_Biegler._ Dann _Struve_
·Biegler·
(mit Schlüsselbund und schwerem Stock, eine Schnarre
umgehängt, erscheint rechts vorne und geht an dem erleuchteten
Kantinenfenster vorbei, dann revidiert er das Schloß des
Magazins und will zur Tür des Wohnhauses hinüber)
·Struves Stimme· (vom Haustor her)
He! Scht! Nachtwächter! Biegler!
·Biegler·
Wer is da?
·Struves Stimme·
'n guter Freund!
·Biegler·
Ich hab' keine guten Freunde.
·Struves Stimme·
Struve is da.
·Biegler·
Struve kann bei Tage kommen.
·Struves Stimme·
Mach auf, sonst reiß' ich an de Klingel.
·Biegler·
Was is denn? (Er geht aufmachen. Man hört den Schlüssel sich drehen.
Dann erscheint er zusammen mit Struve) Na?
·Struve·
Fsch! Drinne wär' mer ja nu.
·Biegler·
Also was willst du?
·Struve·
Sachte, sachte, sachte! ... Ick jeheer' hier zu's Haus. Ick hab' 'n Amt
hier ... 'n Vertrauensposten! Jawoll! ... Da muß ick mir iberfihren
können bei Tag und bei Nachte ... Ick kann schon jar nich mehr schlafen
vor lauter Ehrjefihl. Ja.
·Biegler·
Na, schlaf man. Ich geh' ja hier als Wächter.
·Struve·
Det sagste so in deinen Jemiete. -- Aber wenn du eines Morjens nicht
mehr dabist --
·Biegler·
Wieso?
·Struve·
Na, Mensch, Kohlege, wir beid' kennen uns doch. Uns haben se doch aus
denselben Suppentopp jeangelt.
·Biegler· (bitter)
Ach so!
·Struve·
Und diesentwegen biste dir doch klar: Weg mußte hier _nu doch_!
·Biegler·
Ja. Das bin ich mir klar.
·Struve·
Als du jestern 'raus warst, da haben die Steinmetzen noch ne jroße
Beratung jehabt. Da haben wer nich zuheeren derfen. Bloß, daß se
morjen früh zum Alten jehn werden, das hab' ich noch --
·Biegler· (in bitterer Erregung)
Und meinen Austritt fordern?
·Struve·
Wer zufällig fünf Finger hat, kann sich das ja dran abzählen.
·Biegler· (verbissen, verzweifelt)
Ich wart's gar nich ab. Ich geh' alleine.
·Struve·
Da wärste ja auch scheen dumm, wenn du dir -- nich vorher schon dinne
machen wolltst. -- Und darum bin ick eben auch 'n bisken dahinter
jewesen. Deiwel auch! Wenn man so die Verantwortung hat.
·Biegler·
Wofür? Für mich?
·Struve·
Ne -- aber -- (macht Zeichen nach dem Magazin hin) vor -- -- Ick kenn'
doch 's menschliche Leben. So 'ne Sachen die loofen doch jewissermaßen
hinter einen her. Janz von selber. Wie wenn se Beene hätten. Da kann
man jar nischt vor.
·Biegler·
Was denn? Was denn?
·Struve·
Na, du weißt schon. Aber in so 'ne menschliche Versuchungen da muß man
eben 'n Freind haben. Mann mit Ehrjefihl. Und so. Wo einem 'n bisken
ins Jewissen redt ... Denn der Fallstricke des Teufels sind viele, und
-- -- was? Wie sagste?
·Biegler· (mit einem kurzen Lachen)
Ich sag' jar nischt.
·Struve·
Na, nu mal unter uns! -- Wenn du -- und du jehst hier weg, wo wirschte
denn nu hinmachen?
·Biegler·
Wer kann das wissen?
·Struve·
Nu, setz dir mal bisken hier dal! (Zieht ihn auf den vordersten Block)
Sieh mal, mir jeht hier ja so weit janz jut. Ick bin Verdrauensperson.
Und so. -- Aber _zu_ viel Ehre kann der Mensch auch nich verdragen. Des
drickt aufs Jemiet, weißte ... Und weil ich dir nu mal so liebhabe --
jewissermaßen, und weil de iberhaupt noch im janzen 'n bisken klietrig
bist -- weißte! -- -- na? -- Wollen wir zusammen uf de Fahrt steigen?
·Biegler·
Was? Du und ich?
·Struve·
Nu ja. Mit _die_ Ansichten, wo wir beide vons menschliche Leben haben
-- die _haben_ wir nu mal! Die kann uns keiner nehmen. Die einen
wälzen sich in'n Jolde, wir wälzen uns in'n jrienen Chausseejraben.
Tagsüber sehn wir mal bisken nach, wo wat los is, Abends saufen wir uns
'n verjnichten Teng ins Jesichte. Hier mußte ewig 'n krummen Puckel
machen und dir sauer anhauchen lassen und wirscht doch nie mehr im
Leben, wat die andern sind!
·Biegler·
Mensch! Da haste recht!
·Struve·
Draußen veracht' dir keiner ... Und da biste bloß _einem_ Jehorsam
schuldig, -- das is der Meilenzeiger ... Na?
·Biegler·
(schaut abschiednehmend um sich, mit hartem Entschluß)
Gut! Wann willst du -- losjehn?
·Struve·
Losjehn? ... Jleich. Uf'n Momang.
·Biegler· (in Erregung)
Ich muß doch erst -- mit ihm -- reden ... Muß doch kündigen.
·Struve·
Ach! Sei doch kein Milchkalb! Wird er dir viel kündigen? Und noch eins
sag' ich dir: Der Jöttlingk is 'n tück'sches Luder. Der verjeßt dir die
Blamasche nich. Da kannste morjen drei Zoll Stahl ins Leib kriegen,
jleich, noch auf'n nichternen Magen.
·Biegler· (dumpf, entschlossen)
Mir is alles egal.
·Struve·
Ne, ne, ne, ne. Komm jleich. Nimm dir in acht.
·Biegler·
Zeugnisbuch muß ich haben. Dann komm' ich mit.
·Struve·
Zeichnisbuch? Ick weeß 'ne Penne hier in de Jegend, da stempelt dir 'n
jewesener Oberjeheimrat de piksten Flebben noch heite nacht. Und denn
-- wat willste mit 'n Zeichnisbuch? -- Et steht ja woll jeschrieben:
»Ehrlich währt am längsten« -- aber 'n tichtiger Spitzbube fährt mit
vier Hengsten. Und iberhaupt mit die olle Tugend! Die schabt sich ab
wie 'ne dreck'ge Scheierbürschte. Da droppt dir ewig de Nese von wie
bei'n kleinen Swienegel ... Bloß natirlich -- 'n jewisses Anlagekapital
-- det missen wir haben.
·Biegler·
Wozu? Woher?
·Struve·
Det brauchste überall. -- Ohne 'n Parchentlappen kannste nich uf de
Flohjagd. -- Willste lernen Jold machen? Kleinigkeit! Aber natirlich --
wenn de keinen Dukaten _hast_, kannste auch keinen Dukaten beschneiden.
Siehste! Das is der Witz ... Na, Jott sei Dank, bei uns is ja nich wie
bei arme Leit' ... Kleines Vermeegen zum Anfangen -- und so -- is ja
alles da.
·Biegler·
Ich krieg' noch nich mal 's volle Monatsjehalt.
·Struve·
Aber Mensch! -- Bejreifst de denn noch immer nich?
·Biegler·
Was denn? Na was denn?
·Struve·
Herrgott! Schon doch 'n bisken mein Ehrjefihl und frag nich immer so
glup'sch. Aber se sind doch nu mal da. Da kann man doch nischt machen.
·Biegler·
Was? Was? Was?
·Struve· (zaudernd, verlegen)
Na -- de -- de -- Diamanten.
·Biegler·
Die willst du am Ende --?
·Struve·
Die brechen wir doch jetzt jleich aus. Det is doch 'n janz reelles
Jeschäftsprinzip. Anzeigen kann uns der Olle nich mehr. Sonst blamiert
er sich. Na?
·Biegler·
Ach so einer bist du! Na, dann jeh man wieder zu Hause.
·Struve·
Du bist wohl 'n Schlamassel?
·Biegler·
Ich muß jetzt elfe abpfeifen. (Wild) Jeh, oder ich pack' dir ins Jenick.
·Struve·
Na -- denn mach's gut! ... Ick hab' mir aber sehr in dir entteischt.
Den Vorwurf kann ick dir nich ersparen! ... Äh! Is nischt mehr los
mit's menschliche Leben, nich vor und nich hinter de Mauer.
(Ab, von Biegler gefolgt. Man hört das Tor auf- und zuschließen)