4. eine Uebersicht der bisherigen internationalen Organisation;

5. Material über die Vereinigungen der Arbeitgeber, soweit sie das

Verhältnis zu den Arbeitern berühren;

6. eine Zusammenstellung der bisher unternommenen Versuche einer

gemeinsamen Organisation von Arbeitern und Arbeitgebern. --

Habe ich mich bisher mit dem $Inhalte$ meines Buches beschäftigt,

so darf ich mir zum Schlusse noch einige Worte über die $formelle

Seite$, insbesondere die Art der Behandlung gestatten. Wenn ich mir

die Aufgabe stellte, die wirtschaftlichen Interessenorganisationen der

Arbeiter und der Arbeitgeber in allen Kulturländern in einem einzigen

Buche zu umfassen, so war damit von selbst die Notwendigkeit einer

weitgehenden Beschränkung gegeben. Das ganze ungeheure Gebiet mit der

Ausführlichkeit zu behandeln, wie es die vorhandene Speziallitteratur

thut, würde zunächst die Kraft eines Einzelnen weit überstiegen haben.

Aber selbst abgesehen hiervon, würde eine solche Arbeit kaum eine

innere Berechtigung gehabt haben, denn, soweit bereits befriedigende

Bearbeitungen der Einzelgebiete vorliegen, ist für ein neues Buch von

gleichem Zuschnitte kein Bedürfnis vorhanden. Endlich aber würde ein

solches Werk von vielen Bänden gerade den Zweck nicht erreicht haben,

auf den es mir vor allem ankam, nämlich nicht ein Buch für Bibliotheken

zu schreiben, das nur wenige Personen in die Hand bekommen, sondern das

Verständnis für die große soziale Organisationsbewegung der Gegenwart

in möglichst weite Kreise zu tragen. Hierzu bedarf es eines Buches,

das freilich einerseits den ganzen Stoff umfaßt und von einheitlichen

Gesichtspunkten aus behandelt, das aber andererseits unbeschadet der

Vollständigkeit sich möglichster Knappheit befleißigt und dadurch eine

Begrenzung nach Umfang und Preis erzielt, wie sie für den bezeichneten

Zweck weiter Verbreitung unerläßliche Bedingung ist.

War ich aber hiernach ohnehin nicht in der Lage, mit den vorhandenen

Werken der Speziallitteratur in Konkurrenz zu treten, indem vielmehr

derjenige, der sich eingehender mit einem Spezialgebiete beschäftigen

will, auf jene verwiesen werden muß, so würde es eine thörichte

Eitelkeit gewesen sein, wenn ich hier die Absicht gehabt hätte,

Originalstudien zu bieten und auf die Urquellen zurückzugehen. Ich habe

deshalb vielmehr überall da, wo bereits Bearbeitungen des betreffenden

Gebietes vorhanden waren, diese meiner Darstellung zu Grunde gelegt

und nur, soweit sie nicht bis auf die Jetztzeit reichten, die

erforderlichen Ergänzungen auf anderem Wege beschafft.

Unter den Werken, die für ein eingehenderes Studium in Betracht kommen,

stehen in erster Linie die einschlägigen Artikel des von $Conrad$,

$Elster$, $Lexis$ und $Loening$ herausgegebenen »Handwörterbuches der

Staatswissenschaften«, in denen auch ausführliche Litteraturnachweise

gegeben sind. Die wertvollste Materialsammlung für die fortlaufende

Entwickelung bietet das von H. $Braun$ begründete »Sozialpolitische

Zentralblatt«, das seit 1. April 1895 unter dem Titel »Soziale Praxis«

erscheint und jetzt von C. $Francke$ herausgegeben wird. Leider sind

meist die Originalquellen, aus denen die Angaben entnommen sind, nicht

bezeichnet. Ich erwähne beide Werke in diesem Zusammenhange, da ich

vielfach aus ihnen geschöpft habe und es doch nicht gut durchführbar

erschien, mich an jeder einzelnen Stelle ausdrücklich auf sie zu

beziehen. Im übrigen habe ich die von mir benutzten Quellen und die

wichtigere Litteratur bei den einzelnen Abschnitten angegeben.

Es war zuerst meine Absicht, mich nicht auf eine Sammlung des

Thatsachenmaterials zu beschränken, sondern daneben in einem zweiten

Bande die $prinzipielle Seite der Organisation$, insbesondere deren

wirtschaftliche und sozialpolitische Bedeutung zu erörtern.

Es waren auch hier äußere Gründe, die mich zwangen, hiervon abzusehen,

und zwar einerseits die bereits hervorgehobene Rücksicht, den Umfang

des Buches nicht zu sehr zu vergrößern, andererseits der Wunsch, die

Veröffentlichung des fertig gestellten ersten Bandes nicht länger

hinauszuschieben. Aber ich hoffe, in nicht allzulanger Zeit das jetzt

Unterlassene nachzuholen und in einer ferneren Arbeit nicht allein

den Nachweis zu erbringen, daß die Organisation von Arbeitern und

Unternehmern als den beiden Faktoren der Arbeit eine unabweisbare

Notwendigkeit ist, um deren Interesse gegenüber denjenigen des

Kapitals und der Konsumtion wahrzunehmen und zu einer Ordnung in den

verworrenen Verhältnissen des heutigen Erwerbslebens zu gelangen,

sondern auch zu den hiermit zusammenhängenden Einzelfragen über die

beste Form, insbesondere gemeinsame oder getrennte, freiwillige oder

zwangsweise Organisation der beiden Berufsklassen, über die Beziehungen

zwischen den gewerkschaftlichen und den politischen Aufgaben und das

dadurch bedingte Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie

und endlich über die Berechtigung der einzelnen gewerkschaftlichen

Forderungen, insbesondere die Erhöhung des Arbeitslohnes und die

Verkürzung der Arbeitsdauer Stellung zu nehmen. In diesem Zusammenhange

wird es mir auch möglich sein, etwas nachzuholen, was eigentlich der

jetzigen Arbeit hätte vorausgehen müssen, insofern die Auswahl der

behandelten Organisationen dadurch bedingt ist, nämlich den Begriff von

»Gewerkschaft« oder »Gewerkverein« und dessen karakteristische Momente

genau zu bestimmen. Ich bemerke dabei, daß ich die beiden genannten

Ausdrücke in meinem Buche als gleichbedeutend behandele und abwechselnd

gebrauche, ohne durch die Wahl des einen oder des anderen zu dem in

Deutschland zwischen den $Hirsch-Duncker$'schen Gewerkvereinen und den

sozialistischen Gewerkschaften bestehenden Gegensatze und insbesondere

zu der Frage, welche von beiden Arten den englischen trade unions

am nächsten steht, Stellung zu nehmen. Im allgemeinen ist das Wort

»Gewerkschaft« wegen der handlicheren Ableitungsformen für den Gebrauch

bequemer.

Die bereits vorliegende und die vorstehend bezeichnete fernere Arbeit

werden in gewisser Weise nur zwei Bände eines Buches bilden, indem

sie nicht allein denselben Gegenstand lediglich nach zwei Seiten

hin behandeln, sondern auch denselben Grundgedanken zur Darstellung

bringen, nämlich die Notwendigkeit der sozialen Organisation, für

die der Nachweis auf doppeltem Wege geführt wird, nämlich einerseits

$induktiv$ an der Hand der Thatsachen der bisherigen Entwickelung,

andererseits $deduktiv$ als Ausfluß anerkannter oder doch als sicher

vorhanden nachzuweisender volkswirtschaftlicher und psychologischer

Gesetze. Deßungeachtet sind beide Arbeiten formell selbständige

Bücher, da sie beide für sich ihr Gebiet erschöpfen und keine von

beiden die andere zur Voraussetzung hat.

Ich habe übrigens diese Scheidung in zwei Bände nicht in der Weise

durchgeführt, daß ich mich in dem vorliegenden streng auf die

Darstellung von Thatsachen beschränkt und jede Kritik vermieden hätte.

Zweifellos wäre das rein systematisch das Richtige gewesen, aber

Systematik ist eben nicht Selbstzweck und wird, wo sie als solcher

behandelt wird, zur Pedanterie. Ist ganz gewiß das Durcharbeiten eines

so massenhaften Materials, wie ich es zusammentragen mußte, für den

Leser in hohem Grade ermüdend, so schien es mir geeignet, die Monotonie

der Darstellung gelegentlich dadurch etwas zu unterbrechen, daß ich an

einzelnen Stellen kurze kritische Bemerkungen mir gestattete. Dadurch

wird freilich der sonst nach Kräften gewahrte durchaus objektive

Karakter meines Buches etwas beeinträchtigt, und ein Leser, der nicht

auf meinem Standpunkte steht, wird gewiß an diesen Aeußerungen zuweilen

Anstoß nehmen. Immerhin darf ich hoffen, daß solche Leser, die gewohnt

sind, auch gegnerische Meinungen anzuhören, mir darum nicht zürnen

werden. --

Zum Schlusse will ich nicht verfehlen, den üblichen Appell an die

Nachsicht meiner Kritiker zu richten. Welche Schwierigkeiten die

Verarbeitung eines so ungeheuren Materials bietet, wie es mir vorlag,

kann nur derjenige völlig beurteilen, der sich schon mit ähnlichen

Arbeiten befaßt hat; besteht doch gerade die Aufgabe darin, diese

Schwierigkeit gar nicht merken zu lassen, sondern bei dem Leser das

Gefühl hervorzurufen, als ob das, was ihm auf wenigen Seiten über einen

Gegenstand gesagt wird und den knappen Auszug aus vielen Bänden und

umfangreichen Protokollen, Berichten, Statuten u. s. w. darstellt,

Alles enthalte, was darüber zu wissen nötig und möglich sei. Das

Exzerpieren ist an sich eine mechanische und gerade deshalb wenig

befriedigende Arbeit, aber die Aufgabe, die dabei gelöst werden muß,

nämlich zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem zu unterscheiden, so

viel zu bieten, wie zur Orientierung erforderlich ist, aber auch nicht

mehr, ist doch weniger leicht, als es scheinen könnte, insbesondere

erfordert sie einen litterarischen Takt, ein Feingefühl, dessen

Bedeutung man nur am eigenen Leibe erfährt, wenn man an hundert und

tausend Stellen vor der Frage steht, ob man eine Angabe aufnehmen oder

fortlassen, sie ausführlicher oder knapper fassen soll.

Aber es ist nicht nur die $Verarbeitung$ eines so großen Materials,

was Mühe verursacht, sondern schon dessen $Zusammenbringung$ ist mit

Schwierigkeiten verknüpft, die sich der Fernstehende nicht träumen

läßt, und die doppelt groß sind für Jemanden, der einerseits nicht am

Sitze einer größeren Bibliothek wohnt und anderseits solche Studien

nicht als Beruf betreibt, sondern in einem Amte steht, das notwendig

den Hauptteil seiner Arbeitskraft in Anspruch nimmt, und der deshalb

nur seine unregelmäßigen Mußestunden zur Verwendung hat. Perioden

von Wochen und Monaten, in denen die Berufsgeschäfte die gesamte

Thätigkeit in Anspruch nehmen, zwingen zu Unterbrechungen, die nicht

allein dadurch, daß das stete Wiedereinfädeln des zerrissenen Fadens

doppelte Mühe und Zeit beansprucht, eine sehr erhebliche Erschwerung

mit sich bringen, sondern vor allem die Einheitlichkeit der Arbeit

beeinträchtigen.

Sollte es mir gelungen sein, den geneigten Leser von der Größe aller

dieser Schwierigkeiten zu überzeugen, so wird er es vielleicht milder

beurteilen, wenn er die Aufgabe nicht überall als glücklich gelöst

anerkennt, insbesondere einige Partien zu lang, andere zu kurz

behandelt findet. Ich bilde mir nicht entfernt ein, hier überall das

Richtige getroffen zu haben, ja ich sehe das Verdienst meiner Arbeit

überhaupt weniger in dem, was sie selbst unmittelbar bietet, als in der

Anregung, die ich mir von ihr für weite Kreise verspreche, sich mit den

von mir behandelten Dingen eingehender, als es bisher geschehen ist, zu

beschäftigen.

Für solche ferneren Arbeiten, die auf dem gleichen Boden weiterbauen,

wird mein Buch, so hoffe ich, im Stande sein, eine brauchbare Unterlage

zu bieten.

$Braunschweig$, 15. September 1899.

=W. Kulemann.=

Inhaltsverzeichnis.

Erster Teil.

=Arbeiterverbände.=

Seite

Die Gewerkschaftsbewegung Darstellung der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiter und der Arbeitgeber aller Länder. · 第 4 / 323 题