_Struve. Lohmann._ _Sprengel_, _ein dritter Arbeiter_,
die essend auf dem Block hinter ihm sitzen
·Lohmann·
Na, wie lange werden sie dich deinen Knast Brot noch 'runterfuttern
lassen, Struve, ehe sie dich inlochen?
·Struve· (achselzuckend)
Ja.
·Lohmann·
Nachher gibt's zu Mittag wieder »Rumfutsch« und »blauen Heinerich«. Ei
weh.
·Struve·
Kindersch, babbelt nich von so hohe Sachen. Das versteht ihr nich.
·Sprengel·
Der tut sich noch dicke auf sein Zuchthaus.
·Struve·
Nu ob. Da kommt ihr noch lange nich rin. Da sind bloß _feine_ Leute
drin. Ja.
·Die Anderen· (lachen)
·Lohmann·
Drum heißt es auch die hohe Schule.
·Struve·
Jawoll. Da lernt man was. Hast du überhaupt 'ne Kleiderbürschte? Die
hat mir der Staat immer franko geliefert. Aus lauter persönlicher
Hochachtung ... Oder gar 'ne Zahnbürschte? Aber ich -- siehste! ...
Kiek dir mal an, wie der Dreck an dir 'rumklebt ... Aber _wir_ machen
dort zu Mittag immer Toi--lette. Und Handtuch tragen wir immer auf'n
Arm, da laufen wir den janzen Tag mit 'rum. Vor lauter Feinheit. Ja.
·Die Anderen· (lachen)
·Struve·
Überhaupt, was bist du hier? Und was bin ich hier? Und was sind
wir alle hier? ... Dreck sind wir. Hoch über dir kommen erst die
Steinmetzen ... und da hoch drüber die Bildhauer. Und denn _noch_ höher
der Polier ... Und _denn_ gar erst ... ach! Dort hab' ich immer in
de erschte Klasse gearbeit't ... Weiße Binde hab' ich tragen dürfen.
Tischältster bin ich gewesen. Das is mehr wie der Polier. Das is wie 'n
Jeneral ... Das kannste alles werden, wenn de ins Zuchthaus kommst ...
Karri--ere kannste machen. Ja.
·Lohmann· (singt spottend)
Liebes Kind, nu weine nich,
Mittags jibt's den blauen Heinerich;
Stehst du mit dem Schien auf du und du,
Kriegste auch 'n halben Hering zu.
·Struve·
Nu ja. Verdient euch mal erst 'n halben Schwimmling. Ihr geht hier zur
Lore und schnauzt: Hering -- aber 'n milchernen -- mit Zwiebel -- viel
Zwiebel ... janzen Berg Zwiebel, und dann schmeckt er noch nich mal ...
Ich sag' euch: ... wollt ihr 'n wirklichen duften, leckern Schwimmling,
da müßt ihr in de Anstaltsküche kommen. Die verstehn det Jeheimnis ...
Da kitzelt euch die Schnauze von -- noch Abends beis Einschlafen. So
viel scheener ist da alles. Ja.
·Lohmann·
Wenn da alles so viel scheener is, wat machste denn nich wieder hin?
·Sprengel·
Da hast _du_ doch freien Angtree.
·Struve·
Kindersch, ick werd' euch mal was erzählen: Dicht an de große
Außenmauer in Waldheim -- da steht nämlich 'ne alte Linde ... Und
von de Fisintation aus, was nämlich der Arbeitssaal is, da siehste
'n janzes kleines Stückschen von ... Und von'n Spazierhof aus, wo
du immer sechs Schritt hintern Vordermann herzoddelst, (stolz) bloß
nicht wir von de erste Klasse, wir jingen natierlich immer zu zweie
-- wenn du da -- und du huppst in die Höh', dann siehst wieder 'n
andern Stückschen -- so sechzig bis achtzig Blätter, wodran du immer
jenau wissen kannst, was für Jahreszeit is ... Und nun hat uns immer
und ewig der Deibel geplagt, daß wir auch mal den _janzen_ Lindenbaum
sehen wollten, denn der soll nämlich der scheenste Lindenbaum sein,
wo's auf de Welt überhaupt jibt. Das soll schon in de Geschichtsbicher
stehn ... Na, und wo nu endlich der Tag da is von de Entlassung, und wo
einem das Herz bis in'n Kopp 'raufbummert -- und wo nu das innere Tor
aufjeschlossen wird -- na, da is er nu -- und da is er 'n janz jemeiner
oller, ekliger Lindenbaum. Na -- und so war denn hernach alles -- janze
Freiheit.
·Lohmann·