Rossi. Nein, das ist mir äußerst merkwürdig.
Dreizehnte Szene.
Vorige. Alzinde.
Hans. Sieh nur, Mirzel, unser fürstliches Mütterl.
Mirzel. Wenn ihr nur nichts g'schieht, mir ist recht bang um sie.
Amtmann. Du stehst hier vor dem Amtsgericht. Wie heißest du?
Alzinde. Alzinde heiß' ich.
Amtmann. Wo geboren?
Alzinde. Indien ist mein Vaterland.
Amtmann. Wie alt?
Alzinde. Zwanzig Jahre kaum vorüber.
Amtmann. Ha! Ha. (Zu Rossi.) Ich muß lachen.
Aktuar. Das sieht man ihr nicht an, für achtzehn hätt' ich sie
gehalten.
Alzinde. O spotte nicht des Alters! Achtung jedem Menschen, der
mit Ehren trägt den Orden hoher Jahre, womit die edle Zeit die
Mäßigkeit belohnt.
Amtmann (verwundert). Das ist ein Wahnsinn von nobelster Gattung.
Rossi. Sie dauert mich!
Mirzel. Armes Mutterl!
Amtmann. Was treibst du für Geschäfte?
Alzinde. Wenn Jammer ein Geschäft ist, treib' ich das.
Amtmann. Bist du verheiratet?
Alzinde. Ich bin es, mein Gemahl ist Hoanghu, der König eines
mächt'gen Reichs.
Amtmann (schüttelt den Kopf). Eigene Ideen. Wie kommst du ins
Gebirg'?
Alzinde. Warum ersparst du dir die Frage nicht, wenn du der
Antwort Unwert kennst? Warum besprichst du mit dem Wahnsinn dich?
Wirst du mir glauben, wenn ich dir entdecke, daß mich ein böser
Geist mit einem Zauber hat belegt, der mir mein Reich verschließt
und unter euch mich elend macht?
Amtmann. Sie klagt sich selbst der Zauberei an, diese Hexe.
Kennst du diese beiden? (Auf Hans und Mirzel.)
Alzinde (stürzt freudig auf sie zu). Meine Wohltäter! Ob ich sie
kenne, fragst du mich? Mir ist, als wenn ich in Arabiens Wüste
zwei fruchtbeladne Bäume fände, deren Schatten mich erquickend
kühlt. Ihr guten Menschen, wüßtet ihr doch, was ich alles hab'
gelitten, seit man mich von euch gerissen hat.
Mirzel. Du gute Alte.
Hans. Sei die Fürstin nicht so traurig.
Amtmann. Das ist ein sonderbares Weib. Hierher tritt! (Zeigt ihr
die Diamanten, die auf einer Tasse liegen.) Sag', gehören diese
Tränen deinen Augen, hast du sie geweint?
Alzinde. Wer gab euch diese Wundertränen? Nein, so war es nicht
gemeint; euch sind sie nicht geweiht. Ihr Ärmsten, hat man euch
entrissen, was die Dankbarkeit euch gab? O harter Mensch, gib sie
zurück, ich bitte dich, denn du verkennest ihren Wert. Was soll
die Träne dir, ach du verstehst dich nicht darauf, gib sie zurück,
mach' mich nicht gar so arm und bring' dies Aug' nicht um sein
schmerzlich Eigentum.
Amtmann. Zaubertränen sind's, ich brauche nur ein Ja von dir.
Kannst du solche Tränen weinen?
Alzinde. Nein, dies wirst du nicht erleben, eh brenn' ich diese
Augen aus mit glühndem Stahl. Rühren soll die Träne, dazu hat die
Sonne sie bestimmt, und könnt' ich sie auf eure Herzen weinen, so
fiele Stein auf Stein und bliebe wirkungslos.
Amtmann. Ich brauche deine Tränen nicht, ich will Geständnis, klar
und deutlich: ob du sie geweint?
Alzinde. Du brauchst sie schon, du heuchelst nur. Wenn euer Geiz
hier Tränen preßt aus des Bedrückten Auge, deren Wert nur in der
Größe ihrer Wehmut liegt; wie unendlich muß die Wollust sein, mit
der ihr diamantne fallen seht!
Amtmann. Vergiß die Achtung nicht, die du mir schuldig bist.
(Sehr zornig, doch durchaus edel.) Sie ist wahnsinnig, der Satan
spricht aus ihr. Zum letzen Mal, hast du die Tränen hier geweint?
Wenn du nicht antwortest, so werd' ich dich anders behandeln.
Alzinde (fährt empor). Anders? (Stolz.) Vergiß dich nicht, du
Sklave, denke, ich bin eine Königin! (Sinkt in einen Stuhl, an dem
sie steht.) Ach--(matt) ich war eine Königin, du beweisest mir,
daß ich es nicht mehr bin. Nicht länger will ich mich entweihn.
(Mit Nachdruck.) Ja, ich habe sie geweint, ich schwör' es bei der
ew'gen Sonne dir.
Amtmann. So beweisest du mir, daß du eine Hexe bist. Ins
Gefängnis fort, das Landgericht wird bald dein Urteil fällen, und
vielleicht ist schon die nächste Sonne, die dein Blick begrüßet,
auch die letzte, die dir scheint. Verstehst du mich, verwegnes
Weib?
Alzinde. Ha! seht den stolzen Pfau, wie er mit schönen Federn
prahlet, und wie so häßlich seine Stimme tönt. Leb' wohl und
glaube nicht, du hattest mich gerichtet; die Götter sind's,
und du ein Werkzeug ihres großen Plans. Darum vergeb' ich dir, du
übtest deine Pflicht, du hast mich nur verkannt. Und nun erlaube
mir, daß ich zu diesen sprechen darf, zu diesen, deren schlichtes
Kleid ein Herz bedeckt, das sich die Tugend hat zum Heimatland
erwählt. Wie soll ich euch, ihr Teuren, danken, daß ihr mich
aufgenommen und getröstet habt, als mich die Grausamkeit von ihrer
Schwelle stieß? O Sonne, deren Strahl beglücken kann--(tritt in
ihre Mitte, nimmt sie beide an der Hand), wenn du vergelten willst,
was ich erdulden muß, so vergilt an diesen hier. Schenke Frieden
ihren Herzen und laß ihre Ehe glücklich sein, wie es die meine war.
(Bricht plötzlich ab; mit Schmerz.) Lebt wohl, ich bin bewegt,
(leise) ich will bewegt sein, muß es sein. O ihr Götter, laßt mich
weinen! (Weint--leise.) Seht, es fließen meine Tränen, hascht sie
heimlich auf, daß es jene nicht bemerken. (Hans hält den Hut,
Mirzel die Schürze auf, alle drei sind im Vordergrunde, damit der
Amtmann nichts bemerkt, doch vermeide man allen Anstrich des
Komischen.) So, so, behaltet sie, verberget sie, und wenn ich nicht
mehr bin, erinnert euch der unglücklichen Königin Alzinde. (Zu den
Gerichtsdienern stolz.) Nun folg' ich ins Gefängnis euch.
(Mit zwei Gerichtsdienern ab.)
Amtmann (steht auf und sagt zum Aktuar). Schließen Sie,. und
legen Sie es auf mein Pult. (Aktuar ab.)
Vierzehnte Szene.
Amtmann. Rossi. Hans. Mirzel.
Rossi (der bewegt war unter dem Schluß der Szene). Was geschieht
mit diesem Weib, Herr Amtmann?
Amtmann. Sie wird verbrannt, wie sie's verdient. (Zu Hans und
Mirzel.) Geht jetzt nach Hause und nehmt euch ein Beispiel an
diesen unglücklichen Menschen hier.
Hans. Der Gluthahn ist ein schlechter Mensch, das haben wir schon
lang g'wußt; aber was das Weib betrifft, verzeihen Euer Gnaden, das
Weib ist g'wiß eine gute Seel', und in mein' ganzen Leben werd' ich
die gute Fürstin nicht vergessen.
Mirzel. Und wenn s' verbrennt wird, du lieber Gott, so laß nur
regnen Tag und Nacht, und wenn's doch g'schehn soll, lieber Hans,
so nehmen wir ihr' Aschen, und bauen s' in unserm Gartel an, da
werden viel tausend schöne Blumen draus entstehn.
Rossi. Ihr wackern Leute, nehmt dies Gold, ich geb' es euch, weil
es mich innig freut, daß ihr das alte Mütterchen bedauert, denn das
muß ich auch.
Hans. Wir küssen d' Hand Euer Gnaden tausendmal, und küssen Euer
Gnaden, Herrn Amtmanns Kleid. Komm, Mirzel, geh, heut ist ein
trüber Tag.
Mirzel. Heut schmeckt mir g'wiß kein Bissen, lieber Hans.
(Beide ab.)
Rossi. Auch ich empfehle mich, Herr Amtmann.
Amtmann. Wollen Sie nicht eine Suppe bei mir essen?
Rossi. Ergebenen Dank, Herr Amtmann, heute bin ich zu bewegt, der
Auftritt hat mich angegriffen; ich will die grüne Wiese suchen und
den blauen Himmel, um ihn zu befragen, ob man, wie dieses Weib, so
edel sein kann und so schuldig auch.
(Geht ab.)
Fünfzehnte Szene.
Amtmann. Ein Diener.
Amtmann. Will er mir das Mahl verbittern? Hätt' ich denn nicht
recht getan an diesem Weibe? Wenn ich darüber mein Bewußtsein
frage, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters, noch
des Menschen Pflicht, und hast den Platz behauptet, auf den
Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle
Menschen fragen! Hier steht ein altes Weib, mit tät'ger
Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug' voll Glut, spricht wie
ein Xenophon und gilt für wahnsinnig; ist eine Bettlerin und
schwärmt von einer Krone; hat ein Gemüt wie Samt und Tränen hart
wie Stein; beschwört die Sonne und verklagt die Hölle; und alles
dies bestätigt durch vier unpartei'sche Zeugen; eigne Augen, eigne
Ohren. Nun setz' ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht
sprechen wird: Dies Weib ist eine Hexe.--Philipp, trag' Er auf.
(Ab.)
Sechzehnte Szene.
Kurzer Kerker. Nacht.
Alzinde, welche nach dem ersten Auftritt ihr Gesicht mit Falten
bemalte, ohne eine Larve vielleicht zu nehmen, muß während des
vorhergehenden Auftritts sich jugendlich schminken, welches man bei
der Dunkelheit der Bühne jetzt nicht bemerkt. Sie wird von dem
Kerkermeister hereingeführt und setzt sich ermattet auf einen Stein.
Kerkermeister. Hier kannst du bleiben, Hexe, bis dich die Flamme
ruft. (Ab.)
Alzinde. Hier kerkert man mich ein und zur Gefährtin gibt man mir
die Finsternis. Seid mir gegrüßt, ihr Unglücksmauern, aufgebaut,
um Elend zu betrachten; du feuchter Boden, von den Reuezähren der
Verbrecher naß, sei mir gegrüßt; du melanchol'scher Ort, ich weihe
dich zu meinem Prunksaal ein. Hier will ich meinen Gram mit
düstern Bildern säugen, hier will ich herrschen über kriechendes
Gewürm; von meinen Tränen will ich eine Krone flechten und denken,
ich sei des Schmerzes Königin. Ich leb' allein von allen meinen
Lieben. Mein Volk ist tot, versteinert ist's, und mein Gemahl,--o
mein Gemahl, der erste stets an deines Heeres Spitze, betratest du
den mörderischen Boden deines Reiches? Ja, auch er ist tot, alles
tot, alles! (Springt auf.) So ist's recht, Alzinde, so ist's recht,
denn herunter muß das Leben, wenn der Geist sich schwingen soll.
O wie stärkt ein rein Gewissen! Götter, fordert meinen Geist,
jetzt bin ich dazu bereitet.
(Kurze klagende Musik.)
Siebzehnte Szene.
Vorige. Der Genius der Vergänglichkeit tritt ein, als ein grauer
Mann, mit grauem langen Kleide, etwas kahlköpfig und mit langem
Bart, seine Miene ist sanft, und seine Sprache gemütlich und
tröstlich.
Genius der Vergänglichkeit. Alzinde, ich bin hier.
Alzinde. Wer bist du, bleicher, ungeladner Gast? Was willst du
von der Dunkelheit und mir?
Genius der Vergänglichkeit. Ein Vater will ich von deinen Leiden
sein.
Alzinde. Ein Vater? ach, mein Vater ist dort oben.
Genius der Vergänglichkeit. So kehre heim zu ihm. Reich' mir
deine Hand, Alzind'. Ich bin kein Jüngling, der die Ewigkeit zum
Liebesschwur mißbraucht. Sieh, unsre Locken sind sich gramverwandt;
darum schenke mir die teuren Reste des Vertrauens, die dein
Unglück dir gelassen hat. Sieh hin!
(Die Mitte der Kerkerwand bildet einen Kerkerbogen. Diese Wand
öffnet sich und man sieht durch den finstern Bogen eine kleine
Insel, von einem See umgeben, auf welcher ein indisches Monument
steht, mit dem Namen Alzinde, von Zypressen umgeben. Die Gegend
ist vom Mondlicht hell bestrahlt. Der Kerker bleibt finster.)
Genius der Vergänglichkeit. Nach jenem Eiland führ' ich dich, das
kein lebend'ger Schiffer noch geschaut, nichts wird dort deine süße
Ruhe stören. Was immer dich aus dieser Welt betrübt, gekränkt;
Verfolgung, Neid und Undank bleiben fern von dir. Dort legt unter
einsamen Zypressen der Ruhm beschämt die goldnen Kränze ab, der
wutentbrannte Haß und alle Leidenschaften dieser Erde löschen ihre
Fackel schweigend aus. Ird'sche Freuden werden dir nicht winken,
doch milde Sterne werden dein verklärtes Haupt umglänzen, und der
lichte Engel deiner reinen Tugend führet deinen Geist aus
Himmelswolken zu dem Thron der ew'gen Wonne hin.
Alzinde. Ja, ich verstehe dich. Es sinket eine mächt'ge Stunde
nieder und gebietet einer Königin. Du bist der Friedensengel, der
den bösen Streit beendet, den der Mensch mit seinem Glück hier
führt; du bist das große Ziel, zu dem uns alle Wege führen.
Genius der Vergänglichkeit. Ich bin der kräftige Magnet, der alles
Leben an sich zieht. Wie du dich auszuweichen auch bemühst, es ist
umsonst! Denn könntest du durch tausend Sonnen wandeln, du trittst
auf einen Pfad, und eh du es noch ahnst, gelangst du in mein Reich.
Alzinde. So nimm mich mit dir, guter Vater, an jenen Ort, wo ew'ge
Freude herrscht, ich werde meinen Hoanghu dort sehn und alle meine
teuren Lieben, die meinem Leiden vorausgeeilet sind. Komm, ich
folge dir. (Der Genius hält sie in seinem Arm und will sie
fortführen, da ertönt Hoanghus Stimme, die hintere Wand schließt
sich. Kerker wie vorher.)
Achtzehnte Szene.
Vorige. Gleich darauf Hoanghu und der Genius der Tugend.
Hoanghu (von innen). Hier soll ich meine Gattin finden?
Alzinde. Götter, welche Stimme!
(Hoanghu und der Tugendgenius treten ein.)
Hoanghu. Fast erblinden meine Augen, da ich statt den goldnen
Wolken, die ich erst mit dir durchsteuert, dieses Abgrunds Tiefe
schaue. Und hier muß Alzinde schmachten?
Alzinde. Götter, das ist Hoanghu.
Hoanghu. Ja, dies ist ihr holder Ton. Zeig' dich, Brust, aus der
er klinget, daß ich dich an meine drücke.
Genius der Tugend. Siehst du dort die zwei Gestalten? 's ist
Alzinde und der Tod.
Hoanghu. Ist sie denn an ihn vermählt, daß sein Arm sie so
umschließt?
Genius der Tugend. Er ist ihre eigene Wahl, weil sie dich verloren
wähnte. Suche sie ihm zu entreißen, schnell, es ist die höchste
Zeit.
Hoanghu. Sag' Alzinde, bist du's wirklich, denn ich kann dich
nicht erkennen, sehe nur die Truggestalt, die mein Traum mir
drohend wies.
Alzinde. Ja, ich bin's, mein Hoanghu; laß mich los, du grauer
Riese, der sich jetzt dem Blick erst zeigt, laß mich hin in seine
Arme, nur dem Gatten schlägt mein Herz. Warum hältst du mich
umklammert, niemals werd' ich deine Braut.
Genius der Vergänglichkeit. Hast du mir dich nicht verlobet? Du
bist mein, ich lass' dich nicht.
Alzinde. Nein, dies wendet den Vertrag. Du warst nur ein
Rettungsmittel, doch ich hab' ihn hier gefunden, nun gehör' ich
dieser Welt. Ha, wie sich der düstre Kerker jetzt mit holden
Farben schmückt; wie das schaurige Gewölbe nun auf goldnen Säulen
ruht; wie mir seine dunkle Kuppel hell erglänzt wie Chrysolith; und
dies alles schafft Hoanghu, der wie eine zweite Sonne nur für mich
die Welt bestrahlt. Und ich soll ein Leben lassen, erst geboren
durch die Liebe, soll mit dir, du düstrer Alter, in dein ernstes
Schattenreich? Gib mich auf, du läst'ger Freier, nimmer wird
Alzinde dein.
Hoanghu. Laß sie los, du graue Schlange, oder ich zerhaue dich.
(Will mit dem Schwert auf ihn dringen.)
Genius der Vergänglichkeit. Armer, sinnverlorner Kämpfer, mit dem
Tod drohst du dem Tode? Durch mich selbst willst du mich morden?
Senk' die Waffe, denn der leichtgewebten Luft kann sie keine Wunden
schlagen.
Hoanghu. O du stolzgesinnter Prahler, du bist dennoch
meinesgleichen, bist ein Feldherr, ausgesendet, um das Leben zu
erobern; bist ein Held, der sein Panier hin auf Leichenhügel
pflanzt und das grause Siegerhaupt sich mit Rosmarin bekränzt; und
so willst du an mir handeln, du des Undanks echter Sohn, willst ihr
Leben mir versagen, eines schwachen Weibes Leben, und ich habe so
viel tausend kräft'ge Männer dir geweiht?
Genius der Vergänglichkeit (ironisch). Und wie hast du dies
begonnen? Laß doch hören, tapfrer Junge.
Hoanghu. Was war Indiens Schlachtfeld anders, als dein blut'ger
Opferherd? Warst du nicht in meinen Siegen stets das große
Losungswort, das die Chöre der gefallnen Krieger wimmerten zu
deinem Lob? Hat die blutbespritzte Fahne deinen Ruhm nicht stolz
verkündet? Und die gift'gen Pfeile, die wir rauchend aus dem Leib
der Feinde rissen, daß mit offnem Munde dich unheilbare Wunden
priesen? Sieh, so habe ich gehandelt an dir, undankbarer Geist,
hab' das mut'ge Sein bestohlen und den Schatz dir zugesendet; darum
fordre ich ihr Leben als mein rechtlich Eigentum.
Alzinde. O wie liebt mich mein Gemahl.
Genius der Vergänglichkeit. Du hast nur dein Recht verteidigt, das
gibt dir kein Recht an mich. Von dem Leben magst du fordern, Leben
fordern darf nur ich.
Hoanghu. Nun, so will ich mit dir handeln, Wuchrer, der so bittre
Zinsen nimmt. Schenke mir Alzindens Leben, und ich will von meinem
dir gern die beßre Hälfte geben.
Alzinde. Ha, mein Hoanghu, was tust du?
Genius der Tugend. Götter, stärket sein Gemüt.
Hoanghu.
Sieh, so groß ist meine Liebe, daß sie in den Staub mich
zieht.
So wardst du noch nicht geehret, daß ein König vor dir kniet.
(Er kniet.)
Meine Waffen leg' ich nieder, meine Hände heb' ich auf,
(Er bittet mit aufgehobenen Händen.)
Laß dich, guter Tod, erweichen, schließ den vorteilhaften Kauf.
Was willst du mit ihrem Leben, das vor Alter bald zerfällt?
Nimm dir meine rüst'ge Hälfte, trotzig steh' ich noch der Welt.
Sieh die festgestählten Muskeln, sieh die hochgewölbte Stirn,
Leicht ist der Gewinn zu rechnen, Kaufmann, frage dein Gehirn.
Sei doch nicht so unerbittlich, sieh, mein Auge tränt vor Schmerz,
Es sind meine ersten Tränen, und sie schänden nicht mein Herz.
(Weint.)
Alzinde (vor Freude außer sich).
Götter, Sonne, all ihr Welten, seht, Hoanghu weinet hier,
Schaut herab von euren Wolken, seine Tränen fließen mir.
Welche Gattin kann sich rühmen, daß ihr Gatte so sie liebt,
Daß er Freude, Glück und Leben, daß er alles für sie gibt?
Ha, wie alle Nerven beben, wie sein Anblick mich entzückt,
(Edel ausgelassen.)
Wie ich glücklich bin und lache, wie die Freude mich berückt;
Perlen treten in mein Auge, doch ich weine nicht aus Schmerz,
Freudentränen ist ihr Name, Freude sprenget mir das Herz.
(Augenblicklich fällt rauschender Chor ein, vollstimmig und hehr.)
Chor.
Freudentränen,
Freudentränen,
Heißt das große Losungswort!
(Der Kerker verwandelt sich in Alzindens Reich. Die Dekoration der
Eingangsszene. Alles Volk ist entsteinert, die Tugendgeister knien
um den Tempel. Der Genius der Vergänglichkeit verschwindet.
Alzinde hat sich in ihre vorige Gestalt verwandelt, doch im weißen
einfachen Kleide. Alzinde und Hoanghu stürzen sich freudig in die
Arme.)
Hoanghu. O Alzinde!
Alzinde. Mein Hoanghu! Ewig, ewig bist du mein!
Hoanghu. Nie soll uns der Tod mehr trennen!
Alzinde. Denn wir sterben im Verein!
Genius der Tugend.
Heil der Tugend, die auf Erde
Zählet solch' erhabnes Paar,
Das ein edles Herz bewahrte
In so schrecklicher Gefahr.
(Schrecklicher Donnerschlag. Donnerwolken ziehen über die Bühne,
aus welchen Blitze zischen.)
Seht, schon zieht aus euren Landen
Donnernd Moisasurs Geist.
(Zum Volk.)
Ihr seid frei von seinen Banden,
Eure Königin hier preist!
So läßt sich die Welt bezwingen,
So wird Erdenneid versöhnt!
Groß kann nur der Nachruhm klingen,
Wenn er sich durch Tugend krönt.
(Alzinde und Hoanghu knien nieder, der Genius der Tugend steht in
ihrer Mitte und blickt gegen Himmel, von oben schweben Genien herab
mit einer Lilienkrone und bleiben in der Mitte der Bühne. Das
Opferfeuer im Tugendtempel flammt hoch auf. Priester, Volk und
Tugendgeister bilden eine Gruppe.)
(Der Vorhang fällt.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Moisasurs Zauberfluch, von
Ferdinand Raimund.