Der $deutsche Buchdruckerverband$ hat vom 19.-24. Juni 1899 in
Mainz seine dritte Generalversammlung abgehalten, die von 82
Vertretern besucht war; außerdem hatte der österreichische und der
elsaß-lothringische Verein, sowie das internationale Sekretariat
Abgesandte geschickt. Der von dem Vorsitzenden Döblin erstattete
Bericht erwähnt die Gründung der Buchdruckergewerkschaft, der jedoch
angeblich nur 300 Mitglieder angehören, sowie den Gutenbergbund,
von dem behauptet wird, daß er gegründet sei, um den Unternehmern
Heeresfolge zu leisten. Aber weder durch diese beiden Vereine, noch
durch die von den Prinzipalen ins Leben gerufene Unterstützungskasse,
der zur Zeit 4000 Mitglieder angehören, sei das Wachstum des Verbandes
aufgehalten. In den 4 Jahren 1895-1898 sind seitens des Verbandes an
Reiseunterstützung 501899 Mk., an Arbeitslosenunterstützung 499170
Mk., an Umzugskosten und Gemaßregeltenunterstützung 209678 Mk., an
Krankengeld 137489 Mk., an Invalidenunterstützung 5381 Mk. (davon
3494 Mk. aus der Invalidenkasse, 1887 Mk. aus der Verbandskasse) und
an Begräbnisgeld 79055 Mk. gezahlt. Trotzdem ist 1898 ein Ueberschuß
von rund 500000 Mk. erzielt. Der Vorstand sah in der großen Anhäufung
von Geld insofern eine Gefahr, als dadurch die Versuchung erhöht
werde, sich bei Streitigkeiten mit den Prinzipalen zu fest auf
die gefüllte Verbandskasse zu verlassen und glaubte vielmehr, den
Ueberfluß zur Erhöhung der Verbandsleistungen verwenden zu sollen, um
die Mitglieder desto fester an den Verband zu ketten. Er beantragte
deshalb: 1. die Reiseunterstützung von 75 Pf. auf 1 Mk. (bei einer
Wartezeit von 6 Wochen) bezw. 1 Mk. 25 Pf. (bei einer solchen von 50
Wochen), 2. die Arbeitslosenunterstützung von 1 Mk. 25 auf 1 Mk. 50
Pf., 3. die Invalidenunterstützung von 1 Mk. auf 1 Mk. 25 Pf., 4. das
Begräbnisgeld auf 150 Mk. (bei 500 Wochenbeiträgen) bezw. 200 Mk. (bei
1000 Wochenbeiträgen) zu erhöhen. Umzugsgelder bis zur Höhe von 100
Mk. sollen auch bei freiwilligen Umzügen gezahlt werden. Außerdem soll
der Preis für das Verbandsorgan von 1 Mk. auf 65 Pf. vierteljährlich
herabgesetzt werden. Die Versammlung nahm diese Vorschläge an. Die
Gehälter des Vorsitzenden, des Kassierers und des Redakteurs wurden
von 2500 Mk., 2300 Mk. und 2200 Mk. auf 2900 Mk., 2600 Mk. und 2500
Mk. erhöht. Die Gesamtsumme dieser Mehrbelastungen beläuft sich auf
jährlich 145000 Mk.
[343] Anschluß an S. 293.
In einer Resolution gegen die Zuchthausvorlage wurde betont, daß auf
dem Frankfurter Gewerkschaftskongresse die organisierten Arbeiter sich
fast einstimmig für friedliche Verständigung mit den Arbeitgebern
durch Tarifvereinbarungen ausgesprochen hätten, daß aber die letzteren
solche Vereinbarungen ablehnten und dadurch die wirtschaftlichen
Kämpfe hervorriefen. Dabei stellte der Vorsitzende fest, daß die
Ansicht der Generalversammlung dahin gehe, die Tarifvereinbarung mit
den Prinzipalen, falls diese den Wünschen der Gehülfen nachkämen, nach
Ablauf der gegenwärtigen Frist wieder zu erneuern. Die beantragte
Einsetzung eines Verbandsausschusses als Kontrollkommission
für den Vorstand wurde abgelehnt, ebenso die obligatorische
Einführung des Verbandsorgans. Ein Antrag, mit dem Verbande der
Buchdruckereihülfsarbeiter in ein näheres Verhältnis zu treten, um eine
spätere vollständige Verschmelzung vorzubereiten, wurde abgelehnt und
nur zur Unterstützung der »Solidarität«, des Organes der Hülfsarbeiter,
500 Mk. bewilligt.
Hinsichtlich des internationalen Buchdruckersekretariates, dem zur
Zeit 19 Organisationen angeschlossen sind, kam es zu lebhaften
Auseinandersetzungen, indem das Organ des schweizerischen Verbandes
sich bei den Tarifstreitigkeiten auf die Seite der Opposition
gestellt und aus diesem Grunde der deutsche Verband die Erneuerung
des bestehenden Gegenseitigkeitsvertrages abgelehnt hatte. Die
Generalversammlung stimmte einem abgeänderten Vertrage, der inzwischen
schon von den Schweizern angenommen war, auch ihrerseits zu, sprach
jedoch über die Haltung des schweizerischen Organes seinen Tadel aus.
$Die Gewerkschaft der Buchdrucker$ hat am 6. August 1899 in Hannover
ihren Kongreß abgehalten. Berichtet wurde, daß trotz des Rückganges der
Preßfondsbeiträge die »Buchdruckerwacht« in Zukunft gehalten werden
könne. Die Zunahme der Mitglieder sei eine geringe; die Hoffnung, alle
Tarifgemeinschaftsgegner in der Gewerkschaft zu vereinigen, habe sich
nicht erfüllt, da die Anhänglichkeit der Buchdrucker an ihre Kassen zu
groß sei. Aber nicht die Quantität, sondern die Dualität der Mitglieder
bilde die Stärke einer Gewerkschaft. Ein Antrag, eine Einigung mit dem
Verbande zu versuchen, wurde abgelehnt. Die Mitgliederzahl beträgt 226,
der Kassenbestand 8357,91 Mk. Der nächste Kongreß soll in Kassel tagen.