»Wie bist du nur heute!« Sie rief es voll Ärger. »Mein Gott, ich
konnt nicht eher ab. Sieh’s doch ein! Die Hebamme saß auf ’ner andern
Warf fest. Bei Löhnsens sollt auch was Kleines kommen. Ist aber eine
Fehlgeburt geworden, da mußte nun die Wehmutter dortbleiben. Und meine
Mutter war froh um meinen Beistand.« »Oh -- das ist’s nicht«, meinte er
müde und wie gequält von ihren Ausführungen.
»Das ist’s nicht?« fragte sie scharf. »Und was ist’s dann?« Edlef
Holgers leuchtete erst einmal sorglich um eine große Wasserlache herum
und reichte dann seiner Braut die Hand, damit sie springen konnte.
»Nun, Edlef?«
»_Muß_ ich dir’s sagen?«
»Ich warte drauf.«
Er schritt so rasch aus, daß sie kaum folgen konnte, aber sie hielt
sich doch an seiner Seite.
»Ich meinte, du solltest mir das nicht alles so erzählen«, murrte er.
»Du weißt recht gut, daß ich’s nicht mag. Und andre Deerns tun es auch
nicht. -- ...«
»Bist du verrückt?« schalt sie grob. »Wenn du nur wüßtest, wie schlecht
es so einen großen Schlagetot kleidet, daß er so tuig ist. Und andre
Deerns? Wo hast du denn andre Deerns gesehen, du blinde Hess’?«
Sie hing sich plötzlich schwer an seinen Arm und zwang ihn so,
stehenzubleiben. »In wenig Wochen bin ich doch deine Frau, -- oder etwa
nicht?« Er nickte düster.
»So kann ich dir auch erzählen, was ich mag.«
Nun schmiegte sie sich eng an ihn. Sie war fast so stattlich und groß
wie er selbst. -- »Sei mir doch wieder gut«, bettelte sie. »Du hast es
ja gewußt, wie ich bin, und hast mich doch haben wollen. Erzwungen hast
du mich: denn du weißt ja ...«
»Ja ich weiß alles«, sagte er gepreßt und holte aufs neue mit langen
Schritten aus.
»Nun also. Da weißt du auch, daß ich schließlich den Peder laufen ließ.«
»Du hättest es nicht tun sollen ...«
»Edlef, was soll das? -- -- --«
»Ja, Akke, ich mein es im Ernst. Es wär noch Zeit. -- Sieh, es weiß ja
niemand um unsern Verspruch ...«
»Niemand? Weil’s Lehrer Manne Wögens nicht weiß, ist die ganze Welt
_niemand_ für dich.«
»Warum trugst du’s weiter?« brauste er auf. »Wir hatten’s uns
versprochen, daß es geheim blieb. Auch Peders wegen. Es ist ja die
Frage, ob ihr besser zusammenpaßt als wir zwei, -- aber ich hab ihn
gesehn, -- er ist ganz durchhin, -- er tut mir leid.«
Akke Luersen lachte auf. »Du kannst mir _auch_ leid tun mit deinem
plötzlichen Erbarmen, Edlef. Aber dazu ist’s zu spät. Gewollt hab ich
dich nicht, -- aber jetzt will ich dich, und du wirst mich behalten.
Und heut, da du einmal auf der Schulwarf bist, kannst du es dem Lehrer
auch sagen.« Edlef Holgers nickte müde. »Ich gab mein Wort«, murmelte
er. Von da ab wurde nicht mehr gesprochen von den beiden. Dann und wann
hob Edlef die Laterne hoch und half der Braut über eine Wasserstelle.
Mechanisch führte er und stützte sie, wenn sie strauchelte. -- Aber
sein Herz hatte keinen Teil an seiner Sorgfalt, und das Mädchen biß die
Lippen zusammen und war voll Zorn. --
Vor dem Hause der Braut blieben sie stehen. Er reichte ihr
abschiednehmend die Hand. Ungestüm zog sie seinen Kopf zu sich herunter
und küßte ihn wild. Dann ließ sie ihn los.
»Willst du der Mutter nicht Glück wünschen?« fragte sie hastig.
»Nein, -- ich wünsche ihr lieber Ruh. Grüß die Mutter.«
Sie ging ins Haus. Der Wind oder der Zorn riß ihr die Tür aus der Hand
und schmetterte sie ins Schloß. Edlef hörte noch die gar nicht schwache
Stimme der scheltenden Wöchnerin. Dann stapfte er seinen Weg zurück.
Nach zwanzig Schritten blieb er stehen und hob wieder die Laterne. Ihr
Schein flog über die Fenster des Hauses, vor dem er stand, und bis zu
den drei Schornsteinen mit dem Blitzableiter empor. Auch den Zaun,
hinter dem der knorrige Birnbaum stand, beleuchtete Edlef, als wenn er
das alte Schulhaus noch nie gesehen hätte. Und er hatte doch jahrelang
darin die Bänke gedrückt, ehe er nach Husum zur Weiterbildung gekommen
war, wie es die Überlieferung erforderte vom ältesten Haussohn des
Mutterhofes. --
Als sich nichts regte im Schulhause, setzte Edlef seufzend seinen
Weg fort; aber sein Blick haftete an den niederen Fenstern, die von
dichten, weißen Vorhängen verhüllt waren. Freundlicher Lichtschein
quoll trotzdem heraus. Nach weiteren zwanzig Schritten kehrte Edlef
trotzig um und stand dann bald wieder vor dem Schulhause. Das Licht
hinter dem Vorhang schien hin und her getragen zu werden, aber als
Edlef umständlich und laut seine hohen Stiefel vom Schlick befreite und
dann und wann kräftig gegen die Hauswand stieß, blieb das Licht stehen.
Die Stubentür öffnete sich, und Lehrer Manne Wögens stand auf der
Schwelle. »Ist’s der Wattenmeergeist oder Knecht Ruprecht, der an meine
Tür donnert«, fragte er launig. »Mensch! Edlef Holgers! Dich war ich
nicht vermuten ...«
»Ich störe dich nicht, Manne Wögens?«
»Wenn du mit guten, frohen Gedanken kommst, störst du uns niemals. Aber
grad wollten wir in die Heia.«
»Wir? Wer ist wir?«
Manne Wögens lachte schallend. »Maren, komm her, stell dich zu mir,«
rief er, »Edlef Holgers weiß nicht mehr, wer ›wir‹ sind.«
Da sah Holgers in ein paar stille blaue Augen. Die waren von sehr
dunklen Brauen umgeben und standen in einem seltsam feierlich schönen
Gesicht.
Dunkles Blondhaar fiel weich in die Stirn. Die Gestalt war schlank
und zierlich, und reichte dem Riesenbruder noch nicht einmal bis zur
Schulter. Schier winzig stand Maren Wögens zwischen den beiden Hünen.
»Er ist stumm geworden«, spottete der Lehrer. -- »Sieh sie dir nur an,
Edlef, sie hat unsere alte Friesentracht angelegt und möcht’ gern eine
waschechte Halligtochter sein. Aber unsere Thüringer Mutter schlägt
allerorten bei ihr durch. -- Nun, Ihr Fische? Noch immer stumm?«
»Guten Abend, Fräulein Maren.« Edlef reichte ihr die Hand, und sie
legte die ihre hinein. So traten sie miteinander über die Schwelle des
Schulhauses. Ganz fest hielt Edlef Marens Hand. Und merkte es nicht,
daß das Mädchen rot und verlegen wurde. Manne Wögens sah belustigt auf
beide.
Endlich befreite sich Maren, und dann saßen sie um den runden Tisch.
Und während der Herbststurm sich draußen gewaltig erhob und scheinbar
versuchte, die Haustür aus ihren Angeln zu heben, dünkte es Edlef
Holgers, als sei es Mai geworden. -- In ihm war Grünen und Blühen. --
Plötzlich rief er: »Bonnestave habe ich gepflückt, einen Riesenstrauß!
Und ich wußte doch gar nicht, daß Sie kamen. Ich werde ihn morgen
bringen. Warum sind Sie hier, Fräulein Maren?«
»Ist es Ihnen nicht recht?« lachte sie. »Es sind doch Michaelisferien.«
»Aber Sie sagten mir doch im Juli in Ording, Sie kämen diesmal
nicht ...«
Der junge Lehrer fuhr dazwischen. »Habt ihr euch denn in Ording
gesehen? Davon weiß ich ja gar nichts.«
»Ich hab dich ja auch seitdem noch nicht gesprochen, Manne« entgegnete
Edlef zerstreut.
Aber Maren wurde rot und kam nicht mit den Worten zurecht und ihr
Bruder schüttelte den Kopf. -- Dann lief sie plötzlich hinaus, und die
Männer sahen sich ratlos an.
»Warum geht sie? -- Mag sie mich nicht leiden?« fragte Edlef ungestüm.
Manne Wögens staunte vor sich hin: »Sie hat dich vielleicht _zu_ gern,
Edlef Holgers.« Der fuhr sich durch den blonden Schopf. »_Zu_ gern?
_Zu_ gern?« fragte er dringlich. Und mit tiefem Aufseufzen: »das wäre
zu viel Glück!«
Da wurde Manne Wögens ganz fröhlich. -- »Steht es so um dich,
Edlef? Ihr beide ließet mich ganz im unklaren. Bande, die ihr seid!
Heimtücker!« Er rüttelte Edlef. »Wach auf! Ich sage dir, du hast das
große Los gezogen. Schwester Maren war allstunds mein guter Engel.
Und der unserer Eltern. -- Kinder, die das 4. Gebot lebendig in sich
spüren, geben gute Frauen ab. Also, -- von mir aus, -- gratulor! Soll
ich Maren hereinrufen? Oder willst du zu ihr? Oha, ich freu mich
bannig, daß die Deern aus ihrer Volksschule herauskommt! Schwager
Edlef, das ist heut ein schöner Tag!«
Da wachte Edlef Holgers auf. Mit seltsam erloschenen Augen sah er den
Freund an.
»Sprichst du von deiner Schwester und mir?« fragte er heiser.