V[335].

In $Dänemark$ hat am 2. Juni 1899 der Metallarbeiterverband in

Kopenhagen seinen 6. Jahreskongreß abgehalten, unter Beteiligung von

62 Abgeordneten, von denen 17 aus Kopenhagen, 45 aus der Provinz

entsandt waren. Der Verband zählt 6356 Mitglieder = 85% aller

gelernten Metallarbeiter, während er die ungelernten ausschließt. Das

Verbandsvermögen betragt 194399 Kronen.

[335] Anschluß an S. 154 und 622.

Auf dem Frankfurter Gewerkschaftskongresse machte der dänische

Vertreter noch einige Angaben über die dortige Gewerkschaftsbewegung.

Die Verhältnisse liegen in Dänemark insofern eigenartig, als von

den 2-1/2 Millionen Einwohnern des Landes 500000 in der Hauptstadt

Kopenhagen vereinigt sind, so daß etwa die Hälfte der industriellen

Bevölkerung dort zusammengedrängt ist. Den »Vereinigten Fachverbänden

Dänemarks« gehörten im Frühjahr 1899 38 Verbände und 27 Einzelvereine

mit rund 70000 Mitgliedern an, darunter 20000 ungelernte Arbeiter

und 6000 Frauen. Die Gesamtzahl der gewerkschaftlich organisierten

Arbeiter ist auf 75000-80000 zu veranschlagen. Außer dem Jahresbeitrage

von 20 Oere für industrielle und 10 Oere für Landarbeiter und Frauen

wird bei Streiks und Aussperrungen eine Sonderabgabe von wöchentlich

bis zu 50 Oere erhoben. In den letzten Jahren haben sich in den

verschiedenen Industrien zahlreiche Arbeitgebervereine gebildet, die

sich im Frühjahr 1898 zu dem »Zentralverein der dänischen Arbeitgeber«

zusammengeschlossen haben, dessen Zweck ist, den Forderungen der

Arbeiter Widerstand entgegenzusetzen, Streiks zu bekämpfen und

entstehende Streitigkeiten durch Schiedsgerichte zu regeln. Sobald ein

partieller Streik ausbricht, hat der Vorstand des Bundes das Recht,

die Aussperrung aller Arbeiter nicht allein des beteiligten Gewerbes,

sondern in sämtlichen Betrieben anzuordnen.

Weitgehendes Interesse auch außerhalb Dänemarks hat die

$Massenaussperrung der organisierten Arbeiter$ seitens des

Arbeitgeberbundes erregt. Der Streit begann zwischen den

Tischlergesellen und ihren Meistern über Lohnfragen, indem die Meister

am 2. Mai 1899 über sämtliche 3500 Gesellen die Sperre verhängten.

Zugleich wandten sie sich an den Zentralverein der dänischen

Arbeitgeber, und dieser erklärte am 24. Mai die Aussperrung aller

Arbeiter in den Baugewerben und der Eisenindustrie in der Zahl von

etwa 40000. Im August 1899 ist die Aussperrung noch auf fernere 10000

Arbeiter ausgedehnt, so daß sie etwa 2/3 aller dänischen organisierten

Arbeiter umfaßte.

Der von den Arbeitgebern verfolgte Zweck ist nach den

Zeitungsnachrichten die Vernichtung der Arbeiterorganisationen, während

andere Beurteiler[336] dies bestreiten und den Arbeitern insofern einen

Teil der Schuld beimessen, als sie sich unerträgliche Uebergriffe

erlaubten. Die christlich-soziale Partei Dänemarks ist auf die Seite

der Arbeiter getreten, ebenso haben die kleinen Gewerbetreibenden von

Kopenhagen in einer großen Protestversammlung zu deren Gunsten Stellung

genommen. Die dänische Regierung hat sich neutral gehalten, während die

deutschen Behörden mehrfach (z. B. in Schleswig, Sachsen, Braunschweig)

die von den Arbeitern zur Abhaltung von Versammlungen gesandten Redner

ausgewiesen haben, offenbar von der Auffassung ausgehend, daß in einem

Streite zwischen Arbeitern und Unternehmern, und mag er selbst im

Auslande sich abspielen, die Stellung der deutschen Obrigkeit stets auf

seiten der Unternehmer sein muß; man hofft dadurch den Staatsgedanken

und das Nationalgefühl unter der deutschen Arbeiterschaft zu fördern.

[336] Vgl. »Soziale Praxis« Nr. 37 vom 15. Juni 1899.

Nachdem wiederholte Einigungsversuche gescheitert waren, ist endlich

am 4. September 1899 eine Verständigung erzielt, in welcher die

Arbeitgeber die meisten der von ihnen erhobenen Forderungen fallen

gelassen haben, so daß die Arbeiter sich als die Sieger betrachten;

jedenfalls ist die Absicht, die Arbeiterorganisation zu vernichten,

falls sie bestanden haben sollte, gescheitert.

Am 7. September 1899 ist die Arbeit überall wieder aufgenommen.

Es scheint, als ob auf den Entschluß des Arbeitgeberverbandes ein

Wechsel im dänischen Ministerium, nämlich die Ersetzung des bisherigen

Ministers des Innern $Bardenfleth$ durch $Bramsen$, nicht ohne

Einfluß gewesen ist. Der letztere, der auch bereits in dem Streite

vermittelnd thätig gewesen war, ist ein hervorragender Nationalökonom,

der u. a. auch 1890 Dänemark bei dem Berliner internationalen

Arbeiterschutzkongresse vertreten hatte. Obgleich er der konservativen

Partei angehört, genießt er großes Vertrauen in Arbeiterkreisen, so daß

selbst das dänische sozialdemokratische Parteiorgan seine Ernennung mit

Befriedigung begrüßt und an seine Thätigkeit große Hoffnungen knüpft.

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 306 / 323 题