VORWORT.

Ein afrikanisches Alpenland, überreich an Schönheiten und Wundern der

Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen

Stamme gehört und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an

fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der

Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der mächtig über

Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger König vor ihm – das

ist es, was wir in diesem Bande des „Buches der Reisen und Entdeckungen“

den Lesern vorführen wollen.

Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein großes Interesse

eingeflößt und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner

Geschichte uns diese „unter die Tropen gerückte Schweiz“ näher geführt.

Dort, in der muthmaßlichen Heimat des schwarzhäutigen der durch die Bibel

eingeführten heiligen drei Könige, besteht ja noch, abgeschieden und

vergessen von den abendländischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer

und muhamedanischer Völker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das

Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort

entspannen sich Glaubenskämpfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und

blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort mühten sich endlich unsere

Missionäre bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevölkerung zu einem

reineren Glauben zurückzuführen. Staatsumwälzungen, Bürgerkriege folgen im

bunten Wechsel einander.

So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen

Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild,

beginnend mit der sagenhaften Königin von Saba, endigend mit dem blutigen

_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden,

der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begründeten Reichen

absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat.

Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den ältesten Zeiten

bis auf unsere Tage herab geschildert hat, führt er in den ersten vier

Abschnitten Land und Leute in einem gedrängten Bilde vor, alles

Wesentliche zusammenfassend, was über Geologie und Oberflächengestaltung,

über die natürlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Ströme,

jene Grundursache der Nilüberschwemmungen, was über die klimatischen

Verhältnisse und die Vegetationsgürtel, über die Thierwelt jenes

interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns

vorüber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall,

seinen verschiedenen Stämmen und Sprachen, Sitten und Gebräuchen. Handel

und Industrie finden gleichfalls gebührende Berücksichtigung, nicht minder

die religiösen Verhältnisse, das afrikanisch gefärbte Christenthum des

Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtgläubigkeit und lasterhaften

Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttäuschungen und arm an

Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung über

den Landbau und die sozialen Verhältnisse des Landes der allgemeine Theil

beschlossen.

Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der

neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie

den Süden kennen, die brennendheißen Küstenstriche und die

fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekrönten,

majestätischen Alpengipfeln.

Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den

farbenprächtigsten gehören, die wir über jene fernen Gegenden besitzen,

gewinnt der Leser alsobald die vorgeführten Persönlichkeiten um so lieber,

je fesselnder deren oft überaus romantische Fahrten sind. Während die

älteren Reisenden bereits früher besprochen waren, bieten wir in diesem

Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren

Ländererforscher. Wir lernen den geistreichen und kühnen Franzosen

_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger’s_

und der Gefährten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die nördlichen

Grenzgebiete, die Länder der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen

Fürsten selbst auf seinen Pürschgängen und Elefantenjagden und werden

schließlich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast

märchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen südlichen Theil

Abessiniens, eingeführt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof-

und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassié_ an uns vorübergeht.

Naturgemäß gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen

Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Bürgerkriege,

zuckend und verblutend liegt es da. Wüst liegen die fruchtbaren Aecker und

das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudämmern!

Gleich einem glänzenden Meteor steigt der mächtige _Theodor_, der Sohn

einer armen Kussohändlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal

scheint es, als ob das altäthiopische Reich aus seinen Trümmern, aus

Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz trügt, und nach

Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der überlegenen Macht der

„rothhaarigen Barbaren“ auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein

Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses

unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben

zu finden, und der Verfasser hat sich bemüht, Licht und Schatten in

gerechter Würdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der

Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden

entgegenstellen, billig zu vertheilen.

Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschöpft, betrifft, so

wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte

der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation übersehen.

Außer den angeführten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben

sind, wurden hauptsächlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rüppell_,

_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (für den zoologischen Theil)

_A. E. Brehm_ benutzt.

Als ganz besonders werthvoll müssen wir die Originalabhandlung über die

_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. – Das Leben

dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Für die

Erlaubniß zur Veröffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber

_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze

sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefühltem Danke

verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfaßten

Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung,

vollständig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach längerer Abwesenheit

vom Heimatlande der flüssige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden

gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung

unerläßlich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in

vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden mußte.

In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die größte

Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerrüttet; um ihr

womöglich zu entgehen, schloß sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung

an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste

Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer

Aufmerksamkeit gewürdigt haben, nämlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von

Heuglin_.

Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu können, daß der

bei Weitem größere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und

Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Künstler, die das

Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den

Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen

werthvolle Federzeichnungen, weit über hundert an der Zahl, die

landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhältnisse

Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im

Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen

hoher Erlaubniß, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben.

Die übrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist,

wurden den Werken von H. Salt, E. Rüppell, W. C. Harris, Bernatz, G.

Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum

an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollständiges Bild des

afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht

kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen dürfte.

Das am Schlusse mitgetheilte Kärtchen endlich wird zur allgemeinen

Orientirung über das besprochene Gebiet willkommen geheißen werden.

_Leipzig_, im Juli 1868.

*Die Redaktion des „Buches der Reisen und Entdeckungen“.*

Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer · 第 5 / 22 题