Es gibt Leute, die mit Recht oder Unrecht im Rufe stehen, daß sie
Unglück bringen. So war Offenbach als „Brandstifter“ berühmt, und sein
Verweilen in einem Hause galt als Signal für eine Feuersbrunst.
Daß aber auch Städte sich dem einzelnen feindselig erweisen können,
dürften die wenigsten noch erfahren oder bemerkt haben. Nun, _mein_
Jettadore war Florenz. In was für Klemmen ich dort geriet, was für
Schlingen dort jedesmal für mich bereit lagen, spottet jeglicher
Erfindung. Ach und überhaupt – Italien! – Wer vermöchte es einesteils
nicht zu lieben? – Aber die Ebene von Mailand, aber die seelische Kälte
der italienischen Mietswohnungen, ihre tiefe Ungemütlichkeit und
rudimentäre Öde, aber gewisse Häuser der Armen, die uns mit ihren
hohläugigen Fenstern wie Pestkranke ansehen!
Und dann schneiden so manche italienische Landschaften ins Herz. Fiesole
zum Beispiel, mit seinem verklärten Ausblick – so holdselig, aber so
abgeschieden, so vorbei! – Beklommenen Herzens blickte ich eines Morgens
auf diese laue, in ihrer durchsichtigen Bläue zärtlich berückende Natur,
und stärker noch empfand ich unter dem wolkenlosen Himmel die stille
Schärfe der Zypressen. Gewiß, es ist ein schönes Land! aber schön ist
auch der Anblick des unter der Fülle von Blumen fast verschwindenden
Sarges, daß kaum ein Beschlag, kaum eine Kante desselben sichtbar wird.
– So trauerte dort mein Auge und sehnte sich von diesem Bilde fort. Und
nur mehr die Straße hinabsehend, fing ich plötzlich an zu laufen; – und
ich lief, als gälte es dieser Gegend wie einem Gewölbe zu entfliehen,
und nicht zu rasten, als bis ich wieder zu unseren Flüssen und Brücken,
unseren lebendigen Wäldern gelangte. Denn Leopardis Seele war mir auf
jenem Hügel aufgegangen. Ja, solche Klagen mußten sich ihr entringen,
ein so herbes Echo mußte dies blühende, von Glanz und Duft umwobene Land
erwecken, das in seiner stillen Morbidezza zwischen dem Hades und der
Erde eingeschoben scheint. Die Einflüsse der Landschaft sind es ja
sicherlich, mehr noch als die des Klimas, die gleichsam spiegelnd die
Linien unserer Sinnesart und unseres geistigen Umkreises ziehen. So
verhält sich Leopardis Pessimismus zu dem seines Zeitgenossen
Schopenhauer wie der untröstliche Zypressenhain zum tiefen Tannenwald,
aus dessen Düsterkeit wir Stärkung noch und Hoffnung schöpfen.
Ich bitte indes nicht zu vergessen, daß ich den Berg hinunter laufe. So
mag es hingehen, daß ich so weit von meinem Thema abgekommen bin. Denn
ich wollte meine florentiner Mißgeschicke erzählen. Aber eine so
radikale Sprunghaftigkeit kann mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit
des Gedankens zusammenhängen; – ich meine, es käme auf eine Probe an.
Oder dürfen wir einen Gedanken nennen, was mehr wie ein Verdacht, wie
eine Hoffnung in uns schlummert? An manch schönen, wertvollen Dingen mag
einer vorübergehen, da vernimmt er, was ihm eine Botschaft bedeutet, und
gierig greift er es auf.
Immer noch laufe ich indes meinen italienischen Berg hinab. San Domenico
liegt schon hinter mir. Ich komme jetzt nach San Gervasio und bin dann
gleich in Florenz. Somit wäre die Einheit des Ortes wieder hergestellt
und ich könnte von neuem beginnen.