5. Material über die Vereinigungen der Arbeitgeber, soweit sie das
Verhältnis zu den Arbeitern berühren;
6. eine Zusammenstellung der bisher unternommenen Versuche einer
gemeinsamen Organisation von Arbeitern und Arbeitgebern. --
Habe ich mich bisher mit dem $Inhalte$ meines Buches beschäftigt,
so darf ich mir zum Schlusse noch einige Worte über die $formelle
Seite$, insbesondere die Art der Behandlung gestatten. Wenn ich mir
die Aufgabe stellte, die wirtschaftlichen Interessenorganisationen der
Arbeiter und der Arbeitgeber in allen Kulturländern in einem einzigen
Buche zu umfassen, so war damit von selbst die Notwendigkeit einer
weitgehenden Beschränkung gegeben. Das ganze ungeheure Gebiet mit der
Ausführlichkeit zu behandeln, wie es die vorhandene Speziallitteratur
thut, würde zunächst die Kraft eines Einzelnen weit überstiegen haben.
Aber selbst abgesehen hiervon, würde eine solche Arbeit kaum eine
innere Berechtigung gehabt haben, denn, soweit bereits befriedigende
Bearbeitungen der Einzelgebiete vorliegen, ist für ein neues Buch von
gleichem Zuschnitte kein Bedürfnis vorhanden. Endlich aber würde ein
solches Werk von vielen Bänden gerade den Zweck nicht erreicht haben,
auf den es mir vor allem ankam, nämlich nicht ein Buch für Bibliotheken
zu schreiben, das nur wenige Personen in die Hand bekommen, sondern das
Verständnis für die große soziale Organisationsbewegung der Gegenwart
in möglichst weite Kreise zu tragen. Hierzu bedarf es eines Buches,
das freilich einerseits den ganzen Stoff umfaßt und von einheitlichen
Gesichtspunkten aus behandelt, das aber andererseits unbeschadet der
Vollständigkeit sich möglichster Knappheit befleißigt und dadurch eine
Begrenzung nach Umfang und Preis erzielt, wie sie für den bezeichneten
Zweck weiter Verbreitung unerläßliche Bedingung ist.
War ich aber hiernach ohnehin nicht in der Lage, mit den vorhandenen
Werken der Speziallitteratur in Konkurrenz zu treten, indem vielmehr
derjenige, der sich eingehender mit einem Spezialgebiete beschäftigen
will, auf jene verwiesen werden muß, so würde es eine thörichte
Eitelkeit gewesen sein, wenn ich hier die Absicht gehabt hätte,
Originalstudien zu bieten und auf die Urquellen zurückzugehen. Ich habe
deshalb vielmehr überall da, wo bereits Bearbeitungen des betreffenden
Gebietes vorhanden waren, diese meiner Darstellung zu Grunde gelegt
und nur, soweit sie nicht bis auf die Jetztzeit reichten, die
erforderlichen Ergänzungen auf anderem Wege beschafft.
Unter den Werken, die für ein eingehenderes Studium in Betracht kommen,
stehen in erster Linie die einschlägigen Artikel des von $Conrad$,
$Elster$, $Lexis$ und $Loening$ herausgegebenen »Handwörterbuches der
Staatswissenschaften«, in denen auch ausführliche Litteraturnachweise
gegeben sind. Die wertvollste Materialsammlung für die fortlaufende
Entwickelung bietet das von H. $Braun$ begründete »Sozialpolitische
Zentralblatt«, das seit 1. April 1895 unter dem Titel »Soziale Praxis«
erscheint und jetzt von C. $Francke$ herausgegeben wird. Leider sind
meist die Originalquellen, aus denen die Angaben entnommen sind, nicht
bezeichnet. Ich erwähne beide Werke in diesem Zusammenhange, da ich
vielfach aus ihnen geschöpft habe und es doch nicht gut durchführbar
erschien, mich an jeder einzelnen Stelle ausdrücklich auf sie zu
beziehen. Im übrigen habe ich die von mir benutzten Quellen und die
wichtigere Litteratur bei den einzelnen Abschnitten angegeben.
Es war zuerst meine Absicht, mich nicht auf eine Sammlung des
Thatsachenmaterials zu beschränken, sondern daneben in einem zweiten
Bande die $prinzipielle Seite der Organisation$, insbesondere deren
wirtschaftliche und sozialpolitische Bedeutung zu erörtern.
Es waren auch hier äußere Gründe, die mich zwangen, hiervon abzusehen,
und zwar einerseits die bereits hervorgehobene Rücksicht, den Umfang
des Buches nicht zu sehr zu vergrößern, andererseits der Wunsch, die
Veröffentlichung des fertig gestellten ersten Bandes nicht länger
hinauszuschieben. Aber ich hoffe, in nicht allzulanger Zeit das jetzt
Unterlassene nachzuholen und in einer ferneren Arbeit nicht allein
den Nachweis zu erbringen, daß die Organisation von Arbeitern und
Unternehmern als den beiden Faktoren der Arbeit eine unabweisbare
Notwendigkeit ist, um deren Interesse gegenüber denjenigen des
Kapitals und der Konsumtion wahrzunehmen und zu einer Ordnung in den
verworrenen Verhältnissen des heutigen Erwerbslebens zu gelangen,
sondern auch zu den hiermit zusammenhängenden Einzelfragen über die
beste Form, insbesondere gemeinsame oder getrennte, freiwillige oder
zwangsweise Organisation der beiden Berufsklassen, über die Beziehungen
zwischen den gewerkschaftlichen und den politischen Aufgaben und das
dadurch bedingte Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie
und endlich über die Berechtigung der einzelnen gewerkschaftlichen
Forderungen, insbesondere die Erhöhung des Arbeitslohnes und die
Verkürzung der Arbeitsdauer Stellung zu nehmen. In diesem Zusammenhange
wird es mir auch möglich sein, etwas nachzuholen, was eigentlich der
jetzigen Arbeit hätte vorausgehen müssen, insofern die Auswahl der
behandelten Organisationen dadurch bedingt ist, nämlich den Begriff von
»Gewerkschaft« oder »Gewerkverein« und dessen karakteristische Momente
genau zu bestimmen. Ich bemerke dabei, daß ich die beiden genannten
Ausdrücke in meinem Buche als gleichbedeutend behandele und abwechselnd
gebrauche, ohne durch die Wahl des einen oder des anderen zu dem in
Deutschland zwischen den $Hirsch-Duncker$'schen Gewerkvereinen und den
sozialistischen Gewerkschaften bestehenden Gegensatze und insbesondere
zu der Frage, welche von beiden Arten den englischen trade unions
am nächsten steht, Stellung zu nehmen. Im allgemeinen ist das Wort
»Gewerkschaft« wegen der handlicheren Ableitungsformen für den Gebrauch
bequemer.
Die bereits vorliegende und die vorstehend bezeichnete fernere Arbeit
werden in gewisser Weise nur zwei Bände eines Buches bilden, indem
sie nicht allein denselben Gegenstand lediglich nach zwei Seiten
hin behandeln, sondern auch denselben Grundgedanken zur Darstellung
bringen, nämlich die Notwendigkeit der sozialen Organisation, für
die der Nachweis auf doppeltem Wege geführt wird, nämlich einerseits
$induktiv$ an der Hand der Thatsachen der bisherigen Entwickelung,
andererseits $deduktiv$ als Ausfluß anerkannter oder doch als sicher
vorhanden nachzuweisender volkswirtschaftlicher und psychologischer
Gesetze. Deßungeachtet sind beide Arbeiten formell selbständige
Bücher, da sie beide für sich ihr Gebiet erschöpfen und keine von
beiden die andere zur Voraussetzung hat.
Ich habe übrigens diese Scheidung in zwei Bände nicht in der Weise
durchgeführt, daß ich mich in dem vorliegenden streng auf die
Darstellung von Thatsachen beschränkt und jede Kritik vermieden hätte.
Zweifellos wäre das rein systematisch das Richtige gewesen, aber
Systematik ist eben nicht Selbstzweck und wird, wo sie als solcher
behandelt wird, zur Pedanterie. Ist ganz gewiß das Durcharbeiten eines
so massenhaften Materials, wie ich es zusammentragen mußte, für den
Leser in hohem Grade ermüdend, so schien es mir geeignet, die Monotonie
der Darstellung gelegentlich dadurch etwas zu unterbrechen, daß ich an
einzelnen Stellen kurze kritische Bemerkungen mir gestattete. Dadurch
wird freilich der sonst nach Kräften gewahrte durchaus objektive
Karakter meines Buches etwas beeinträchtigt, und ein Leser, der nicht
auf meinem Standpunkte steht, wird gewiß an diesen Aeußerungen zuweilen
Anstoß nehmen. Immerhin darf ich hoffen, daß solche Leser, die gewohnt
sind, auch gegnerische Meinungen anzuhören, mir darum nicht zürnen
werden. --
Zum Schlusse will ich nicht verfehlen, den üblichen Appell an die
Nachsicht meiner Kritiker zu richten. Welche Schwierigkeiten die
Verarbeitung eines so ungeheuren Materials bietet, wie es mir vorlag,
kann nur derjenige völlig beurteilen, der sich schon mit ähnlichen
Arbeiten befaßt hat; besteht doch gerade die Aufgabe darin, diese
Schwierigkeit gar nicht merken zu lassen, sondern bei dem Leser das
Gefühl hervorzurufen, als ob das, was ihm auf wenigen Seiten über einen
Gegenstand gesagt wird und den knappen Auszug aus vielen Bänden und
umfangreichen Protokollen, Berichten, Statuten u. s. w. darstellt,
Alles enthalte, was darüber zu wissen nötig und möglich sei. Das
Exzerpieren ist an sich eine mechanische und gerade deshalb wenig
befriedigende Arbeit, aber die Aufgabe, die dabei gelöst werden muß,
nämlich zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem zu unterscheiden, so
viel zu bieten, wie zur Orientierung erforderlich ist, aber auch nicht
mehr, ist doch weniger leicht, als es scheinen könnte, insbesondere
erfordert sie einen litterarischen Takt, ein Feingefühl, dessen
Bedeutung man nur am eigenen Leibe erfährt, wenn man an hundert und
tausend Stellen vor der Frage steht, ob man eine Angabe aufnehmen oder
fortlassen, sie ausführlicher oder knapper fassen soll.
Aber es ist nicht nur die $Verarbeitung$ eines so großen Materials,
was Mühe verursacht, sondern schon dessen $Zusammenbringung$ ist mit
Schwierigkeiten verknüpft, die sich der Fernstehende nicht träumen
läßt, und die doppelt groß sind für Jemanden, der einerseits nicht am
Sitze einer größeren Bibliothek wohnt und anderseits solche Studien
nicht als Beruf betreibt, sondern in einem Amte steht, das notwendig
den Hauptteil seiner Arbeitskraft in Anspruch nimmt, und der deshalb
nur seine unregelmäßigen Mußestunden zur Verwendung hat. Perioden
von Wochen und Monaten, in denen die Berufsgeschäfte die gesamte
Thätigkeit in Anspruch nehmen, zwingen zu Unterbrechungen, die nicht
allein dadurch, daß das stete Wiedereinfädeln des zerrissenen Fadens
doppelte Mühe und Zeit beansprucht, eine sehr erhebliche Erschwerung
mit sich bringen, sondern vor allem die Einheitlichkeit der Arbeit
beeinträchtigen.
Sollte es mir gelungen sein, den geneigten Leser von der Größe aller
dieser Schwierigkeiten zu überzeugen, so wird er es vielleicht milder
beurteilen, wenn er die Aufgabe nicht überall als glücklich gelöst
anerkennt, insbesondere einige Partien zu lang, andere zu kurz
behandelt findet. Ich bilde mir nicht entfernt ein, hier überall das
Richtige getroffen zu haben, ja ich sehe das Verdienst meiner Arbeit
überhaupt weniger in dem, was sie selbst unmittelbar bietet, als in der
Anregung, die ich mir von ihr für weite Kreise verspreche, sich mit den
von mir behandelten Dingen eingehender, als es bisher geschehen ist, zu
beschäftigen.
Für solche ferneren Arbeiten, die auf dem gleichen Boden weiterbauen,
wird mein Buch, so hoffe ich, im Stande sein, eine brauchbare Unterlage
zu bieten.
$Braunschweig$, 15. September 1899.
=W. Kulemann.=
Inhaltsverzeichnis.
Erster Teil.
=Arbeiterverbände.=
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