_Wien_, am 20ten November 1826.
Wäre ich an Divinationsgabe nur einigermassen dem Pfarrer von S.
Sulpice zu vergleichen, so würde ich aus der Stellung ihrer Beine und
Knie augenblicklich errathen, daß es die Beine und Knie eines überaus
geistreichen und liebenswürdigen Mannes sind, der aber zur Abbüßung
schwerer Jugendsünden, ein heiliges Gelübde gethan hat, Niemandem eine
Zeile Antwort zu geben.
Seit Sie Wien verließen, weis ich von Ihnen, zuerst durch einige höchst
scharfblickende und liebevolle Zeilen des damaligen Kronprinzen,
nunmehrigen Königs von Bayern, -- dann brachte mir der Schauspieler
_Stein_ eine Karte, worauf zu meinem versteinernden Erstaunen
sogar ihr Name und noch eine halbe Zeile eigenhändig standen, --
zuletzt hat mir die liebenswürdige _Sophie Müller_ recht
umständliche, meiner Ungeduld halb und halb genügende Auskünfte von
Ihnen, von Ihrem Befinden und von Ihrer Familie gegeben. Noch Näheres
hoffe ich dieser Tage durch Grillparzer zu vernehmen.
Das Haus der Grafen Salm hat hieran den lebendigsten Antheil genommen.
-- So wie ich selbst die tiefere Bekanntschaft Ihres Genius, (denn ich
lese _alle_ Jahre _alle_ Ihre Werke einmal ganz durch,) der
Gräfin Salm verdanke, so wünschte die ganze Familie nichts sehnlicher,
als Sie einmal zu längerem Sommeraufenthalt auf ihrem Schlosse Raitz
bei Brünn zu besitzen. -- Der älteste Sohn, Graf Hugo Salm, ist in Prag
angestellt, Ihnen also recht nahe. -- Er hat seiner Mutter zu ihrem
letzten Geburtsfeste, von dem talentvollen Prager Maler Führich, der
jetzt nach Rom geht, einen Cyklus aus Ihren Elfen componiren laßen, den
ich unendlich zart und genialisch finde. -- Von demselben Führich ist
ein Cyklus aus Ihrer Genovefa, mir lieber, als alle Umrisse von Retzsch
und Cornelius.
Sophie Müller erzählte mir, sie habe Ihnen bereits kundgegeben, wie
mich Ihr „_Dichterleben_“ entzückte, wie ich durch ganz Wien, die
Honneurs desselben gemacht, es den Leuten auf die Brust gesetzt und
Mehreren, mit Gewalt vorgelesen habe. -- Hier und in der Vorrede zu
Heinrichs von Kleist dramaturgischem Nachlaß, fand ich meine eigenen
Ansichten und Wünsche hinsichtlich der Nationalität der Tragödie
und des historischen Drama siegend ausgesprochen. -- Aber was soll
ich Ihnen sagen von dem Krieg in den Cevennen, in dem ich beinahe
jeden Tag wieder lese und über die einzelnen Partien desselben recht
eigentliche Studien mache? -- In unserer deutschen Literatur hat
dieses Meisterwerk nicht seines Gleichen und ich zweifle sehr, ob in
irgend einer andern? Da ich selbst den Tyrolerkrieg von 1809 geleitet
habe und den Gebirgskrieg und den Volkskrieg genau kenne, mögen Sie
auch die Steigerung des Eindruckes ermessen, den die ungeheure,
psychologische Wahrheit, die grandiose Anordnung des Ganzen, die
präcise Charakteristik, die hohe Ruhe in der beständigen Unruhe, das
Unbewegliche im ewig Beweglichen, auf mich gemacht haben. -- Ich weiß
diesen Eindruck mit Nichts zu vergleichen, seit langen Jahren in
unserer wahrlich verhängnißreichen Zeit.
Aber um des Himmelswillen, wie haben _Sie_ es über sich vermocht,
den ersten Theil _allein_ herauszugeben. -- Das heißt, die Leute
bei den Haaren aufhängen und die Schwachen mit aller Gewalt irre
machen. -- Solche Reitze vertragen wenige, ohne endliche Befriedigung.
Ist aber doch ernstliche Hoffnung, daß der zweite Theil =bald=
nachfolge? daß er nicht ~ad Calendas Graecas~ hinausgeschoben
werde? -- Was Sie bereits gegeben haben, ist so bewundernswürdig, so
zart und zugleich so groß, daß Sie die Gesundheit und die Nerven aller
echten und rechten Leser zu verantworten haben und daß Sie meinen
Kindern dafür responsabel sind, wenn auch über mich in allem Ernst der
Geist des Herrn kömmt und ich mich auf ein Haar so gebärde wie der
lange, blöde Michel! -- Was nur unser dicker Friedrich Schlegel dazu
sagen wird? Ich denke, er macht eine bedenkliche Miene, darauf einen
schlechten Witz und ärgert sich zuletzt, daß nichts anders heute Abends
zum Souper kommen soll! So ist in der That sehr zu beklagen, daß ein
_solches_ Talent _so_ endigt! daß es in all den mystischen
Grimassen nicht einmal ~de bonne foi~ ist und daß ihm diese
mühsame Hypokrisie noch obendrein schlecht genug bezahlt wird, ja, daß
er gar keine Partei für sich hat, außer einige Mönche, einige junge
Leute, die er noch ins Narrenhaus bringen wird und eine Dame, die er,
wie die Leute sagen, auszieht, was ich eben nicht glauben will, die
aber eine boshafte Thörin ist.
In der That, wenn Sie auch dem Gelübde nicht abtrünnig werden können
noch wollen, Niemandem eine Zeile zu antworten, so könnten Sie mich
doch durch dritte Hand wissen laßen, bis wann Hoffnung ist, daß der
zweite Theil erscheinen werde? -- In den Almanachen, die mir bisher
unter die Hände kamen, suchte ich vergebens nach einer Novelle von
Ihnen, weiß auch kein Wort, was wir sonst hoffen dürfen? und wie es mit
der Herausgabe Ihrer sämmtlichen Werke stehe?
Das Theater macht Ihnen wohl noch hübsch viel Galle? -- Das ist nun
einmal nicht anders. -- Die Wiener und Berliner Direktionen wetteifern
darin mit einander, das Problem zu lösen, wie man mit einem Verein der
ausgezeichnetsten Kräfte so wenig als möglich leisten könne? -- Die
Censur gibt den Herren freilich leider manche Entschuldigung an die
Hand, allein nichts destoweniger könnten sie weit mehr thun, als sie
wirklich leisten. -- Anschütz bezeigte Ihnen seine tiefe Verehrung. Das
ist doch noch ein Mensch, mit dem es eine Freude ist, von Ihnen und von
Ihren Werken zu sprechen und der eben so die Alten, wie den Shakespeare
in der Ursprache zu lesen vermag. --
Genehmigen Sie mit gewohnter Güte den erneuerten Ausdruck der wärmsten
Theilnahme des Salmischen Hauses und meiner unwandelbaren Bewunderung
und Anhänglichkeit.