Mit der Zeit erschien Keller doch, um seinem Sichgehenlassen

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Gottfried Keller

von

Ricarda Huch

[Illustration]

Im Insel-Verlag zu Leipzig

Das von den großen Mächten Deutschland, Österreich, Frankreich und

Italien wie ein Edelstein eingefaßte Land Schweiz, zwischen unzugänglich

hohe und mittlere Gebirge gelagert, die die Quellen starker Ströme

bergen, wird von einem Volke bewohnt, das wie kein anderes mit dem

Boden, aus dem es gewachsen ist, zusammenhängt und Herr in dem Hause

ist, das es sich unter Kämpfen selbst gebaut hat. Von Fremden beneidet

oder gehaßt, ist es seiner teils natürlichen teils absichtlichen

Zurückhaltung wegen wenig von ihnen gekannt und hat sich bis jetzt,

obwohl beständig von Ausländern heimgesucht und selbst zum Zwecke des

Erwerbs und der Ausbildung viel im Auslande sich aufhaltend, in seiner

ausdrucksvollen Besonderheit erhalten.

Die Schweizer sind ein durchaus aristokratisches und konservatives Volk:

vor allen Dingen die eigentlichen Aristokraten, Nachkommen der

regierenden Geschlechter, aristokratischer als irgendwo, weil zugleich

mit dem Bewußtsein der Überlegenheit durchdrungen und beseelt von dem

Gefühl der Verpflichtung, den Tieferstehenden als Muster zu dienen; aber

ebensowohl die bürgerlichen Städter, deren Ahnen seit undenklicher Zeit

jeder an seinem Teil an den allgemeinen und persönlichen Geschäften

mitwirkten und eine wohlerworbene Stelle in der scharfen Freiheit des

Gemeinwesens ausfüllten, wie schließlich die Landbewohner, die es

überall sind, die allerdings in den städtischen Kantonen durch ihre

vergleichsweise rechtlose, untergeordnete Lage auf die demokratische

Linke gedrängt wurden.

Die Tugenden der Ausdauer, des Rechtsgefühls, der Sachlichkeit und der

Selbstbeherrschung, die ihnen allein das Kleinod der Freiheit bewahrten

in den Zeiten, wo es die Völker ringsumher sich entwenden oder

entreißen ließen, haben sich immer mehr befestigt, so daß der Ausländer

mit Staunen sehen kann, wie ein ganzes Volk trotz aller Abweichungen im

einzelnen, mit Vernunft und Besonnenheit handelt, den eigenen Vorteil,

wie es sich gehört, im Auge behält, ohne unbillig gegen andre zu sein,

mit sich selbst zufrieden, wie es die Art der Gesunden und Guten ist,

doch geneigt von andern zu lernen. Elend und Verbrechen trüben das

schöne Bild nicht so, wie es in anderen Ländern der Fall ist, weil die

Beherrschung der Leidenschaften, die freilich in dem harten Lande auch

nicht so hitzig sind wie anderswo, einen leidlichen allgemeinen

Wohlstand ermöglicht. So geschieht es, daß der Schweizer häufig von

Ausländern wegen seiner Ungeschliffenheit verlacht wird, während er doch

mehr Kultur hat als jene, insofern als er durch Jahrhunderte sich nach

einem bestimmten Ideale gebildet hat und nun im Besitze nicht

blendender, aber humaner und erhaltender Eigenschaften ist.

Was nun die Nüchternheit betrifft, die dem Schweizer oft vorgeworfen

wird, so ist diese allerdings vorhanden; aber man ist im Irrtum, wenn

man glaubt, deswegen könne die Schweiz keine Künstler hervorbringen. Die

Trockenheit des Schweizers ist die des kindlich oder bäuerlich

verschlossenen Menschen, in dessen Innern die Phantasie oft um so

kräftiger glüht, weil sie nicht beständig nach außen verschwendet wird.

Besonders aber sollte man endlich wissen, was die Romantiker unter

vielen Schmerzen an sich selbst erfuhren, daß künstlerisches Empfinden,

Reizbarkeit und die Sehnsucht nach dem Schönen keineswegs den

schaffenden Künstler machen, daß vielmehr, wie E. T. A. Hoffmann sagte,

dem künstlerischen Feuer eine gute Dosis Phlegma beigemischt sein

müsse, damit es nicht den Menschen verzehre, anstatt ihm in seiner

heiligen Werkstatt zu dienen. Indem das Phlegma gegen den Einfluß

fremder und eigener Reize festmacht, verleiht es dem, der es im rechten

Maße besitzt, eine gewisse Überlegenheit, die sich beim Schweizer

bescheidentlich als Humor äußert und ihn seine Eigenart unbefangen

genießen läßt.

Dem Satze vom Künstlerfeuer und Phlegma, dessen negative Seite die

Romantiker illustrieren, kann niemand so gut als positives Beispiel

dienen wie Gottfried Keller. Er war in seiner Natur durch und durch

Schweizer, wenn ihm auch die berüchtigte Schweizer Gewinnsucht und

Geldliebe völlig abging, die er selbst oft bitter an seinen Landsleuten

rügte. Seine Eltern stellten Gegensätze dar, wie sie bei den meisten

Dichtereltern umgekehrt verteilt sind, wo die Mutter gegenüber dem

strengen, charaktervollen Vater ein poetisch-religiöses Gefühlselement

zu vertreten pflegt; womit aber nicht gesagt sein soll, daß es Kellers

Vater an Ernst und Charakterstärke oder seiner Mutter an Empfindung

gefehlt hätte. Der Drechslermeister Hans Rudolf Keller aus Glattfelden,

1791 geboren und schon 1822 dreiunddreißigjährig gestorben, und

Elisabeth Scheuchzer, ebendaher, 1787-1864, also vier Jahre älter als

ihr Mann und ihn um zweiundvierzig Jahre überlebend, waren beide

tüchtige und rechtliche Menschen, er schwungvoll, das Neue, Poetische,

über den Alltag Hinausgehende suchend, sie fleißig, ausdauernd,

pflichtbewußt, nach außen trocken, mit einem sehr guten, gesunden

Verstande und einer Neigung zu gutmütiger Ironie begabt. Für die

liebenswürdige Erscheinung des frühverstorbenen Vaters bewahrte Keller

lebenslang wehmütige Verehrung und vergaß das Erinnerungsbild nie, wie

der schlanke junge Mann im grünen Anzug ihn, ein kleines Bübchen, unter

schönen Reden über erhabene Dinge durch ein blühendes Kartoffelfeld

trug. Mit der Mutter war er zusammengewachsen, und indem er sich als ein

Stück von ihr fühlte, kam es ihm selbstverständlich vor, daß sie alle

seine Leiden mit Leib und Seele mitleiden müsse, gerade so wie er sich

im alten Grünen Heinrich ihr nachsterben läßt, als ob es nicht anders

sein könne. Was uns oft wie unbegreifliche Grausamkeit erscheinen will,

sein langes Fernbleiben und mehr noch sein langes, einmal jahrelanges

Schweigen war in der Tat nur die allerinnigste Liebe, wie sie die beiden

strengen Herzen fühlten. Die stille Heldenhaftigkeit der kleinen alten

Frau, deren überschwengliche Liebe in den starren Kreis des unbeugsamen

Pflichtbewußtseins gebannt erscheint, gibt seiner Kindheit und Jugend

einen altertümlichen Hintergrund, wozu der alte Zürcher Stadtteil, in

dem er aufwuchs, das enge Haus mit dem Fernblick auf die weißen Berge,

die er vom Gewölk nicht unterschied, wohl stimmte.

Der kleine Gottfried war ein Bursche, wie es wohl manch einen in Zürich

gibt: schweigsam und trotzig bei innerlicher Regsamkeit und

Zärtlichkeit, lernbegierig trotz träumerischer Faulheit, zugleich

ehrlich und listig, trocken und phantastisch, fest in seiner krausen

Eigenart steckend. Über dieser drolligen Mischung herrschte ein

mächtiger Intellekt, der sich langsam der Erscheinungen bemächtigte, die

ihn umgaben, um schließlich die Welt zu umfassen. Gab es einen Riß in

Gottfried Kellers Wesen, so bestand er in diesem Übermaß des

Intellektes, dem ein gleich starker, auf das tätige Leben gerichteter

Wille nicht entsprach, was sich in seinem Äußeren ausprägte durch das

große Haupt mit der herrlichen Stirn und den schönen Augen auf dem

kleinen kurzbeinigen Körper. Eine prächtige Blume und schwere Frucht an

hohem, starkem Stamme würde uns als eine vollendete Naturerscheinung

entzückt haben; nun, kurz und knorrig gestielt ist die Pflanze wohl

etwas sonderlich ausgefallen, was aber eben Kellers Persönlichkeit

ausmacht, die solche, die ihn lieben und verehren, sich nicht anders

wünschen möchten.

Seine Jugendgeschichte hat Keller im Grünen Heinrich treu erzählt, nur

daß die Gestalt der Judith seiner eigenen Angabe nach erdichtet ist; sie

nimmt sich fast aus wie seine Muse, obwohl er gewiß nicht daran gedacht

hat, ein Symbol zu schaffen. Da schildert er die Ratlosigkeit des armen

Jungen, der niemand hatte, um die Triebe seiner reichen Begabung zu

pflegen und zu leiten, und die reine Glückseligkeit, die das Bewußtsein

guten Eltern anzugehören, eine heilsame Ordnung, das Umgebensein von

einer heiteren, schönen Natur und dazu eine stets wirksame Phantasie und

betrachtende Vernunft verleihen. Nichts trübte das seiner Entfaltung

frohe Dasein als die eintönige Enge der Armut und die Sorge, wie der

Kampf ums Dasein auszufechten sein würde; denn die schwellende Frucht

des Intellekts zog alle Lebenssäfte an sich und machte den Begabten

ohnmächtig gegenüber Anforderungen, die weniger Ausgezeichnete ohne

weiteres erledigen. Daß er darauf verfiel, Maler werden zu wollen, war

ein Ausweg, den sein Genius ihm schuf: die Richtung zur Kunst war damit

eingeschlagen, der Umgang mit der Natur ihm gesichert, und auf seine

Seele konnte nicht von einem praktischen Berufe Beschlag gelegt werden.

Es kann wohl nicht bezweifelt werden, daß Keller ein leidlich guter

Maler hätte werden können, mit Fug aber, daß er etwas wahrhaft

Originelles und zugleich Meisterhaftes geschaffen hätte. Ihm fehlte

nicht nur die angeborne Lust zu der handwerklichen Betätigung, die mit

der Malerei verbunden ist, sondern auch das Erfassen des malerisch

Wesentlichen und das farbige und figürliche Verdichten der Natur, welche

Gabe ihm in bezug auf das Dichterische ganz besonders eigen war.

Überhaupt mußte ihn die dichterische Veranlagung überall stören; denn in

ihrem Sinne war es damals sein Beruf, sich mit Bildern des Lebens und

Anschauungen des Geistes vollzusaugen, was er denn auch tat und weswegen

er mehr und mehr dazu kam, das Malen als eine Ablenkung vom Wichtigsten

und Liebsten zu empfinden. Allerdings stellte sich ihm und andern das,

was er tat, als Bummeln und zielloses Zeitverschleudern dar, ein

Zustand, der bei der Armut und Verschuldung, in die er geriet, sein

Gemüt schwer bedrückte. Auch erschien aus seiner Wanderung nach Hause

kein vorurteilsloser, menschlich fühlender Graf, wie im Grünen Heinrich,

der ihm die leeren Taschen mit Gold gefüllt hätte, sondern arm und

aussichtslos kehrte er im Herbst 1842 nach zweiundeinhalbjähriger

Abwesenheit heim; dafür aber fand er die Mutter auf ihrem alten

Sorgenstühlchen ohne Lehnen »aufrecht wie ein Tännlein« wieder, und er

konnte das wunderliche Irren und Graben nach dem Geheimnis des eigenen

Ich fortsetzen.

Zunächst wurde unter dem Dache der Mutter noch ein Atelier eingerichtet,

weniger um zu malen, als im Schatten der Staffelei zu lesen; vor allen

Dingen aber wurde weiter gebummelt, bis auf einmal aus dem stillen,

chaotischen Wühlen seines Inneren lautlos die schimmernden Träume

aufstiegen und eine ungeduldige Schar glutheller Lieder. Keller hatte

wie unzählige andere Knaben in der Kindheit Schauerdramen erfunden, in

München witzige Bierzeitungen verfaßt und auch sonst wohl manches

niedergeschrieben, nie aber mit dem Gedanken ein Dichter zu sein oder zu

werden; ungerufen trat die schaffende Phantasie über die Schwelle und

sagte: ich bin da. Vom Anfang an zeigte die Muse Kellers ihr

Doppelwesen: die Lieder entstanden aus patriotisch-politischer Erregung,

während die Träume, wirklich geträumte, doch von Meisterhand weich und

bestimmt umrissen, ein absichtsloses Spiel selbstgenügsamer Schönheit

sind. Der Traum von den zwei Mädchen, die ihn im Mondschein in ein hohes

Haus führen, freundlich bewirten und ihn liebkosen, atmet bereits den

unnachahmlich starken, süßen, doch erfrischenden Duft seiner besten

Prosadichtungen aus; und das Ende des Vorfrühlingstraumes mit der

Gestalt der mächtigen silbergrauen Weide, die, ein Bild tiefster

Zerknirschung, wie rasend mit den Ästen um sich schlägt und in

herzzerreißenden Tönen braust und singt, trägt klar den Stempel des

vollendeten Dichters. -- Das ist allerdings erst im Jahre 1848

geschrieben.

Die Revolutionsluft des Völkerfrühlings der vierziger Jahre, in Zürich

doppelt spürbar, weil die Flüchtlinge aus anderen Ländern, namentlich

aus Deutschland, ihre eigenen Angelegenheiten als einen großen,

allgemeinen Hintergrund zu den einheimischen hinzutrugen, erzeugte die

ersten Gedichte, von denen Keller eine beträchtliche Anzahl in die

spätere Sammlung seiner Gedichte nicht mit aufnahm. »Dennoch«, sagte er

gelegentlich, »beklage ich heute noch nicht, daß der Ruf der lebendigen

Zeit es war, der mich weckte und meine Lebensrichtung entschied«; und in

der Tat ist es wesentlich, daß Keller mit ganzem Herzen Bürger in einem

irdischen Staate wie im Reiche der Schönheit, daß der »spielende

Träumer« auch ein politisches Geschöpf war. Neben Gedichten, deren Wert

mehr im Gegenstand und ehrlichen Feuer als in der poetischen Form lag,

waren unter den ersten auch allerschönste, so der 1844 entstandene

Schweizerhymnus »O mein Heimatland« und das 1845 entstandene »Bei einer

Kindesleiche«, die, außer daß sie durch Inbrunst, Fülle und Tiefe

hinreißen müssen, auch einen ganz eigenen, einzigen Ton haben. Der

Humorist zeigt sich in dem Scherzgedicht an Caroline Schulz, die

verehrte Frau des Freundes Wilhelm Schulz, eines seit 1836 in Zürich

ansässigen hessischen Flüchtlings, »als sie in den Jahrbüchern der

Gegenwart eine etwas übertrieben lobende Rezension über meine ersten

Gedichte ergoß«:

Wenn aus dunkeln Tannenbüschen

Kritisch lungerndes Gesindel,

Schäbig feige Wegelagrer,

Die in ihres Bettelsackes

Bodenlosen schwarzen Gründen

Nichts als schlechte Kupfermünze,

Krumen, dürre Käserinde

Und dergleichen mit sich führen,

Auf den wandernden Poeten,

Der da harmlos geht und singt,

Ihre schlechten Witze senden,

Ihres Neides stumpfe Pfeile:

O, dann nimmt er von der Straße

Nur den ersten besten Stein,

Werfend ihn nach dem Gesträuche;

Und das feige Pack verkriecht sich,

Schneuzt und reibt die wunde Nase,

Froh, daß man es nicht erkannt.

Aber wenn der gute Dichter

Nächtlich durch die Straßen wandelt

Träumerisch im Mondenlicht,

Und von blumigem Balkone

Hinter Ros- und Myrtenstöcken

Oder gar aus kleinem Fenster

Mit romant'schen Efeuranken

Lauschende verborgne Frauen

Überschwenglich ihres Lobes

Eine ganze Sündflut gießen

Auf den Dichterling herab:

Rosenöl und kölnisch Wasser,

Mandelmilch und Limonade

Und dergleichen süßes Zeug --

Ach, dann bleibt ihm gar nichts übrig,

Als den nassen Kopf zu schütteln,

Dumm verblüfft empor zu schauen,

Rufend: »O, ich bitte sehr!«

(18. Juli 1845.)

Mit Lesen, Dichten, Nichtstun, Politik, Freundschaft und einer

unglücklichen Liebe zu Louise Rieter, der Winterthurerin, hatte Keller

sechs Jahre, von 1842-1848, in Zürich verbracht, ohne auch nur die

Aussicht auf irgendeine bürgerliche Lebensstellung, oder irgendeiner ihm

gemäßen, einigermaßen geregelten und ertragsfähigen Tätigkeit auf einen

Schritt näher gekommen zu sein, als ihm auf das Drängen mehrerer, ihm

wohlgesinnter Professoren die Regierung und der Erziehungsrat des

Kantons Zürich ein Stipendium von 800 Franken zum Zweck weiterer

wissenschaftlicher Ausbildung im Auslande anboten, was er ohne Besinnen

annahm. Er wählte als Reiseziel nicht den Orient, wie ihm von einer

Seite vorgeschlagen wurde, sondern Deutschland, »wo Tüchtigkeit, Kraft

und Licht ist«; denn es war ihm nicht um Eindrücke und Stimmungen zu

tun, sondern, da das Bewußtsein ungenügender Bildung ihn fortwährend

drückte, um den Erwerb gründlicher Kenntnisse, Erziehung im Verkehr mit

der menschlichen Gesellschaft und allmähliches Erweitern seines

natürlichen Gesichtskreises. Zuerst ging er nach Heidelberg, wo er wohl

nach Romantiker Weise schwärmte, aber auch tüchtig lernte und liebte. Er

hörte bei Henle Anthropologie, bei Hettner Philosophie und

Literaturgeschichte, bei Häusser Geschichte und die Vorlesungen von

Ludwig Feuerbach über das Wesen der Religion. Wie mächtig der Zuwachs an

Wissen ihn bewegte, erfährt man am besten aus dem Grünen Heinrich, da

Keller dort die Episode des Heidelberger Studiums in die Münchner Zeit

verlegt hat. Für ihn war der Erwerb von Kenntnissen ebensosehr Bedürfnis

und Genuß, wie für den gesunden Menschen die Nahrungsaufnahme ist; sein

religiös-philosophischer Trieb nötigte ihn, innerlich beständig an einem

Weltbilde zu arbeiten, und was er über das Wesen der Erscheinungen

erfuhr, reihte er sogleich seinem allgemeinen Vorstellungskreise ein

oder veränderte ihn demgemäß, damit die Grundlage seines Daseinsgefühls

befestigend.

Eine neue Liebe ging Keller auf zu der Tochter des Philosophen Kapp,

Johanna, einem stattlichen, edelgearteten, begabten Mädchen, die selbst

eine verhängnisvolle Leidenschaft zu verbergen hatte. Auf die mit ihr

zwischen den Heidelberger Hügeln verlebten Tage bezieht sich das

Gedicht:

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,

Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen

Und mit dir den Strom ich überschritt.

Und mich dünkte, deine stolzen Bogen

Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen,

Und sie fühlten meine Freude mit!

Johanna verließ Heidelberg noch vor Keller, um in München die Malerei zu

studieren; sie verfiel später in unheilbaren Irrsinn und starb im Jahre

1882.

Nietzsche hat die Bemerkung gemacht, daß ein jeder Charakter sein

typisches Schicksal habe: Keller verliebte sich mehrere Male in große,

schöne, willenskräftige, begabte Mädchen, die seine Gefühle mit

herzlicher Freundschaft, aber nicht mit Gegenliebe erwiderten; zweimal

verwendete er Jahre auf das Studium eines Berufes, der nicht der rechte

war, während er das, wozu er wie wenig andere berufen war, verkannte

oder doch hintansetzte -- so wollte er in München Maler, in Berlin,

wohin er im Frühling 1850 ging, dramatischer Dichter werden. Er wählte

demgemäß seine Lektüre und zum Teil seinen Umgang und bildete sich durch

häufiges Lesen und Anschauen von Dramen eine gute Theorie, im Anschluß

an welche er eine Anzahl von Entwürfen, die er sich ausdachte, mit der

Zeit auszuführen beabsichtigte. Unter denen, die vorhanden sind,

leuchten manche als wirkungsvolle Theaterstoffe ein, so ein etwas

possenhafter Lustspielplan, in dem zwei politische Heißsporne

entgegengesetzter Richtung sich gegenseitig zum Tode verurteilen, wobei

sie aber nur das Werkzeug von ein paar geschickten Spaßvögeln sind, bald

von Gewissensqualen verzehrt werden, um sich am Schlusse leibhaftig zu

begegnen; was man sich als ein drastisches Werk saftigen Kellerschen

Humors ausgezeichnet vorstellen kann. Indessen, wenn man auch glauben

darf, daß ein geistvoller Dichter wie Keller auch etwas Dramatisches

ordentlich zustande gebracht hätte, so ist es doch sicher, daß seine

starke epische und lyrische Begabung selbst ihn als Dramatiker behindert

hätten. Dem ruhevollen Schilderer menschlicher Zustände und schöner

Dinge wäre es schwer gefallen, auf der Bühne vorwärtszustürmen, das

tiefste, weiseste ungesagt und den wonnigen Kleinkram des Lebens

beiseite lassend, und hätte er es der Theaterwirkung zuliebe getan,

müßten wir es schließlich nur bedauern. In des Dichters eigener

Denkweise dürfen wir wohl glauben, daß, wenn er ein großer

Theaterdichter hätte sein können, es ihm auch beschieden gewesen wäre,

seine Pläne zu vollenden. Daß übrigens Keller so lange und so fest

darauf beharrte, zum Dramatiker berufen zu sein, liegt vielleicht an der

Lebendigkeit, mit der er seine Dichtungen schaute, so daß seine

Gestalten wie auf einer Bühne vor seinen inneren Augen auf- und

abtraten, ihren Satz sagten und ihre Mienen und Gebärden dazu machten

und sich so zuerst gewissermaßen dramatisch abspielte, was er seinem

Genius gemäß erzählen mußte.

Inzwischen arbeitete er gequält und verdrossen am Grünen Heinrich, teils

des Gelderwerbs wegen, teils um eine vergangene Lebensperiode, die er

überlebt hatte, wie eine sich lösende Haut endgültig abzustreifen. Der

Plan zum Grünen Heinrich hatte sich ihm zuerst im Jahre 1846 dargestellt

als eine elegische Geschichte, die seine Hoffnungen und Irrungen im

Hinblick auf seinen vermeintlichen Malerberuf schildern und mit dem Tode

des Gescheiterten enden sollte, der das teure Leben der Mutter einem für

seine Schwachheit zu hoch gestellten Ideale geopfert hat. Der Umstand,

daß die Idee des Buches Biographie war, aber mit dem Untergang und Tode

des Helden schließen sollte, der in Wahrheit lebte und im Grunde von

jeher wußte, daß er trotz alledem sich aufwärts bewegte, die

Grundstimmung des Buches also eine dem vorbildlichen Leben verschiedene

zu sein hatte, bedingte einen Zwiespalt, der dem Verfasser die Arbeit

unerträglich erschwerte, um so mehr als er damals die überlegene

Beherrschung des Stoffes, die ihn später auszeichnete, noch nicht besaß.

Wäre er dabei geblieben, mit dem Münchner Aufenthalte abzuschließen,

hätte er es verhältnismäßig leicht gehabt; allein der Trieb, sich alles

Erlebte bildlich zu machen, veranlaßte ihn, den Inhalt des Heidelberger

und Berliner Aufenthaltes, also das Gegenwärtige, mit in den Roman

aufzunehmen, wodurch, da die fast erreichte Reise der letzten Periode

mit der Absicht des ursprünglichen Planes nicht zusammenpaßte und

überhaupt die Ferne zu einem Überblick nicht da war, das Mißverhältnis

noch vergrößert wurde.

Der Braunschweiger Verleger Vieweg, ein feiner, verständnisvoller Mann,

führte einen tragikomischen Kampf mit dem trotzigen Autor um sein

Erstlingswerk, das er ihm Stück für Stück entreißen mußte, und ging in

seiner Gutwilligkeit so weit, ihn zu sich nach Braunschweig einzuladen,

damit er sein Buch dort ungestört vollenden könne. Keller wußte ihm

keinen Dank, brummte vielmehr über den Zwang, der ihm angetan wurde, und

schob darauf die Schuld an der ungleichen Ausführung der letzten Teile

und des Schlusses, den er »buchstäblich unter Tränen schmierte«.

Das hohe Honorar, das Keller für den Grünen Heinrich erhielt, und eine

nochmalige Unterstützung von seiten seiner Regierung konnte doch, wie es

sich von selbst versteht, die Kosten des fünfjährigen Berliner

Aufenthalts nicht bestreiten, und Keller mußte wie in München sparen,

darben, Schulden machen. Die bitterlichen Leiden und Demütigungen der

Armut hat er Tropfen für Tropfen gekostet, nicht nur in der ersten

Jugend, wo eine gewisse äußere Beschränkung die innere Genußkraft etwa

noch steigern kann, sondern in den dreißiger Jahren, wo der bewußte

Wille der natürlichen Elastizität mühsam nachhelfen muß, und wo

dürftiges Leben und Erscheinen an einem, der im Kreise der Gebildeten

und Wohlhabenden verkehrt, Aufsehen, wo nicht Anstoß erregt. An einem

traurigen Tage hatte er nichts mehr als ein Zehnpfennigstück, mit dem er

sich ein Brot kaufen wollte; als er aber im Bäckerladen war und bezahlen

wollte, wies die Verkäuferin seinen Groschen zurück, weil er ungültig

sei, worauf er den Tag ohne etwas zu essen verbrachte und am folgenden

sich entschloß, zu borgen. Unter dem Drucke des Bewußtseins, arm und

verschuldet zu sein, verkroch er sich so gut es anging und lebte ein

einsames und schweigsames Sonderlingsleben, das ihn selbst doch nicht

befriedigte; damals machte er wohl die Erfahrung, die er dem Grafen im

Grünen Heinrich in den Mund legte: man müsse durchaus danach streben,

Geld zu haben, nur dann brauche man nicht daran zu denken, und sei

wirklich frei. »Wenn es nicht geht, so kann man allerdings auch sonst

ein rechter Mann sein; aber man muß alsdann einen absonderlichen und

beschränkten Charakter annehmen, was der wahren Freiheit auch

widerspricht.« Das ist eine Bemerkung, die den unerbittlich wahren,

stets mit der Wirklichkeit als mit einer unanfechtbaren Größe

rechnenden, hoch über sich und seinen persönlichen Leiden stehenden

Geist schlagend offenbart.

Mit der Zeit erschien Keller doch, um seinem Sichgehenlassen und

schweigendem Erstarren entgegenzuarbeiten, in der Gesellschaft,

besonders in dem Kreise, den Varnhagen und seine Nichte Ludmilla Assing

um sich versammelten, und in dem des Verlegers Franz Duncker und seiner

Frau Lina; aber, wie man sich denken kann, sagte das geistreich

ästhetisierende Berliner Wesen seinem auf das einfach Schöne und Wahre

und auf ungebundene Daseinslust gerichteten Sinne nicht zu. Er

seinerseits, der in größerer Gesellschaft meistens schwieg, tat es

jedenfalls in ausdrucksvoller Weise und machte trotzdem überall einen

bedeutenden Eindruck; wie ja das Gewicht einer Persönlichkeit, sie

braucht bloß zu erscheinen, gespürt wird. Im Dunckerschen Hause lernte

Keller ein schönes, großes Mädchen kennen, die ihn anfänglich in Berlin

festhielt und schließlich daraus vertrieb; denn er wurde noch einmal von

einer »ungefügen Leidenschaft« befallen, die, wie es scheint, durch ein

mehr oder weniger unschuldiges Kokettieren von seiten der Geliebten

unerträglich gesteigert wurde. Der Dichter hat ihr nicht nur im Grünen

Heinrich als Dortchen Schönfund ein Denkbild gesetzt, sondern auch in

der Novelle von Pankraz dem Schmoller als Lydia, so daß wir sie vom

Standpunkt des Liebenden aus in ihrem Liebreiz, und von dem des

Grollenden mit ihren gefährlichen Verführungskünsten kennen lernen. In

dieser Zeit entstand das durch seinen süßen Ton ausgezeichnete Gedicht:

Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,

Weil es schon so viel geliebet.

Einer Geige gleicht es, die geübet

Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.

Aus den grausamen Fängen dieser Leidenschaft rettete er sich endlich an

das unwandelbare Herz der Mutter, und die oft erträumte Heimkehr wurde

endlich im Dezember 1855 nach siebenjähriger Abwesenheit ausgeführt.

Nichts weniger als reich und nur in einem kleinen Kreise von Kennern

berühmt, aber als ein bewußt lebender und schaffender Mann kehrte der

suchende Träumer zurück; den Schatz, auf den es ankommt, hatte er also

doch gehoben. Welche Rolle bei Keller das bewußte Geistesleben spielte,

verdient nachdrücklich betont zu werden in einer Zeit, wo viele glauben,

das Höchste in der Kunst vermöge nicht des Menschen bewußter Geist,

sondern es gehe aus einer ihm selbst nicht ganz durchdringlichen

Dämmerung seines Innern hervor, und durch Bildung, also Aufhellen des

Bewußtseins, laufe man Gefahr, die im Dunkel hausende Genialität zu

verscheuchen. Keller hatte von früh auf den Trieb, sich über sich und

die Welt klar zu werden, der mit der Zeit zur festen Einsicht wurde, daß

erst im Lichte des Bewußtseins das Schwankende sich gestaltet, das

Zufällige notwendig wird. Von dem alten Schlachtendichter Scherenberg,

mit dem er in Berlin verkehrte, sagt er, er sei »ein Genie, aber ein

alter, unwissender Hanswurst, der den Mangel an Selbstbeaufsichtigungs-

und Bildungsfähigkeit durch allerhand Charlatanerie zu verdecken sucht.«

Nicht minder hart urteilt er über die »Gedankenlosigkeit und Faulheit«

seiner Jugend und die Erzeugnisse der »unwissenden Lümmelzeit«. Der

Grüne Heinrich in seiner ersten Form und die erste von den Seldwyler

Novellen, Pankraz der Schmoller, sind noch mehr Schöpfungen eines

genialen Dranges als eines göttlichen Geistes, der, wenn er es Licht

werden läßt, schon jedes Teilchen der Welt kennt, die darin spielen

soll. Merkt man diesen Werken auch an, daß sie von einem denkenden

Dichter sind, so ist doch nicht zu verkennen, daß er seinen Stoff nicht

durchaus in der Hand hat, sondern zuweilen von ihm geführt wird, wohin

er nicht eigentlich wollte. Was er danach schrieb, ist von einem, der

sich für jedes Wort und die Stelle, an der es steht, verantwortlich weiß

und darüber Rechenschaft ablegen kann. Der klarste Verstand hantiert mit

den Ausgeburten der unbändigsten Phantasie, und die bacchantischen

Gebilde, die aus den Schluchten des Unbewußten auftauchen, nimmt ein

feingeschliffenes Spiegelglas mit reinem Umriß auf.

Es ist der Mangel an Verstand und der Mangel an Gefühlskälte und

Gefühlsferne, der die meisten Dichter von dem Preise, nach dem sie

ringen, ausschließt. Kellers ungemeiner Verstand bewahrte ihn vor

Geschmacklosigkeiten und Banalitäten, deren Nachbarschaft jede noch so

blühende poetische Schönheit vollständig entwertet, doch macht er sich

niemals positiv bemerkbar; der Dichter erscheint in seinen Werken nur

schaffend, gestaltend, bejahend, niemand denkt an den schneidigen

Mitarbeiter, der mit ruhiger Selbstverständlichkeit, daher unauffällig,

im Hintergrunde steht. Er hatte die Nüchternheit, die Hölderlin heilig

nennt, im Augenblick, wo er die andern berauschte. Überwältigte ihn auch

wohl einmal beim Schreiben das Gefühl bis zu Tränen, so dachte er doch

im ganzen, wenn er arbeitete, nur an die Gestaltung des Stoffes nach

einem bestimmten Kunstideal: »Denn ich bin ein Auktor,« schrieb er

einmal, »bei dem es sich außer dem Honorar auch noch um eine

gesetzmäßige, ordentliche Entwicklung handelt, wo das letzte Opus immer

das beste und ein Fortschritt erkenntlich sein soll.« Die Stürme, Tränen

und Ängste waren abgetan zur Zeit der künstlerischen Verarbeitung, und

das Gefühlsmäßige in seinen Stoffen konnte die harte Hand des

Schaffenden nicht mehr erweichen. Diese Kälte des Menschen, die die

wahre Glut des Künstlers ist, erschwert vielen Lesern den Genuß seiner

Werke, da weitaus die meisten Menschen, nicht nur die Frauen, nur durch

das Gefühl, ja nur durch Sentimentalität berührbar sind. Selbst ein

feiner Dichter und Künstler wie Storm konnte Keller in seine dünne

Höhenluft, bis zu der scheinbaren Grausamkeit, die das angenehme

Verweilen auf jedem wonnigen Plätzchen verschmäht, nicht immer ganz

folgen.

Es soll nun selbstverständlich nicht gesagt sein, Verstand und Absicht

für sich allein wären imstande, ein Kunstwerk hervorzubringen, und am

allerwenigsten, das wäre Kellers Fall gewesen; aber wie es aus dem

Unbewußten vom Bewußtsein erzeugt werden soll, das läßt sich an seinem

Muster studieren. Er trägt sein Geschöpf wie eine Mutter ihr Kind ohne

Ungeduld, ohne sein Traumweben zu stören, speist es mit allen Zuflüssen,

die sein Geist mit oder ohne Willen aufnimmt, ja manchmal verpaßt er

sogar die Stunde, wo es lebendig ans Licht hätte kommen können. Es

wurzelt mit ihm in dunkler Erde und treibt mit ihm die Krone ins grüne

Licht. Nichts war Keller mehr zuwider als das ohnmächtige Betasten und

Zerfasern des Gegenstandes, das »Grübeln über die Mache«, das er an

Grillparzer und Otto Ludwig tadelt, da doch das einzig richtige sei,

unbefangen etwas zu machen; wobei er als selbstverständlich voraussetzt,

daß das Wissen, wie etwas zu machen sei, vom Künstler bereits erworben

und ihm Natur geworden sei. Ähnlich wie wir beim tierischen Körper nicht

die im Innern des Organismus verlaufenden Funktionen, nur seine fertige

Gestaltung wahrnehmen, so will der Künstler, daß wir nur den hellen

Gedanken und das sprechende Bild, nicht den trüben Weg, der vom Gefühl

dahin führte, sehen; Keller wenigstens empfand das Entblößen von etwas

Innerem, das zudringliche Aufwühlen von dem, was die Natur zu verhüllen

pflegt, ja schon das Spintisieren und weitgehende Zerlegen der

Erscheinungen durch den Verstand als eine Verletzung der Unschuld und

Bescheidenheit, weswegen er eine impulsive Abneigung gegen die

Briefwechsel der Rahel Varnhagen nicht unterdrücken konnte.

Beim Anblick eines Schwanes, der, auf einem Waldsee ziehend, bald den

Hals in die Flut taucht, bald ihn wieder hebt und lauscht, mußte Keller

an seine eigene Seele denken, die, verwundert über das Leben,

umherschaut, und er ruft ihr zu:

Atme nun in vollen Zügen

Dieses friedliche Genügen

Einsam auf der stillen Flur.

Und hast du dich klar empfunden,

Mögen enden deine Stunden,

Wie zerfließt die Schwanenspur.

Er hielt es geradezu für ein Ziel des Daseins, über sich und seine

Stellung in der Welt zur Klarheit zu gelangen; aber nicht über sich als

eine unbegrenzte Möglichkeit, sondern als Realität, die lebend und

handelnd erscheint, wozu vor allen Dingen Ehrlichkeit erforderlich ist.

Man muß, wenn man Keller als bewußten Menschen betrachtet, um ein

richtiges Bild zu gewinnen, stets im Auge behalten, daß er ebensosehr

Instinktmensch war, mit starken Zuneigungen und Abneigungen, die leicht

gegen ungermanische Rasse und Art entstanden, und sich nicht selten in

bedrohlicher Weise äußerten, indem er etwa auf den Tisch schlug, daß die

Gläser zersprangen, oder Prügel an Unliebsame austeilte. In solchen

Wutausbrüchen durchbrach zuweilen das unterirdische Feuer sein

natürliches Phlegma. Es läßt sich aber wohl denken, daß er für sein

ungeheuer weites und helles Bewußtsein mehr Gegengewicht brauchte, als

seine Natur und seine Lebensumstände ihm boten, und daß er übermäßiger

Liebhaber des Weingenusses wurde, weil er das im Rausche fand. Im Grünen

Heinrich erzählt Keller, wie er beim Tellfest auf dem Lande angefangen

habe zu tanzen und zu lärmen, ohne zufrieden zu sein; denn die Lust sei

ihm im einzelnen viel zu nüchtern und langsam gewesen. Da gerät er zu

einer Gesellschaft weintrinkender Burschen, und hier findet seine

Sehnsucht endlich ein Ziel: »Ich trank von dem kühlen Wein, dessen

schöne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing leidenschaftlich an

zu singen.« Man sieht, daß erst nach Lähmung des großen kritischen

Apparates, den er im Kopfe hatte, die Wirklichkeit seinen

Phantasievorstellungen ähnlich wurde, und daß er sich im Grunde nur nach

dieser innerlichen Entfesselung sehnte. Noch allgemeiner und tiefer ist

es überhaupt das Bedürfnis der von ihrer durchdringenden Bewußtheit und

ihrer Einzelheit ermüdeten Seele, sich von einer großen Lethewelle

überschwemmen zu lassen, ähnlich wie man sich im Schlaf vom Wachen

erholt. Nach strenger Anspannung tritt eine beglückende Lösung ein. Es

ist scherzhaft zu beachten, was für einen Ehrenplatz der »goldfarbene

Löwe« in Kellers Werken einnimmt; häufiger noch als bei E. T. A.

Hoffmann die gemütlichen Punschbereitungen sind bei Keller die

Gelegenheiten, wo schönfarbiger Wein gereicht wird, und nicht genug, daß

sich die Wackern am Guten erfreuen, kennzeichnen die Schlechten ihre

Verachtungswürdigkeit dadurch, daß sie sauren und wohlfeilen trinken,

wie der Seldwyler Viggi Störteler mit seinen Genossen, die noch dazu den

»Schwefelwein« nicht vertragen können und große Abschwächung und

Übelkeit davontragen. Übrigens lobte Keller seinen Hang zum Weintrinken

im Ernste selbst nicht und gab sich ihm auch nicht in so maßloser Weise

hin, daß er dadurch sein Leben und seine Lebensarbeit geschädigt hätte.

Kellers Beschaffenheit, die ich eben mit einigen Strichen zu umschreiben

versuchte, spiegelte sich wieder in seiner Weltanschauung und in seinem

praktischen Verhalten, das mit dieser übereinstimmte. Es wurzelte

nämlich seine Weltanschauung gleichermaßen im Bewußten wie im

Unbewußten, das heißt, er erfaßte Gott sowohl als das allgemeine

Bewußtsein, in dem jedes einzelne seinen Urquell habe, wie in der Natur

als ewig wechselnden und gestaltenden Lebenswillen; und wenn er als

Kind und Jüngling die Leitung seines Lebenslaufes der Fürsorge des

allweisen Versorgers anvertraute, war das ebenso aufrichtig, wie wenn er

nach den wundervollen Strophen:

Damals war ich ein kleiner Pantheist

Und ruhte selig in den jungen Bäumen

im Schoße der Natur sich im Schoße Gottes fühlte. Unter dem Einflusse

Feuerbachs machte er insofern eine Umwandlung durch, als er das

Dogmatische und Vermenschlichte, was infolge der Erziehung seinem

Glauben noch anhing, abwarf, namentlich in bezug auf den Glauben an die

Unsterblichkeit. Wenn er mehrmals betont, daß er den Gedanken an

Unsterblichkeit aufgebe zugunsten eines desto glühenderen Erfassens der

Wirklichkeit, des Lebens, so sieht man daraus, daß er hauptsächlich jene

Auffassung bekämpfen will, die den Schwerpunkt auf ein nach Maßgabe des

irdischen Wesens vorgestelltes oder besser erträumtes Jenseits verlegt,

anstatt die auf Erden gestellten Aufgaben mit ganzer Hingebung zu

erfassen und sich dem großen Gesetzesgange der Welt bescheiden zu

unterwerfen. Er hat die unter dem Einfluß Feuerbachs geklärten Ansichten

in der Figur Dortchen Schönfund verdichtet, in der die Wehmut des

Verzichtes auf die Unantastbarkeit des eignen Selbst sich reizvoll

vermischt mit der eben dadurch erhöhten Lebenswonne.

Sei dem wie ihm wolle: man kann mit dem Verstande und dem Geschmack die

verschiedensten religiösen und philosophischen Meinungen billigen, eine,

die im Wesen des Menschen begründet ist, bleibt davon unberührt, und das

war bei Gottfried Keller die eigentliche Frömmigkeit und

Gottgläubigkeit, bestehend in der immer gegenwärtigen Überzeugung von

der Folgerichtigkeit und Zweckmäßigkeit alles Geschehenden und in der

unerschütterlichen Verehrung der Vernunft des Weltganzen. Im Grünen

Heinrich löst er selbst das Wunder der Gebetswirkung, als welches er es

zuerst ansieht, dahin auf, daß er die rettende Wendung aus der durch das

Gebet in ihm entstandenen Sammlung und Kräftigung erklärt, die ihn

befähigte, ein geeignetes Hilfsmittel zu entdecken, und er fühlt sich

nun wiederum befriedigt, »indem eben dieser Prozeß göttlicher Natur sei,

und Gott in diesem Sinne ein für allemal die Appellation des Gebetes dem

Menschen delegiert habe, ohne im einzelnen Falle einzugreifen, auch ohne

sich für den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbürgen«. Dies lautere

Gottesbewußtsein bildet den goldenen Grund aller Dichtungen Kellers: ein

tiefes Ruhen in der Vernunft des Alls, dem er sich selbst angehörig

fühlt.

Dieselbe Frömmigkeit beseelte Keller gegenüber der Natur; während es im

allgemeinen solche Menschen gibt, die Ehrfurcht vor Gott, dem Geiste,

empfinden bei verhältnismäßiger Herabsetzung der Natur, und solche, die,

weil sie die eisige Majestät des Geistes fürchten, sich mit fast

krankhafter Zärtlichkeit in die Arme der Mutter, der Natur, flüchten, so

hegte Keller, glücklich harmonisch, gleiche Liebe für beide. Ich kenne

keinen Dichter, der so treu und inbrünstig verehrend und dabei mit

durchfühlendem, lächelndem Verständnis die Natur in die Kunst übertragen

hat, wie es eben nur ein Kind mit der Mutter tun kann. Er kennt ihre

herrlichsten Wunder und ihre heimlichsten Wege, er liebt ihre goldenen

und grauen Tage, teilt das Höchste und Kleinste mit ihr. Sie ist die

Geliebte, die ihn mit ewiger Treue und Jugend erquickt; ihren warmen

Mutterblick möchte er im Streit des Lebens auf sich ruhen fühlen, ihre

Frühlinge, Früchte und Sterne sind ihm statt alles irdischen Gutes. Sein

Herz ist ganz in dem armen Jungen, der die Pfennige zu erbetteln

vergißt, die seinen Hunger stillen sollten, weil einer Hyazinthe

»seliger Duft« ihn betörte, und das Begrabenwerden in der braunen Erde

ist ihm ein wohliges Verkriechen in den guten mütterlichen Schoß. Tiere

führte er mit so pietätvoller Liebe ein, daß durch ihn der Menschengeist

ihre bewußtlos wissende, haltlos flutende Seele mit seinem unsterblichen

Atem zu überhauchen scheint. Ich erinnere an die Eidechse in dem Zyklus

vom Lebendig Begrabenen, die vom Zweige herab auf den Jungen schaut, der

unter dem Baume liegt und träumt:

Nie hab ich mehr solch guten Blick gesehn

Und so lebendig ruhig, fein und glühend;

Hellgrün war sie, ich sah den Odem gehn

In zarter Brust, blaß wie ein Röschen blühend;

wie sie sich dann vom Zweige herabläßt und sich ihm, ein feines

Geschmeide, um den Hals biegt:

Das war der einzige und schönste Schmuck,

Den ich in meinem Leben je getragen!

Oder man denke an die Schilderung der schönen Schlange im Sinngedicht,

die Reinhart Lucie zu berühren lehrt, und von der sie zu träumen

wünscht, wenn sie einmal traurige Tage hätte; oder an die Schilderung

des Steinbocks im Apotheker von Chamounix, der zierlich auf dunkler

Klippe steht, »alle Füße nah beisammen«:

Manchmal sah ers oben stehen

In des Herbstes Rosensonne,

Wie ein Traum von hohen Zinnen

Sah es lauschend in die Tiefen.

Niemals hingegen finden wir bei Keller das Sichauflösen in die Natur,

das im Grunde nur ein wollüstiges Abwerfen der mühseligen

Verantwortlichkeit und des selbstbewußten Lebens von seiten der

Schwachen ist.

Kellers Anschauungen sind alle Erwerb aus seinem Leben und stehen

deshalb nicht in Widerspruch dazu. Es verdient höchste Bewunderung, wie

ernst und ehrlich er die Folgen seines Daseins auf sich nahm, so lastend

sie sein mochten, was man in seinen biographischen Dokumenten, im Grünen

Heinrich und den Briefen verfolgen kann. Es gehörte zu seiner Art der

Frömmigkeit, daß er das Böse ebenso willig wie das Gute hinnahm, von

vornherein überzeugt, daß es berechtigt sein müsse, und befriedigt, wenn

er seinen notwendigen Zusammenhang mit seinem Leben eingesehen hatte.

Ich kenne Dich, o Unglück, ganz und gar,

Ich sehe jedes Glied an deiner Kette,

Du bist vernünftig, zum Bewundern klar,

Als ob ein Denker dich geordnet hätte.

Wer entzöge sich nicht gern dem Übel und klagte Gott, Schicksal oder

Menschen an, es veranlaßt zu haben? Für Keller war es in Wahrheit ebenso

heilig wie das Gute, als etwas Gegebenes und irgendwie von anderen

Menschen, besonders von ihm selbst folgerichtig Hervorgebrachtes; er

kostete es nicht weniger gründlich aus wie die Genüsse, und anstatt zu

klagen, befliß er sich einzig, sein Unglück zu verstehen und davon zu

lernen. Man mag es tadeln, daß er seine Armut nicht energischer

bekämpfte, wird aber immer die rühmliche Tapferkeit und vornehme

Gesinnung bewundern müssen, mit der er sie auf sich nahm. Entgegen den

wissenschaftlichen Meinungen, die er hörte, entschied er sich denn auch

zugunsten der Willensfreiheit, da er es verschmähte, die Verantwortung

für sein Tun und Lassen auf ein unverantwortliches Unbekanntes

abzuwälzen. Der freie Wille, meint er im Grünen Heinrich, möge bei

wilden Völkern und in verwahrlosten Einzelnen nicht vorhanden sein: er

müsse sich einfinden und entwickeln, sobald einmal die Frage nach ihm

aufgekommen sei, und Voltaires Trumpf, daß man Gott erfinden müsse, wenn

es keinen gäbe, sei mit Recht auf das Dasein der Willensfreiheit

anzuwenden.

Die Gebundenheit des Menschen erfuhr er auch an sich; aber wenn er sich

gehen oder sinken ließ, geschah es doch in dem Gefühl, daß er selbst das

Zeichen zur Wiedererhebung würde geben können. Nicht umsonst hatte ihm

der Eichmeister, wie es im Grünen Heinrich erzählt wird, das Urmaß an

den Hals gelegt und dazu gesprochen: »Bis hier hinauf und nicht weiter

dürfen Glück und Unglück, Freude und Kummer, Lust und Elend gehen und

reichen! Mags in der Brust stürmen und wogen, der Atem in der Kehle

stocken! Der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod.«

Der Gedicht-Zyklus »Lebendig begraben«, dessen allzu gesuchter, von

Keller auf fremde Anregung gewählter Stoff den künstlerischen Genuß

beeinträchtigt, zeigt seine unerschöpfliche Schönheit, wenn man dabei

nur an des Dichters Leben und Kämpfen denkt. Er konnte kein besseres

Symbol finden für seine Art das Unglück zu bemeistern, indem er sich

erkennend und schließlich liebend hinein vertiefte, und für die Kraft,

in der er sich übte, »sein edleres Ich beschaulich aus dem dunklen

Spiegel der Not zurückleuchten zu sehen«. Darum haben die Verse, in

denen der Begrabene sich der ganzen Tiefe seines Elends bewußt wird und

zugleich die Verzweiflung beschwört, die ihn anfällt, nichts

Prahlerisches, sondern drücken geradezu die stolzbescheidene

Geistesgröße Gottfried Kellers aus:

Halt ein, o Wahnsinn! denn noch bin ich Meister

Und bleib es bis zum letzten Odemzug!

So scharet euch, ihr armen Lebensgeister,

Treu um das Banner, das ich ehrlich trug.

So öffnet euch, krampfhaft geballte Fäuste,

Und faltet euch ergeben auf der Brust!

Wenn zehnfach mir die Qual das Herz umkreiste,

Fest will ich bleiben und mir selbst bewußt!

Von Erdenduldern ein verlorner Posten,

Will ich hier streiten an der Hölle Tor;

Den herbsten Kelch des Leidens will ich kosten,

Halt mir das Glas, o Seelentrost Humor!

Die bekannte Weltbejahung Gottfried Kellers hängt zusammen oder ist

eigentlich eins mit seiner Frömmigkeit, die an die Vernunft des

Weltganzen glaubt und weiß, »daß eher ein Berg einstürzt, als ein

Menschenwesen ohne angemessene Schuld zugrunde geht«; mit dem daraus

entspringenden Freiheits- und Verantwortlichkeitsgefühl, mittätig in der

großen Lebenswelt zu sein, und schließlich mit der Lust an der schönen

Erscheinung, ohne die keiner Künstler sein kann. Seine Lust zu schauen

ist unverwüstlich; wer sich ihm anvertraut, geht an seiner Hand über die

Erde wie durch ein Land an einem hohen Frühlingsfesttage, wo Himmel und

Erde prangen, schöne Menschen bekränzt und geschmückt in Prozessionen

daherziehen, alle Häuser ihre Teppiche aus den Fenstern gehängt und ihr

bestes Gerät ausgestellt haben. Es kennt wohl jeder die schöne Stelle in

Schopenhauers Hauptwerk, wo er das Wesen des Genies erklärt als eines

Menschen, dessen Intellekt die Fähigkeit besitzt, sich vorübergehend von

dem tyrannischen Willen frei und zum Spiegel der Welt zu machen, der ihr

Wesen rein aufnimmt, nicht wie sie dem gebundenen Menschen in bezug auf

seine Bedürfnisse, Meinungen und Ziele erscheint. Man nennt diese

Fähigkeit auch Objektivität, weshalb sich denn bei Schopenhauer der

Ausspruch findet, Objektivität sei Genie. Daran muß man bei Keller immer

denken. Wie in dem »gefeiten Himmelswasser« dem Gletscher von Chamounix

das Lichtbild der geläuterten Klara erscheint,

Gleich dem Umriß eines Engels,

Den ein Meister in das Trinkglas

Seiner Liebsten leis gegraben,

so rein und unentstellt spiegeln sich Menschen und Dinge in seiner

Seele.

Mit der Objektivität hängt auch der Humor zusammen, indem sie auf einen

hohen Standpunkt stellt, von welchem aus das Wichtige in bezug auf

Höheres als unwichtig und alles im Wechsel der Beziehungen zu erkennen

ist, wozu freilich, damit wir von Humor sprechen können, ein gleichmäßig

wohlwollendes Gefühl kommen muß. Bei Keller haben wir die Überlegenheit

des Intellektes und die der Liebe; er will uns fast wie ein guter alter

Himmelvater aus Kinderbibeln vorkommen, der mit unendlichem

Wohlgefallen, doch oft nicht wenig belustigt, auf seine eigenwillige

Schöpfung herunterblickt, so hoch und fern, daß er die Musen an den

»himmlischen Quellen der oberen Bergpartien« auf »kleinen Melkstühlen«

sitzen sieht, und so innig nah, daß er die winzige Heuernte der

Murmeltiere zwischen den Felsen bis auf das Männchen, das der kleinste

Murmelbub dabei macht, beschreiben kann. Dies göttliche Umfassen und

lächelnde Durchschauen, das den Grundton seiner Werke bildet, scheint

mir für Keller wesentlich charakteristisch zu sein, und es mag damit der

von ihm beliebte und öfters bemerkte häufige Gebrauch von Diminutiven

zusammenhängen, als einer väterlich liebenden Stellungnahme zu allen

Dingen.

Gottfried Keller · 第 1 / 3 段