»Supfo, Supfo!« rief Hellmuth lautschallend durch das Haus. »Wo ist
Supfo? Wo steckt der dicke Schalk?« »Ich hab' eine Ahnung!« lachte
Fulko und eilte durch die Vorhalle auf die Fallthüre zu, welche die
Kellertreppe schloß.
Da ward diese Thüre von unten aufgestoßen und auf der obersten Stufe
erschien Supfo, ein strahlendes Lächeln auf dem stark geröteten
hübschen rundlichen Gesicht; auf seiner linken Schulter lag, behaglich
schnurrend Mucia, die Kluge, in der Rechten trug er einen mächtigen
erzgetriebenen Krug, aus welchem ein starker, herzerfreuender Duft
aufstieg.
»Ja Supfo! Wo wart Ihr denn die ganze Zeit?« -- »Da, wo ich hingehöre,
ihr Gelbschnäbel!« -- »Supfo -- ist es möglich? -- Ihr habt? -- während
des Untergangs der Welt ...?« -- »Na, ist sie untergegangen?« --
»Aber sie sollte doch.« -- »Nicht doch! Sie sollte eben +nicht+! Hab'
ich's euch nicht vorausgesagt? Mucia und ich, wir wußten es besser.«
-- »Aber Supfo! -- Wann seid Ihr denn da hinunter?« -- »Vorgestern
Abend.« -- »Und die ganze Zeit verschlafen?« -- »Das ist Verleumdung.
Nur die zweite Hälfte.« -- »Und das Sturmblasen von allen Türmen! Das
Hinaussprengen der Reisigen, den Auszug und den Einzug? Ihr hättet
wirklich die Posaunen des Gerichts auch verschlafen.« -- »Haben sie
geblasen? -- Was ich that in der ersten Hälfte der Zeit? Nun, der
Griechenwein ist zu Ende. Das ist die Neige -- diesen Vollkrug hab' ich
für den Herrn Bischof und für euch gespart. -- Wer war nun der klügste
Mann in ganz Würzburg?« Und er lachte, daß ihm das runde Bäuchlein
bebte, bis ihm Fulko erzählte, aus welchen Gefahren und Sorgen sie
sich eben erst geborgen wußten. Da humpelte der Dicke -- unglaublich
rasch -- die Treppe hinauf und an Herrn Heinrichs Lager und sank dort
auf die Kniee und weinte, weinte Thränen des Schmerzes und der Freude
durcheinander.
* * * * *
Während Hellmuth den Grafen Gerwalt aus der Waffenhalle holte, wartete
die Gräfin mit den beiden Mädchen und Fulko im Vorsaal.
Da trat Minnegard an Frau Heilfriede heran und begann, ziemlich
kleinlaut: sie schlug die Wimpern nieder -- denn allzu glücklich für
eine zage Bitte und geheimen Glückes zu süß bewußt leuchteten --
sie fühlte das -- ihre minneseligen Augen: »Was soll nun werden aus
... aus uns beiden armen jungen Paaren? Wir hatten uns ganz darauf
eingerichtet, daß heute nur der liebe Gott, der -- leider Gottes! --
doch ohnehin alles weiß, mit uns rechten werde können über das, was
wir Mädchen diese Nacht gethan -- oder doch: erlitten« seufzte sie,
»und vielleicht nicht ganz heftig genug abgewehrt: -- wer konnte
aber heute Nacht um Hilfe gegen Entführer schreien? Es hätte doch
niemand darauf gehört!« Da lachte Fulko. »Mein süßes ... Kind. Deiner
Mutter Klosterwunsch galt nur für die alte Welt: -- die ist heut'
Nacht versunken: -- nicht bindet er für die neue, die uns der Herr
Gott heute geschenkt.« »Das würde der Herr Bischof schwerlich gelten
lassen,« meinte die Frau Gräfin, drohend den weißen Finger gegen Fulko
hebend: »aber getrost. Herr Heinrich steht so tief in der Schuld des
gnädigen Himmelsherrn, --« »Und in der Eurigen,« riefen die drei
andern. -- »Daß er auch ein Übriges an Güte thun muß -- und wird. Seid
ganz getrost. Ich -- ich führe eure Sache -- aller vier.«
»Dann ist sie gewonnen!« jubelte Minnegardis, warf sich an ihre Brust
und küßte sie stürmisch. »Wie sollen wir Euch danken?« fragte Edel,
tief gerührt. -- »Mein Dank ist -- euer Glück. Ich war auch einmal
jung. -- Da kommt mein Mann. Nun zu ihm ... zu Herrn Heinrich.«
* * * * *
Am Lager Herrn Heinrichs stand Graf Gerwalt, eine stattliche, mannhafte
Kriegergestalt in voller Waffenrüstung, nur ein paar Jahr jünger als
der Bischof, aber sein blondes Haar war weit weniger ergraut. Er hielt
des Wunden Hand gefaßt und sprach: »Ihr habt mir nicht zu danken.
Was ich gethan, ich that's nicht Euch zu lieb' -- ich that's fürs
Reich. Ich kam zu der Einsicht, daß, wie die Dinge hier in der Stadt
und im Gau nun einmal liegen, Bischof und Graf, auch wenn sie beide
nicht solche Streitköpfe sind wie wir, auch bei friedfertigem Sinn
-- unablässig in Hader über die Grenzen ihrer Rechte kommen werden,
kommen müssen. Deshalb hab' ich -- und allerdings auch, weil ich
den Rothenburger Heinrich als einen Mann kenne, der Land und Leute
trefflich zu leiten und -- wir haben's diese Nacht wieder erlebt! --
zu schirmen weiß, bei Kaiser Otto mit Hilfe Eures klugen Bruders, des
Herrn Kanzlers, durchgesetzt, was fortab -- nun, ich lese Euch seine
Urkunde vor«; und er ließ sich von Frau Heilfriede ein Pergament
reichen mit dem großen kaiserlichen Siegel und las:
»In dem Namen der heiligen unzerteilten Dreifaltigkeit Otto der Dritte,
ein Knecht Jesu Christi und römischer Kaiser, Mehrer des Reichs, nach
dem Willen Gottes, unsres Seligmachers und Erlösers. Was von unserer
Majestät zu Erhöhung der Kirchen Gottes und seiner Heiligen gegeben
wird, das, so hoffen wir, wird sonder Zweifel zur Stätigung unseres
Reiches und uns zur Freude des ewigen Lebens ersprießlich sein. Darum
sei kund allen unsern gegenwärtigen und künftigen Getreuen, daß wir
um Willen der Bitten des ehrwürdigen Erzbischofs und Kanzlers unsres
Reiches, Herrn Heriberts, auch auf verständige und für des Reiches
Nutz zuträgliche eindringliche Vorstellung des tapfern Herrn Gerwalt,
bisher Grafen des Ran- und Waldsassengaues und dazu aus besonderer
Ehrung der wackern Dienste in Krieg und Frieden, die uns Herr Heinrich,
weiland Graf von Rothenburg ob der Tauber, nunmehr aber Bischof von
Würzburg, geleistet hat, diesem Herrn Bischof Heinrich und all seinen
Nachfolgern zu Ehren des allmächtigen Gottes, Seligmachers der Welt,
und der kostbarlichsten Martyrer Sankt Kilian, Sankt Coloman und Sankt
Totnan geweihet haben, geschenkt und gewidmet zwo Grafschaften, genannt
Waldsassen -- mitsamt Stadt und Weichbild von Würzburg -- und genannt
Rangau in dem Lande, das man das Morgenfrankenland heißt, gelegen,
die wir mit allem Zwang, allen Satzungen und unserm königlichen
Banne, mit Ordnung und Gerichtsbarkeit, nichts ausnehmend von dem
allen, was die Grafen oder sonst irgend ein Mensch von Herkommen und
Gewohnheit wegen haben sollen, und dies alles mit aller Nutzbarkeit den
obgeschriebenen Martyrern zu eigen gegeben und aus unsern Rechten und
unsrer Herrlichkeit in des ehrwürdigen Bischofs Heinrich und seiner
Nachfolger Recht und Herrlichkeit gänzlich übertragen haben: nämlich
in der Gestalt, daß gemeldeter, ehrwürdiger Bischof Heinrich und alle
seine Nachfolger die vorgenannten Grafschaften wie immer es ihnen
gefallen wird für und für ordnen, selbst verwalten oder einen andern
als Grafen damit belehnen mögen, ohne daß wir, unsere Nachfolger oder
sonst männiglich Eintrag und Widerspruch erheben mögen. Und damit
diese unsere kaiserliche Übergabe nun und hinfort desto beständiger
verbleibe, haben wir diesen Brief mit eigener Hand gefestigt und zu
besiegeln geboten. Gegeben den dreißigsten Tag des Maien, nach der
Menschwerdung des Herrn im tausendsten Jahr, in der dreizehnten Römer
Zinszahl, in unseres des dritten Otten Königtum dem sechzehnten und
unseres Kaisertums im fünften Jahr. Gegeben zu Rom: seliglich. Amen.«
Herr Heinrich reichte ihm die Hand und suchte sein Auge, gewaltig hob
sich ihm die Brust in tiefem Atmen. Es dauerte geraume Zeit, bis er
sagen konnte: »Dank! -- Heißen Dank! Und war mir doch geweissagt, ich
würde nicht sterben, bevor ich meinen schlimmsten Feind erschlagen! Ich
meinte, das ... war ...« »Nicht ich!« sprach Graf Gerwalt und strich
ihm über die Stirne.
»Nein! -- Das war ... ein anderer! -- Aber Graf Gerwalt, was wird aus
Euch?« Heilfriede legte die Hand auf ihres Gatten gepanzerte Schulter
und sprach mit stolzfreudigem Blick: »Markgraf von Meißen wird er, mit
herzoglichem Recht und Rang. Der große Held, Markgraf Eckhart, der
Schreck der Slaven, der Schirmer unserer Marken dort, ist gestorben.
Mein Mann tritt an seine Stelle. Sobald Ihr vom Lager erstanden seid,
brechen wir dorthin auf.«
Herr Heinrich nickte: »Er hat's verdient. -- Zwei Grafschaften kann
ich allein nicht selbst verwalten. Hellmuth soll den Rangau -- Wo ist
Hellmuth? ah dort! Sieh, Hand in Hand mit Edel? Nun möcht' ich doch
wissen auch von gar manchen andern noch: von dem Geschicke so vieler
der mir anvertrauten Seelen -- wie hat all das gewirkt auf ...? -- ach
auf viele! Und wie kommt es, -- daß Minnegard, -- sie lehnt an Fulkos
Brust! Ei schlimme Mündel! Berichtet und erklärt!«
»Nein,« sprach Frau Heilfriede sanft, den Finger auf die Lippen legend,
»heute wird nichts mehr berichtet und erklärt. Es ist genug, fast schon
zuviel gewesen für einen wunden Mann. Morgen dann -- da uns der liebe
Gott nicht mehr bedroht! -- morgen ist auch noch ein Tag. Da mögt Ihr
alles vernehmen: -- wird Euch wohl manches wundern! Aber Ihr werdet mir
eine Bitte nicht verweigern, Herr Hezilo?«
»Keine, Heilfriede!« -- »Jetzt, Herr Bischof, sprecht Euer Nachtgebet.
Es wird draußen schon dunkel. Jetzt scheidet ... auch du, mein Gerwalt
-- geht nun alle hinaus. Der Kranke muß ruhen, schlafen.« »Aber er darf
nicht allein bleiben,« rief Minnegard. »Gewiß nicht! Ich will ...«
sprach Edel eifrig. »Nein, liebes Kind,« erwiderte die sanfte Frau,
ihre Wange streichend. »Das ist +mein+ Recht: +ich+ bin doch seine
älteste Freundin.«