V.

»Supfo, Supfo!« rief Hellmuth lautschallend durch das Haus. »Wo ist

Supfo? Wo steckt der dicke Schalk?« »Ich hab' eine Ahnung!« lachte

Fulko und eilte durch die Vorhalle auf die Fallthüre zu, welche die

Kellertreppe schloß.

Da ward diese Thüre von unten aufgestoßen und auf der obersten Stufe

erschien Supfo, ein strahlendes Lächeln auf dem stark geröteten

hübschen rundlichen Gesicht; auf seiner linken Schulter lag, behaglich

schnurrend Mucia, die Kluge, in der Rechten trug er einen mächtigen

erzgetriebenen Krug, aus welchem ein starker, herzerfreuender Duft

aufstieg.

»Ja Supfo! Wo wart Ihr denn die ganze Zeit?« -- »Da, wo ich hingehöre,

ihr Gelbschnäbel!« -- »Supfo -- ist es möglich? -- Ihr habt? -- während

des Untergangs der Welt ...?« -- »Na, ist sie untergegangen?« --

»Aber sie sollte doch.« -- »Nicht doch! Sie sollte eben +nicht+! Hab'

ich's euch nicht vorausgesagt? Mucia und ich, wir wußten es besser.«

-- »Aber Supfo! -- Wann seid Ihr denn da hinunter?« -- »Vorgestern

Abend.« -- »Und die ganze Zeit verschlafen?« -- »Das ist Verleumdung.

Nur die zweite Hälfte.« -- »Und das Sturmblasen von allen Türmen! Das

Hinaussprengen der Reisigen, den Auszug und den Einzug? Ihr hättet

wirklich die Posaunen des Gerichts auch verschlafen.« -- »Haben sie

geblasen? -- Was ich that in der ersten Hälfte der Zeit? Nun, der

Griechenwein ist zu Ende. Das ist die Neige -- diesen Vollkrug hab' ich

für den Herrn Bischof und für euch gespart. -- Wer war nun der klügste

Mann in ganz Würzburg?« Und er lachte, daß ihm das runde Bäuchlein

bebte, bis ihm Fulko erzählte, aus welchen Gefahren und Sorgen sie

sich eben erst geborgen wußten. Da humpelte der Dicke -- unglaublich

rasch -- die Treppe hinauf und an Herrn Heinrichs Lager und sank dort

auf die Kniee und weinte, weinte Thränen des Schmerzes und der Freude

durcheinander.

* * * * *

Während Hellmuth den Grafen Gerwalt aus der Waffenhalle holte, wartete

die Gräfin mit den beiden Mädchen und Fulko im Vorsaal.

Da trat Minnegard an Frau Heilfriede heran und begann, ziemlich

kleinlaut: sie schlug die Wimpern nieder -- denn allzu glücklich für

eine zage Bitte und geheimen Glückes zu süß bewußt leuchteten --

sie fühlte das -- ihre minneseligen Augen: »Was soll nun werden aus

... aus uns beiden armen jungen Paaren? Wir hatten uns ganz darauf

eingerichtet, daß heute nur der liebe Gott, der -- leider Gottes! --

doch ohnehin alles weiß, mit uns rechten werde können über das, was

wir Mädchen diese Nacht gethan -- oder doch: erlitten« seufzte sie,

»und vielleicht nicht ganz heftig genug abgewehrt: -- wer konnte

aber heute Nacht um Hilfe gegen Entführer schreien? Es hätte doch

niemand darauf gehört!« Da lachte Fulko. »Mein süßes ... Kind. Deiner

Mutter Klosterwunsch galt nur für die alte Welt: -- die ist heut'

Nacht versunken: -- nicht bindet er für die neue, die uns der Herr

Gott heute geschenkt.« »Das würde der Herr Bischof schwerlich gelten

lassen,« meinte die Frau Gräfin, drohend den weißen Finger gegen Fulko

hebend: »aber getrost. Herr Heinrich steht so tief in der Schuld des

gnädigen Himmelsherrn, --« »Und in der Eurigen,« riefen die drei

andern. -- »Daß er auch ein Übriges an Güte thun muß -- und wird. Seid

ganz getrost. Ich -- ich führe eure Sache -- aller vier.«

»Dann ist sie gewonnen!« jubelte Minnegardis, warf sich an ihre Brust

und küßte sie stürmisch. »Wie sollen wir Euch danken?« fragte Edel,

tief gerührt. -- »Mein Dank ist -- euer Glück. Ich war auch einmal

jung. -- Da kommt mein Mann. Nun zu ihm ... zu Herrn Heinrich.«

* * * * *

Am Lager Herrn Heinrichs stand Graf Gerwalt, eine stattliche, mannhafte

Kriegergestalt in voller Waffenrüstung, nur ein paar Jahr jünger als

der Bischof, aber sein blondes Haar war weit weniger ergraut. Er hielt

des Wunden Hand gefaßt und sprach: »Ihr habt mir nicht zu danken.

Was ich gethan, ich that's nicht Euch zu lieb' -- ich that's fürs

Reich. Ich kam zu der Einsicht, daß, wie die Dinge hier in der Stadt

und im Gau nun einmal liegen, Bischof und Graf, auch wenn sie beide

nicht solche Streitköpfe sind wie wir, auch bei friedfertigem Sinn

-- unablässig in Hader über die Grenzen ihrer Rechte kommen werden,

kommen müssen. Deshalb hab' ich -- und allerdings auch, weil ich

den Rothenburger Heinrich als einen Mann kenne, der Land und Leute

trefflich zu leiten und -- wir haben's diese Nacht wieder erlebt! --

zu schirmen weiß, bei Kaiser Otto mit Hilfe Eures klugen Bruders, des

Herrn Kanzlers, durchgesetzt, was fortab -- nun, ich lese Euch seine

Urkunde vor«; und er ließ sich von Frau Heilfriede ein Pergament

reichen mit dem großen kaiserlichen Siegel und las:

»In dem Namen der heiligen unzerteilten Dreifaltigkeit Otto der Dritte,

ein Knecht Jesu Christi und römischer Kaiser, Mehrer des Reichs, nach

dem Willen Gottes, unsres Seligmachers und Erlösers. Was von unserer

Majestät zu Erhöhung der Kirchen Gottes und seiner Heiligen gegeben

wird, das, so hoffen wir, wird sonder Zweifel zur Stätigung unseres

Reiches und uns zur Freude des ewigen Lebens ersprießlich sein. Darum

sei kund allen unsern gegenwärtigen und künftigen Getreuen, daß wir

um Willen der Bitten des ehrwürdigen Erzbischofs und Kanzlers unsres

Reiches, Herrn Heriberts, auch auf verständige und für des Reiches

Nutz zuträgliche eindringliche Vorstellung des tapfern Herrn Gerwalt,

bisher Grafen des Ran- und Waldsassengaues und dazu aus besonderer

Ehrung der wackern Dienste in Krieg und Frieden, die uns Herr Heinrich,

weiland Graf von Rothenburg ob der Tauber, nunmehr aber Bischof von

Würzburg, geleistet hat, diesem Herrn Bischof Heinrich und all seinen

Nachfolgern zu Ehren des allmächtigen Gottes, Seligmachers der Welt,

und der kostbarlichsten Martyrer Sankt Kilian, Sankt Coloman und Sankt

Totnan geweihet haben, geschenkt und gewidmet zwo Grafschaften, genannt

Waldsassen -- mitsamt Stadt und Weichbild von Würzburg -- und genannt

Rangau in dem Lande, das man das Morgenfrankenland heißt, gelegen,

die wir mit allem Zwang, allen Satzungen und unserm königlichen

Banne, mit Ordnung und Gerichtsbarkeit, nichts ausnehmend von dem

allen, was die Grafen oder sonst irgend ein Mensch von Herkommen und

Gewohnheit wegen haben sollen, und dies alles mit aller Nutzbarkeit den

obgeschriebenen Martyrern zu eigen gegeben und aus unsern Rechten und

unsrer Herrlichkeit in des ehrwürdigen Bischofs Heinrich und seiner

Nachfolger Recht und Herrlichkeit gänzlich übertragen haben: nämlich

in der Gestalt, daß gemeldeter, ehrwürdiger Bischof Heinrich und alle

seine Nachfolger die vorgenannten Grafschaften wie immer es ihnen

gefallen wird für und für ordnen, selbst verwalten oder einen andern

als Grafen damit belehnen mögen, ohne daß wir, unsere Nachfolger oder

sonst männiglich Eintrag und Widerspruch erheben mögen. Und damit

diese unsere kaiserliche Übergabe nun und hinfort desto beständiger

verbleibe, haben wir diesen Brief mit eigener Hand gefestigt und zu

besiegeln geboten. Gegeben den dreißigsten Tag des Maien, nach der

Menschwerdung des Herrn im tausendsten Jahr, in der dreizehnten Römer

Zinszahl, in unseres des dritten Otten Königtum dem sechzehnten und

unseres Kaisertums im fünften Jahr. Gegeben zu Rom: seliglich. Amen.«

Herr Heinrich reichte ihm die Hand und suchte sein Auge, gewaltig hob

sich ihm die Brust in tiefem Atmen. Es dauerte geraume Zeit, bis er

sagen konnte: »Dank! -- Heißen Dank! Und war mir doch geweissagt, ich

würde nicht sterben, bevor ich meinen schlimmsten Feind erschlagen! Ich

meinte, das ... war ...« »Nicht ich!« sprach Graf Gerwalt und strich

ihm über die Stirne.

»Nein! -- Das war ... ein anderer! -- Aber Graf Gerwalt, was wird aus

Euch?« Heilfriede legte die Hand auf ihres Gatten gepanzerte Schulter

und sprach mit stolzfreudigem Blick: »Markgraf von Meißen wird er, mit

herzoglichem Recht und Rang. Der große Held, Markgraf Eckhart, der

Schreck der Slaven, der Schirmer unserer Marken dort, ist gestorben.

Mein Mann tritt an seine Stelle. Sobald Ihr vom Lager erstanden seid,

brechen wir dorthin auf.«

Herr Heinrich nickte: »Er hat's verdient. -- Zwei Grafschaften kann

ich allein nicht selbst verwalten. Hellmuth soll den Rangau -- Wo ist

Hellmuth? ah dort! Sieh, Hand in Hand mit Edel? Nun möcht' ich doch

wissen auch von gar manchen andern noch: von dem Geschicke so vieler

der mir anvertrauten Seelen -- wie hat all das gewirkt auf ...? -- ach

auf viele! Und wie kommt es, -- daß Minnegard, -- sie lehnt an Fulkos

Brust! Ei schlimme Mündel! Berichtet und erklärt!«

»Nein,« sprach Frau Heilfriede sanft, den Finger auf die Lippen legend,

»heute wird nichts mehr berichtet und erklärt. Es ist genug, fast schon

zuviel gewesen für einen wunden Mann. Morgen dann -- da uns der liebe

Gott nicht mehr bedroht! -- morgen ist auch noch ein Tag. Da mögt Ihr

alles vernehmen: -- wird Euch wohl manches wundern! Aber Ihr werdet mir

eine Bitte nicht verweigern, Herr Hezilo?«

»Keine, Heilfriede!« -- »Jetzt, Herr Bischof, sprecht Euer Nachtgebet.

Es wird draußen schon dunkel. Jetzt scheidet ... auch du, mein Gerwalt

-- geht nun alle hinaus. Der Kranke muß ruhen, schlafen.« »Aber er darf

nicht allein bleiben,« rief Minnegard. »Gewiß nicht! Ich will ...«

sprach Edel eifrig. »Nein, liebes Kind,« erwiderte die sanfte Frau,

ihre Wange streichend. »Das ist +mein+ Recht: +ich+ bin doch seine

älteste Freundin.«

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 69 / 70 题