Mit Bildern nach Aufnahmen des Verfassers

Zwei klare, rauschende Gebirgsbäche verlassen bei Coßmannsdorf

die engen Gneistäler, um von hier an gemeinsam den Weg durch das

Tal zu nehmen, das bis zu seiner Öffnung in die Elbtalwanne als

Plauenscher Grund im weiteren Sinne bezeichnet werden kann. Rasch

trübt sich das Angesicht des Gebirgswassers, und sein Jugendübermut

wird eingedämmt durch steinerne Ufermauern und dienstbar gemacht

der Arbeit der Menschen. Fast möchte es müßig erscheinen, in einem

Gebiet, das nur noch Technik und Industrie zu gehören scheint, heute

den Kindern Floras nachzuspüren, die seit fast 1½ Jahrhundert immer

und immer wieder Botaniker in die wildromantische und daneben wieder

liebliche Landschaft zogen. Sachsens botanisierender König Friedrich

August II. weilte oft auf den Felsen des Hohen Steines, um hier »die

seltene Steinnelke und das noch seltenere Bernsteinkraut zu suchen«.

Reichenbach erlebte hier Entdeckerfreuden, und nicht nur einmal ist

die Pflanzenwelt des Plauenschen Grundes Gegenstand von Abhandlungen

gewesen, die freilich meist nur in Aufzählungen bestanden. Eine findet

sich in dem Beckerschen Werke von einem jungen Botaniker F. T. Pursch

und zählt über siebenhundert Arten auf, wobei allerdings das Gebiet

bis Tharandt und Grillenburg berücksichtigt worden ist. Auch in der

Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum der Forstakademie Tharandt

1866 findet sich eine wertvolle Zusammenstellung der in unserem Gebiete

und seiner Umgebung wachsenden Pflanzen.

[Illustration: Abb. 1. =Der Plauensche Grund.=

Nach einem Gemälde im Schloß zu Pillnitz von Thiele (Blick von der

heutigen Brauneschen Weizenmühle talabwärts)]

Um den gerühmten Pflanzenreichtum des Plauenschen Grundes verständlich

zu finden, ist es erforderlich, das frühere Bild des Tales auf

Grund der mannigfaltigen Aufzeichnungen vor unserem geistigen Auge

wieder erstehen zu lassen. Schon dessen felsige Natur von Plauen bis

Potschappel machte ein Betreten in früheren Zeiten mühevoll. Bis zum

Anfang des 18. Jahrhunderts galt der Grund dadurch und infolge des

dichten Gestrüpps (Abb. 1) für Wagen als völlig unpassierbar, so daß

auch die Dörfer im weiten Freitaler Becken ein weltfernes, unberührtes

Dasein fristeten. Das belebende Element war wie noch heute die

Weißeritz. Auenwald säumte ihre Ufer, in dessen Schatten wasserliebende

Pflanzen ihre Lebensbedingungen fanden (Abb. 2 u. 3). Die Abhänge des

Tales waren zum Teil mit dichtem Buschwerk bestanden, hier und da in

zusammenhängenden Wald übergehend, der aber im Siebenjährigen Kriege

größenteils fiel, so das Plauener Tännicht hinter der Kirche und die

dichten Bestände der Dölzschener Hänge. Noch erinnern Ortsnamen an

den ursprünglichen Waldbestand (siehe Arbeit von Dr. Bierbaum). Die

einer rechtwinkligen Sonnenbestrahlung ausgesetzten Südhänge und die

felsigen Klippen wiesen lockeres, sich verlierendes Buschwerk auf,

hitzegewohnten Florenkindern pontischer Herkunft Raum zur Besiedlung

bietend. Die meist nur schmale Talsohle im unteren Teile des Grundes

trug blumenreiche Wiesen. Vom Rotliegendenbecken zwischen Potschappel

und Hainsberg hatte die Landwirtschaft schon Besitz ergriffen, die von

den Bewohnern der idyllischen, kleinen Dörfer betrieben wurde, die

heute im großen Gemeinwesen Freital vollkommen aufgegangen sind. Die

Lehnen des Freitaler Beckens trugen damals ausgedehnte Obstgärten,

deren Anlage auf den 1568 verstorbenen geisteraustreibenden Pfarrer

Künzelmann zu Döhlen zurückgeführt wurde, der sich für seine ärztliche

Tätigkeit gern mit Pfropfreisern neuer Sorten belohnen ließ. Die Sorte

der Zuckeradenbirnen soll von Zauckerode stammen. In Gittersee, wo

Künzelmann zwei Güter erbaut hatte, wurden im Siebenjährigen Kriege

2500 Obstbäume für den Schanzenbau gefällt.

[Illustration: Abb. 2. =Auenwald im alten Potschappel.= (Nach einer

Lithographie)]

Die Wiesen dieser Talweitung (Abb. S. 185) trugen stellenweise

sumpfigen Charakter. Hier entwickelte sich eine heute verschwundene

Sumpfflora. Schilf und Rohrkolben besiedelten neben Seggen, Binsen

und Simsen das nasse Land, auf den sauren Wiesen nickten die weißen

Fruchtköpfe des Wollgrases im Winde, der seltene Sumpfdreizack

(~Triglochin palustre~) und die Schnabelbinse (~Rhynchospora alba~)

fanden sich neben dem Meerampfer (~Rumex maritimus~) und der graugrünen

Miere (~Stellaria glauca~). Sumpfherzblatt (~Parnassia palustris~),

Fieberklee (~Menyanthes trifoliata~) und Sumpfveilchen (~Viola

palustris~) brachten zu den verschiedenen Zeiten des Jahres Abwechslung

und Farbe, der Sonnentau (~Drosera rotundifolia~) lockte Insekten.

Beide Arten des Läusekrautes (~Pedicularis~) und das vierkantige

Weidenröschen (~Epilobium adnatum~) mischten ihr Rosa im Sommer unter

das Gelb des Flohkrautes (~Pulicaria dysenterica~). Das leuchtende Gold

der Sumpfdotterblume bezeichnete die nassen Gräben, später abgelöst

durch den bleicheren geflammten Hahnenfuß. Dort erhoben sich auch der

stolze Wasserliesch (~Butomus umbellatus~) und später die gebrechliche

Pferdesaat (~Oenanthe fistulosa~).

[Illustration: Abb. 3. =Auenwald bei der Neumühle.= (Nach einem

farbigen Kupfer)

Der Mühlgraben ist heute noch vorhanden. Auf dem Abhange links steht

heute oben die Begerburg. (Original im Heimatmuseum Freital)]

Diese Pracht ist der rationellen Bewirtschaftung des Bodens und der

Siedlung und Industrie zum Opfer gefallen. Aber auch die anderen im

Plauenschen Grunde vertretenen Formationen haben an Artenreichtum

und vor allem an Menge der Vertreter eingebüßt. Steinbrüche und

Industrie haben vernichtend gewirkt. Dazu werden seit Jahrzehnten die

noch vorhandenen Felsenhänge aus Gründen der Verkehrssicherheit von

der Eisenbahnverwaltung und den anliegenden Industrieunternehmungen

regelmäßig geräumt, ohne daß die natürliche Ausbreitung der

Felsenpflanzen damit Schritt halten kann. Da der Grund auch immer mehr

von Kindern durchwildert wurde und botanisierende Schüler ihn weidlich

geplündert haben, kann man heute von einer Flora des Plauenschen

Grundes nur noch mit Einschränkung sprechen. Nur ihre Reste sind noch

vorhanden, hier und da breiten sie sich an verhältnismäßig wenig

berührten Stellen fetzenartig aus.

Aber noch vermag man aus ihnen das Bild des ehemaligen Reichtums

sich wieder zusammenzustellen, und noch erkennt man deutlich die

Abhängigkeit des Florenbildes von den verschiedenen Einflüssen,

die eingewirkt haben und heute noch einwirken. Zum Teil ist es der

so verschiedene geologische Untergrund, aus dem sich vor allem

die Abgrenzung der kalkliebenden Pflanzen erklärt, der aber auch

floristischen Reichtum mit Artenarmut abwechseln läßt. Hervorragenden

Anteil an der Verteilung der Arten haben ferner die Bestrahlung des

Bodens durch die Sonne und dessen Wasserführung. Das Erzgebirge läßt

vor allem im Freitaler Becken seinen Einfluß spüren. Schließlich hat

auch der Mensch mit seiner Kultur das Pflanzenkleid verändert und

zwar bereichert durch Kulturpflanzen und mit diesen eingeschleppte

Unkräuter, besonders durch die Mühlenindustrie.

Bei meinen botanischen Streifen durch den Plauenschen Grund berührte es

mich immer eigenartig, wie die technische und industrielle Auswertung

des Tales an den in der Natur gegebenen Hindernissen Halt macht und

dicht daneben die Urflora als Zeuge einer vergangenen oder noch

vergehenden Zeit sich darstellt und in zähem Kampfe sich zu erhalten

sucht. Manche Entdeckerfreude konnte ich genießen, während dicht unter

mir Fabrikschlote rauchten, (Abb. 15) und die harten und sausenden

Geräusche aus dem arbeitenden Tale zu mir drangen. Zwei einander fremde

Welten berühren sich an solchen Stellen, und man wird die Wehmut

verständlich finden, die den Naturfreund ergreift, wenn er Zeuge dieses

stillen Kampfes sein muß.

[Illustration: Abb. 4. =Auenwald oberhalb des Felsenkellers=]

Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil in diesem Kampfe besitzen Bett

und Ufer der Weißeritz durch die Möglichkeit der dauernden Auffrischung

vom Gebirge her, und wenn auch eine deutliche Abnahme der Flora in

bezug auf Üppigkeit und Mannigfaltigkeit von Hainsberg nach Dresden

festzustellen ist, so zeigt sich doch der Einfluß des Gebirges bis

nach Löbtau hinein, vor allem durch die von der Wilden Weißeritz

stammende Gauklerblume (~Mimulus guttatus~). Zögernder folgt die rote

Pestwurz (~Petasites hybridus~) bis zur Begerburg, während gemeineres

Volk ständiger Begleiter des vereinigten Baches ist, so Bärenklau

und Wasserdost, die oft die stattliche Höhe von 2½ ~m~ erreichen,

Engelwurz, Zweizahn, mannshohe Kohldistel, die sich mit Acker- und auch

Sumpfdistel gekreuzt hat, kleinblütiges und rauhhaariges Weidenröschen,

von denen besonders das zweite recht schmückend wirkt. Knäuelampfer,

Glanzgras (~Phalaris arundinacea~) und Mannaschwaden (~Glyceria

fluitans~) bilden in Plauen große Bestände. Im Uferschlamm finden sich

Brunnen- und Wasserkresse, Wasserpfeffer, Sumpfmiere, Goldfelberich,

Wasserdarm, Wolfstrapp und Helmkraut neben Sumpfstorchschnabel und

Vergißmeinnicht, während die ufersäumende Dotterblume fast verloren

gegangen ist wie auch der früher an der Neumühle häufige Johanniswedel.

Überragt wird diese Uferflora von Igelkolben, Froschlöffel und

vereinzelt von Rohrkolben. Gewürzhafter Kälberkropf, Pfennigkraut,

Minzen und Mädesüß leiten zu den Uferwiesen. Stellenweise findet sich

noch Heilbeinwell (~Symphitum officinale~), während die knollige (~S.

tuberosum~) auch aus den kleinen Nebenschluchten gänzlich verschwunden

ist. Ebenso weicht das große Springkraut immer weiter nach Süden,

auf dem Fuße gefolgt von den riesenhaften Beständen seines kleineren

Bruders, der erst seit knapp 90 Jahren in der Dresdner Gegend ansässig

ist. Die Rasenflächen der Talsohle sind überall zu Kulturwiesen

geworden. Nur selten finden sich noch der Wiesenknöterich, der

Wiesenbocksbart und eine Sommerwurzart. Bachbunge und kleine Bestände

von Hexenkraut fristen in einigen Seitentälchen ein kümmerliches

Dasein. In einem breiteren Nebentale halten sich noch Teufelsabbiß

und Herbstzeitlose. Die lieblichen Schlüsselblumen sind fast gänzlich

ausgerottet worden. Auch nur noch in Resten ist der Auenwald vorhanden,

vertreten durch Bruch-, Mandel-, Sahl-, Korbweide und einige stattliche

Erlen (Abb. 4). Früher gab es bei Plauen so viel Erlen, daß man diese

im 16. Jahrhundert als Nutzholz für Teichgeländer, Bänke unter der

Pfarrlinde, Mühlgrabenschützen, Türschwellen, Wegebelag, sowie als

Brennholz verwandte (Schrifttum Nr. 42).

Erwähnt sei in diesem Zusammenhange die Ufermauer und -böschung

des Ratssteinbruches, wo neben Flechten und Moosen Schutt- und

Dürrlandgewächse auftreten, von denen besonders genannt sein sollen:

wilde Salbei (~Salvia silvestris~), Schutt- und Steinkresse (~Lepidium

ruderale~ und ~draba~), Graukresse (~Berteroa incana~), Resede (~Reseda

lutea~), Sichelluzerne, Wermut (~Artemisia Absinthium~), Stachelsegge

(~Carex muricata~). Als Gartenflüchtlinge sind aufzufassen ein großer

Busch japanischer Knöterich (~Polygonum cuspidatum~) und die reizende

italienische Waldrebe (~Clematis viticella~).

Arg gelichtet ist der Waldbestand der Talhänge. Bei Hainsberg und

Döhlen reichen die letzten Ausläufer des Tharandter Forstes in das

Gebiet, die neben reinen Fichtenbeständen recht schönen Mischwald

(Abb. S. 233) aufweisen, der Lärche, Kiefer, Fichte, Eiche, Birke,

Eberesche, Aspe, Ahorn, Weißbuche, Faulbaum, Holunder und vereinzelt

Edelkastanien enthält und in dem Heidekraut, Hainwachtelweizen,

Heidelbeere, Rasenschmiele, doldiges Habichtskraut (~Hieracium

umbellatum~) und Besenginster eine dürftige Unterflora schaffen.

Dreiblättrige und rauhe Gebirgsbrombeere (~Rubus Bellardii~ und

~hirtus~) wachsen als Erzgebirgler am Waldrande neben Himbeere,

der rauhstengeligen (~R. villicaulis~) und der im ganzen Tale

verbreiteten straußblütigen Brombeere (~R. thyrsoideus~). Gesäumt ist

der Waldbestand von Haselbüschen. Ursprünglicher wirken noch einige

Stellen, wo das Rotliegende als Felsen zutage tritt (Abb. S. 100) und

Linde und Schneeball als Holzgewächse dazukommen, als bedeutendere

Bestandteile der Unterflora aber Maiglöckchen, Bingelkraut, beide Arten

des Fingerhuts – der rote auf Aussaat zurückgehend – Salomonssiegel

(~Polygonatum officinale~) (Abb. 5) und ein letzter kleiner Bestand

von Silberblatt (~Lunaria rediviva~), freundlichst unter Schutz

genommen von einem Herrn der Industrie. Die Felsen selbst sind

besiedelt von kleinem Ampfer, nickendem Leimkraut, Blasenfarn,

nördlichem Streifenfarn (~Asplenium septentrionale~) (Abb. 6). Aus

kleineren und größeren Höhlungen leuchten die hellvioletten Blüten des

efeublättrigen Leinkrautes (~Linaria cymbalaria~). Aus den Felsritzen

wuchert der Schafschwingel in seiner graugrünen Abart (~Festuca ovina

ssp. glauca~), wie er auch an den Syenitfelsen des unteren Grundes als

Charakterpflanze auftritt. Einige Felswände erhalten ein eigenartiges

Gepräge durch ein grünsamtnes Moos (~Coscinodon cribrosus~) und

den Überzug durch die Nabelflechte (~Umbilicaria pustulata~) und

zwei Schüsselflechten (~Parmelia saxatilis~ und ~conspersa~). Der

unfruchtbare Verwitterungsschutt des Rotliegenden trägt an Bäumen vor

allem Kiefern in den verschiedensten Formen. Von unzugänglichen Klippen

leuchtet im Juni die Pracht wilder Rosen. Im Gegensatz dazu wirken

einige »gepflegte« Waldstücke in der Nähe von Siedlungen geradezu

trostlos, vor allem der Nadelwald beim Weißiger Georgschacht.

Einen neuen Charakter in das Florenbild bringt der Rotbuchenbestand

des Windbergwaldes. Verfehlt dieser sagenumwobene Rücken auf einen

»empfindsamen« Wanderer sowieso schon nicht einen gewissen Eindruck,

so wird dieser noch erhöht durch die silbergrauen Pfeiler dieses

stillen Domes. Untergeordnet treten hier fast alle vom Forstmann

gepflegten Laub- und Nadelhölzer auf außer der Tanne. Reiche Bestände

von Wurm- und Frauenfarn bedecken den Waldboden. Das große Springkraut

ist hier noch häufig neben Waldmeister, Maiglöckchen, vielblütiger

Weißwurz, Hainsauerklee, Lungenkraut, grüner Sitter (~Epipactis

latifolia~) und Anemone. An feucht-schattigen Stellen spannt das

Hexenkraut seinen zarten, weißen Schleier über den Boden. Am Waldrande

blühen noch vereinzelt Akelei und Christophskraut (~Actaea spicata~).

Versteckt hält sich die Tollkirsche (~Atropa Belladonna~), und wohl ist

es auch möglich, daß die früher hier ansässige Nestwurz (~Neottia nidus

avis~) noch einzelne Standorte besitzt, während die duftende Nachtzauke

(~Platanthera bifolia~) gänzlich verschwunden sein dürfte. In der

Nähe ist noch ein reicher Standort von Sanikel (~Sanicula europaea~)

beobachtet worden. Den Fuß des von Erdspalten durchsetzten Waldberges

säumen im Süden der Färbeginster (~Genista tinctoria~), die dornige

Hauhechel (~Ononis spinosa~), die kleine Eberwurz (~Carlina vulgaris~)

und ausgedehnte Rosenhecken, als ob sie dem vordringenden Kulturlande

den Weg verlegen wollten zur Höhe.

[Illustration: Abb. 5. =Salomonssiegel, die Springwurz des Bergmanns=]

Einer geregelten Bewirtschaftung unzugänglicher ist der Burgwartsberg

mit seinen umfangreichen Geröllhalden (Abb. S. 146), die im Herbst

durch das Fahlgelb der Schwalbenwurz wenigstens einen schwachen

Schimmer von dem Golde zeigen, das der Schatzgräber dort zu heben

hoffte. Kiefern, Weißdorn, Schlehe, Pfaffenhütchen, Hasel, Birke,

schwarzer und Hirschholunder, Weißbuche, Holzapfel und alte sehr starke

Rosensträucher bilden einen sich mancherorts lockernden oder sich

ganz auflösenden Busch, in dem gelber Geißklee (~Cytisus nigricans~),

deutscher und Färbeginster (~Genista germanica~ und ~tinctoria~),

kleiner Ampfer, Natterkopf, Silberfingerkraut, Jasione, behaarte Wicke,

rundblättrige Glockenblume, bunter Hohlzahn, Weidenröschen, kleine

Königskerze (~Verbascum Thapsus~) und Schwalbenwurz die Unterflora

bilden. Auf völlig kahlen Stellen tritt in riesigen Mengen der echte

Ehrenpreis (~Veronica officinalis~) auf. Am Fuße des Berges bilden

Brombeeren und der bis 5 ~m~ hoch in den Linden kletternde Hopfen

eine Dornröschenhecke, in der im Lenz Veilchen, Anemonen und Feigwurz

blühen. Von einem buschigen Hügel in der Nähe bietet der Burgwartsberg

im Herbstschmuck einen prächtigen Anblick, da die Verschiedenartigkeit

seiner Besiedlung die buntesten Farben bedingt. Auf dem Hügelchen

selbst kommen zu den genannten Pflanzen noch pfirsichblättrige

Glockenblume (~Campanula persicifolia~), Savoyer Habichtskraut

(~Hieracium sabaudum~), Deltanelke, die hier auch weiß blühende

Skabiosenflockenblume (~Centaurea scabiosa~) und spärliches Heidekraut.

[Illustration: Abb. 6. =Nördlicher Streifenfarn an einem

Rotliegendenfelsen=]

Eine ähnliche Flora mögen der Oster- oder Eich- und der Colmberg

(Abb. 7) getragen haben. Der Osterberg weist heute eintönigen

Eichenkulturwald auf. Die landwirtschaftlich ausgenützten Höhen von

Zschiedge und Birkigt sind auch botanisch arm und bringen als einzig

Bemerkenswertes eine Abart der Wiesenflockenblume mit zerfransten

Hüllblattanhängseln (~Centaurea jacea var. decipiens~), die z. B.

auch auf der Schönfelder Hochfläche vorkommt. Der Collm – heute als

Günthers Busch bekannter – beweist durch niedrigen Baumwuchs und

seine Kräuterflora, daß er vor noch nicht allzulanger Zeit seine

Waldbedeckung verloren hat. Birke, Hasel, Eiche, Weißbuche, Vogelbeere,

Holzbirne, Weißdorn, Hartriegel und Holunder ziehen sich in mannshohem

Wuchse über den nordwestlichen Abhang hin und scheinen nicht recht zu

wissen, ob sie den ursprünglichen Waldbestand wieder aufbauen wollen

oder nicht. Eine Kolonie Robinie bringt einen fremden Zug hinein. Die

Zittersegge (~Carex brizoides~) wogt dazwischen, Schattenblümchen

(~Majanthemum bifolium~) und Maiglöckchen, Bärenschote (~Astragalus

glycyphyllus~), Heidelbeere, Wiesenwachtelweizen und Himbeere sind die

Reste der Hain- und Waldbesiedler. Die Felshänge daselbst sind derartig

abgeräumt und zerstört worden, daß auch nichts mehr gefunden werden

kann von ursprünglicher Besiedlung.

[Illustration: Abb. 7. =Blick vom Eichberg auf den Collm=]

Weniger verändert ist ein Mengwaldbestand am Schattenhang des

Syenitgrundes, der sich durch seine Besiedlung als zur unteren

Waldbachformation gehörig darstellt. An Baumgestalten wechseln hier

miteinander ab: schöne, alte Ulmen, Linde, Esche, Weißbuche, Spitz-

und Bergahorn, Weißdorn, Eberesche. An vielen dieser Bäume sind die

Wirkungen gelegentlichen Steinschlages zu beobachten. Roter Hartriegel,

schwarzer und vor allem Hirschholunder, Hasel, Stachelbeere und als

Vertreter des Berglandes die Alpenjohannisbeere (~Ribes alpinum~)

– leider nur noch recht kümmerlich – bilden stellenweise dichtes

Unterholz, aus dem im Frühjahr die weißen Blüten der Vogelkirsche

leuchten. Auffällig ist das völlige Fehlen von Nadelbäumen. Als

Unterflora treten auf: Silbermarbel (~Luzula nemorosa~), Lerchensporn,

weißes Buschwindröschen, Feigwurz, Hainsauerklee, Lungenkraut,

gefleckte und gelbe Taubnessel, das zierliche Schattenblümchen

neben dem Maiglöckchen und der vielblütigen Weißwurz (~Polygonatum

multiflorum~), Nabelmiere (~Moehringia trinervia~), Bingelkraut,

wolliger Hahnenfuß (~Ranunculus lanuginosus~), süße Wolfsmilch

(~Euphorbia dulcis~) und auf Kalkuntergrund ein Restbestand von

Haselwurz (~Asarum europaeum~) neben folgenden Gräsern: Flattergras

(~Milium effusum~), nickendes Perlgras (~Melica nutans~), Knäuelgras,

Hainrispengras (~Poa nemoralis~), rauhe Trespe (~Bromus asper~),

Hainreitgras (~Calamagrostis Halleri~) und die Schmiele (~Aira

flexuosa~). An einer letzten Stelle finden sich auch – bedroht

von einer wachsenden Schutthalde – das Moschuskraut (~Adoxa

moschatellina~), Goldmilz und etwa zehn Pflanzen des Aronstabs (~Arum

maculatum~). Die bleiche Schuppenwurz (~Lathraea squamaria~) kriecht

dort aus moderndem Laube heraus. Später blühen dann das hier seltener

gewordene große Springkraut, aber nur außerhalb des Schleiers, den das

kleine in riesiger Ausdehnung über den Abhang spannt, Bergweidenröschen

(~Epilobium montanum~), der Waldziest (~Stachys silvatica~), die

Braunwurz (~Scrophularia~), Teufelskralle (~Phyteuma spicatum~),

Bittersüß und vereinzelt beide Arten von Fingerhut, von denen nur

der gelbe Heimatberechtigung hat. Lianenhaft schlingen sich durch

das Gebüsch Hopfen und Brombeeren. An lichteren Stellen ist der lose

Syenitschutt besiedelt von tausenden der Lichtnelke (~Melandrium

rubrum~), deren Rot stellenweise vom Gelb des Schöllkrautes abgelöst

wird. In einer tief eingeschnittenen Schlucht findet sich eine

Quellmulde, in der ein großes Polster von Lebermoos (~Fegadella

conica~) sich ausbreitet.

Die Seltenheiten und auffälligen Schönheiten dieser Laubwaldflora

sind freilich verschwunden in Herbarien und Gärten. Nicht mehr wird

das Laub des Vorjahres verschönt vom Blau des Leberblümchens, nicht

mehr verkünden die schmucken Trauben der Frühlingsplatterbse (~Orobus

vernus~) den Lenz. Der Seidelbast grenzt nicht mehr den Busch gegen das

Feld ab, die Einbeere (~Paris quadrifolia~) fehlt den schattig-feuchten

Stellen. Der Türkenbund – merkwürdigerweise von Hasse erst von 1802

an datiert, ohne daß man annehmen kann, daß Pursch diese auffällige

Pflanze entgangen ist – war zu schön für die Nähe der Menschen. Die

Tollkirsche vernichtete man wohl aus kindischer Furcht vor Vergiftung.

Auch Waldwicke (~Vicia silvatica~) und Bergplattererbse (~Orobus

montanus~) sucht man heute vergeblich. All diese Pflanzen sind aber

durch Literaturangaben bestätigt.

Der dem Schattenhang gegenüberliegende Sonnenhang läßt seine Eigenart

infolge der sich immer tiefer einfressenden Steinbrüche schwerer

erkennen. 1781 beschreibt von Weingart diese Seite als »kahl und

steinigt und mit Rasen bedeckt«. Dies trifft für die wenigen

erhaltenen Stellen heute noch zu, aber fast nirgends kommt es zu einer

ausgesprochenen Entwicklung der sonnenliebenden Hügelformation, da der

Mensch die Hänge schon lange für den Obstbau ausgenutzt hat. So gut

wie verschwunden ist freilich der Plauener Kirschberg, an den noch

der Name eines Gasthauses erinnert. Daß aber hier der Obstbau einst

eine große Rolle gespielt haben muß, erhellt daraus, daß die Gemeinde

Plauen im Jahre 1801 110 Thlr. Prämie vom Staate für ihre erfolgreichen

Bestrebungen um Beförderung der Obstkultur erhielt (Schrifttum Nr.

42). Der Weinbau ist ganz verschwunden. Bei Dölzschen legte man seit

dem guten Weinjahr 1783 viel Gewicht auf den Rebanbau (Lang 1812 und

Petzholdt 1842), der vor allem auf dem Mergelflöz des Bornberges gut

gedieh. Man findet dort noch verwilderte Reben. Meist erzeugte man

Traubenwein, doch 1842 läßt Reichard das Gewächs alle Witzworte über

den sächsischen (Trink-)Wein der Vergessenheit überliefern. Auch in

Coschütz hat man Wein angebaut. Es erinnert daran noch ein schöner

Torschlußstein (Abb. S. 152).

Die früher sicher weiter verbreitete Fels- und Hügelflora konnte sich

infolge der vielen auf engem Raume liegenden Dörfer nur an solchen

Stellen halten, die einer landwirtschaftlichen Ausnützung den stärksten

Widerstand entgegensetzten, d. h. an den fast senkrecht zur Weißeritz

abstürzenden Syenitfelsen und auf einigen Schotterhängen. Hier und da

deckt diesen harten Untergrund eine dünne Verwitterungsschicht oder

eine spärliche Grasnarbe.

Auf solchen steilen Hängen zeigen sich unter dem Einfluß der kräftiger

wirkenden Sonnenstrahlen hitzegewohnte Pflanzen, die in verschiedener

Weise gegen die Gefahr der Verdunstung geschützt sind. Diese Pflanzen

machten den Plauenschen Grund zu einem Lieblingsziel der Botaniker.

Leider ist der ausgesprochenste Südhang fast gänzlich einem Steinbruche

zum Opfer gefallen (Abb. S. 90) und nur noch in engen Grenzen kann sich

der suchende Blick bewegen.

Der Hangwinkel beträgt hier über 30°, und die Sonnenstrahlen bilden

im Juni mit dem Boden längere Zeit einen Winkel von etwa 90°. Dabei

ist nur die durchschnittliche Steigung berechnet. Nach Aussage des

alten Steinbrechers Günther war der stellenweise noch steilere Hang

unterbrochen von Felszacken. Hier fanden Vertreter der südlichen und

südöstlichen Florengebiete ihre Lebensbedingungen wieder.

[Illustration: Abb. 8. =Aufrechtes Fingerkraut=]

Schon im April erscheinen der Gänsekreßling (~Arabidopsis

Thaliana~) und das Hasenbrot in großen Mengen, wenig später auch

das Frühlingsfingerkraut (~Potentilla verna~) neben seiner Kreuzung

mit dem Sandfingerkraut (~P. arenaria~), ohne daß dieses selbst

noch anzutreffen ist. Das Weiß der Erdbeere mischt sich unter das

Gelb. Im Sommer finden wir dann das nickende Leimkraut (~Silene

nutans~), das sich erst nach Sonnenuntergang zu voller Pracht für die

Nachtfalter öffnet und auch dann erst duftet, Wolfsmilch (~Euphorbia

cyparissias~), den schlanken Weinbergslauch (~Allium vineale~),

Sichelluzerne (~Medicago falcata~), die Kronwicke (~Coronilla varia~),

echtes Labkraut (~Galium verum~), Hasenklee, Sandglöckchen (~Jasione

montana~), Skabiosenflockenblume, kleines Habichtskraut (~Hieracium

pilosella~), kleinen Kölbel (~Sanguisorba minor~), pfirsichblättrige

und rundblättrige Glockenblume (~Campanula persicifolia~ und

~rotundifolia~), Jakobskreuzkraut (~Senecio Jacobaea~), Feld- und

echten Beifuß (~Artemisia campestris~ und ~vulgaris~), kleinen Ampfer,

Turmkraut (~Turritis glabra~), Felsensedum (~Sedum rupestre~),

Färbeginster, wilde Karde (~Dipsacus silvester~). Die gelben Fluren des

Rainfarns (~Tanacetum vulgare~) grenzen überall diese ursprünglichen

Bestände gegen das Kulturland ab, in dem sich kräftige Eselsdisteln

(~Onopordum acanthium~) und blauer Natterkopf (~Echium vulgare~) in

ihrer stachligen und rauhen Schönheit zeigen. Einen ganz besonderen

Schmuck bildet das aufrechte Fingerkraut (~Potentilla recta~) mit

seinen vornehm geschnittenen Blättern und den hellgelben, großen

Blüten (Abb. 8). Würdig stehen ihm zur Seite die schlanken Trauben

des breitblättrigen Ehrenpreises (~Veronica Teucrium~), die den Hang

zeitweise himmelblau färben, und die prächtigen, gelben Scheinquirle

des Triftziests (~Stachys recta~). Wenige Wochen später erblühen dann

die reichen Bestände des dünnstengligen Friesleins (~Tunica prolifera~)

und ein einziger, engbegrenzter Bestand des deutschen Ziests (~Stachys

germanica~) (Abb. 9). Dieser Reichtum auf so begrenztem Raume läßt

ahnen, welche Schätze durch den Bruchbetrieb verloren gegangen sind.

[Illustration: Abb. 9. =Deutscher Ziest und Karde=]

Die Aufzeichnungen über diese Stelle lassen die Ergänzung nicht schwer

fallen. Die Grasnarbe bestand aus Bartgras (~Andropogon Ischaemum~),

gewimpertem Perlgras (~Melica ciliata~), Ruchgras, Flaumhafer (~Avena

pubescens~), Windhalm (~Apera spica venti~), Schafschwingel (~Festuca

ovina~) und rotem Schwingel (~F. rubra~), tauber Trespe (~Bromus

sterilis~), der Kammschmiele (~Koeleria cristata~), zu denen sich

als Scheingräser neben Hasenbrot verschiedene Seggen gesellten

(~Carex praecox~ und ~humilis~). Zu den oben angeführten Gewächsen

kamen noch hinzu: das rauhe Veilchen (~Viola hirta~), Federträubel

(~Muscari comosum~), Mannstreu (~Eryngium campestre~), Sonnenröschen

(~Helianthemum chamaecistus~), Königskerzen, die hier auch schon

seltener geworden sind, Skabiose (~Scabiosa columbaria~). Im Juni

leuchteten vom jähen Hange die tiefroten Blüten der Essigrose (~Rosa

gallica~).

[Illustration: Abb. 10. =Wilder Apfelbaum des Talrandes=]

Man stelle sich die Freuden eines Naturfreundes vor, der hier fern

von lautem Getriebe die Hänge durchstreifte, wenn die Sonne über

den Mittag hinweggewandert war. Aus dem Tale klang das Rauschen des

Flusses. Quendelduft lag überall. Das Heer der Grillen – der Erdschwarm

alter Leute – zirpte und sang in sommerlicher Lust ohne Aufhören. Die

Eidechse huschte vor den Füßen weg. Am späten Nachmittag jagten die

Schwalben in großen Kreisen am Himmel, und ihr leidenschaftlicher

Schrei klang an und verklang, die Sehnsucht in die Ferne mit sich

reißend. Da sah das Auge nach Westen, wo die Sonne hinter dem

herrschaftlichen Schlößchen sich zur Neige rüstete und im Scheiden noch

die Abendwolken mit flüssigem Gold umrandete. Bis zu den dunklen Toren

des Erzgebirges, die in der Dämmerung schon verschwammen, trug die

Sehnsucht und wollte nicht zur Ruhe kommen, wenn auf dem Heimweg in den

Büschen des Tales die Nachtigall schlug.

[Illustration: Abb. 11. =Hang mit blühender Schlehe=]

Andere einer starken Sonnenbestrahlung ausgesetzten Hänge tragen

lockeres Buschwerk, das aus Weißbuche, Hasel, Birke, verkrüppelten

Eichen, wilden Birn- und Apfelbäumen (Abb. 10), Weißdorn, Faulbaum,

Pfaffenhütchen, Vogelkirsche, Schlehe gebildet wird und in dem

Adlerfarn (~Pteris aquilina~), Heidelbeere und Besenginster

(~Sarothamnus scoparius~) als Freunde trockner Wälder auftreten. Der

Weißdorn bildet hinter dem Steiger einen recht auffallenden Schmuck

des Berges, während die Schlehe an anderer Stelle einen einzigartigen

Standort besitzt, der zur Blütezeit einem Zaubergarten gleicht (Abb.

11). Als beachtenswerter Bestandteil dieser Formation tritt die

deutsche Mispel (~Mespilus germanicus~) auf. Pech- und Karthäusernelke

(~Viscaria vulgaris~ und ~Dianthus carthusianorum~) in erfreulicher

Menge, der sparrige Alant (~Inula conyza~), große Fetthenne (~Sedum

maximum~), Hauhechel, Heckenwicke (~Vicia dumetorum~), Königskerze

(~Verbascum lychnitis~), Savoyer Habichtskraut, Grasnelke, Goldrute

(~Solidago Virga aurea~), Blutwurz (~Potentilla tormentilla~),

Heidekraut, behaarter Günsel (~Ajuga genevensis~) bilden die

Unterflora. Das Silberfingerkraut (~Potentilla argentea~) findet sich

überall und zwar in der nur unterseits filzigen Form (~var. typica~)

als auch in der mit beiderseitig stark behaarten Blättern (~var.

incanescens~). Auch die Färberkamille (~Anthemis tinctoria~) trifft

man hier sehr häufig an, vor allem ist sie zu einer Charakterpflanze

der Steinbrüche geworden. Besondere Erwähnung verdient ein schöner

Bestand der Zaunlilie (~Anthericum Liliago~), wiederum bereitwilligst

unter Schutz genommen von einem Herrn der Industrie (Abb. 12).

Verschwunden sind aus den Büschen die Prachtnelke (~Dianthus

superbus~), die feinblättrige Wicke (~Vicia tenuifolia~), die Knäuel-

und die Borstenglockenblume (~Campanula glomerata~ und ~Cervicaria~)

und das 1799 als »gemein« bezeichnete Theehimmelschlüssel (~Primula

officinalis~), während sich traubiger Rainfarn (~Chrysanthemum

corymbosum~) noch vereinzelt erhalten hat.

[Illustration: Abb. 12. =Graslilien auf sonnigem Hügel=]

Die Felsenflora hat sich dank ihrer unzugänglichen Standorte noch an

solchen Stellen ziemlich unberührt erhalten können, wo die Syenitwände

unmittelbar in die Weißeritz abfallen und die schmalen Felssimse die

Anhäufung von Humusmengen gestatten. Der Rand dieser Wände trägt

Rosenbestände (~Rosa canina~ und ~glauca~ und beider Bastard),

Schlehen, Weißdorn und Vogelkirsche. Das rauhe Gewand des blauährigen

Natterkopfes und die festen, bewehrten Blätter der Wegedistel und

der großpurpurblütigen nickenden Distel (~Carduus acanthoides~ und

~nutans~), sowie die schmalen Blattflächen der Grasnelke und die

wasserspeichernden Blätter des Mauerpfeffers (~Sedum acre~) lassen

auf die an Sonnentagen vom Gestein aufgenommene Hitze schließen.

Niederliegender Klee (~Trifolium procumbens~) und Kölbel gesellen

sich zu den genannten Pflanzen und als Kalkliebhaber der Labmeister

(~Asperula glauca~), der sich durch seine am Rande umgerollten Blätter

und deren graugrünen Überzug auch als hitzegewohnt ausweist. An den

Felswänden selbst finden sich nun die Edelsteine dieser Flora. Es

werden mir immer die Tage unvergessen bleiben, an denen es mir dank

des liebenswürdigen Entgegenkommens der betreffenden Behörden und

Industrieunternehmungen möglich war, auf schmalem Felsband in die

ursprünglichen Bestände einzudringen. Von senkrechter Wand duften dort

die niedrigen Polster der Pfingstnelke (~Dianthus caesius~) (Abb.

13). Blasses Habichtskraut (~Hieracium Schmidtii~), durch Milchsaft

gegen übermäßige Verdunstung geschützt, zeichnet sein helles Gold auf

die schwarzen Steine, der Triftziest (~Stachys recta~) erhebt auf

schrägeren Stellen seine gelben, schlanken Ähren (Abb. 14) neben der

dunklen Glut der Pechnelke. Aus zerrissenem Gestein hängt die rote

Heckenkirsche (~Lonicera Xylosteum~). Dazu die zarte Filigranarbeit der

weißen Blüten des Labmeisters, der zierliche Blasenfarn (~Cystopteris

fragilis~) an schattigen Stellen, und überall der blaugrün bereifte

Schafschwingel (~Festuca glauca~). Wo die Felsbänder sich verbreitern,

hat die Steinmispel (~Cotoneaster integerrima~) in dichten Beständen

Fuß gefaßt (Abb. 15). Zu deren Blütezeit im April findet sich der

rötliche Verwitterungsschutt wie mit Schneeflöckchen bedeckt von den

kleinen Blüten des Frühlingssparks (~Spergula Morisonii~). Nach dem

Abblühen der Pfingstnelke übernehmen es der gelbe Geißklee (~Cytisus

nigricans~), die Skabiosenflockenblume und der Truglauch (~Allium

fallax~), noch Farbe in die Felsen zu bringen. In den steilen, schmalen

Schluchten spannt der Efeu sich über die Steinblöcke, unter denen

Bergmannshoffnungen begraben liegen[34]. Zu bedauern ist es, daß die

Bergaster (~Aster amellus~) im Spätsommer in diesen Felsen nicht mehr

zu finden ist.

[Illustration: Abb. 13. =Pfingstnelke an einer Syenitwand=]

Der Steinbruchbetrieb hat uns viele der felsigen Abhänge geraubt,

und manche botanische Seltenheit ist dabei verschwunden, und noch

läßt sich nicht ahnen, ob und wo das Brechen einmal Halt machen

wird. Wohl besiedeln sich verlassene Brüche langsam wieder, aber

die Edelflora kommt in ihnen nur ganz vereinzelt wieder auf.

Immerhin findet man hier und da manches Bemerkenswerte. Die harten

Bruchsohlen sind stellenweise bedeckt von einer ganz kümmerlichen

Zwerg- und Hungerflora, in der besonders die Kamille (~Matricaria

chamomilla~) in zwei bis fünf Zentimeter großen Pflanzen auftritt.

Neben der schon erwähnten Färberkamille und anderen genannten

Ruderalpflanzen fallen uns auf Bergquendel (~Satureja acinos~), der

wilde Dost (~Origanum vulgare~), wilde Möhre (~Daucus carota~),

mannshoher Schierling (~Conium maculatum~), verwildertes Seifenkraut

(~Saponaria officinalis~), das bogige Barbarakraut (~Barbaraea

arcuata~), Knoblauchsrauke (~Alliaria officinalis~), sparriger Alant.

An Wasseradern im Gestein zeigt sich massenhaft das Kunigundenkraut

(~Eupatorium cannabinum~) bis hoch an der Bruchwand, daneben

Sumpfziest (~Stachys palustris~), die sehr häufige Karde, Zweizahn,

die stachlige Nachtkerze (~Oenothera muricata~), Blutweiderich

(~Lythrum salicaria~), großblütiges Weidenröschen (~Epilobium

hirsutum~). Auf dem feuchten Boden kriechen zwei Fingerkräuter

(~Potentilla procumbens~ und ~reptans~). Im Begerbruch bildet eine

Fetthenne (~Sedum oppositifolium~) dichte Polster neben Beständen von

Bastardklee (~Trifolium hybridum~). Das kleine Leinkraut (~Linaria

minor~) an anderer Stelle ist erst 1925 mit weggebrochen worden.

Taubenstorchschnabel (~Geranium columbinum~) und die Sandluzerne

(~Medicago varia~) mit ihren gelben, grünen und violetten Blüten

verdienen noch erwähnt zu werden. An einigen Stellen finden sich auch

wieder neue Polster der Pfingstnelke. Verschwunden ist ein Standort

des Edelgamanders (~Teucrium Chamaedrys~) in einem Steinbruche.

[Illustration: Abb. 14. =Triftziest=]

Ein interessantes Bild der Neubesiedlung bieten die Halden verlassener

Kohlenschächte. Noch nimmt man den Schwefelgeruch deutlich wahr,

aber schon beginnt die Birke ihren Siegeszug von der Sohle des

Poisentales zur Höhe. Immer dünner und niedriger werden nach oben ihre

Bestände in den lockeren Schuttmassen (Abb. 16). Eine eigentümliche

physiologische Beobachtung läßt sich hier machen. Die Wurzeln verlaufen

nicht senkrecht nach unten, sondern schräg in die Halde hinein, so

daß sie mit deren Böschungsfläche einen rechten Winkel bilden und so

festeren Halt gewinnen. Der Übergang vom Stamm in die Wurzel ist stets

knieförmig gebogen. An sämtlichen untersuchten krautartigen Pflanzen

der Halde des Segen-Gottes-Schachtes konnte ich dasselbe feststellen.

Es treten auf: Nachtkerze, Natterkopf, sparriger Alant, Speerdistel

(~Cirsium lanceolatum~), klebriges Greiskraut (~Senecio viscosus~),

kleine Königskerze (~Verbascum Thapsus~), Schwalbenwurz, Jasione,

Rainfarn, Borstenquendel (~Satureja vulgaris~). Auffällig ist, daß auf

älteren Halden das Unterholz fehlt, so auf der um 1880 angepflanzten

Halde des Windbergschachtes. Dafür wächst dort in großen Massen unter

den hohen Waldbäumen die kalkliebende Feldkresse (~Lepidium campestre~).

[Illustration: Abb. 15. =Steinmispel am Felsrand=]

Einige floristische Neuerscheinungen hat die Kulturarbeit des

Menschen bedingt. Verschiedene Unkräuter sind mit fremdem Getreide

eingeschleppt worden. In nächster Nähe des Tales, bei Naußlitz,

findet sich das auffallende Kuhkraut (~Vaccaria pyramidata~), ein

Nelkengewächs mit selten schöner Teilung des Blütenstandes. Bei

Plauen wächst noch auf kalkhaltigem Boden die knollige Platterbse

(~Lathyrus tuberosus~), obwohl die Felder dort verschwunden sind, mit

diesen auch das scharlachrote Adonisröschen (~Adonis aestivalis~).

Durch die Mühlenindustrie fanden verschiedene Ausländer den Weg in

den Plauenschen Grund. Man hat folgende beobachtet: aus Südeuropa

französisches Leimkraut (~Silene gallica~), Saatrauke (~Eruca sativa~),

kleinblütigen Honigklee (~Melilotus indicus~), aus Südosteuropa und

dem Orient die Schleierblume (~Gypsophila paniculata~), lange Rauke

(~Brassica elongata~), römischen Beifuß (~Artemisia pontica~), kleine

Flockenblume (~Centaurea diffusa~), aus Nordamerika virginische Kresse

(~Lepidium virginicum~), Traubenkraut (~Ambrosia trifida~). Als

Bienenfutter wurde bei Mohorn die südeuropäische Kugeldistel (~Echinops

sphaerocephalus~) angebaut, die verwildernd die Grenze des Gebiets bei

Kesselsdorf schon überschritten hat.

[Illustration: Abb. 16. =Halde des Segen-Gottes-Schachtes mit

vordringender Birke=]

Bei einer floristischen Bearbeitung des Tales möchte auch der

Baumgestalten gedacht werden, die uns noch aus alter Zeit grüßen,

vor allem der Pesterwitzer Pesteiche und einer mehrhundertjährigen

Linde in Saalhausen. Die alte Dorflinde in Dölzschen ist Ende des

vorigen Jahrhunderts einem Sturme zum Opfer gefallen, nachdem sie

angeblich 600 Jahre alt geworden war. Bei schönem Wetter sind unter ihr

Gemeinderatssitzungen abgehalten worden. Im Gemeindesiegel bewahrt man

ihr Andenken. Auch die Gemeinde Wurgwitz führt eine Linde im Siegel.

Ein Naturdenkmal könnte einmal die Linde auf der Heidenschanze werden,

wenn sie nicht durch die Unkultur vieler ihrer Besucher zu leiden

hätte. Vom Reisewitzischen Garten sind noch einige ehrwürdige Bäume

geblieben, und eine letzte Pappel am Eingang des Grundes kündet die

Stelle, wo das Kielmannseggschlößchen gestanden hat.

Zurückblickend erkennen wir, daß der Plauensche Grund eins der

botanisch wertvollsten und interessantesten Gebiete Sachsens gewesen

ist. Wenn man Gelegenheit hat, sich einmal längere Zeit in die überaus

zahlreichen Stiche und Gemälde dieser Gegend aus dem 18. und dem

Anfang des 19. Jahrhunderts zu vertiefen, dann erkennt man deutlich,

wie die zweite Hälfte des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts

gewaltig verändernd in die natürlichen Verhältnisse eingegriffen haben.

Darunter mußten auch die Pflanzenbestände leiden, und es ist eigentlich

zu verwundern, daß es heute noch möglich ist, die Florenreste in

verhältnismäßig großer Zahl aufzufinden. Ich konnte bisher über 400

Arten zwischen Gut Heilsberg und Vorstadt Plauen buchen.

Wie wird nun die Zukunft der Florenreste sein? Es wird dies davon

abhängen, bis zu welchem Grade der Mensch die Hänge, die die

bedeutenderen Arten tragen, noch angreift, um Steine zu gewinnen und

Raum zu schaffen. Beläßt man aber einige Felsen mit ihren schönen

Aussichtspunkten als kärgliche Erinnerung an vergangene Tage, so dürfte

sich auch die dortige Flora infolge ihrer Unzugänglichkeit wenigstens

in kleinen Beständen erhalten, und damit würde ein ungewolltes

Naturschutzgebiet geschaffen inmitten der Industrie, in dem der

heimatliebende Botaniker alten Schätzen nachspüren kann, zu dem aber

auch der heimkehrende, müde Arbeitsmann die Blicke richten würde, wenn

ihm von dort die Polster der blühenden Pfingstnelke entgegenleuchten.

Fußnoten:

[34] Wenn mich die Anzeichen nicht trügen, haben hier Wahlen an

zwei Stellen geschürft.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 3–6 · 第 57 / 99 题