Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch --

_Chidrowo_

(wild)

Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht

schlecht von mir.

(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist

mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat

eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die

Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem

eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem

die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen

Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter

und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte

Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht

häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von

seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden

sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer

Verbeugung.)

_Rasumowsky_

Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist

geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln?

_Chidrowo_

(finster)

Üble Neuigkeiten, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind

Sie hier, zu so früher Stunde?

_Chidrowo_

Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.

_Lassunsky_

Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten

überfallen worden.

_Rasumowsky_

Hat Rußland keinen Zaren mehr?

_Chidrowo_

Es hat eine Zarin.

_Rasumowsky_

Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf

dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?

_Lassunsky_

Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer

Erlaucht geschickt.

_Rasumowsky_

Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?

_Lassunsky_

Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.

_Rasumowsky_

(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt

die Bibel auf seinen Schoß)

Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter

Geheimnissen regiert wird.

_Lassunsky_

Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg

gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt

ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister

zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der

verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.

_Rasumowsky_

Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser

schamlose Gedanke gekommen?

_Lassunsky_

Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für

unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal

geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf

Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.

_Chidrowo_

Die Narren!

_Rasumowsky_

Und was sagte die Kaiserin dazu?

_Lassunsky_

Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt

nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt,

daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin

eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen.

_Chidrowo_

Das hat die Kaiserin gesagt?

_Lassunsky_

Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer

Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts

davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag

übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der

Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit

gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die

achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der

Kasan-Kathedrale geschah es dann --

_Chidrowo_

(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen · 第 11 / 74 题