Erlaucht --

_Rasumowsky_

Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?

_Lassunsky_

(geht schweigend ab --)

_Chidrowo_

(verschränkt die Arme; vor sich hin)

Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...

_Rasumowsky_

Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein

Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und

hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn

ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat

mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden

lassen.

_Lassunsky_

(kommt zurück)

Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer

Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.

_Rasumowsky_

Ich bin bereit.

_Chidrowo_

(noch leiser als oben)

Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...

_Lassunsky_

Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will.

_Rasumowsky_

(wie mit sich selber redend)

In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom

Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile

Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen,

was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was

dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt.

(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug

eines Richters sein und handeln -- wie ich muß. (Mit der

früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!

_Lassunsky_

(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen

gelegt hatte)

Erlaucht --?

_Rasumowsky_

Wie geht es meiner Nichte Sofia?

_Lassunsky_

Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört

Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)

_Rodion_

(reißt die Türe auf, feierlich)

Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.

_Orlow_

(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform

der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist

äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und

etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende

Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel

darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und

lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden

Offiziere scheint er zu übersehen.)

Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf

Alexei?

_Chidrowo_

(kaum hörbar)

Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...

_Rasumowsky_

Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im

gelben Zimmer zu warten.

_Lassunsky_

Wir wollen keinesfalls stören.

_Rasumowsky_

Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen

gefällig ist.

_Chidrowo_

Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach

rechts.)

_Rasumowsky_

Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel

aus der Hand.)

_Orlow_

(setzt sich gleichfalls)

Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle,

Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre

Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.

_Rasumowsky_

(bedächtig)

Wieder zu heiraten.

_Orlow_

Zar Peter ist tot.

_Rasumowsky_

Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland.

_Orlow_

Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.

_Rasumowsky_

Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen.

_Orlow_

Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen

verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron

erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen,

Erlaucht.

_Rasumowsky_

Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow?

Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht

Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.

_Orlow_

Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und

bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns

das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen!

_Rasumowsky_

Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne

ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was

sich außerhalb dieser Schwelle begibt.

_Orlow_

So dacht ich mir's, Erlaucht, und nur mit frommen

Empfindungen bin ich genaht.

_Rasumowsky_

Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr.

Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich

an ihr ist.

_Orlow_

(geschmeidig und beredt)

Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle

Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs.

Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt

Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren

Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich

gewachsen ist.

_Rasumowsky_

Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.

_Orlow_

Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat

mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen

verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick

meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann

es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in

Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin,

meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll,

nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt

hat?

_Rasumowsky_

Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.

_Orlow_

(schwärmerisch)

O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank

meines armen Herzens.

_Rasumowsky_

Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.

_Orlow_

Doch scheint mir's so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter,

Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in

quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem

ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe --

_Rasumowsky_

(unterbricht hastig)

Ich weiß, ich weiß ...

_Orlow_

Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die

Schwierigkeit meiner Sendung.

_Rasumowsky_

Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig

zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie

gutheißt.

_Orlow_

Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist

gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den

Fürsten das Regieren erschweren.

_Rasumowsky_

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 13 / 74 题