem Schlosse Raitz zu begrüssen.
Ist denn um Gotteswillen gar keine Hoffnung auf die Fortsetzung der
Cevennen? -- War Raumer zufrieden mit Paris?
Mein brüderlicher Freund Schenk war entzückt über Ihre Bemerkungen
zum Belisar. -- Solche Reflexionen müssen es freilich seyn, um nur
einigermassen zu trösten über die erbärmliche Gehaltlosigkeit fast
aller mimischen und dramaturgischen Critiken. --
Der König Ludwig gedenkt Ihrer stets mit dem ausgezeichnetsten
Wohlwollen. Ich umarme Sie herzlichst mit der innigsten Verehrung und
mit der alten freundschaftlichen Ergebenheit.