_Mettenschleicher_
Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute,
an Ihrem großen Tag?
_Karinkel_
Es wird von gegnerischer Seite behauptet, -- haben Sie nicht
den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin --
_Mettenschleicher_
Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin?
_Karinkel_
Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei
errichtet haben ...
_Mettenschleicher_
Das ist der Neid.
_Karinkel_
Und daß es eine Blamage sei.
_Mettenschleicher_
Die Wühler muß man wühlen lassen.
_Karinkel_
Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und
daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig
war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden
Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten
diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe
bei einem Raufhandel umgekommen.
_Mettenschleicher_
Leeres Geschwätz.
_Karinkel_
Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre.
_Mettenschleicher_
Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die
Hauptsache bleibt, daß er tot ist. -- Was sagt denn Bienemann
zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von
dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...
_Karinkel_
Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich
fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos.
_Mettenschleicher_
Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in
einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt.
_Karinkel_
Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...
_Mettenschleicher_
Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders
fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer
Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer
Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten
von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das
wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es
liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität
in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener,
unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit
war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges
Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man
einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es
nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch
eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen.
_Karinkel_
Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber
die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht
verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet,
und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen
habe, -- wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir
vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können
Sie doch nicht verschleiern.
_Mettenschleicher_
Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den
moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf.
Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren
sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für
Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal
steht? Keine Katze wird darnach krähen.
_Karinkel_
Kein Hahn, meinen Sie ...
_Mettenschleicher_
Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt
getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister.
Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen
unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine
ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie
gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken
hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer
gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen
kann, was man will.
_Karinkel_
Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man
doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und
erhebt.
_Mettenschleicher_
Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan
nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund.
Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern
lassen.
_Karinkel_
In welcher Überzeugung meinen Sie?
_Mettenschleicher_
In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine.
_Karinkel_
(etwas stupid)
So. -- Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen
muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es
klopft.) Herein!
_Bienemann_
(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig
Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma
intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige
Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich
Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).
_Karinkel_
Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig?
_Bienemann_
Guten Tag, meine Herren. -- Ja, ich wollte noch einige Punkte
mit Ihnen besprechen ...
_Karinkel_
Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur
Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen
Akademie der bildenden Künste.
_Bienemann_
Freut mich, freut mich.
_Mettenschleicher_
Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten
sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor.
_Bienemann_
Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.
_Mettenschleicher_
(verdutzt)
Was --? was, -- noch nicht?
_Karinkel_
(ebenso)
Ja ... was -- noch nicht?
_Bienemann_
Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch
nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann.