Er deutete nach rückwärts, und Maren meinte einen Augenblick, das Herz
müsse ihr stillstehen.
»Akke ...« stammelte sie.
Tief mußte sich auch die große, stattliche Frau bücken, als sie aus der
Stalltür trat. Und auch sie war heiß und rot und verlegen. In ihrem Arm
lag ein Bündel, aus dem schwache, gnarrende Laute drangen.
»Du siehst, Edlef, deiner Frau verschlägt’s den Atem«, spottete Akke.
»Und du wirst deine freundliche Einladung rückgängig machen müssen.«
»Ich bin der Herr auf dem Mutterhof«, sagte Edlef finster.
»Dasselbe mein’ ich auch«, fiel Maren schier gelassen ein. »Und wen
Edlef auf den Mutterhof führt, der ist auch mir willkommen.«
Da senkte die Fremde den Kopf.
»Es ist nicht für lange«, sagte sie unsicher.
»Das steht im Belieben.«
Maren schritt den beiden voraus nach der Diele zurück. Unheimlich
heulte der Sturm. Der Knecht stand triefnaß am offenen Feuer. »Herr
Vater, das Wasser hat den Zaun umgelegt,« meldete er an Edlef.
»Ist’s schon so weit?«
Edlef öffnete die Tür zum Wohnpesel. Der Tisch stand einladend gedeckt,
Tanten Frauke und die Kinder lehnten am Fenster, und sahen auf die
tobenden Wassermassen.
Nun musterten alle befremdet die Neuangekommene.
»Mich dünkt, die Haustür ist immer noch _vorn_ am Mutterhof,« bemerkte
Ohm Rickert scharf. Er trat dicht an Edlef heran, der sich in einer
Ecke zu schaffen machte. Und fragte zornig mit verhaltener Stimme:
»Bist du verrückt geworden?«
»Sieh nach deinen Worten,« brauste Edlef auf.
Da faßte Maren Holgers Akkes Hand. »Frau Akke Bahn, geb. Luersen,
bittet den Mutterhof um Unterstand auf einige Zeit für sich und ihr
Kind.«
Mit ruhiger Würde nahm sie das eingeschlafene Kleine aus dem Arm der
Mutter und legte es in die breite, schaukelnde Mutterhofwiege neben
Lütt-Krischan.
»Nun wollen wir essen und beten,« gebot Maren.
»Christ Kyrie komm zu uns auf der See«, rief laut der Knecht. Denn der
Sturm rüttelte gewaltig an den Mauern des Hauses.
Dann falteten alle die Hände und laut, schier trotzig klang Edlef
Holgers’ Stimme:
Herr, gebiete dem Sturm,
Herr, bewahr Haus und Turm,
Herr, laß uns nicht leiden
Durch Zwietracht und Streiten.
Gesegne uns Gott
Unser tägliches Brot
Und laß uns halten hoch und wert
Unsers heiligen Hauses Herd. Amen.
Die Magd brachte die Suppe herein. Gesprochen wurde nicht viel.
Edlef Holgers gab den Hausgenossen einige knappe Anweisungen für die
kommenden Stunden, und Tanten Frauke sprach leise mit der unruhigen
Karen, die auf viele Mutmaßungen eingehende Antwort heischte.
Unter dem Tisch aber falteten sich immer aufs neue Marens Hände: »Und
laß uns halten hoch und wert unseres heiligen Hauses Herd«, betete ihr
junges Herz, und die Augen schauten vergrämt auf die Fremde.
Rasch wurde abgegessen. Maren brachte fast keinen Bissen herunter. Nach
einer Weile stand sie auf, ging nach der Gastkammer und begann ein Bett
für Akke und ihr Kleines zu rüsten. -- Nach einigen Minuten folgte ihr
Edlef Holgers.
»Hast du Furcht?« fragte er, »die Flut sinkt, es ist bald Hohlebbe ...«
»Wir steh’n in Gottes Hand, ich hab mich keinen Augenblick gefürchtet.«
»Ich hätte dir wohl manches zu sagen, Maren, -- über unsere nächste
Zukunft ...«
»So sprich.«
»Es wird mir nicht leicht«, zögerte er.
Und während sie gelassen in ihrer Arbeit fortfuhr und das Zittern ihrer
Hände verbarg, überstürzten sich seine Worte. Er wies auf das langsam
zurückgehende Wasser. »Wenn es abgelaufen ist, Maren, müssen wir wieder
von vorn anfangen mit Pflanzen und Einhegen und Bauen und Dichten, --
so geht’s Jahr für Jahr, und zwei- und dreimal im Jahr. Das macht die
Leute unzufrieden und verdrossen. Nicht alle sind so verwachsen wie
wir mit der Heimatscholle. Es muß etwas Eingreifendes geschehen. Sonst
könnten sie halligflüchtig werden. Das wäre ein Unglück für die Insel.«
Edlef Holgers sprach in kurzen, abgerissenen Sätzen.
Als wolle er eine unangenehme Nachricht vorbereiten oder
hinausschieben. -- »Wir haben Versammlungen gehabt. Nun sollen
Abordnungen mit praktischen Vorschlägen hinausgeschickt werden, nach
Kiel, nach Hamburg, nach Kopenhagen ...«
»Du willst fort?« fragte Maren scharf.
»Man hat mich gewählt. Du weißt, daß der Halligbauer nur Vertrauen zu
seinesgleichen hat. Da könnte Gott einen Engel vom Himmel schicken, sie
würden einen lästigen Ausländer in ihm sehen.« Edlef lachte gezwungen.
»Von mir weiß die Hallig, daß ich mein Leben einsetze für die Heimat.«
Es war, als höre Maren nur den kleinsten Teil von Edlefs Rede.
»Auf wie lange?« stieß sie hervor. Als sei nur die Tatsache
haftengeblieben, daß er fort wolle.
»Auf ein halbes Jahr. Oder ein ganzes. Die Aufgabe, die ich zu erfüllen
habe, ist nicht leicht.«
»Es ist recht«, nickte Maren, und war sehr blaß geworden. »Mein Bruder
wird mir zur Seite stehen und Ohm Rickert. Auch Jung Onnen ist ein
Verläßlicher. Sei ohne Sorge, Edlef. Du wirst hier alles in Ordnung
finden, wenn du heimkehrst.«
»Das weiß ich. Und zur Reise richte ich mir alles selbst.«
»Nicht nötig, das ist Frauensache. Gib nur dem Knecht und Ohm Rickert
Bescheid, was in der nächsten Zeit eilig zu tun ist.«
Die Gatten sahen sich an. In seinen Blicken glomm etwas Feindliches.
»Wie lange will Akke hierbleiben?« fragte Maren.
»Akke hat mich gebeten, ihr einen Dienst in Kopenhann zu verschaffen«,
entgegnete er gleichgültig.
»So! ... Sie weiß also schon um dein Fortgehen?«
»Ja, durch Zufall. Als ich sie im Stall fand. Sie wollte natürlich
durch die Vordertür zu uns kommen, sah aber dort ihren Vater ...«
»Und du willst Akke mit nach Kopenhagen nehmen?«
»Sie bat mich darum. -- Ich habe dort viel Bekannte.«
»Und das Kind?«
»Akke will dich bitten, es zu ihren Eltern zu bringen. Sie meint, dann
nehmen sie es schon auf ...«
»Sie trennt sich leicht von dem Kind???«