Was die Darstellung im einzelnen betrifft, so ist es unvergleichlich,

wie bei Schilderung irgendeines Gegenstandes oder Vorganges durch die

Kunst der Betonung des Wesentlichen sogleich das Leben als Ganzes schön,

belehrend und mit dem Anspruch ewiger Geltung vor uns hintritt. Liest

man die Erzählung, wo Heinrich im Dorf versucht die schöne Buche zu

zeichnen, so prägt sich nicht nur unvergeßlich die Gestalt des edlen

Baumes ein, sondern wir wissen für immer, wie die erste Begegnung

zwischen dem unreifen, nach Kunst ringenden Jüngling und der göttlichen

Natur beschaffen ist; wir werden über das Wesen der Natur und das der

Kunst belehrt und erleben zugleich mit ganzer Seele ein Ereignis mit,

das einem bestimmten Menschen in einziger Weise begegnete. Oder man

denke an die Schilderung, wie Heinrich mit dem norddeutschen Schreiner

den Sarg für Anna verfertigt. Da erleben wir nicht nur die Verwandlung

des natürlichen Materials in einen künstlichen Gegenstand zu

menschlicher Verwendung mit als ein Ereignis von kultureller Bedeutung,

als wäre es das erste Mal: wir dringen wiederum tief ein in die

Lieblichkeit der Natur, wir bewundern den Erfindungsgeist und das

Geschick der Menschen; die Eigenart des Schreiners und die Erzählungen

aus seiner Heimat verknüpfen diesen Augenblick mit weiter Ferne, und

durch das Glas mit den musizierenden Engelsknaben fällt noch ein

himmlisches Licht auf den einfachen Vorgang. Wie Homer nicht veraltet,

kann auch diese Kunst durch keine Geschmacksrichtung und Mode angetastet

werden, da sie die Grundlinien des Lebens selbst zieht.

Gegenüber dem älteren Grünen Heinrich waren die Leute von Seldwyla ein

Fortschritt; eine Reihe auserlesener, künstlich geschliffener und

gefaßter Edelsteine, die die Schönheit, die Schrecken und die Wunder des

Lebens im Lichte blitzen lassen. Der dionysische Dichter löst unsere

Gebundenheit und läßt uns die Welt mit seinem Auge als ein in sich

selbst begründetes Bild schauen. Nicht daß er uns die Wirklichkeit

verschleierte oder uns durch Betäubung ihr entzöge: in einem wahrhaft

heiligen Rausche läßt er uns in strahlender Klarheit unsere Flüchtigkeit

und Bedingtheit gegenüber der ewigen Schönheit außer uns erkennen, in

deren Anschauung wir eine geheimnisvoll ausgleichende Seligkeit genießen

lernen. Die wunderlichen Helden: Pankraz der Schmoller, die Kammacher,

von Neid und Tugend ausgehölt, der allzufeine Glücksritter John Kabys,

der melancholische Schneider, ziehen vorüber als farbige Sinnbilder des

eitlen schönen Lebens, unvergängliche Geschöpfe einer geistigen Welt,

die sich mit der körperlichen überall durchwächst und durchwirkt. Was

aber diese Novellen vor anderen auszeichnet, ist eigentlich doch das,

daß es dem Dichter bis zu einem hohen Grade gelungen ist, das

Verwesliche des Stoffes in der Glut seines arbeitenden Geistes zu

tilgen, so daß die Form leicht, klar und dauerhaft geworden ist und das

beglückende Gefühl, etwas Vollendetes anzuschauen, erregt. Das gilt

vorzugsweise von dem Schmied seines Glückes, den gerechten Kammachern,

dem Märchen Spiegel das Kätzchen, und kann wohl auch von Dietegen und

Romeo und Julia auf dem Dorfe mit Recht gesagt werden.

Es war Kellers Bestreben, diesen Prozeß, nämlich das Ausscheiden des

Unwesentlichen vom Wesentlichen, gewissermaßen des Verweslichen vom

Unverweslichen, fortwährend zu verfeinern, bis er pures Gold in

schlichter, aber edelster Form gebildet hatte. In diesem Sinne steht das

Sinngedicht, wenn man es als ein Ganzes betrachtet, über den Seldwyler

Novellen; doch wird der Verehrer Kellers vielleicht die letzteren

vorziehen, weil uns seine einzigartige Persönlichkeit darin

unmittelbarer berührt. Die Züricher Novellen haben als Ganzes nicht die

Vollendung des Sinngedichtes erreicht, doch gehören das Fähnlein der

sieben Aufrechten und der Landvogt von Greifensee zu den Meisterwerken;

das Fähnlein knüpft unmittelbarer an die meisten anderen Novellen an und

ist doch ohne jede phantastische Zutat, nur durch die Durchdringung des

Stoffes auf die Höhe allgemeingültiger Poesie erhoben. Die Blüte

Kellerscher Dichtung bilden die Sieben Legenden, goldene Früchte in

silbernen Schalen, Traumgesichte von lebenstreuer Wahrheit, in denen

Frömmigkeit und Schalkheit, Sinnenzauber und Engelreinheit absichtslos

vereinigt sind wie im Gemüte eines Kindes. Man kann sie einer Kapelle

vergleichen, durch deren schmale glühende Fenster Licht fällt und Farben

malt, wo zwischen christlichen Figuren und Symbolen heidnische Schnörkel

sprießen, groteske und anmutige, ein lachender, weltlicher Übermut, der

nicht anders als wie ein Wohllaut mehr in den heiligen Zusammenklang des

Gotteshauses hineintönt.

Fast alle Werke Kellers -- mit Ausnahme der Züricher Novellen -- sind in

den Zürcher und Berliner Jahren 1846-56 »ausgeheckt« worden, so daß er

an den Sieben Legenden, die 1872, und an den Novellen des Sinngedichtes,

die 1880 erschienen, hauptsächlich nur noch die Arbeit des

Kunstverstandes zu besorgen hatte. Einzig Martin Salander ist ganz und

gar ein Werk des Alters. Es ist eine durchsichtige, geschlossene, fein

abgewogene Erzählung, die aber nicht wie die früheren Dichtungen aus der

chaotischen Werkstätte des Lebendigen im Inneren des Dichters

hervorgegangen, sondern überwiegend mit dem Bewußtsein gemacht zu sein

scheint. Es sind prächtige Seldwyler Menschen darin, besonders die

beiden Ehepaare Salander und Weidelich, und tragische Szenen, die das

unverminderte künstlerische Vermögen des alten Meisters anzeigen, so

namentlich die, wie die Weidelichs die Schande ihrer Söhne erfahren, und

das Sterben der Mutter; und vieles über die Beschaffenheit eines

Kunstwerks ließe sich daraus erlernen von dem, was überhaupt erlernbar

ist --: das, was sich nicht gebieten läßt, den Odem des Lebens, hat der

müde Dichter seinem letzten Werke nicht einblasen können.

Über sein ganzes Leben zu verteilen sind seine Gedichte, die von vielen

nicht geschätzt wurden und werden, von andern aber, die mir die rechten

Kenner seiner Poesie zu sein scheinen, als seine schönste Gabe und als

allerschönste deutsche Gedichte überhaupt angesehen werden. Es gibt

viele Gedichte, die einem, solange man jung ist, der eigenen poetischen

Stimmung zu entsprechen und das eigene Gefühl klangvoll auszudrücken

scheinen, wenige, die einen durchs Leben begleiten, scheinbar sich mit

einem entwickelnd. So sind viele von Kellers Gedichten; sie überraschen

einen immer wieder durch neue Aussichten, sie fassen nämlich ihren

Gegenstand gerade im Mittelpunkte, sind so rein und wesentlich

empfunden, daß der, welcher einen Augenblick darin lebt, immer, er

blicke nach welcher Richtung er wolle, einen Ruhepunkt, einen

Widerhall, ein Genügen für seine Seele finden muß. Zu solchen Gedichten

rechne ich, ohne damit den ganzen Schatz erschöpfen zu wollen, das vom

Sonnenuntergang, das Abendlied an die Natur, das allbekannte Abendlied,

das Waldlied, das Herbstlied, das Gedächtnislied an Wilhelm Baumgartner,

Untergehende Liebe, Poetentod, die von keiner persönlichen Vorliebe oder

allgemeinen Geschmacksrichtung abhängig sind.

Man hat gegen die Gedichte eingewandt, daß sie aus der Prosa heraus,

nicht unmittelbar als Melodie und Rhythmus entstanden seien, wogegen

sich, wenn einmal jemand so empfindet, kaum etwas einwenden läßt, was

das Gegenteil bewiese. Wer den stolzen, feierlich jauchzenden Rhythmus

in dem Hymnus: »O mein Heimatland! o mein Vaterland!« nicht fühlt; nicht

den hochmütigen, verführerischen, traurigen: »Alle meine Weisheit hing

in meinen Haaren«; den lautlos schwebenden, durchsichtigen in dem

Wintergedicht: »Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt«; den

schmelzenden, in unendliche Tränen auflösenden in dem süßen

Erinnerungsgedicht: »Ich will spiegeln mich in jenen Tagen« -- dem

Kellers Gedichte durch umschreibende Gründe aufzudrängen, möchte ich

mich nicht unterfangen.

Die Härten der Sprache, an denen manche Anstoß nehmen, schützen vielmehr

vor der leidigen Virtuosität und Eleganz, die jeder Unfähigkeit ein

Ansehen gibt und worin jedes etwaige Eigenleben schwindet. Kellers

Sprache überhaupt, das eigentliche Mittel seiner Kunst, hat nicht nur

den unnachahmlichen Reiz der Eigenart, sondern ist auch schön und

musterhaft, insofern sie sich ihre Gesetze geschaffen hat, die für

jedermann gelten. Er beherrscht die unerklärliche Kunst, die unendlich

oft gebrauchten und abgetragenen Worte neu erscheinen zu lassen, dadurch

geeignet, eine noch unbekannte, nur sich selbst gleiche Welt aufzubauen.

Nie ist ein Wort oder eine Wendung gesucht, und doch erscheinen alle,

als wären sie noch nie dagewesen, frisch von Meisterhand geprägt. Es kam

ihm dabei wohl zugute, daß er als Dialekt redender Schweizer an einem

Urquell der deutschen Sprache saß; was den Ausschlag gibt, ist aber doch

seine Intelligenz und seine Persönlichkeit. Über den Zusammenhang

derselben mit seinem Stile kann man nichts Treffenderes sagen, als er

selbst gelegentlich getan hat: »Es liegt mein Stil in meinem

persönlichen Wesen: ich fürchte immer manieriert und anspruchsvoll zu

werden, wenn ich den Mund voll nehmen und passioniert werden wollte.« Er

war durch und durch ehrlich, unfähig, sich nur auf einen Augenblick

selbst zu belügen und sich in irgendeine Stimmung zu steigern, die

seinem Empfinden nicht gemäß war, wenn auch Lage und Neigung

augenblicklich dazu drängten. Ebenso wählte er in der Sprache stets nur

den wahrheitsgemäßen Ausdruck für das, was er darstellen wollte, und

hätte es nicht gelitten, wenn derselbe die Stärke seines Gefühls

übertroffen oder seinem Gegenstand nicht haarscharf entsprochen hätte.

Hier hat nun auch der Verstand seine Stelle, der das Wesen der Dinge mit

dem Wesen der Worte in Einklang zu setzen, den Wert eines Gefühles und

den eines Satzgefüges aneinander abzuwägen weiß. Der Wahrhaftigkeit in

Kellers Geiste vor allem verdanken wir es, daß seine Sprache nirgendwo

gespreizt oder kokett, immer einfach, sachlich, durchgefühlt und

durchgedacht und auf diesem Grunde schön ist. Ein Tropfen Lüge und

Eitelkeit im Menschen spiegelt sich notwendig in seinem Stile und kann

ihn zwar glänzend, absonderlich, interessant und sonst noch manches

machen, scheidet ihn aber aus dem Bereiche der Schönheit. Der »leise

Hang zur Manieriertheit, wo nicht Affektation des Stiles« ärgerte ihn

denn auch an C. F. Meyer. Auch Keller stilisierte die Natur, d. h. er

befreite sie vom Zufälligen und Unwesentlichen und gab ihr eine Form,

oder, wie man es auch nennen könnte, vergeistigte und verewigte sie,

ohne welchen Prozeß von Kunst überhaupt nicht die Rede sein kann; aber

sein Stil wurde niemals affektiert oder manieriert, was erst entsteht,

wenn die vorbildliche Natur dem Stile ganz aufgeopfert und dieser nun

durch Entziehung seiner Grundlage und seines Gehaltes aufgeblasen und

gespreizt oder schwächlich wird.

Stofflich knüpfte Keller gern an die Gegenwart und bekämpfte die

Auffassung vieler Menschen, die das Poetische als etwas der Wirklichkeit

Entgegengesetztes begreifen und, von der Wirklichkeit irgendwie

verletzt, sich in eine ihnen bequeme Phantasterei träumen, welche sie

Poesie nennen; was vielmehr nur auf Schwäche beruht, die vor dem

grausamen Glanze der Wirklichkeit nicht bestehen kann. Einmal antwortete

er Justinus Kerner, dem ihm in manchen Punkten verwandten, nur weit

schwächeren Schwaben, auf ein Gedicht, in dem derselbe sich über die

Gegenwart beklagt, die mit ihren Maschinen die Poesie in der Natur

vernichte, mit einem Lobe unserer Zeit, deren Erfindungen die Fabeln des

Mittelalters von dämonischer Geistesherrschaft wahr machten. Er endet

mit den prächtigen Strophen:

Und wenn vielleicht in hundert Jahren

Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein

Durchs Morgenrot käm hergefahren --

Wer möchte da nicht Fährmann sein?

Dann bög ich mich, ein sel'ger Zecher,

Wohl über Bord, von Kränzen schwer,

Und gösse langsam meinen Becher

Hinab in das verlaßne Meer.

Darin haben wir ein Beispiel für das Verhältnis von Phantasie und

Wirklichkeit in Kellers Dichtungen. Bei seiner Achtung vor der

Wirklichkeit und Abneigung gegen das Gemachte, begann er damit,

Selbsterlebtes darzustellen und betonte einmal mit Nachdruck, fast als

sei das Gegenteil eine Schande, daß er es immer so halten werde. Nach

dem Grünen Heinrich knüpften noch Pankraz der Schmoller und Frau Regel

Amrain unmittelbar an eigene Lebenserfahrung; seitdem tritt das

Selbsterlebte zurück, und er schöpfte seine Stoffe aus Zeitungsberichten,

aus der Geschichte oder anderen Überlieferungen. Bei Romeo und Julia auf

dem Dorfe betont er in einem Briefe, daß es auf einem wirklichen Vorgang

beruhe, »weil nur dadurch die Arbeit sich rechtfertige«; es ist das

nicht trügende Gefühl der Alten, die den Dichter als Lügner

verabscheuten, außer wenn er bescheiden im Gefolge des Lebens geht, das

sein Lehrmeister sein muß, wie die Menschen- und Tiergestalt der des

Bildhauers. Hauptsächlich das Gerüst der Tatsachen entnimmt Keller der

Wirklichkeit und umwindet es schmückend mit üppiger Phantasie; aber es

ist nach einem Ausdruck von Goethe exakte Phantasie, die im Sinne der

Wirklichkeit phantasiert, so daß wir, auch wo er am ausgelassensten

fabuliert, Fleisch und Blut riechen und die siegesgewissen Elemente der

Wirklichkeit spüren. Die Hexe, die den Schornstein heraufsteigt, ohne

die blanken Schultern schwarz zu machen, während Katze und Eule, still

und klug, hinunterlauschen und warten, und der tanzende König David mit

dem kleinen singenden Engel, der das Notenblatt zwischen den rosigen

Zehen hält, sind nicht minder wirklich als der unselige junge Mörder,

der das wehrlose Knäblein erschlägt, um es einer Mundharmonika zu

berauben. Das Sichhinwegsetzen über die Gesetze der Wirklichkeit und das

stille, zusammenhangsvolle Verfahren der Natur, um aus willkürlicher

Einbildungskraft heraus zu erfinden, nennt Keller Arbeitsscheu, mit

literarhistorischen Namen Spiritualismus und Romantik, letzteres mit

Recht in bezug auf die Praxis der Romantiker, die die Höhe ihrer

Theorien nie erreichten. Bei Kellers Werken ist uns zumute, als habe die

Natur selbst sie gemacht, so selbstverständlich erscheint uns alles; es

fällt uns so wenig ein sie zu kritisieren, wie uns das einem Baum oder

einer Blume gegenüber in den Sinn käme: es könnte höchstens sein, daß

man eines dem andern vorzöge oder etwa überhaupt keinen Sinn dafür

hätte. So sollen wir auch nicht fragen, ob er jeden Gipfel erreicht und

jeden Abgrund ausgemessen hat: den weiten Umkreis, den sein Auge

erfaßte, hat er uns rein in schönem Bilde gegeben, etwas Vollkommenes,

worin niemand ungetröstet und unbelehrt sich versenkt.

Ich habe wenig von den Werken des Dichters gesprochen, um wieder zu ihm

selbst zurückzukehren, ihrem Schöpfer; denn an diesem bleibt doch

zuletzt das durch seine Werke erregte Gefühl haften, das sich nicht

beruhigt, als bis es den innersten Lebenskern seines Gegenstandes

erreicht hat. Der Werke, die wir von den Dichtern kennen, werden im

Laufe der Zeit immer weniger: es gibt nur noch einige Verse von Sappho,

und die meisten Menschen haben nur ein paar Strophen oder Gesänge von

Tasso, Dante, Walter von der Vogelweide gelesen; aber ihre Namen

scheinen uns zu Häupten wie Sterne, ja es ist, als ob sie an Leuchtkraft

wüchsen, wenn sie die Strahlen, die von ihnen ausgingen, wieder

einsaugen und als göttliche Erscheinungen, ungeteilt und unteilbar, in

unerreichbarer Ferne stehen, wo wir sie staunend betrachten.

»Mehr oder weniger traurig«, schrieb Keller einmal einem Verehrer, »sind

am Ende alle, die über die Brotfrage hinaus noch etwas kennen und sind,

aber wer wollte am Ende ohne diese stille Grundtrauer leben, ohne die es

keine rechte Freude gibt?« Den andeutenden Fragen teilnehmender Freunde,

die meinten, er müsse sich, namentlich im höheren Alter, einsam und

unglücklich fühlen, pflegte er stets mit irgendeiner Wendung zu

entschlüpfen, teils weil ihm das »pfuscherhafte Glücklichseinwollen« und

noch mehr das Reden darüber zuwider war, teils aber gewiß, weil er den

Menschen nicht erklären wollte, aus welchem Quell der Seligkeit er in

der Einsamkeit schöpfte. Reich und schön mußte das Leben dem weisen

Zauberer sein, sowie er unbehelligt von den Leuten am Tische Gottes saß,

von seinen Genien Phantasie und Witz aus goldenen und kristallenen

Schalen bedient. Wie sehr er Menschen zu schätzen und zu lieben wußte,

habe ich schon gesagt; wenn er sich oft unwirsch abwandte, war das

weniger seine als die Schuld der menschlichen Art überhaupt, von denen

so wenige sich unbefangen und klug als das zu geben wissen, was sie

sind. Gegen das »unnütz Wesen« und »Sich-mausig-machen« war er nach

eigenem Geständnis »starr und untraitable«, worüber man sich, als über

ein Zeichen der Unbestechlichkeit seines Verstandes und Charakters,

ehrfürchtig freuen sollte. An Anerkennung hat es ihm nicht gefehlt; aber

auch hier muß man gestehen, daß er oft Ursache hatte, auch über die

wohlmeinendste Kritik zu brummen, da Lob und Tadel meistenteils beide

nicht am richtigen Ort saßen. Daß er bei der Schätzung eigener und

fremder Werke in erster Linie die Form im Auge hatte, nämlich nicht das

Äußere, sondern das Nicht-Stoffliche, wurde oft mißverstanden, und unter

seinen Beurteilern stellten sich die wenigsten auf diesen Standpunkt. Es

konnte Keller mit Recht bekümmern oder verbittern, wenn selbst

diejenigen, die ihn aufs höchste bewunderten und mit Einsicht rühmten,

unversehens die törichtsten Aussetzungen machten, wie z. B. Vischer die

Nasenzöpfe des Ritters Maus des Zahllosen in den Sieben Legenden als

ekelerregend tadelte, oder Storm ihm die köstlichsten Schnörkel und

Späße ausmerzen wollte, oder Emil Kuh schlechthin erklärte, seine

Gedichte nicht zu mögen, was ihm auch von Mommsen berichtet wurde.

Keller antwortete auf derartige Bemerkungen immer mit anständiger Ruhe,

in Kleinigkeiten meistens dem Tadler recht gebend, nur, wo es ihm darauf

ankam, seinen Standpunkt nachdrücklich verteidigend. Er besaß das starke

und gesunde Selbstbewußtsein, das mit Bescheidenheit verbunden ist;

nämlich mit gerechter Schätzung anderer, sowohl höherstehender wie

minderwertiger Intellekte, und der Klugheit, letztere nicht durch

Betonen der eigenen Überlegenheit reizen zu wollen. Wenn er laut

rühmende Verehrer ersuchte, den »starken Lobtabak nicht weiter zu

rauchen«, begründete er die Bitte jedesmal damit, daß das

uneingeschränkte Loben ihm nur Feinde und Neider machen würde. Eine

allgemeine Anerkennung erfuhr Keller erst spät, wie er denn überhaupt zu

den Dichtern gehört, die von allen gelobt, von wenigen gelesen und nur

von einzelnen nach ihrem Werte geschätzt werden. Die würdige Ehrung, die

ihm an seinem siebzigsten Geburtstage bereitet wurde, mag sich ihm

schwer wie ein Grabstein auf das Herz gelegt haben; er wußte, daß der

silberne Lorbeer nur einem Haupte gereicht wird, das sich nach

vollendetem Lebenswerk dem Tode zuneigt.

C. F. Meyer schrieb nach Kellers Tode, daß ihm an dem verstorbenen

Dichter nichts so ergreifend erschienen sei, wie sein Verhalten zu

seinem Volke, über dem er wie ein guter Geist gewaltet habe, zürnend,

warnend, lobend, zurechtweisend nach Bedarf. Die Verehrung, die alle,

die deutsche Sprache reden, zu ihrem Meister tragen, möge sie ermutigen,

sich mit unter diese treue Hut zu scharen, als ob es wie vor Zeiten nur

ein großes römisches Reich deutscher Nation gäbe. Wir Deutsche dürfen

wohl ein Anrecht auf ihn geltend machen, der seine Neigung und sein

Zugehörigkeitsgefühl zum deutschen Volke so beharrlich zeigte, wie er es

bei seiner über allen Argwohn sicheren, in Blut und Geist eingeborenen

Liebe zum Vaterlande zu tun sich getrauen durfte. Nicht nur seines Lobes

können wir uns freuen, sondern auch seines Tadels rühmen, der mehr als

alles seine treue, väterlich verpflichtete Gesinnung beweist. Er und

seine Werke haben die deutsche Art, die sich nur allzuoft mit einem

falschen Blechklange anpreist, in ihrer echten Schönheit verklärt; denn

deutsch, oder sagen wir germanisch, war er von Kopf zu Füßen, so daß ein

Fremder ihn höchstens achten, nur ein Deutscher -- von den

Deutsch-Schweizern versteht es sich von selbst -- ihn ganz wird

verstehen und lieben können. Seine Wahrhaftigkeit, die den Ton nicht um

eine Schwingung lauter werden läßt als sein Empfinden, seine

Gerechtigkeit und Objektivität, die jedes Ding rein ohne Bezug auf seine

Person in sich aufnehmen kann, seine kindliche Arglosigkeit, die alle

göttlichen und menschlichen Mysterien anrühren kann, ohne sie zu

erniedrigen oder sich zu beschmutzen, sind deutsche Idealeigenschaften,

auf die wir stolz sind. Deutsch ist seine Einfachheit und Ruhe, die das

Pathetische und Feierliche, ja die Geste überhaupt nicht kennt, die

Mischung gründlichen Ernstes mit naiver Tollheit, die Ausländer

kopfschüttelnd als etwas unbegreiflich Kindisches oder Närrisches

hingehen lassen, wenn nicht verachten, schließlich der auf Freiheit des

Geistes und höchste Liebe begründete Humor. Bei ihm ist die

überschwengliche und doch natürlich aus brauner Erde gewachsene

Phantasie zu Hause, der Hang, sich am schönfarbigen Weine zu berauschen,

die verehrende und zugleich väterlich gute Stellung zu den Frauen.

Deutsch vor allem ist die ernste, kräftige Auffassung des Lebens als

einer Aufgabe, für die man, sei es Gott, sei es der Menschheit gegenüber

verantwortlich ist, das Bedürfnis, sich mit seinem Gewissen

auseinanderzusetzen, sein Leben auf den Grund einer Weltanschauung zu

stellen. Wir kennen nicht die großartig geschäftsmäßige Kirchlichkeit

der Engländer, noch die gewohnheitsmäßig spielende der gläubigen oder

den melancholischen Atheismus der ungläubigen Südländer: wir haben oder

suchen Religion oder haben sie oft, ohne es zu wissen und zu wollen,

nämlich das Gefühl, einem Höheren verpflichtet zu sein und das Leben

danach einzurichten.

Ich denke nicht von ferne daran, zu behaupten, daß dies alles in den

Deutschen Wirklichkeit sei, nur daß es als Möglichkeit in ihrer

Veranlagung liege und durch das anfeuernde Muster bedeutender

Kunstwerke, in denen ein solches Ideal verkörpert ist, ausgewirkt werden

könne.

Du wanderst nicht mehr durch Deinen Garten über dem See und sammelst

Rosen, Meister Gottfried; aber Dein sind alle, die der Sommer bringt,

denn Dein guter Geist ist lebendig und nährt sich von allem, was schön

ist. Weile noch unter uns! Lange bleibe die Zeit noch fern, wo die

Menschen Deinen Namen einem einsamen Sternbild geben, das bald mit

lustigem Zwinkern, bald in seliger Schönheit über der streitenden Erde

steht. Sei uns noch Lehrer und Hüter! Wehre uns, wenn wir vom strengen

Wege der Wahrheit abschweifen, rüttle uns, wenn wir schwach und feige in

uns selber versinken, weise uns mit Deinen reinen Augen den goldnen

Überfluß der Welt. Lehre uns vor allen Dingen Eitelkeit, Lüge,

Selbstsucht und Kleinlichkeit hassen, doch auch das Geringste lieben,

sofern es unverfälschtes Leben hat, und das Göttliche kindlich und

männlich verehren; schließlich, bei Haß und Liebe die ewige Ordnung der

Beziehungen im Sinne tragen:

Die Liebe wird den Ruhm nicht mindern,

Wenn Kleine mit den Kleinern gehn:

Die Sonne selbst mit ihren Kindern

Muß sich um größ're Sterne drehn.

Gottfried Keller · 第 3 / 3 段