Wenn Sie alles wüßten, Fräulein Mariechen. --

·Marie·

Kannst ruhig »du« sagen. Es hört uns keiner.

·Lore·

Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rührst du mich an? Warum gibst du

dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne)

·Marie· (sie streichelnd)

Na, na, Lore. Als du so groß warst wie die, da hab' ich dich schon

gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich

dazukommt) Du, Lenchen, der weiße Bär ist ein Eisbär. Und den bind

mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein

Garnknäuel)

·Lore·

Ja, Lenchen, tu das.

·Lenchen·

(fängt beruhigt von neuem zu spielen an)

·Marie·

Und laß uns mal vernünftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst

du nicht ganz offen, daß er der Vater ist?

·Lore· (verängstigt)

Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten.

·Marie·

Warum läßt es dir verbieten?

·Lore·

Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: »Willst

du, daß ich wieder eintrete auf dem Platz?« Ich glaub', ich hab' ihm

noch die Hände geküßt in meinem Glück ... Aber eine Bedingung hatte er

dabei. »Mund halten,« sagt' er, »daß keiner was erfährt.« ... Die's von

früher wußten, waren inzwischen weg. Bloß der Polier ... Und das ist

sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun beiß' ich mir

rein die Zunge ab Tag für Tag und denk': Endlich muß das Schweigen doch

ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine.

Ganz vergnügt. Bloß nicht allein. Da hütet er sich.

·Marie·

Was soll er zu dem allem aber für 'n Grund haben?

·Lore· (achselzuckend)

Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn.

·Marie· (erschreckt, beklommen)

Wen denn?

·Lore·

Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht -- ach,

wer kann wissen?

·Marie· (auf Lenchen weisend)

Und du meinst, daß auf'm Platz keiner was ahnt?

·Lore·

Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er

will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner

zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von

den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie _rein_ doll ...

·Marie· (träumerisch)

Ja, schön singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend)

Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst.

·Lore· (erschrocken)

Mariechen!

·Marie· (sich zusammenraffend)

Ach, es ist der Frühling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ...

Und du jammerst.

·Lore· (mit wehem Lächeln)

Ich jammer' ja auch nich.

·Marie·

Aber du schleichst 'rum und quälst dich mit deiner Schande. -- Schande!

Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebären ist

Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist

es schlimm ... dann kommt der Frühling, und das Amselweibchen baut, und

man selbst ist schon Ruine.

·Lore·

Du kannst auch noch glücklich werden, Mariechen.

·Marie·

Ich möcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich

bin so mutig da drinnen! ... Ich möcht' was verpflanzen von mir in

dich. Daß du den Kopf wieder hebst. -- Nicht mehr wie 'n Stein bist in

deinem Gram.

·Lore· (lacht bitter)

·Marie· (mit sich kämpfend)

Du -- soll ich -- reden mit ihm?

·Lore·

Du -- mit ihm?

·Marie· (nickt)

·Lore· (ohne Hoffnung)

Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ...

Vielleicht, daß er _doch_ --

·Marie· (stockend)

Es wird mir -- ja nicht -- leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum

mehr -- den großen Herrn ... Aber wenn man was _sehr gerne_ will, dann

wird man's doch auch -- können. -- Na, freut's dich gar nicht?

·Lore·

(die Hand mutlos vor die Stirne legend)

Stein unter Steinen: Schauspiel in vier Akten · 第 32 / 144 题