Hellmuth wollte sprechen: -- aber der Alte kam ihm zuvor: »Still!
Nun sollt Ihr nicht mehr hören, Ihr sollt sehen. Schaut hinauf, das
Sternlein ist dem Mondrand nah. Die Stunde kam.«
Er bückte sich und hob, nicht ohne Anstrengung, unter den hohen,
mächtig gewölbten Wurzeln der alten Esche eine Rasenscholle aus:
-- erst jetzt gewahrte der Jüngling, daß sie auf drei Seiten
eingeschnitten war -- und holte darunter ein Stück Fell hervor: -- es
war ein Hamsterpelz: -- darin lag gehüllt ein etwa zwei Hände breiter
rundlicher Gegenstand. Der Alte wickelte ihn sorgfältig heraus und wies
ihn dem Überraschten dar: es war eine dunkle, ganz glatte Metallscheibe
in ehernem Rahmen: einen in sich gerollten Drachen stellte der
umrahmende Erzreif dar.
»Ein Spiegel?« rief Hellmuth erstaunt.
»Ja! Aber nicht der Eitelkeit: -- der Wahrheit. Ein Zukunftspiegel!
In unserer Sippe vererbt von Geschlecht zu Geschlecht! Alle andere
Fahrhabe teilte die liebe Mutter, als sie zu sterben kam, ganz gleich
unter uns beiden Brüdern. Aber diesen Spiegel gab sie mir voraus! Sie
schickte den Bruder, der so kircheneifrig war, hinaus, griff unter
das Kopfpolster und reichte dies Erbstück mir --, weil sie wußte, ich
würde davon schweigen gegen die Geschorenen. ›Und so haben's,‹ sagte
sie, ›die Ahnen gehalten von Geschlecht zu Geschlecht: immer nur Einem
-- dem Treuesten! -- haben sie das Erbe der Vorzeit vertraut.‹ -- Und
sie lehrte mich auch, wie ich des Spiegels zu gebrauchen habe. Einst
war er wohl zu eigen den drei seligen Fräulein auf der Karlsburg da
unten am Main: Sankt Kilian soll sie von ihren Herrscherstühlen im
Goldsaal des Schlosses vertrieben und sie verwunschen haben in den
tiefen Ziehbrunnen unten im Burghof. Aber der einsame Hirt, der im
Abenddämmer an der Halde die Ziegen weidet, hört sie noch manchmal
leise singen aus der Tiefe und ein Sonntagskind mag sie wohl auch
in heißester Mittagsschwüle da oben im hohen Grase des Burghofs
überraschen, wie sie ihr Goldhaar strählen mit goldenem Kamme. Und ein
Urahn von uns hat den Spiegel gefunden, da er einst hinabstieg in den
Brunnen, weil ihn das leise Singen und Rauschen lockte. Und die Mutter
sagte, das Ende der Welt wird kommen in einer Sommer-Sunnwendnacht.
In der Sunnwendnacht eines Jahres, da am Tage der letzten Rauchnacht
-- heilige drei Könige nennen's die Pfaffen jetzt -- also mitten im
Winter! -- ein mächtig Gewitter wird aufsteigen über dem Stein zur
Mitternachtseite der Stadt und wird der Blitz schlagen -- gerade zu
Mittag -- in diese uralte Heidenesche hier.«
Da erbleichte der Jüngling: »Das ist dies Jahr! Am Tage der heiligen
drei Könige kam ein Gewitter von Norden und schlug zu Mittag in diese
Esche: -- ich stand ganz nah dabei, auf Wölfe pirschend, und sah es.«
-- »+Deshalb+, nicht weil die Geschorenen es predigen, glaub' ich an
das Ende der Welt, in diesem Jahr, in jener Nacht. Zwei Stunden vor
Mitternacht, so lehrte die Mutter --, beginnt der Kampf.« -- »Gut. Die
Stunde weiß ich nun: -- aber wo?«
»Das zu erfragen kam heute die Nacht: -- nach dem Stand der Gestirne.
Nun laßt mich gewähren und schweigt.«
Und der Alte streifte den geflochtenen Bundschuh von der linken Sohle,
trat barfuß auf die Breitfläche seines nackten Weidmessers, das er vor
sich niedergeworfen hatte, streifte den Mantel von dem rechten Arm
zurück, riß Gras, Kraut und Erdschollen aus dem Boden neben den Wurzeln
der Heidenesche, streute sie auf sein graues Haar und hielt den runden
Spiegel derart empor, daß die Strahlen des Mondes schräg hineinfielen,
Hellmuth aber wie er selbst auf die Metallscheibe blicken konnten. Er
drehte sich dabei langsam im Kreise und winkte dem Jüngling, ihm zu
folgen. Lange schwieg er. Zuerst hatte er den Spiegel gen Norden --
nach der Stadt zu -- gehalten: man sah nichts. Dann drehte er ihn gen
Westen dem Flusse zu: -- lange hielt er hier inne. Weiter drehte er
ihn gen Osten -- nichts zeigte die Scheibe. Endlich wandte er sie gen
Süden, -- flußaufwärts.
Alsbald fuhr er zusammen. »Seht Ihr?« raunte er leise. »Es zuckt durch
meine Hand! Von dorther! Von Mittag -- nein, von Südost also -- reiten
sie an da unten -- auf der großen Heerstraße!«
In dieser Richtung jagte der rasche Wind dunkles Gewölk wechselnd mit
Helle über die Mondscheibe hin: -- phantastisch wirre Gestalten: -- und
demgemäß verdunkelte und erhellte sich der Spiegel.
»Schaut!« Dem Alten zuckte und bebte vor Erregung die starke Hand.
»Allen voran der Schwarze! Auf schwarzem Gaul! Den gilt es, vor allen
zu treffen! Und hinter ihm -- seht nur! -- die ganze dunkle Schar, zu
Roß, zu Fuß! Schaut wie sie wimmeln und drängen! Danke dir, Mutter! Nun
weiß ich's gewiß! Ich werde nicht fehlen! In mancher Sturmnacht hab'
ich's geschrieen in die Wolken hinauf: ›Hör' es, Herr Wode oder wilder
Jäger, oder Kaiser Karl oder wie immer du heißest, der da oben brausend
hinfährt über meinem Haupt: ich kämpfe für dich im letzten Kampfe.
Dafür gieb mir Weidmannsheil und treffende Pfeile.‹ Hoch aus den
Wipfeln, lachend, gleich der Eule, rief er Gewährung hernieder: -- nie
fehlte mein Pfeil. So fehle auch ich nicht in seinem letzten Kampfe.«
»Noch ich,« sprach Hellmuth ernst. »Merke: keinem andern als dem
Himmelsherrn gelob' ich meine Seele. Aber in dem Kampf, der -- auch die
Priester sagen's ja! -- in der Sunnwendnacht gekämpft wird auf Erden
gegen Satan und all sein Heer -- den Kampf kämpf' ich mit, Alter: wir
reiten zusammen in die Teufel! Zur rechten Stunde bin ich da unten --
wo der Reitweg abbiegt -- zur Stelle.«
Und von ihm hinweg schreitend zu seinem Roß, sprach er zu sich selber:
»Das höchste Glück der Welt -- es war, in Edels Arm zu ruhn. Es blieb
versagt! Das zweite ist der Siegeskranz von höchster Ritterschaft: --
den will ich mir ertrotzen. Sankt Georg soll gestehen: ›nie sah ich
Ritter ritterlicher streiten‹ und -- noch einmal -- jenseit des Grabes
-- soll mich Edel müssen krönen.«