I.

_Schloß Raitz_, am 15. August 1822.

_Wohlgeborner Herr Hofrath!_

Ich darf mir wohl kaum schmeicheln, daß Eurer Wohlgeboren mein Andenken

und mein Name nicht schon längst aus dem Gedächtnisse entschwunden sein

sollte, seit jenen Abenden des Spätsommers 1808, die ich bei meinem

unvergeßlichen Freunde, Heinrich Collin und bei Ihrer Frau Schwester,

Sophie von Knorring, damals Bernardi, sammt dem kurz zuvor in Wien

angekommenen Friedrich Schlegel, mit Ihnen zuzubringen, die Ehre hatte.

-- Hätte sich doch das biedere, lebensfreudige Wien öfters Ihres

Besuches erfreuen dürfen!

Seit dieser Zeit sind Sie im strengsten Sinne mein Wohlthäter, der

Urheber meiner liebsten Genüsse, der Erfrischer eines, mit manchem

widrigen Geschick, mit vielen Mühen und Gefahren ringenden Lebensmuthes

gewesen. -- In keiner wichtigen Unternehmung, noch in den himmelweit

verschiedenen Studien kritischer Forschung, konnte ich Shakespeare

und Tieck entbehren. -- Das „~nulla dies sine linea~“ übte ich

buchstäblich an der Genofeva, am Octavian, am Blaubart, am Phantasus

-- und der junge Freund, der Ihnen, verehrter Herr, diesen Brief

überbringt, wiederholt es mir oft, daß er es mir als die größte

Wohlthat verdanke, daß ich sein kräftiges, glühendes, aber etwas

düsteres Gemüth, von seinem sechzehnten Jahre an, mit Ihren Werken

erquickt und genährt habe, die ihm eine ganz neue Welt, einen in allen

Farben und Tönen spielenden Zaubergarten der Romantik aufschlossen.

Dieses Briefes Überbringer ist der junge Graf Hugo von

Salm-Reifferscheid, der einst seinem Großvater in der Fürstenwürde

folgt, sich zum Staatsdienste vorbereitet, und bei großem Fleiße in

seinen Berufsstudien, eine außerordentliche Liebe für redende und

bildende Kunst hat, mein Schüler in der Historie und mittelbar wohl

auch in manchen andern Dingen, da ich seinem Hause seit vielen Jahren

in inniger Freundschaft verbunden bin. -- Sein Vater, der als Berg- und

Hüttenmann, als rationeller Landwirth und als Naturhistoriker bekannte

Altgraf Hugo von Salm-Reifferscheid führt ihn und seinen zweiten Sohn

Robert auf Reisen, vorerst in Ihr deutsches Florenz und nach Leipzig.

-- Wärmere Verehrer als diesen jungen Mann hatten Sie wohl nie in dem

großen Kreise derer, die in Ihnen mit Recht einen der größten Dichter

aller Zeiten und aller Nationen bewundern und lieben, und nichts erhebt

so sehr, als jene freudige Begierde jugendlicher Gemüther: den Mann

von Angesicht zu Angesicht zu schauen, dessen Thaten oder Werke ihr

Herz oder ihre Einbildungskraft beschäftiget haben. -- Nehmen Sie ihn

freundlich auf.

Wie sehr freue auch ich mich, durch ihn Kunde zu erhalten von Ihrer

Gesundheit, die leider öfters als leidend geschildert wird und von den

Hoffnungen, die unsre Literatur auf Sie ihren festen Hort und in so

Manchem einzig und unübertroffen, bauen darf? --

Sollten Sie in Wien Aufträge haben, (den großen Theil des Sommers

verlebe ich auf dem Salm’schen Schlosse Raitz bei Brünn in Mähren)

erlaube ich mir hier meine Addresse herzusetzen: Herrn Joseph Freiherrn

von Hormayr zu Hortenburg, Ritter des Leopoldsordens, wirklichen

Hofrath und Historiographen des kaiserlichen Hauses -- zu Wien No.

747 Untere Bäckerstraße. -- Es sei mir dagegen auch erlaubt, um

Ihre Addresse und um den Namen jener Buchhandlung zu bitten, mit

der Sie am füglichsten verkehren und durch die man Ihnen verläßlich

Sendungen machen kann. -- Mein historisches Taschenbuch dürfte Ihrer

Aufmerksamkeit nicht ganz unwerth sein. -- Seine drei Hauptrubriken:

„_Ahnentafeln_,“ -- „_Burgen_,“ -- „_Sagen und Legenden, Zeichen

und Wunder_“ sind das vorzüglichste Vehikel meiner Haupttendenz,

der Popularisirung der Historie durch die redende und bildende

Kunst und vorzugsweise Anwendung dieser Beiden auf _vaterländische_

Gegenstände. -- Die lezte Wiener Kunstausstellung gab wirklich schon

Proben vorherrschenden nationalen Sinnes. Möchte er nur auch in die

Balladen-Dichtung und in die Dramaturgie hinübergehen! -- Mein nun

schon im XIV. Jahre bestehendes Archiv für Historie, Staats- und

Kriegskunst hatte jahrelang gleichfalls eine eigene Rubrik poetischer

Stoffe aus der Vaterlandsgeschichte und lieferte über hundert solcher

Balladen, worunter freilich auch nicht wenig Mittelmäßiges, aber viel

Gutes und einiges Vortreffliche war. -- Dürfte doch auch mein Journal

oder mein Taschenbuch sich schmeicheln, mit Ihrem Namen prangen zu

dürfen? -- Ich würde stolz darauf sein und gewärtige nur, daß Sie mir

die Bedingungen vorschrieben! Wer weiß wie Sie die Leyer der Sage zu

rühren und bei aller historischen Tendenz ist doch ganz und gar kein

Zwang weder in der Wahl des Gegenstandes, noch in der Behandlung.

Hocherfreut über diese Gelegenheit, meinen Namen wieder in Ihr

Gedächtniß zurückzurufen, erneuere ich angelegentlich den Ausdruck

tiefgefühlter Verehrung und Ergebenheit

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band · 第 50 / 358 题