·Lore·
(immer in freudiger Erregung)
Ich weiß nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie
reden gar nich.
·Biegler·
Ich red' ja -- auch sonst nich -- viel.
·Lore·
Wissen Sie, mir is nämlich heute ganz was -- ganz was -- Besonderes --
passiert.
·Biegler·
Was Gut's?
·Lore· (nickt)
·Biegler·
Da gratulier' ich.
·Lore·
Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ändern. Aber es
is doch wie 'n heller Schein. -- Und da möcht' ich, daß es auch andern
so geht. Ihnen auch.
·Biegler· (schwer atmend)
Danke!
·Lore·
Herr Biegler -- ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck
spielen. Ich weiß ja, was Sie quält -- seit gestern.
·Biegler·
(sich in Erstaunen jäh umwendend)
Und da reden Sie noch mit mir?
·Lore·
Ja -- is es denn wahr?
·Biegler· (nach einer Pause, schwer)
Die Herren Geschworenen haben die Frage -- ob's Notwehr gewesen is oder
nich -- verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken.
(Schweigen)
·Lore· (nach innerem Kampfe)
Herr Biegler! ... Sündig sind wir alle ... Ich auch.
·Biegler· (bitter lachend)
Sie?
·Lore· (zaghaft)
Sie wissen doch!
·Biegler·
Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst
wieder Fleisch hätt' auf den Armen, dann würd' ich den Kerl -- --
·Lore·
Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, daß ich Angst
hab' vor Ihnen?
·Biegler· (hastig seinen Kaffee trinkend)
Ich geh' schon. Ich geh' schon.
·Lore·
Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?
·Biegler·
(unschlüssig, mit dankbarem Aufblick)
Ach! ... (hart) Ne.
·Lore·
Gott, Herr Biegler, gut tät's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n
Stein! Die Steinmetzen erzählen nämlich: Der Stein wird durch Druck.
Wissen Sie?
·Biegler·
Das sollt' ich wohl wissen.
·Lore·
Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre müssen die drüberliegenden
Schichten drücken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim
Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar
Jährchen Druck -- immer derselbe Druck. Das genügt.
·Biegler· (bitter)
Ob's genügt.
·Lore·
Man lacht und man weint und man schläft und man arbeitet -- ach, lustig
sein kann man sogar -- man is überhaupt ein Mensch wie andere und is
doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ...
Man is willenlos wie 'n Stein ... Man läßt sich mit dem Fuß stoßen wie
'n Stein. Man wird gegen alles gleichgültig wie 'n Stein.
·Biegler· (eifrig)
Ja, ja, ja, -- so is es, -- ja, ja.
·Lore·
Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was
gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was
helfen. Bloß Vertrauen müssen Sie haben, daß ich's auch wirklich will.
·Biegler·
Das hätt' ich schon -- aber -- (vor sich hinbrütend) ich muß ja wohl
wieder weg.
·Lore·
Ich denk', Sie waren zufrieden.
·Biegler·
Wenn sie mich in Ruh' gelassen hätten -- _alle_ -- im Himmel wär' ich
gewesen. Morgens -- so gegen zweie -- da is mir leicht geworden ...
dann kann keiner kommen und was von mir wollen. -- _Doch!_ -- Einer
_kann_ kommen ... Die kann _immer_ kommen. Sie _is_ noch nich -- aber
sie kann.
·Lore· (mit beruhigendem Lächeln)
Na wer denn, wer denn?
·Biegler·
Ach so -- ich soll ja mein Herz erleichtern.
·Lore·
Nicht -- wenn Sie nich wollen.
·Biegler·
Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so
langsam von einem weg ... Man will _mit_ anfassen, und dann is man
allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heißt es: »Na,
habt ihr auch schon euer Leben versichert?« Und da heißt es: »Wenn
sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz
schwarz stellen.« Und dann fliegt 'n Stück Holz. Und dann fliegt 'n
Stein. Und dann kommen _Sie_ eines Tags und sagen: »Es tut mir leid,
Herr Biegler, aber Sie müssen wo anders essen, es is wegen der Leute.«
·Lore· (schüttelt heftig den Kopf)
·Biegler·
Na warten Sie man. Und schließlich kommt der Prinzipal und sagt: »Hier
is Ihr Buch. Sie können gehen.« Und man weiß, daß man nu wieder ins
Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt
noch: »Gott sei Dank.«
·Lore·
Ach, es is schrecklich.
·Biegler·
Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: »Seid froh, daß ihr
sühnen könnt« ... »Sühnen« heißt das schöne Wort ... Das haben die
Herren extra für uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles sühnen?
... Daß der Weg mich in _die_ Schlafstelle geführt hat -- und gerade
in _die_? ... Daß die Frau jung war -- mit Flunkeraugen -- und daß sie
immer _so_ machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir
vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': »Was machen Sie da?« dann hat sie
mich mit den blanken Zähnen angelacht und gesagt: »Ich kann's in den
Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt« ... Und der
Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon heiß und kalt das Genick
'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater
... Mit den Schustern hab' ich kein Glück ... Nu, da wissen Sie ja
auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gerätschemel gehend) Da liegt er
ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bißchen kleiner war er
-- aber groß genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefaßt hat --
mit ihr -- -- und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab'
ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? _So!_ (Hebt den Stein
hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert,
wie wenn einer bis drei zählt ... Weil der nu da lang lag, darum war
mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: »sühnen!« Ja, nun sühne mal,
wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden
geprügelter Hund viel sühnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr
kann er nich.
·Lore· (mitleidig)
Mein lieber Gott.
·Biegler·
_Ihr_ lieber Gott is nich _mein_ lieber Gott. Sonst ließ' er _das_ nich
zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten müssen gleich kommen.
·Lore· (fest)
Sie sollen _nicht_ gehn, Herr Biegler.
·Biegler· (in flackernder Angst)
Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.
·Lore·
Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich
setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und
kümmern sich um nichts.
·Biegler·
Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?
·Lore·
Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind
_die_ von Ihrer Schuld überzeugt. Und das darf nicht sein.
·Biegler·
Wenn's nu aber doch wahr is?
·Lore·
Das geht keinen was an. Außer Herrn Zarncke und mir weiß keiner was.
Und wir halten reinen Mund. Wenn _die_ sehn, daß Sie keinem aus dem
Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber
nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen
Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?
·Biegler· (nickt voll Grauen)
·Lore·
So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen
lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich
glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt,
dem zeigen Sie die Zähne.
·Biegler· (stammelnd)
Ach ich -- m -- mir bl -- eibt ja jedes Wort in der Kehle.
·Lore·
Soll nicht. Darf nicht. Sie müssen. Müssen, Herr Biegler, müssen!
·Biegler·
Und 's kann sein, wer's will? Ja?
·Lore· (stutzend, dann stark)
Ja.
·Biegler· (dumpf, zagend)