Zwölfte Szene

_Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar

Reitmaier_

·Zarncke·

Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hängt in seinem

Arm, er streichelt ihre Wange und übergibt sie dann Frau Homeyer, die

für einen Augenblick in der Tür erscheint) Sie werden entschuldigen,

Herr Kommissar! Sie is 'n bißchen kränklich ...

·Reitmaier·

(Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder

Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialität, die gelegentlich in

brutale Schärfe umschlägt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick

zum Offiziertypus)

Ach, es ist mir ja immer höchst fatal, wenn ich so das Privatleben der

Herrschaften stören muß. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten.

Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bißchen nachzuhören, was mein

Kollege vom Revier da -- -- Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne

menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemütlich. Die Herren

Spitzbuben -- die sind mir so wie 'ne große Familie.

·Zarncke· (erfreut, bewundernd)

Ach -- ne -- wirklich?

·Reitmaier· (bieder)

Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal

'n bißchen sehn?

·Zarncke· (rufend)

Struve!

·Struve·

(sich von einer Gruppe im Hintergrunde lösend)

Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier

vom Präsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn)

·Reitmaier· (die Arme ausbreitend)

Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund!

·Struve· (gerührt)

Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude!

·Reitmaier·

Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn.

·Struve·

Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt.

·Reitmaier·

Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was _haben_ Se denn nu wieder

ausgefressen?

·Struve·

Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de

Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich -- nich -- dienen.

·Reitmaier· (überzeugt)

Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen?

·Struve·

Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand

nehm' --

·Reitmaier·

Nich schon Totenschein! Pfui! -- Mann wie Sie muß leben!

·Struve·

Aber wenn sich's machen läßt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja.

·Reitmaier· (zu Zarncke)

Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da bloß noch 'ne

kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch)

Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht?

·Struve·

Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so.

·Reitmaier· (bedauernd)

Warum _waren_ Se nu nich in Ihre Schlafstelle?

·Struve·

Ja, warum _war_ ich nich in meine Schlafstelle? Hätt' ich gewußt, daß

schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen würden, hätt' ich

mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal--ibi.

·Reitmaier·

Natürlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! -- Da Sie das aber

selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu -- in den bekannten

Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is

da 's Bier immer noch so gut?

·Struve·

Danke. Ja. Es jeht.

·Reitmaier·

Da waren Sie bis -- zehn Minuten nach zwölfe. Und dann waren Sie mit

Ihrem Freund Kuntze -- ja, wo waren Sie da?

·Struve·

Ja, wo war ich da? Ich bin -- spazieren jewesen.

·Reitmaier· (klagend)

Nämlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder

feste!

·Struve·

Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm.

·Reitmaier·

Aber es is doch schade. Na -- und als Sie sich dann getrennt hatten,

was taten Sie dann?

·Struve·

Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so,

wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt.

·Reitmaier·

Und gesprochen haben Sie mit niemandem?

·Struve·

I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft

kommen. Ne.

·Zarncke· (triumphierend, leise)

Den kriegen Sie nich!

·Reitmaier·

Und dann sind Sie nach Hause gegangen.

·Struve·

Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vögelchens singen hören.

Aber ~pee à pee~ bin ick denn zu Hause jejangen.

·Reitmaier· (leise)

Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit

seines Heimkommens sind festzustellen. Aber -- -- (laut) Struve!

·Struve·

Herr Kommissar!

·Reitmaier·

Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin -- haben Sie da Sachen von

Wert?

·Zarncke·

O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsägen auf.

·Reitmaier·

Und die sind wertvoll?

·Zarncke·

Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt.

·Reitmaier·

Ah! Wußte der Struve davon?

·Zarncke· (mit reserviertem Lächeln)

Ja, das weiß ich nicht, Herr Kommissar.

·Reitmaier·

Struve, wo ist hier das Magazin?

·Struve·

Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja.

·Reitmaier·

Was is denn da so drin?

·Struve·

Was wird denn da so drin sein? Vielleicht überführen Sie sich mal, Herr

Kommissar.

·Reitmaier· (schärfer)

Wissen Sie, was Zahnsägen sind?

·Struve·

Zahnsägen? Ja. Das sind Zahnsägen.

·Reitmaier·

Wo werden die über Nacht aufbewahrt?

·Struve· (rufend)

Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsägen aufbewahrt?

·Reitmaier· (ärgerlich)

Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen.

·Zarncke·

(auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach

näher herangedrängt haben)

Stören Sie die Leute, Herr Kommissar?

·Reitmaier·

Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn übrigens -- (zu

Struve streng) treten Sie mal zurück! -- (leiser) daß an das Subjekt

nicht 'ranzukommen ist.

·Zarncke· (zaghaft, bittend)

Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen.

·Reitmaier·

Nu ja, _Sie_ sind ja bekannt dafür, daß es Ihnen Vergnügen macht,

dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen.

·Zarncke·

Vergnügen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott.

·Reitmaier· (immer noch leise)

Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich

könnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber möcht' ich mal

an _Sie_ die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl

für verdächtig halten oder nicht?

·Zarncke· (verlegen)

Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten · 第 81 / 144 题