Infolge des damals schon im Aufschwunge befindlichen Kohlenbergbaues
und der vielseitigen industriellen Entfaltung erfreuten sich die
sämtlichen Betriebe des Hüttenwerkes einer stetig fortschreitenden
Entwicklung. Naturgemäß mußten erst die maschinentechnischen
Bedürfnisse des Bergbaues befriedigt werden. Doch bald wandte man sich
dem Bau von Dampfmaschinen, Dampfkesseln, Mühleneinrichtungen und
neuzeitlichen Bearbeitungsmaschinen zu und zwar mit dem Erfolge, daß
die Fabrikate der König-Friedrich-August-Hütte sehr bald mit den Firmen
Westdeutschlands und Englands in Konkurrenz traten.
Baron von Burgk richtete mit als erster in ganz Sachsen eine eigene
Gießerei für Maschinenguß ein und setzte sie in Betrieb. Damit führte
er die englische und westfälische Produktionsform, das Rohmaterial in
eigner Hütte zu gewinnen, auch im Plauenschen Grunde ein.
Wir können heute der Bedeutung dieses Mannes nicht bloß dadurch
gerecht werden, daß er als der Begründer der heimischen Eisen- und
Maschinenindustrie bezeichnet wird, sondern er zeigte sich auch als
sozialer Reformator großen Stils und eilte in dieser Eigenschaft
seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Schon die beschauliche, im welligen
Einschnitt eines abgelegenen Seitentales befindliche Arbeitersiedlung
Klein-Burgk, die durch ihren Grundsatz des Einfamilienhäuschens mit
Gartenland der neuzeitlichen Heimstätten-Bewegung nahe kommt, legt
dafür das beste Zeugnis ab.
Das aufmerksame Auge vergißt über der geschickten Ausnützung von
Grund und Boden in so bergigem Gelände schnell die Unregelmäßigkeit,
Flüchtigkeit und Beschränktheit der spitzgiebligen Bauten und der
immer in halber Dämmerung liegenden Wege. Wer seinen Schritt durch die
schmalen und winkligen Burgker Gäßchen lenkt, fühlt, daß einstmals
der einfache Mann hier in seiner Wohnstätte ein Stück seiner Seele
wiedergab. (Abb. 6.)
Das Freitaler Becken, das sich unserem Blick in seiner ganzen
Ausdehnung vom Burgker Revier aus erschließt, glich ehemals einer
weiten grünen Aue. Bild 7, das in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts entstanden ist, hält ein letztes Mal noch die Merkmale
ihres ursprünglichen Antlitzes fest. Im Rahmen dieser Abhandlung
interessieren insonderheit die eingezeichneten Industrieanlagen, die
sich in diesem Teile des Plauenschen Grundes, wo sich die Talwände
freier zurücklegen, bereits vorfanden. So sehen wir in ihrer damaligen
Größe die Gußstahl- und die Siemens-Glasfabrik, die heute als die
beiden größten industriellen Unternehmungen des Plauenschen Grundes
anzusprechen sind. Besonders seit jener Zeit, als sie durch Zweiggleise
an das sächsische Bahnnetz angeschlossen wurden, haben sie sich
gewaltig entwickelt.
Die Grundstücke der Gußstahlfabrik, die sich auf Döhlener und Deubener
Flur befinden, umfaßten 1911 über 312000 Quadratmeter Fläche gegenüber
90000 Quadratmeter bei der Gründung im Jahre 1855.
Die Entstehung des Glashüttenwerkes zu Freital-Döhlen reicht bis
ins Jahr 1801 zurück. 1802 wurde es mit fünfzehn Arbeitern in Gang
gesetzt und mit so gutem Erfolg betrieben, daß bis zum Monat September
desselben Jahres über sechzigtausend Stück Bouteillen und mehrere
tausend Medizingläser darin verfertigt worden sind.
Nach mehrfachem Besitzwechsel kaufte 1871 Friedrich Siemens, der
berühmte Konstrukteur der Gas-Regenerativ-Feuerung und Erfinder der
Wannenschmelzöfen, die »Friedrichs-Hütte«. Sein Dresdener Werk konnte
bei einer jährlichen Flaschenproduktion von vierundzwanzig Millionen
der Nachfrage nicht entsprechen. Nach dem Einbau von Wannenöfen in
größerem Maßstabe ergab die Glashütte in Freital-Döhlen ebenfalls bald
nennenswerte Zahlen, die jedoch in neuester Zeit durch Inbetriebnahme
von mehreren Owenschen Flaschenblasmaschinen, die Flaschen automatisch
herstellen, wieder weit in den Schatten gestellt wurden.
[Illustration: Abb. 6. =Aus der alten Burgker Siedlung=]
Die gute Verkehrslage an der wichtigsten Eisenbahnlinie Sachsens und
die Nähe der Elbe, die eine billige Verbindung auf dem Wasserwege
über Hamburg nach Übersee ermöglichten, begünstigten ebenfalls die
Niederlassung von mehreren anderen Glashütten im Plauenschen Grunde.
Der wachsende Bedarf an Glasformen und -maschinen wiederum veranlaßte
Gründungen von einschlägigen Fabriken, unter denen die Firma »Fr. W.
Kutzscher« Weltruf genießt.
Kurz möchte ich der schweren Arbeit unseres heimischen Glasbläsers
gedenken. Er braucht Arme und Beine, Lippen- und Backenmuskel und
beansprucht ständig seine Lungen. Nicht in der kühlen Werkstatt,
sondern im Strahl der Ofenhitze – 1200° bis 1600° – übt er seine
hastige und bewegliche Berufstätigkeit aus. Vom Vater vererbte sich
der Beruf auf den Sohn und auch der Enkel geht wieder als sogenannter
»Motzer« ins Werk.
[Illustration: Abb. 7. =Blick vom Backofenfelsen talabwärts im Jahre
1856=
(Heimatmuseum Freital)]
Heute besteht freilich ein großer Unterschied in der Bedienung der
Owenschen Flaschenblasmaschine gegenüber dem aufreibenden Blasen
mittels der Glaspfeife und dem Drehen und Drücken mit den Händen. Nach
über hundertjähriger Glasherstellung im Plauenschen Grunde befinden wir
uns jetzt wieder einmal am Anfang einer neuen arbeitsgeschichtlichen
Entwicklungsstufe, die von der Technik unserer Großväter nichts mehr
wissen will und zielbewußt dahingeht, die Werktätigen von der schweren
körperlichen Arbeit zu befreien. Die Fördertechnik hatte ja dem
Bergmann schon Jahrzehnte zuvor den drückenden Korb, den erschütternden
Karren oder den muskeldehnenden Haspel abgenommen! Eindringlich
spricht sich dieser neue Zeitgeist in der einfachen und klaren
Architektur der neuerbauten Siemenshallen aus. Mathematische Harmonie
und statische Ausgeglichenheit der konstruktiven Form offenbaren
Zweckmäßigkeit und Geschmack. Im lichtdurchfluteten Innern übernehmen
mit unvergleichlicher Sicherheit und Ruhe elektrisch angetriebene
Krane die gefährliche Transportarbeit. Versöhnt betrachten die älteren
Hüttenleute diesen technischen Fortschritt, der einem Kranführer alles
überläßt, was vorher nur vereinte menschliche Kräfte leisten konnten.
Freilich läßt sich die Menschenkraft nicht völlig durch mechanische
Kräfte ersetzen. Es handelt sich bei dem Wandel der Arbeitsweise nur
um eine andere Verteilung der Arbeitskräfte. Da der ganze Arbeitsgang
bewußt aufgeteilt wird und damit einen anderen Aufbau erhält, werden
die Arbeiter einer anderen, vielfach gehobeneren Beschäftigung
zugeteilt.
Sämtliche Werke des Plauenschen Grundes mußten ähnliche Wege
beschreiten. Um konkurrenzfähig zu bleiben, wurde den neuesten
Errungenschaften der Technik besondere Beachtung zuteil. Durchgängig
mußten die Arbeitsmethoden eingeführt werden, die auf ausgesprochen
wirtschaftliches Arbeiten hinzielen.
Besonders aus der glanzvollen Geschichte der Gußstahlhütte
in Freital-Döhlen ließen sich zahlreiche Beispiele dieser
fortschrittlichen Arbeit anführen.
Die Gründungsjahre dieses Werkes fallen in jene bedeutungsvolle Zeit
der Umstellung des gesamten heimischen Verkehrswesens durch Erbauung
der Albertbahn. 1855 unternahm Oberhüttenmeister Trautscholdt, dessen
Scharfblick die große Bedeutung eines solchen Werkes für Sachsen
erkannte, den Versuch, Gußstahl fabrikmäßig herzustellen. Persönliche
Geschicklichkeit und reiche Erfahrungen mußten zu einem Gelingen
des Planes führen. Den ersten wirtschaftlichen Erfolg erreichte die
Gußstahlfabrik durch die Einführung ihrer Spiralfedern im Jahre 1861.
Dank ihrer vorzüglichen Qualität übertrafen sie die englischen. Der
nach dem französischen Kriege eintretende allgemeine Aufschwung kam
auch der Gußstahlfabrik in hohem Maße zugute. In diese Jahre fiel die
Erbauung der Bessemerei, die 1914 wieder stillgelegt wurde. Außerdem
wurde ein neues Grobwalzwerk errichtet und Anfang der achtziger Jahre
die Walzung von Schienen aufgenommen.
Unvergeßlich bleibt dem Alteingesessenen das nächtliche Bild der
Stahlhütte mit dem lodernden Feuerschein und dem heftigen Funkenregen,
der aus den Bessemerbirnen hervorsprühte.
Heute werden in den gewaltigen Herden zahlreicher
Siemens-Martinbatterien mehrere Tonnen Roheisen auf einmal
eingeschmolzen. Das Preßwerk verarbeitet auf einer dampfhydraulischen
Schmiedepresse mit 1250000 Kilogramm Druck Blöcke bis 25000 Kilogramm
Gewicht zu Maschinen- und Schiffsteilen aller Art. In der Stahlgießerei
werden Gußstücke bis zu 20000 Kilogramm Einzelgewicht, in der
Federschmiede Trag-, Stoß- und Zugfedern für Eisenbahnbedarf und alle
möglichen technischen Zwecke hergestellt.
Berufene Männer haben das Werk gefördert und auf eine Stufe der
Entwicklung gebracht, die ihm jetzt eine anerkannte Stelle über die
Grenzen des engeren Vaterlandes hinaus in der gesamten deutschen
Montanindustrie sichert.
Im Vordergrund von Bild 7 fallen noch zwei größere Werke besonders
auf: Die Römersche Schmelztiegelfabrik und die Thodesche Papierfabrik
in Hainsberg. Die Gebäude der ersteren dienten zunächst einer
Rotgarn-Färberei. Bereits 1810 wurden im sächsischen Erzgebirge
Versuche mit der Errichtung von zwei Türkischrot-Garnfärbereien
gemacht, allein beide gingen nach kurzer Zeit wieder ein. 1814 wurde
abermals ein derartiges »Etablissement« von den Gebrüdern Römer, welche
von Elberfeld nach Sachsen eingewandert waren, in Frankenberg bei
Chemnitz gegründet und dieses ist als Muttergeschäft der Hainsberger
Türkischrot-Garnfärberei anzusehen. 1836 wurde das Werk wegen der hier
wohlfeileren Kohle nach Hainsberg verlegt. Die Garne wurden meist
aus England bezogen und teils im Lande selbst wieder verkauft, teils
nach Bayern, Böhmen und Schlesien versandt. Professor G. Reichardt
schreibt 1842: »Schönere und glänzendere Garne werden wohl in keinem
anderen Lande gefärbt werden, denn der sächsische Gewerbefleiß duldet
keinen Nebenbuhler in Beziehung auf Güte und Preiswürdigkeit seiner
Erzeugnisse«. Erst in den achtziger Jahren wurde die Färberei in eine
Schmelztiegelhütte umgewandelt.
Grundsätzlich hat sich die ehemalige Anlage erhalten. Form und
Linie der sich um einen Hof gruppierenden Gebäude fügen sich in
jeder Einzelheit harmonisch zu einem Ganzen zusammen. Das hohe und
geräumige Dach des Färbereigebäudes, unter dem einstmals die Garne
zum Trocknen ausgelegt wurden, erinnert uns mit den zahlreichen
Fensterluken an die Mansardendächer erzgebirgischer Fabriken, deren
ländliche Bauart auch hier Wurzel faßte. Neben dem zweistöckigen
Färbereigebäude nimmt der Fabrikhof mit seinen Seitengebäuden, deren
vorspringende Dächer an längst vergessene Bilder erinnern und die
noch von werktätiger Beschaulichkeit erzählen können, unseren Blick
gefangen. (Abb. 8 und 9.) In der einladenden Friedlichkeit des Hofes
liegt etwas Wurzelechtes. Seine für die damalige Zeit beachtlichen
Ausmaße führen unsere Gedanken in die Gutshöfe der sächsischen Heimat,
deren Anlage hier unzweifelhaft Modell stehen mußte. (Abb. 10.) Uns
ist erfreulicherweise in dieser Fabrikanlage ein Denkmal erhalten
geblieben, das noch das erste handwerksmäßige Suchen nach einem
Fabrikbaustil im Plauenschen Grunde widerspiegelt. Solche seltene
Stätten schweigen und träumen in unendlicher Zeitlosigkeit, sagen
zugleich aber auch dem sinnenden Beschauer, wie kreuz und quer wir auf
diesem Gebiete in den folgenden Jahrzehnten gelaufen sind.
Dicht neben der Römerschen Schmelztiegelhütte liegen die Gebäude
der Thodeschen Papierfabrik. Infolge der zahlreichen Feuerbrünste,
die das Werk heimsuchten, dürfen wir uns nicht wundern, daß diese
Fabrikanlagen gänzlich modernisiert sind. Die »Papiermanufaktur« hatte
seit dem neunzehnten Jahrhundert bedeutende Veränderungen erfahren.
In Sachsen gab es damals etwa sechzig Papiermühlen, von denen fünf
Maschinenpapierfabriken waren. Die Hainsberger Papierfabrik wird neben
der in Dresden, Bautzen, Sebnitz und Penig bereits mit an erster Stelle
genannt.
Zu Anfang des Jahres 1838 wurde von den Herren G. F. Thode und
E. Michael die dem letzteren gehörige Stärkefabrik in eine
Maschinenpapierfabrik umgewandelt. Sie wurde anfangs durch zwei große
Wasserräder betrieben. Diese setzten mehrere Holländer, Haderschneide-
und verschiedene andere Hilfsmaschinen in Bewegung. Die Holländer
verbrauchten sehr viel Wasser. Zu diesem Zwecke nützte das Werk den in
seiner Nähe vorhandenen Teich, den »schwarzen Tump«, aus. Dieser wurde
von der Weißeritz gespeist und war zugleich Wasserreservoir. Das Werk
hatte infolgedessen im Sommer stets Wasser, was in dieser Jahreszeit
sehr oft den weiter unten im Tale gelegenen Wasserwerken der Mühlen
und Fabriken fehlte. Die Maschine, auf welcher das Papier »ohne Ende«
gefertigt wurde, erhielt ihre Triebkraft durch ein oberschlächtiges
Rad. Das Papier wurde durch zwei Zylinder, die mit Dämpfen geheizt
wurden, getrocknet, erhielt seinen Längenschnitt und wurde endlich auf
Weifen gewickelt.
[Illustration: