Nicht ansehn! Nicht ansehn! (Verbirgt das Gesicht in seinem Rock)

·Zarncke· (sie streichelnd)

Also _das_ war's? Und was du da drinnen verschlossen hieltst, das wird

dir nu da -- (weist zur Kantine) Ja, wie geht denn das zu?

·Marie· (von Schluchzen geschüttelt)

Weiß nicht! Weiß nicht!

·Zarncke·

Na, nu laß doch mal meinen Rock los!

·Marie·

(verbirgt das Gesicht um so fester)

·Zarncke·

Willst nich? ... Schämst dich so sehr? ... Kannst mich gar nich ansehn?

Möchtst das Tageslicht nich mehr sehn? Möchtst dir womöglich das Leben

nehmen noch diese Nacht?

·Marie· (nickt heftig)

·Zarncke· (lacht und streichelt sie)

Und machst doch nur durch, was jeder durchmachen muß, dem 'n Stern vom

Himmel 'runterfällt. (Zum Himmel weisend) Kiek mal hoch! ... Kannst

noch nich? Da sind schon 'n paar. Und dahinter noch Milliarden. Sie

stehn da wie für die Ewigkeit. _Und sie fallen alle._ Aber darum

werden wir Menschen nich ärmer ... Höchstens die, denen sie als

Zwanzigmarkstücke in die Tasche fallen ... Die Jugend verliert sich

zuerst, aber unser Blick wird um so heller ... Die Freunde zerkrümeln

sich, aber unsere Freundschaft wird alles, was mit uns reden kann,

jeder Gedanke -- jeder Hund -- jeder Stein ... Na -- und die Liebe? --

Dem einen fällt sie in den Schmutz -- wie dir, dem anderen zerreibt sie

der Alltag; -- rasch oder langsam, es is immer dasselbe, -- aber vor

der Tür lauern schon wieder viele, die wollen sehr liebgehabt sein,

und die brauchen's den Deiwel wie nötig ... Selbst der Herrgott wird

uns aus unseren Herzen gerissen, aber unsere Herzen schlagen kräftiger

... Kindchen, 's wird noch 'n büschen weh tun 'ne Zeit lang ... Scham

brennt ... Aber seines guten Rechts soll sich der Mensch nicht schämen.

Und dein Recht war's ... Ja war's ... Wie's mein Recht war und ist,

dich liebzuhaben und dir zu sagen: Halt still ... Die Stillen sind die

Klugen ... Und nur wer von der Welt _weit, weit_ ab is, der hat sie

ganz.

·Marie· (sich aufrichtend)

Vaterchen, hast du das immer gedacht?

·Zarncke·

Ich geb' zu, Kindchen, es is 'ne Weisheit für die Kranken und die

Alten. Aber die, welche die Jungen und die Gesunden sich zurechtmachen,

is auch nischt wert ... Na -- nu schmunzelst du ja wieder --.

·Marie· (schluchzt kurz auf)

·Zarncke·

Nich, nich, nich ... Und komm 'rauf ... Mir is, die Tür hat schon 'n

paarmal geklappt. (Weist nach der Kantine) Da traut sich einer nich an

die frische Luft, eh' wir nich verduftet sind.

·Marie·

Die arme Lore!

·Zarncke·

Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten · 第 124 / 144 题